E-Book, Deutsch, Band 1, 566 Seiten
Reihe: Thorwesten-Saga
Reinisch Der Hüter des weissen Raben
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-1402-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thorwesten-Saga Erster Teil
E-Book, Deutsch, Band 1, 566 Seiten
Reihe: Thorwesten-Saga
ISBN: 978-3-7526-1402-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
A.D. 1190; Nach dem Tod Kaiser Barbarossas bricht sein treuer Gefolgsmann Graf Arian von Thorwesten auf, um Barabarossas Sohn, König Heinrich zu dienen. Gefangen zwischen zwei Schwüren, die er einst sowohl dem Kaiser als auch seinem verstorbenen Waffengefährten leistete, steht er zwischen der Pflichterfüllung eines Ehrenmannes und einer verbotenen Liebe, die den Thron des neuen Königs gefährdet. Auf der Suche nach sich selbst, führt ihn der Weg zu dem Mann, der er glaubt zu sein und dem, der er wirklich ist. Ein Weg der für Arian von Thorwesten düstere Geheimnisse und finstere Abgründe bereithält und zu dem macht was er ist.
Jutta Reinisch hat bereits zahlreiche Erzählungen und Kurzgeschichten veröffentlicht. "Der Hüter des weissen Raben" ist ihr erster Roman, der aus einer Kurzgeschichte aus den Anfängen um "Graf Arian von Thorwesten" entstand. Sie ist Mutter von drei Kindern und gemeinsam leben sie in einer Kleinstadt in Niedersachsen.
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„Sie schlafen noch.“, stellte Bence hämisch fest. Der untersetzte Magyaren Anführer schwang sich mit in einer flüssigen Bewegung vom Pferd, bevor er an einen Baum herantrat, um geräuschvoll gegen den Stamm zu pissen. Es war die erste Rast, die wir einlegten, nachdem wir im Schutz der Nacht geritten waren. Ein Blick in den Himmel genügte, um zu erkennen, dass ein neuerlich heißer Tag anbrach. Ein blutiger Tag. Ich wischte mir mit den gefesselten Händen den Schweiß von der Stirn, ehe ich versuchte, mich in einen bequemeren Sitz auf dem Pferd zu bringen. Einer von Bences Gefolgsleuten tat es dem Anführer nach und sprang ebenfalls von seinem Tier. Er sagte etwas in der für sie so eigenen knatternden Sprache, bevor er eiligst zwischen den Bäumen hinweg tauchte. Ich beneidete ihn darum, dass er sich frei bewegen konnte, während ich vornübergebeugt und mit gefesselten Händen auf dem Pferd kauern musste. Mein Blick streifte Bence und ich ertappte ihn dabei, wie er mich spöttisch ansah, als hätte er meine Gedanken erraten. Der Magyare bot einen eher eigentümlichen Anblick, wenn man ihn mit dem Rest seiner Männer verglich. Er war von weitaus kleinerem Wuchs und seine stämmig verknoteten Beine, erinnerten mich an Gnome, wie man sie auf Jahrmärkten antraf. Stumm sah ich ihn an, als er die Augen gegen die aufsteigende Dämmerung zusammenkniff, um prüfend nach Norden zu sehen. Ich wusste, dass er einen Raubzug plante, als ich seinem Blick folgte. Das Dorf würde gnadenlos überrannt werden, dachte ich und entdeckte die friedvolle Häuseransammlung, die etwa drei Meilen von uns entfernt lag. Die Dächer der Katen schimmerten wie kleine silberne Seen in der Morgendämmerung. „Tötet nur diejenigen, die sich euch widersetzen“, erscholl seine dunkle Stimme auf der Lichtung. „Treibt sie zusammen, sperrt sie in das Langhaus, aber lasst sie leben. Nehmt so viele Vorräte, wie auf die Pferde passen. Ich suche derweil einige Weiber für uns aus“, sagte er in einer schnellen Abfolge von peitschenden Worten, deren Abschluss von seinem tiefen Lachen begleitet wurde. Es verlor sich in seinem zotteligen Bart, der ihm in verfilzten Strähnen vom Kinn tropfte. Er wandte sich den Reitern zu, die mich flankierten. Die er eigens für mich ausgewählt hatte, mich zu bewachen, nachdem ich versucht hatte zu fliehen. „Die beiden werden gemeinsam mit dir hierbleiben und darauf achten, dass du keine Torheit begehst“, sagte er mit kalten Augen an mich gewandt. Nachdenklich strich er sich über den dichten Bart, als ich schwieg. „Solltest du es doch wagen, werden sie dich zu töten, Gräflein.“ Die Worte schwebten zwischen uns, ohne dass sie mich berührten oder mein Herz mit Furcht erfüllten. „Hast du mich verstanden?“, zischte er mir mit seinen fauligen Zähnen entgegen, als würde er spüren, dass ich keine Angst vor ihm empfand. Solange Bence mich für eine nützliche Geisel hielt, würde er mich leben lassen, aber das bedeutete nicht, dass er mich unversehrt ließ. Wenn ich eins über die Magyaren gelernt hatte, dann den Umstand, dass sie ein brutales und äußerst aufbrausendes Volk waren. In den letzten Tagen hatte schon ein falscher Blick von mir genügt, um von ihnen nach Gutdünken Prügel zu beziehen. Ich konnte nicht von mir behaupten, dass mich die Schläge sonderlich störten. Vielmehr erinnerten sie mich daran, dass ich Leben in mir spürte. Doch eins war Gewiss. Die Stunde der Abrechnung schlug auch für ihn und gleich wie lange es dauerte, bis sie sich zeigte, ich würde Bence töten. Schweigend nickte ich ihm zu und grinste dümmlich, bevor ich ihm meine gefesselten Hände entgegenhielt. Was hätte ich schon so ausrichten können, sagte mein Blick, während meine Gedanken bei dem Ruf des Eichelhähers verweilten, den ich kurz vor der Lichtung gehört hatte und von dem nur ich ahnte, was er zu bedeuten hatte. Verächtlich spuckte Bence auf den Boden, ehe er sich umwandte und mit einem Knurren zurück zu seinem Pferd stapfte. Ich hörte abermals den langgezogenen Ruf des Eichelhähers. Unbemerkt von dem gedrungenen Magyaren verlor er sich in den Wipfeln der hohen Bäume und schien nicht mehr als das morgendliche Geschrei eines Vogels zu sein. Doch das war es nicht. Arian war in unmittelbarer Nähe, dachte ich. Dennoch widerstand ich dem Drang, mich suchend nach dem Hünen umzusehen. Er würde sich zeigen, sobald die Gelegenheit günstig war. Einzig um mich aus den Klauen der Magyaren Bande zu befreien. Ich wischte mir erneut den Schweiß aus dem Gesicht, der mir in winzigen Rinnsalen salzig in die Augen tropfte. Vorsichtig ließ ich meine Schultern kreisen, um sie aufzulockern. Nicht mehr lange und ich würde frei sein. Das Geschrei einer Krähe brach über die Lichtung und kurz darauf erhob sich ein schwarzer Vogel aus einer Baumkrone. Aufgescheucht zog er von dannen. Diesmal meinte ich, in dem Vogelschrei Norwins Stimme erkannt zu haben. Ich erlaubte mir ein unauffälliges Schmunzeln, als ich an meinen Kampfgefährten dachte. Der treue und pflichtbewusste Norwin diente wie ich, unserem Herrn Arian von Thorwesten als Knappe. Wenngleich er länger als ich an Arians Seite stand, hatte er mich nie als seinen Konkurrenten empfunden. Vielmehr waren wir vom ersten Atemzug an, wie Brüder gewesen. Gefährten im Kampf, um einen Mann zu dienen, der uns mehr als Freunde denn als Untergebene sah. Dass ich jetzt weder an seiner Seite noch an der von Arian war, hatte ich dem Umstand von Barbarossas Tod zu verdanken. Der Kreuzzug, der so verheißungsvoll begonnen hatte, war mit dem Ertrinken des Kaisers im Fluss Salep von einem Augenblick auf den anderen ebenfalls gestorben. Nach hitzigen Debatten mit den übrigen Grafen und Gefolgsleuten Barbarossas hatte Graf Thorwesten entschieden, den Kreuzzug abzubrechen und stattdessen zurückzukehren. Der Sohn des Kaisers war mit dem Tod des Vaters über Nacht zum neuen König über das Heilige Römische Reich geworden. Er war der legitime Erbe und dennoch würde es Widersacher geben, die seinen Machtanspruch nicht anerkannten, vermutete Arian. Aus Treue zu seinem toten Freund und Kaiser, hielt es der Hüne für vernünftiger Heinrich zur Seite zu stehen und damit Barbarossas Vermächtnis anzutreten. Wir waren auf dem Rückweg. Im Land der Magyaren, als unser Lager an einem trüben Morgen von einer schreienden Horde angegriffen wurde. Die schlafenden Truppen zersprangen überrascht wie Scherben eines zerbrochenen Krugs. Jeder der zu rennen vermochte, suchte sein Heil in der Flucht, was ich ihnen bei dem furchteinflößenden Kriegsgeheul der Magyaren nicht verdenken konnte. Sie versuchten, ihr Leben zu retten und mit dem Strom der fliehenden Menschen, wurde ich von Arian und Norwin getrennt. Mit einer Handvoll Männer flohen wir in den Wald und erst schien es, als wäre es uns gelungen, den Angreifern mit heiler Haut entflohen zu sein. Doch nur einen Tag später, fielen wir in die Hände der marodierenden Bande, deren Anführer Bence war. Eine Strähne meines schweißnassen Haares fiel mir in die Augen, als ich den Ruf des Eichelhähers ein weiteres Mal hörte und der mich daran erinnerte, dass ich nur am Leben war, weil ich mich als Graf Thorwesten ausgegeben hatte. Bence wusste, dass ich somit eine bedeutende Geisel war, für die man Lösegeld zahlen würde. Die mit mir gefangen genommenen Soldaten, hatte dieses Glück nicht ereilt. All ihr Flehen hatte ihnen bis zuletzt nichts genutzt. Bence ließ sie zur allgemeinen Freude seiner Gefolgsleute auf grausame Weise abschlachten und bei der Erinnerung daran, stieg erneut Wut in mir hoch. Jeder von ihnen hatte einen gnadenvolleren Tod verdient als den, den die Magyaren ihnen letztlich bereitet hatten. „Jetzt kannst du sehen, wie die Magyaren Krieger kämpfen“, durchbrach Bences Stimme knurrend meine Gedanken, ehe er seine braun gefleckten Zähne in einem siegesgewissen Grinsen entblößte. „Die Magyaren kämpfen wie echte Männer.“, setzte er nach, bevor er sich mit Stolz in den Augen auf die Brust schlug. Ungerührt sah ich ihn an und blieb ihm eine Antwort schuldig, als er auf sein Pferd stieg, um gleich darauf das Schwert zu ziehen. Mein Blick fiel auf die edel geschmiedete Klinge, die Arian mir in meinem dritten Jahr als sein Knappe geschenkt hatte. Jetzt lag sie in Bences Händen, der sie in kreisenden Bewegungen über den Kopf schwang. Der verfluchte Bastard erfreute sich daran, dass er die Waffe des vermeintlichen Grafen Thorwesten führte, dachte ich bitter. Ich sah ihm nach, als er mit seinen Gefolgsmännern ins Tal hinab galoppierte. Das Hufgetrappel hörte sich an, wie das ferne Donnergrollen, eines aufziehenden Gewitters. Für die Dorfbewohner im Tal würde es ein todbringendes Unwetter sein. Sofort boxte mir einer der beiden Aufpasser brutal in die Rippen, während der andere mich hämisch anspuckte. Jetzt wo sich ihr Anführer nicht in Sichtweite befand, war ich ihrer Willkür freimütig ausgesetzt. Trotzig erwiderte...




