Reimann | Die Frau am Pranger | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Reimann Die Frau am Pranger

Roman
2. erweiterte Auflage 2018
ISBN: 978-3-8412-1661-8
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

ISBN: 978-3-8412-1661-8
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Brigitte Reimanns erster großer Erfolg - eine Liebesgeschichte, mit der sie Tabus brach.

Von ihrem Mann und der Schwägerin wird Kathrin wie ein Stück Inventar behandelt. Erst als sich eine Liebe zu dem ukrainischen Kriegsgefangenen Alexej entwickelt, der auf dem Hof mitarbeitet, während ihr Mann an der Front ist, erkennt sie ihren eigenen Wert. Auch der blinde Hass der Menschen, die sie an den Pranger stellen, kann ihr nichts mehr anhaben. Im Ringen um den geliebten Menschen wächst die junge Frau schließlich über sich hinaus. Mit diesem Roman packte Brigitte Reimann 1956 ein 'heißes Eisen' der deutschen Nachkriegsliteratur an, es wurde ihr erster großer Verkaufserfolg. Unerschrocken und mutig betrachtete die junge Autorin differenziert die Rollen von Tätern und Opfern. Bis heute wirft die berührende, aufrüttelnde Geschichte Fragen nach Schuld und Verdrängung auf und darüber, wie wir mit unseren 'Gegnern' umgehen.



Brigitte Reimann, geboren 1933 in Burg bei Magdeburg, war seit ihrer ersten Buchveröffentlichung, 'Die Frau am Pranger' (1956), freie Autorin. Mit 'Ankunft im Alltag' (1961) gab sie der 'Ankunftsliteratur' ihren Namen. Ihr Roman 'Die Geschwister' (1963) über die gerade vollzogene deutsche Teilung war eines der meistdiskutierten Bücher jener Zeit. Mit nur 39 Jahren starb die Autorin in Berlin-Buch an den Folgen einer Krebserkrankung.

Veröffentlichungen: 'Ankunft im Alltag' (1961), 'Die Geschwister' (1963), 'Das grüne Licht der Steppen. Tagebuch einer Sibirienreise' (1965), 'Franziska Linkerhand' (1974). Außerdem die Briefwechsel mit Christa Wolf, 'Sei gegrüßt und lebe. Eine Freundschaft in Briefen 1964-1973' (1993), mit Hermann Henselmann, 'Mit Respekt und Vergnügen' (1994), 'Aber wir schaffen es, verlaß Dich drauf. Briefe an eine Freundin im Westen' (1995) und mit Irmgard Weinhofen, 'Grüß Amsterdam. Briefwechsel 1956-1973' (2003), sowie die Tagebücher 'Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955-1963' (1997) und 'Alles schmeckt nach Abschied. Tagebücher 1964-1970 (1998); 'Ich bedaure nichts. Mein Weg zur Schriftstellerin 1955 bis 1970' (Neuausgabe 2023). Aus dem Nachlass: 'Das Mädchen auf der Lotosblume. Zwei unvollendete Romane' (2003). Zuletzt erschienen 'Jede Sorte von Glück. Briefe an die Eltern' (2008), 'Post vom schwarzen Schaf. Geschwisterbriefe' (2018) und 'Katja. Erzählungen über Frauen' (2024).

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5


Die junge Frau lehnte am Fensterkreuz, das Kinn auf den gefalteten Händen, und ihr blasses Gesicht wurde überhaucht vom steigenden Rot des Himmels. Über dem violetten Saum des Waldes ging die Sonne auf.

Kathrin legte die Fingerspitzen über die Augen, und sie fühlte ihr Blut unter der Haut. Hier war sie, für Minuten, im Frieden mit sich und fürchtete nichts: an dem kühlen Morgen, hinter ihrem Fenster, durch das sie ein Stück der schlammigen Dorfstraße sehen konnte und das braune gekreuzte Gebälk der Kirche und darüber den rosig verfärbten Himmel.

Das harte Pochen an der Kammertür war wie ein schmerzender Schlag auf den Hinterkopf.

»Kathrin, he, Kathrin! Wird’s bald? Schläft doch der Mensch bis in den Tag hinein …«

Hastig knöpfte Kathrin die Bluse zu. Die Sonne stand still, schon erblassend über dem Wald, der blau und kühl zurücksank in Schatten und Schweigen.

Unter der Pumpe im Hof wusch sich der Russe. Der eisblaue, kalte Wasserstrahl schoss über Nacken und Rücken, die sich krebsrot färbten. Kathrin, mit abgewandtem Kopf, wollte vorüber. Alexej richtete sich auf. Frisch und tropfnass glänzten auch sein Gesicht und die weit auseinanderstehenden schwarzblauen Augen. Er nickte ihr zu. Verstohlen nickte sie zurück und fuhr im selben Moment, wie auf einer bösen Tat ertappt, zusammen, warf einen scheuen Blick über die Schulter zum Haus und ging vorüber, überfröstelt bei dem Gedanken, die Schwägerin könnte den Gruß zwischen ihr und dem Fremden beobachtet haben.

Sie kauerte auf dem Melkschemel, den Kopf an die Flanke der Kuh gepresst. Ein Schatten fiel über sie. Sie sah den Russen in der Stalltür stehen. Ein einzelner magerer Sonnenstrahl huschte über seinen geschorenen Schädel, auf dem die Haare, kurz wie Vogelflaum, aufleuchteten.

Sein Haar wächst wieder nach, dachte sie und wunderte sich über die Spur von Erleichterung, die sie deshalb empfand. Er sah jetzt, rasiert, frisch gewaschen, ganz anders aus als damals, als er zum ersten Male im Hof gestanden hatte. Wie viele Tage waren seitdem verflossen? Lass sehen: zwanzig Tage, fast drei Wochen. Drei Wochen erst? dachte sie erstaunt.

Der Russe warf den drei Kühen und dem Kalb Heu vor.

Kathrin hatte zwei randvolle Milcheimer zur Stalltür geschleppt und niedergesetzt.

Sie zögerte.

Der Russe umschloss mit seiner breiten Hand das Maul des Jungtieres.

Er wandte sich um.

Er war schon neben ihr und hatte die Eimer ergriffen.

Kathrin ging voran. Alexej folgte, die Eimer mit der schaumweißen Milch balancierend; sein Blick streifte den gewölbten Rücken der Frau und den tief gesenkten Kopf, dessen Haar verhüllt war von einem hässlichen baumwollenen Tuch. Kathrin, dachte er, Katja. Die junge Frau ging schneller, als spüre sie den Blick des Mannes, und unwillkürlich straffte sie den Rücken. Auf einmal schämte sie sich ihrer fleckigen Schürze und des dunklen Kopftuches, das nonnenhaft streng ihr Gesicht abschloss noch unter dem Haaransatz.

Die letzten Schritte bis zur Haustür lief sie, dass ihr der schwere schwarze Wollrock um die Beine schlug.

Kathrin war immer nachlässig gewesen in ihrer Kleidung. Sie hatte nie Freude daran gehabt, sich gefällig anzuziehen.

Für wen auch? Dachte sie noch, als sie in ihrer Kammer vor dem Spiegel stand, der im braunen Nussbaumrahmen ihre dünne Gestalt knapp unter der Hüfte zerschnitt.

Für wen auch? fragte sie sich, als sie schon den Rock abstreifte und die Bluse, die unter den Achseln von Schweißflecken verschossen war. Sie vermied es, in den Spiegel zu sehen, bevor sie sich umgekleidet hatte.

Sie zog sich einen leichten grauen Tuchrock an und wählte sehr sorgfältig und ernsthaft unter den drei, vier Blusen, die sie besaß. Ganz unten in der Kommode fand sie einen bunten Sweater, den sie sich vor zwei Jahren aus Wollresten gestrickt hatte: rote, grüne, blaue, gelbe, braune Streifen. Sie hatte ihn einmal getragen und dann nie wieder, weil er ihr zu bunt und zu auffällig erschienen war.

Jetzt, als sie vor dem Spiegel stand, gefiel er ihr, obgleich er, eng anliegend, ihre Brust stärker hervortreten ließ als die losen Blusen und Jacken, die sie sonst trug.

Kathrin war nach fünf Jahren Ehe noch schamhaft wie ein junges Mädchen. Jetzt, vor dem Spiegel, freute sie sich zum erstenmal ihrer Brust, der Hüften und der Handgelenke, die zu lang und zu zart waren für ihre groben Hände mit den abgestoßenen Nägeln.

Sie sprang die Treppe hinab und lief wie ein Mädchen über den Hof, wobei der graue Rock in schönem Bogen um ihre Beine schwang.

Alexej führte eben das Pferd aus dem Stall.

Kathrin klopfte dem Tier den Hals, der sich warm und seidig braun unter ihrer Hand wölbte. Sie blies ihm in die Nüstern und lachte. Der Russe stand neben ihr und sah sie an, überrascht von ihrer anmutigen Verwandlung. Ihre Augen glänzten.

Das Pferd schnaubte und fuhr der Frau mit dem Maul über die Schulter. Sie wich zurück. Alexej lachte, fasste dem Tier in die Mähne und kraulte es sanft. Kathrin sah ihn an, und als er ihr zunickte, lächelte sie zaghaft.

»Herrgott, wo trödelst du schon wieder rum?« schrie Frieda. Da lief Kathrin rasch und mit gesenktem Kopf, und hinter ihr blieb Hufgeklapper auf den Steinen und der stumme Zorn des Russen.

Frieda, die festen Arme auf die Hüften gestemmt, empfing die junge Frau mit Schelte und Vorwürfen. Wo sie so lange gesteckt habe? Ob sie glaube, die Arbeit im Hause machten die Heinzelmännchen? »Und am frühen Morgen den guten Rock angezogen! Manieren wie eine Prinzessin …«

Kathrin verteidigte sich: Sie müsse ins Dorf, einkaufen gehen. »Und«, der Gedanke war ihr eben erst gekommen, »und zu Meinhardts wollte ich noch rumgehen. Trude hat ein gutes Rezept für Dampfnudeln.«

Auf dem Hofe der Meinhardts arbeitete ein Kriegsgefangener, ein Mongole mit schwarzen Augen. Aber Frieda Marten kannte den Mongolen nicht, und sie hatte seine schwarzen beunruhigenden Augen nicht gesehen. Sie begriff, dass man sich um ein Küchenrezept kümmern könne, aber sie hätte nie begriffen, dass man sich um einen gelbgesichtigen Fremden kümmern könne.

Erleichtert schlüpfte Kathrin hinter dem Rücken der Schwägerin ins Haus. Sie hatte noch nicht das Einkaufsnetz gefunden, als schon die grobe Stimme über den Hof schallte und dem Russen – »pascholl, du!« befahl, das Pferd anzuschirren.

Erst als sie den Wagen aus dem Tor rasseln hörte, ging auch Kathrin. Sie schämte sich ihrer Schwäche, die sie vor dem Fremden gezeigt hatte, sie schämte sich ihres Gehorsams und ihrer Furcht, und sie hätte es nicht über sich gebracht, neben der Schwägerin zu stehen und dem Russen beim Anschirren zuzusehen, als gehörte sie zu dieser da, der Lauten, Starken, Strengen, die sich zur Herrin über Hof und Tier und Menschen aufwarf.

Kathrin ging über die Straße; sie setzte die Füße unsicher zwischen den schlammbraunen Pfützen, in denen trübes Regenwasser blinkte. Sie bewegte sich auf der Dorfstraße immer mit dieser schüchternen Vorsicht, sobald sie sich unter den Augen der Leute wusste.

Sie grüßte: ein paar Buben mit Schulranzen. Sie grüßte: eine Bäuerin, Kuchenbleche unter dem Arm. Sie grüßte: ein alter Bauer, der breit auf dem Kutschbock saß und zum Gegengruß mit dem Peitschenstiel an den Mützenrand tippte. Sie grüßte nach rechts und nach links und ging vorüber, den Kopf gesenkt. Sie blieb bei keinem stehen.

Die Frauen im Dorf waren es gewohnt. Die Marten ist eine Stille, so eine Heimliche. Sie hat es wohl auch nicht leicht bei der Frieda – ein Weib mit einer Schandschnauze, aber tüchtig.

Kathrin wusste, wie sie von ihr sprachen. Als sie zwei Frauen vor dem Krug stehen sah, die die Köpfe zusammensteckten bei ihrem Nahen, ging sie noch geduckter, wurde noch schmaler, als fürchte sie, die beiden würden ihr gleich ins Gesicht lachen, weil sie, Kathrin, anders war als diese beiden, die die Zügel fest in der Hand hielten und die wie alle im Dorf wussten, dass sie auf ihrem Hofe nicht mehr war als eine Magd, dass sie von der Schwägerin kommandiert wurde und nichts, aber auch gar nichts zu bestellen hatte. Und sie war doch die Frau im Hause! Sie hatte ihrem Mann ein Erbteil zugebracht wie so leicht keine andere. Ogottogott, was war die kleine Marten dumm!

Und dann war auf einmal neben der alten, der gewohnten Furcht eine neue, scharfe: Da hatten die Martens doch einen Knecht auf dem Hof, einen Kriegsgefangenen … Warum trägt Kathrin denn ihren neuen Rock? Warum hat Kathrin einen so bunten Pullover an? Warum steht Kathrin morgens auf dem Hof und klopft dem Pferd den Hals – und daneben steht der Fremde? Warum lacht denn Kathrin – und daneben steht der Fremde? Warum singt denn Kathrin – und im Hof arbeitet der Fremde?

Sie floh vor den Blicken der Frauen. Sie lief am Krug vorüber und die Straße hinab, dorthin, wo hart am Ausgang des Dorfes der Hof der Meinhardts lag, an der Stelle, wo die holprige Dorfstraße überging in die asphaltierte Chaussee und die ersten Kirschbäume zu beiden Seiten des Weges standen.

Kathrin wurde ruhiger, sobald das Hoftor hinter ihr zugefallen war. Es war gut und sauber bei den Meinhardts, alles war gut und sauber, die Menschen und das Haus und der kleine Garten davor, der im Sommer versank in Ringelblumen und Rittersporn.

Es fiel kein lautes und kein grobes Wort in diesem Haus. Die Frau hatte viel Unglück gehabt, und das hatte sich über den Hof und...



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