E-Book, Deutsch, Band 49, 100 Seiten
Reihe: Gaslicht
Reiherstein Das Spukbild im Grafenschloss
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98936-597-1
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gaslicht 49
E-Book, Deutsch, Band 49, 100 Seiten
Reihe: Gaslicht
ISBN: 978-3-98936-597-1
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In dieser neuartigen Romanausgabe beweisen die Autoren erfolgreicher Serien ihr großes Talent. Geschichten von wirklicher Buch-Romanlänge lassen die illustren Welten ihrer Serienhelden zum Leben erwachen. Es sind die Stories, die diese erfahrenen Schriftsteller schon immer erzählen wollten, denn in der längeren Form kommen noch mehr Gefühl und Leidenschaft zur Geltung. Spannung garantiert! Andrea tastete zum Tischchen neben dem Bett, wo sie die Nachttischlampe wußte, und fand den Schalter. Es gab einen knackenden Laut, der Andrea wie ein Donnerschlag in dieser Stille schien, aber es kam kein Licht. Die Leitung war tot. Noch tot oder schon wieder? Einen Augenblick nach diesem Knacks war es, als hielte der unheimliche Gast den Atem an. Dann vernahm Andrea einen leisen Seufzer, das hastige Geräusch eiliger Füße und dann ein Dröhnen und Krachen, das ihr entsetzlich in den Ohren hallte. Sie presste die Hände auf den Mund, um nicht laut aufzuschreien. Aus vor Angst weit aufgerissenen Augen wartete sie. Als Andrea Holm in der Abenddämmerung mit ihren beiden Koffern den Zug verließ, faßte sie der Wind wie eine willkommene Beute und trieb ihr einen Wirbel stechender Schneekristalle ins Gesicht. Einen Moment lang stand das Mädchen unschlüssig im tiefen Schnee, der sich auf dem kleinen Bahnsteig angehäuft hatte. Dann knotete es sein Kopftuch fester und stapfte zu dem niedrigen Gebäude, das so großzügig den Namen Bahnhof Aggstein trug. Der Bahnhofswärter gab gerade das Zeichen zur Weiterfahrt. Der Zug setzte sich schwerfällig in Bewegung, und bald verschwanden die wenigen Waggons hinter der nächsten Biegung. Mit unbewegtem Gesicht blickte das Mädchen in das Schneetreiben. Es schien der einzige Fahrgast gewesen zu sein, der den Zug auf dieser kleinen Station verlassen hatte. Der Bahnhofswärter kam heran, nahm die Mütze vom Kopf und fuhr sich durch das schüttere graue Haar. Sein prüfender Blick streifte die Fremde, die so seltsam verloren neben ihren Koffern stand. »Müssen Sie ins Dorf?« fragte er teilnehmend. »Ja, aber ich werde abgeholt«
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Andrea tastete zum Tischchen neben dem Bett, wo sie die Nachttischlampe wußte, und fand den Schalter. Es gab einen knackenden Laut, der Andrea wie ein Donnerschlag in dieser Stille schien, aber es kam kein Licht. Die Leitung war tot. Noch tot oder schon wieder? Einen Augenblick nach diesem Knacks war es, als hielte der unheimliche Gast den Atem an. Dann vernahm Andrea einen leisen Seufzer, das hastige Geräusch eiliger Füße und dann ein Dröhnen und Krachen, das ihr entsetzlich in den Ohren hallte. Sie presste die Hände auf den Mund, um nicht laut aufzuschreien. Aus vor Angst weit aufgerissenen Augen wartete sie. Wartete auf eine dunkle, kalte, grausame Hand, die nach ihr greifen würde …
Als Andrea Holm in der Abenddämmerung mit ihren beiden Koffern den Zug verließ, faßte sie der Wind wie eine willkommene Beute und trieb ihr einen Wirbel stechender Schneekristalle ins Gesicht.
Einen Moment lang stand das Mädchen unschlüssig im tiefen Schnee, der sich auf dem kleinen Bahnsteig angehäuft hatte.
Dann knotete es sein Kopftuch fester und stapfte zu dem niedrigen Gebäude, das so großzügig den Namen Bahnhof Aggstein trug.
Der Bahnhofswärter gab gerade das Zeichen zur Weiterfahrt. Der Zug setzte sich schwerfällig in Bewegung, und bald verschwanden die wenigen Waggons hinter der nächsten Biegung.
Mit unbewegtem Gesicht blickte das Mädchen in das Schneetreiben. Es schien der einzige Fahrgast gewesen zu sein, der den Zug auf dieser kleinen Station verlassen hatte.
Der Bahnhofswärter kam heran, nahm die Mütze vom Kopf und fuhr sich durch das schüttere graue Haar. Sein prüfender Blick streifte die Fremde, die so seltsam verloren neben ihren Koffern stand.
»Müssen Sie ins Dorf?« fragte er teilnehmend.
»Ja, aber ich werde abgeholt«, erwiderte Adrea und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Der Zug war mit etwas Verspätung gekommen, und eigentlich hatte sie gehofft, daß der Wagen des Schloßherrn sie bereits erwartete.
»Bei dem Schnee wird nicht so leicht ein Fahrzeug durchkommen«, meinte der Mann. »Wenn Sie wollen, können Sie im Büro warten.«
»Das ist sehr freundlich. Ich danke Ihnen«, sagte Andrea und folgte ihm in einen kleinen Raum, der Fahrkartenschalter, Büro und Wohnraum zugleich zu sein schien. In einer Ecke gab ein Ofen behagliche Wärme von sich, und Andrea setzte sich in dessen Nähe. Sie legte den Pelzkragen ihres Mantels ab und nahm das Tuch vom Kopf.
Der Bahnhofswärter sah staunend zu, welch bezaubernd schönes Geschöpf sich da aus der Vermummung schälte.
»Ich möchte nicht neugierig sein, aber von wem werden Sie denn geholt?« fragte er.
»Von irgend jemand vom Schloß«, entgegnete Andrea und hielt die kalten Hände an den Ofen.
»Vom Schloß?« wiederholte er ungläubig und schaute sie zweifelnd an. »Da war ja schon eine Ewigkeit niemand mehr zu Besuch.«
Andrea lächelte und ließ zwei Reihen blitzender weißer Zähne sehen.
»Ein richtiger Besuch bin ich ja auch nicht.« Sie begegnete seinem interessierten Blick. Warum sollte sie ihm ihre Geschichte erzählen, die ihn ja eigentlich recht wenig anging.
Er erriet den Grund ihres Schweigens, kehrte ihr seinen gebeugen Rükken zu und stocherte in der Glut des Ofens.
»Sie wundern sich über meine Frage, und ich wundere mich über Sie. Ich meine, weil Sie aufs Schloß wollen. Die Grafen Aggstein kapseln sich ab, als hätten sie irgend etwas zu verbergen, und ich kann mich wirklich nicht entsinnen, daß in den letzten Jahren jemand dort eingeladen war. Es soll im Schloß nicht ganz mit rechten Dingen zugehen, seit die Gräfin gestorben ist.«
Andrea richtete ihre großen braunen Augen voll Argwohn auf das gefurchte Gesicht des Mannes.
»Ich habe von diesen Geschichten gehört«, sagte sie arglos. »Aber ich glaube sie nicht. Um alte Schlösser und Burgen ranken sich oft die unglaublichsten Märchen. Ich jedenfalls habe keine Angst.«
Er begegnete ihrem unbekümmerten Blick und trat ans Fenster. Sie wird ja sehen, dachte er. Sie wird es erleben. Denn etwas muß an den Geschichten schließlich wahr sein.
»Wie weit ist es von hier bis zum Schloß?« fragte das Mädchen in sein Schweigen.
»Zu Fuß?«
»Ja.«
»Eine halbe Stunde, bei diesem Schneetreiben noch länger.«
Andrea schüttelte unmutig den Kopf, daß die kastanienbraunen Locken flogen.
»Ich hoffe, man holt mich bald. Ich halte Sie sicher auf.«
»Nein, nein«, widersprach der Beamte eifrig.
Andrea schwieg und horchte auf das Heulen des Windes im Kamin. Vor dem Fenster nahm die Dunkelheit zu. Die Pendeluhr an der Wand tickte gleichmäßig und laut, und Andrea fühlte, wie eine sonderbare Erregung in ihr wuchs.
In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Sie schraken zusammen. Dann griff der Mann nach dem Hörer.
»Bahnhof Aggstein.«
Andrea vernahm, wie eine Männerstimme ihr unverständlich schnelle Worte sprach, sah, wie der Bahnhofswärter diese Worte mit zustimmendem Nicken begleitete, mit einem »Ja, ich werde es ausrichten, Herr Graf!« antwortete und den Hörer auf die Gabel legte.
»Das war Graf Peter«, sagte er aufgeregt. »Er kommt mit dem Auto nicht durch. Die Straße ist fast zugeweht.«
»Dann gehe ich eben zu Fuß«, sagte Andrea Holm entschlossen, erhob sich rasch und begann ihren Mantel zuzuknöpfen.
»Das würde ich Ihnen nicht raten«, erwiderte der Mann bedenklich. »Sie kennen die Straße nicht und könnten leicht vom Weg abkommen.«
Sie lachte – ein helles, unbekümmertes Lachen.
»Wenn Sie mir eine Taschenlampe leihen könnten.«
»Das könnte ich schon. Aber der Graf meint, Sie möchten hier übernachten. Ich habe einige Zimmer und würde Ihnen gern…«
»Nein, nein«, wehrte Andrea ab. »Wenn Sie erlauben, möchte ich nur einen Koffer hierlassen, denn beide sind mir zuviel.«
Er nickte und schaute ihr zu, wie sie das Tuch fest um ihren Kopf wand, die letzten widerspenstigen Löckchen zurückstrich und den Pelzkragen aufrichtete.
Wenige Minuten später schlug sie den Weg zum Dorf und Schloß Aggstein ein. Die Dunkelheit erschien Andrea nicht so undurchdringlich, wie es vom Zimmer den Eindruck erweckt hatte. Und obwohl ihr das Gehen durch die Schneewehen sehr viel Mühe bereitete, kam sie schneller voran, als sie gedacht hatte.
Das Schneetreiben ließ ein wenig nach, doch der Wind war eisig. Andrea blieb bald keuchend und nach Luft ringend stehen. Der Hügel vor ihr hob sich wie ein schwerer dunkler Leib vom Himmel ab, schien ihr unheimlich wie ein schwarzes fremdes Etwas, das ihr voll Abwehr begegnete.
Als sie ihn erklommen hatte, sah sie die Lichter des Dorfes vor sich, und die sonderbare Stimmung, die sie die letzten Schritte begleitet hatte, fiel von ihr ab.
Das war es also. Dorf und Schloß Aggstein, das Ziel ihrer dreistündigen Bahnfahrt.
Schloß Aggstein! Ein weiterer Abschnitt in Andreas Leben – oder, besser gesagt, in ihrem Buch, an dem sie arbeitete. Ein Buch über die Schlösser und Burgen des Landes.
Sie schritt voll neuen Mutes weiter, versank im knietiefen Schnee, raffte sich auf, um von neuem zu stolpern. Doch die Lichter kamen näher, und Andrea sah es mit Befriedigung.
Welche Mühe hatte es sie gekostet, um diesen Besuch auf Schloß Aggstein ausführen zu können! Wie viele Briefe waren hin- und hergegangen zwischen ihr und Markus Graf von Aggstein. Und trotz der lange währenden Abwehr seinerseits war es dank Andreas zähem Ausharren dann schließlich doch gelungen, seine Zustimmung zu einem dreitägigen Aufenthalt zu erreichen. Aber er hatte bereits brieflich eine Unzahl von Bedingungen gestellt, die Andrea etwas befremdeten. Doch jetzt – und das schien das Wichtigste – lag Aggstein vor ihr, und daß sie gewisse Teile des Schlosses nicht betreten sollte, berührte sie in diesem Augenblick herzlich wenig.
Andrea hastete weiter, schleifte den Koffer neben sich her und atmete erst auf, als die ersten Häuser auftauchten. Endlich! Auf der Dorfstraße lag der Schnee nicht hoch, und auch der Wind schien ein wenig gemäßigter, zahmer zu sein.
Andrea ging langsam durch die Häuserzeilen, begegnete einer fest eingepackten Gestalt und fragte sie nach dem Schloß.
Es wurde ihr bedeutet, daß dieses am Ende des Dorfes liege. Andrea umschloß den Griff ihres Koffers noch fester und schritt weiter. Die Häuser hörten auf, das warme gelbe Licht, das aus ihren Fenstern auf die Straße gefallen war, verschwand, und der Weg vor Andrea versank wieder im Dunkel.
Doch ein Stück weiter vorn – Andrea sah es mit großer Erleichterung – ragte ein mächtig dunkler Schatten auf.
Andrea wußte, daß die aufragenden Schatten zu beiden Seiten der Straße riesige hohe Pappeln waren, die geradewegs auf eine Mauer zuführten, die im Licht des kalten Mondes weißgrau glänzte.
Dahinter lag das Schloß, das ein hoch aufragender gotischer Bau war, der romanische Mauerreste und Fresken aus dem dreizehnten und sechzehnten Jahrhundert barg. Ein Wissen, das ihr im Augenblick nichts oder fast nichts bedeutete. Denn jetzt fühlte sie wieder dieses sonderbare, rätselhafte Grauen, und sie wagte nicht, darüber nachzudenken, woher es kam. Lag es an diesem unfreundlichen, eiskalten Dezemberabend? Lag es an den grauen Mauern, die ihr so abweisend entgegentraten?
Andrea stapfte die letzten Meter durch den Schnee, gelangte an ein hochgiebeliges Tor und fand eine ?Glocke, an der sie läutete. Sie hörte deren Schrillen, und die Stille, die darauf folgte, schien ihr um so unwirklicher. Wäre der Wind nicht gewesen, der über die Mauer pfiff und im Dachgestühl rüttelte, hätte Andrea...




