E-Book, Deutsch, Band 20, 400 Seiten
Reihe: Die Tempe-Brennan-Romane
Reichs Der Code der Knochen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-28364-3
Verlag: Blessing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein neuer Fall für Tempe Brennan
E-Book, Deutsch, Band 20, 400 Seiten
Reihe: Die Tempe-Brennan-Romane
ISBN: 978-3-641-28364-3
Verlag: Blessing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
- »›Der Code der Knochen‹ übertrifft alle Erwartungen. Temperance Brennan setzt ihre forensischen Fähigkeiten ein, um die Geschichte eines mysteriösen Mordes aufzudecken, die wie ein Schreckenssturm durch Amerika fegt.« (James Patterson)
Kathy Reichs, geboren in Chicago, lebt in Charlotte und Montreal. Sie ist Professorin für Soziologie und Anthropologie, eine von nur knapp hundert vom American Board of Forensic Anthropology zertifizierten forensischen Anthropolog*innen und war unter anderem für gerichtsmedizinische Institute in Quebec und North Carolina tätig. Ihre Romane erreichen regelmäßig Spitzenplätze auf internationalen und deutschen Bestsellerlisten und wurden in dreißig Sprachen übersetzt. Für den ersten Band ihrer Tempe-Brennan-Reihe wurde sie 1998 mit dem Arthur Ellis Award ausgezeichnet. Die darauf basierende Serie »BONES - Die Knochenjägerin« wurde von Reichs mitkreiert und -produziert.
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1
Dienstag, 5. Oktober
Das Mädchen war tot. Daran bestand kein Zweifel. Bereits mit dem Notruf war das gemeldet worden. Die Sanitäter hatten die Einlieferung einer Toten angekündigt. Der Toxikologe hatte die Todesursache aufgeführt. Der Medical Examiner hatte den Totenschein abgezeichnet.
Das Mädchen war tot. Das war nicht die Frage.
Das Telefon klingelte. Ich ignorierte es.
Der Himmel vor meinem Fenster war ein Chaos aus Stahlgrau, Rauch und Grün. Der Wind blies von Minute zu Minute heftiger.
Ich musste bald los.
Die Palette auf meinem Bildschirm spiegelte den Tumult draußen. Vor dem grauen Hintergrund des Fleisches brannten die Knochen weiß wie arktischer Schnee.
Schon seit fast zwei Stunden analysierte ich die Röntgenaufnahmen, und mein Frust steigerte sich mit dem Sturm.
Ein letzter Blick auf die letzte Aufnahme der Serie. Die Hände. Dann hieß es Ciao.
Ich zwang mich zur Konzentration. Handwurzelknochen. Mittelhandknochen. Fingerglieder.
Plötzlich beugte ich mich vor, die Sturmböen und die immer schwärzer werdende Dunkelheit waren vergessen.
Ich zoomte den rechten fünften Finger heran. Den linken.
Das Telefon klingelte. Wieder achtete ich nicht darauf.
Ich nahm mir wieder die Schädelansichten vor.
Eine Theorie nahm Gestalt an.
Während ich damit spielte und den Gedanken hin- und herwälzte, ließ mich eine Stimme hinter meinem Rücken plötzlich hochschrecken.
In der Tür stand eine Frau, die nicht viel größer war als das Motiv der Aufnahmen, die ich betrachtete. Nur gut eins fünfzig groß, hatte die Frau grausträhnige, schwarze Haare, die sie im Nacken zu einem Knoten zusammengefasst hatte. Ein dicker Pony streifte den oberen Rand einer Schildpattbrille, die sie nicht aus modischen Gründen trug.
»Dr. Nguyen«, sagte ich. »Mir war nicht klar, dass Sie noch hier sind.«
»Ich habe eine Autopsie abgeschlossen«, antwortete sie mit diesem leichten Akzent, eindeutig aus Boston, aber mit einer Unterströmung von etwas Exotischerem.
Nguyen hatte erst vor Kurzem die Leitung des Mecklenburg County Medical Examiner’s Office übernommen, und wie wir beide zueinander standen, mussten wir erst noch sondieren. Sie war nicht gerade ein Ausbund an Enthusiasmus, wirkte aber organisiert, fair und ernsthaft. So weit, so gut.
»Ist das der Deacon-Fall?« Nguyens Blick war zu meinem Bildschirm gewandert.
»Ganz genau.«
»Sie beraten die Familie?«
»Ja.« Als ich ihre hochgezogenen Augenbrauen sah, fügte ich hinzu: »Die Anfrage kam von einem Anwalt namens Lloyd Thorn. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, dass ich mir die Aufnahmen hier ansehe.«
»Natürlich nicht.« Nguyen wedelte mit der Hand, als wollte sie den Gedanken wegwischen. Vielleicht um ihr den Themenwechsel zu erleichtern. »Inara ist jetzt ein Sturm der Kategorie 3 und bewegt sich schneller als vorhergesagt. Für alle Küstenbezirke ist die Evakuierung verbindlich angeordnet, und es wird erwartet, dass er sich landeinwärts bewegt.«
»Ist der Klimawandel nicht was Tolles?«
Nguyen ignorierte meinen Sarkasmus. »Ich schließe das Institut, Mrs Flowers ist bereits gegangen. Sie hat vor, zu einer Cousine in den Bergen zu fahren.«
Eunice Flowers ist die Empfangsdame des MCME, seit Gutenberg anfing, Bibeln zu drucken. Am Morgen ist sie immer als Erste da und am Abend die Letzte, die geht.
»In der Lobby ist eine Frau, die Sie sehen will. Mrs Flowers hat ihr gesagt, dass Sie unabkömmlich seien, aber sie besteht darauf zu warten.«
»Wer ist sie?« Ein flüchtiger Blick zum Telefon verriet mir, dass die Signallampe rot blinkte.
»Ich habe keine Ahnung. Auch nicht, warum sie bei diesem Wetter vor die Tür geht.«
»Ich rede mit ihr«, sagte ich, weil ich ein schlechtes Gewissen hatte, dass ich Mrs Flowers’ Anrufen keine Beachtung geschenkt hatte.
»Machen Sie nicht zu lange«, warnte mich Nguyen.
»Keine Angst.« Ich bewegte den Cursor, um die Röntgenbilderdatei zu schließen. »Meine Katze hat bestimmt schon eine Rettungshotline angerufen.«
»Ich bin mir sicher, dass Charlotte außer Gefahr ist.« Sie klang nicht sehr überzeugt. »Wir sind viel zu weit von der Küste entfernt.«
Ich sagte nichts, weil ich mich erinnerte, dass ich 1989 ähnlich gedacht hatte, bevor Hurricane Hugo kam.
Obwohl es erst 15 Uhr 20 war, fiel durch die Türen und Fenster der Lobby kaum noch Licht. Im Gebäude war alles still. Bis auf die Wachleute, die zwar nicht zu sehen, aber zweifellos da waren, schien ich der einzige Mensch im Haus zu sein.
Die Frau saß auf dem Stuhl gegenüber von Mrs Flowers’ Kommandoposten. Ihre Füße standen in zweckmäßigen Oxford-Halbschuhen ordentlich nebeneinander auf dem Teppichboden. Sie schien ihre Senkel zu inspizieren.
Mein erster Gedanke: die olle Tante aus der Mottenkiste. Ein schäbiger Umhang hüllte sie von den Schultern bis zu den Waden ein, und ein unter dem Kinn verknotetes Kopftuch mit Blumenmuster bedeckte ihre Haare. Ein Regenschirm mit gebogenem Griff hing ihr von einem Handgelenk, und eine Tragetasche aus ausgefranstem Tweed stand auf ihrem Schoß.
Mein zweiter Gedanke: Warum diese Kaltwetterkleidung, wo doch das Thermometer an diesem Tag völlig untypische siebenundzwanzig Grad zeigte?
Als die Frau meine Schritte hörte, hob sie das Kinn, und der betuchte Kopf drehte sich langsam in meine Richtung. Der Rest ihres Körpers blieb verkrampft.
Aus der Nähe sah ich, dass die Augen der Frau blass waren – nicht das übliche Blau oder Grün, sondern ein Farbton, der eher Honig in einem Glas ähnelte. Ich schätzte ihr Alter auf mindestens fünfundsechzig. Vor allem dank ihres Aufzugs. Das Kopftuch verdeckte fast ihr ganzes Gesicht.
»Ich bin Temperance Brennan. Bitte verzeihen Sie, dass Sie warten mussten.«
Sie hob eine Hand, um meine zu fassen. Die Finger sahen blau geädert und knotig aus, doch ihr Griff war erstaunlich fest.
»Vielen herzlichen Dank. Danke. Ich verstehe. Ja, natürlich. Ich habe schon so lange gewartet. Ein bisschen länger macht mir nichts aus.«
Auf den Regenschirm gestützt, erhob sich die Frau langsam. Ich bedeutete ihr, sich wieder zu setzen. »Bitte. Behalten Sie doch Platz.«
Ich stellte meine Aktentasche auf den Boden und setzte mich auf die vordere Kante des Nachbarstuhls, lehnte mich absichtlich nicht zurück.
»Nun denn. Sie sind …?«
»O Gott. Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit. Ich hätte mich gleich vorstellen müssen. Mein Name ist Polly Susanne Beecroft.«
»Freut mich, Ms. Beecroft. Ich –«
»Miss, bitte. Titel sind mir ziemlich schnuppe.« Das gedoppelte P ließ die Seide um ihr Gesicht flattern. »Wenn man nie geheiratet hat, muss man das doch nicht verstecken. Finden Sie nicht auch?«
»Mm.«
»Aber bitte nennen Sie mich Polly.«
»Wie kann ich Ihnen helfen, Polly?«, fragte ich, weil ich es schnell hinter mich bringen wollte.
»Ich hoffe, Sie verzeihen mir mein ziemlich dreistes Vorgehen.« Die Honigaugen schauten tief in meine. »Ich bin hier, um Sie um Hilfe zu bitten.«
»Ich bin forensische Anthropo –«
»Ja, ja, natürlich. Deshalb glaube ich ja, dass Sie die Person sind, die ich brauche.«
»Ich höre.«
»Da müsste ich wohl etwas ausholen.«
Ich machte eine ermutigende Geste, ohne es aufrichtig zu meinen.
Beecroft atmete einmal schnell ein, als wollte sie anfangen. Sekunden vergingen. Über ihre Lippen kamen keine Worte.
»Sie brauchen nicht nervös zu sein«, versicherte ich ihr.
Ein knappes Nicken. Dann: »Letztes Jahr starb meine Zwillingsschwester, Gott sei ihrer Seele gnädig. Sie war dreiundsiebzig Jahre alt.«
Ich wusste, worauf das hinauslief. Dennoch unterbrach ich sie nicht.
»Harriet heiratete, wurde aber schon in jungen Jahren Witwe, deshalb hatte sie keine Kinder. In ihren Dreißigern fing sie an, Kunst zu studieren, und von da an war sie ganz auf ihre Malerei konzentriert. Ich fürchte, sie und ich waren nicht fruchtbar, wie die Bibel uns anweist.« Ein schnelles Grinsen. »Nach Harriets Tod –«
»Miss Beecroft –«
»Polly. Bitte.«
»Ihr Verlust tut mir sehr leid, Polly. Aber wenn Sie Fragen bezüglich des Hinscheidens Ihrer Schwester haben, müssen Sie sich an den Coroner oder Medical Examiner wenden, der den Totenschein ausgestellt hat.«
»O nein. Ganz und gar nicht. Harriet starb in einem Hospiz an Bauchspeicheldrüsenkrebs.«
Okay. Ich hatte mich also getäuscht, was den Grund von Beecrofts Besuch anging. Weil mir das jetzt klar wurde, und auch weil ich, wie ich zugebe, ein wenig neugierig war, sagte ich nichts.
»Als Harriets einzige Verwandte war es an mir, ihr Haus auszuräumen. Sie hatte in Virginia gelebt, in einer Kleinstadt in der Nähe von Richmond. Aber das ist unwichtig. Als ich ihre Sachen durchschaute, fand ich einige Dinge, die mir großes Kopfzerbrechen bereitet haben.«
Die Deckenlampen schwankten und beruhigten sich dann wieder.
»O Gott.« Eine braunfleckige Hand flatterte hoch und hing dann, wie eine Motte, frei und verwirrt in der Luft.
»Vielleicht hat das noch einen oder zwei Tage Zeit, bis der Sturm vorüber ist?«, schlug ich ihr behutsam vor.
Aber Beecroft ließ sich nicht abbringen. »Darf ich Ihnen zeigen, was ich gefunden habe? Es geht auch ganz schnell. Und dann bin ich schon wieder...




