Reichholf | Die Bereinigung der Natur | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 100 Seiten

Reihe: punctum

Reichholf Die Bereinigung der Natur

E-Book, Deutsch, 100 Seiten

Reihe: punctum

ISBN: 978-3-95757-657-6
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nach der Freigabe Ende 2017 verschärfte sich der Streit um das Vertilgungsmittel Glyphosat. Während der Einsatz der Wunderwaffe gegen Unkräuter boomt, kommen der Politik mittlerweile doch Zweifel, ein Verbot wird in Aussicht gestellt. Grundlage sowohl der Zulassung als auch des angekündigten Verbots ist jedoch eine beschränkte Sicht auf die Wirkung des Herbizids, die dazu führt, dass die eigentlichen zerstörerischen Effekte in ihrer ganzen Breite außen vor bleiben. Der Biologe Josef H. Reichholf und der Chemiker Hermann Petersen erklären kundig und anschaulich, dass Glyphosat für sich nicht allein das Problem ist, sondern das landwirtschaftliche Umfeld, in dem es eingesetzt wird. Die Fokussierung auf die vermeintliche Giftigkeit des Mittels für den Menschen missachtet nicht nur, dass die Totalherbizide die Lebensbasis einer Vielzahl von Tieren zerstören und ein massives Insektensterben, also auch das Bienensterben mit verursachen; die Verkennung der tieferen Zusammenhänge macht auch den Weg frei, dass bald ein neues, vielleicht noch schädlicheres Mittel seinen Platz einnehmen wird. Die Angst der Verbraucher wird kurzzeitig genommen, das Desaster der bereinigten Natur bleibt.

Josef H. Reichholf, 1945 in Aigen am Inn geboren, ist einer der bekanntesten Biologen im deutschsprachigen Raum. Er lehrte über viele Jahre an beiden Münchner Universitäten und war Abteilungsleiter an der Zoologischen Staatssammlung in München. Der Bestsellerautor wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa.
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Glyphosat: Teufelszeug oder nur zu viel des Guten?
Seit einem Vierteljahrhundert steht Glyphosat im Brennpunkt der Diskussion um Nutzen und Folgen des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln. Es ist die Kurzform der chemischen Bezeichnung für N-Phosphonomethylglycin. Dieses setzt sich zusammen aus der Aminosäure Glycin und dem phosphorsäurehaltigen Phosphonomethyl. Der Stoff ist löslich in Wasser (12 Gramm in einem Liter bei 25 Grad Celsius) und als Feststoff beständig (Schmelzpunkt bei rund 200 Grad Celsius). Als Herbizid-Wirkstoff entdeckt wurde es von einem Mitarbeiter der damals noch amerikanischen Firma Monsanto. 1974 wurde für Glyphosat ein US-Patent erteilt, im Juni 1975 erhielt es in Deutschland die Zulassung. Nach Ablauf des Patentschutzes im Jahre 2000 übernahmen andere Firmen, vor allem in China, die Herstellung des insbesondere als »Roundup« international bekannt gewordenen Herbizids. Seine große Zeit brach an, als gentechnisch veränderte Sorten von Mais, Soja, Raps und Baumwolle auf den globalen Markt kamen, die gegen Glyphosat resistent gemacht sind. Ihre Hauptanbaugebiete liegen in Nord- und Südamerika sowie in Indien. Glyphosatbeständige Sorten wachsen gegenwärtig auf rund 80 Prozent der Weltanbaufläche für Soja. Anfänglich wusste man nicht, warum dieser Stoff ein so starkes Herbizid ist. Inzwischen ist bekannt, dass Glyphosat wirkt, wenn es in die Pflanze eindringt. In dieser blockiert es ein für das Wachstum wichtiges Enzym. Das Enzymsystem, in das dieses eingebunden ist, kommt nur in Pflanzen vor und bei einigen Bakterien, nicht aber in Tieren. Für sie ist Glyphosat daher unwirksam. Aus der Hemmung des pflanzlichen Enzymsystems ergibt sich die enorme Breitenwirkung dieses Herbizids. Am besten wirkt Glyphosat, wenn es über die Blätter in die zu treffenden Pflanzen gelangt. Damit dies geschieht, werden Stoffe beigemengt, die die Aufnahme verstärken, Adjuvantien genannt. Deren unterschiedliche Zusammensetzung führt dazu, dass es verschiedene »Formulierungen« von Pflanzenschutzmitteln mit Glyphosat gibt. Haupthersteller sind neben Monsanto chinesische Chemiefirmen. Durch Überkapazitäten nach Ablauf des Patentschutzes kam ein Preisverfall zustande, der das Mittel außerordentlich billig machte. Hauptabnehmer sind gegenwärtig Brasilien, Argentinien, die USA und Australien. Die in Europa eingesetzten Mengen sind vergleichsweise gering. Das liegt vor allem daran, dass in der EU gentechnisch veränderte Nutzpflanzen nicht zugelassen sind. Dennoch stellt die Landwirtschaft den Hauptabnehmer dar, obgleich Glyphosat insbesondere bei der Bekämpfung von Aufwuchs an und auf Verkehrstrassen, aber auch im Obst- und Weinbau in großen Mengen eingesetzt wird. Global hat sich die Anwendung dieses Pflanzenschutzmittels von 1995 bis 2014 auf 826 000 Tonnen verzwölffacht und ist nun auf über eine Million Tonnen pro Jahr angestiegen. Zu den Hauptnutzpflanzen, an denen Glyphosat angewendet wird, ist Winterweizen hinzugekommen. Die in Deutschland eingesetzte Menge lässt sich auf 5 bis 6 000 Tonnen pro Jahr abschätzen. In Österreich und in der Schweiz waren es hingegen nur etwas über 300 Tonnen. Der Grundpreis pro Kilogramm bewegt sich zwischen 10 und 12,5 Euro; bei Bezug aus China liegt er etwa bei der Hälfte. Die Händlerpreise sind zwar höher, in Deutschland aber unter 20 Euro pro Kilogramm. In Anbetracht der hohen Wirksamkeit sind dies sehr niedrige Preise. Als Nebenkosten in der Anwendung fallen sie verglichen etwa mit der Unkrautentfernung per Handarbeit nicht ins kalkulatorische Gewicht. Glyphosat ist ein Milliardengeschäft. Selbst in Deutschland erzielt die pro Jahr umgesetzte Menge zweistellige Millionenbeträge. Nach einer vor zehn Jahren veröffentlichten Studie der Universität Göttingen wird Glyphosat auf rund 40 Prozent der Ackerflächen ausgebracht. Am intensivsten behandelt werden Winterraps (zu fast 90 Prozent), Hülsenfrüchte (über 70 Prozent) und Wintergerste (65 Prozent); am wenigsten mit etwa 10 Prozent Feldkartoffeln. Umfassende Anwendung erfährt Glyphosat im Wein- und Obstbau mit Einsatz auf 60 bis 80 Prozent der Betriebsflächen, allerdings konzentriert auf den Boden um die Stämme. Zu wenig beachtet, doch in der Gesamtfläche beträchtlich ist der Einsatz glyphosathaltiger Mittel an Verkehrswegen. Das geschilderte Beispiel »Unter Brücken« illustriert dies und unterstreicht, dass nicht allein die Landwirtschaft Pflanzenschutzmittel in großem Umfang verwendet. Bei der Vergiftung der Flächen unter Brücken geht es sogar nur um bequeme, wenig arbeitsaufwendige Pflegemaßnahem, nicht um verwertbare Produktion, die dadurch gefördert werden soll. Die Zulassung der Wirkstoffe in Pflanzenschutzmitteln regelt die EU-Verordnung EG Nr. 1107/2009. Die gegenwärtige Zulassung wäre bereits ausgelaufen, hätte sich der damals an sich gar nicht mehr voll im Amt befindliche deutsche Landwirtschaftsminister der Stimme enthalten, wie das von der Berliner Koalition vorgesehen gewesen war. So aber ist Glyphosat noch bis Ende 2022 erlaubt. Die Gründe für die Hinauszögerung sind bekannt. Die Landwirtschaft wehrt sich mit allen Mitteln gegen das Verbot, obwohl Glyphosat seit Jahrzehnten auf das Heftigste kritisiert wird. In den USA gab es langwierige Gerichtsverfahren gegen Monsanto, das hohe Summen an die Kläger leisten musste. Die Akte Glyphosat, so der Titel eines international bekannt gewordenen Buches, enthält eine Flut von Anschuldigungen, in die zunehmend auch die Genehmigungsbehörden hineingezogen werden, weil sie akzeptieren, dass die entlastenden Gegenbelege von den Herstellern selbst geliefert werden – wie auch die Prüfungen, die für die Zulassung nötig (gewesen) sind. Deshalb ist es angebracht, hier einen kurzen Blick auf die Zulassungsverfahren und die damit verbundene Bewertung der Stoffe zu werfen. Pflanzenschutzmittel werden vor der Zulassung gründlich getestet. Daran kann kein Zweifel bestehen. Angebracht sind Bedenken jedoch, wenn wesentliche Teile der Überprüfungen von den Antragstellern selbst vorgenommen werden. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens sind die firmeninternen Tests klar anwendungsorientiert. Das ist ebenso notwendig wie logisch, denn die Wirkstoffe sollen sich in der Anwendung bewähren. Zweitens bedeutet aber gerade diese Ausrichtung, dass die Prüfungen hochgradig standardisiert sind. Sie sollen gegebenenfalls nachprüfbar, also wiederholbar sein. Damit wird zwangsläufig nur ein Ausschnitt aus der Umwelt erfasst, auf den die Stoffe einwirken können; auf die Anwendung im Freien bezogen ein recht kleiner. Im Verhältnis dazu sind die globalen Einsatzmöglichkeiten schier grenzenlos. Die strenge Standardisierung vermindert sogar die Wahrscheinlichkeiten, dass Nebenwirkungen erfasst werden, die es bei Einsatz der Mittel »in guter fachlicher Praxis« nicht geben sollte. Die vorgeschriebenen Tests können nicht mehr leisten, als eine Brücke zur Wirklichkeit zu bilden, in der sich die Mittel bewähren müssen. Hinzu kommt, dass die Zulassungsbehörden weder personell-zeitlich noch finanziell-institutionell über die Möglichkeiten verfügen, selbst unabhängige und von den Vorschriften abweichende Tests zu machen. Die Folgen sind bekannt: Die zunächst jeweils voller Zuversicht zugelassenen Pflanzenschutzmittel bilden eine Kette von Fehlschlägen, vom DDT bis in die Gegenwart, weil sich Neben- und Folgewirkungen erst mit jahre- bis jahrzehntelangen Verzögerungen gezeigt hatten; Wirkungen, mit denen man nicht gerechnet hatte, die aber so gravierend waren, dass für die einstigen Wundermittel die Zulassung wieder entzogen werden musste. Doch dies geschieht nicht gleichzeitig und definitiv überall, sondern von Land zu Land sehr schleppend. Für die Hersteller läuft ein ähnlicher Prozess ab wie bei den Antibiotika und ähnlichen Medikamenten, gegen die die Krankheitserreger nach und nach Resistenzen entwickeln. Die mehr oder weniger kurze Zeit erfolgreicher Anwendung trägt hohe Gewinne ein – finanzielle wie auch an Menschenleben. Diese Gewinne finanzieren die weitere Forschung nach neuen Wirkstoffen. Die alten werden ersetzt, bevor sie ihre Wirksamkeit zu sehr eingebüßt oder zu große Schäden angerichtet haben. Als Geschäftsmodell ist das durchaus nachvollziehbar. Als Gesundheitsmodell auch. Aber Geschäft und Gesundheit sind nicht alles. Auf die Pflanzenschutzmittel bezogen existiert in der EU eine Positivliste von 493 zugelassenen Wirkstoffen (Stand Februar 2018). Pro Jahr kommen etwa 10 hinzu. Der Genehmigungsprozess dauert zwei bis dreieinhalb Jahre. Für ein neues Mittel – gerechnet von dessen Beginn an – gibt es bis zur Erteilung der Zulassung bereits 20 bis 30 weitere Anwärter. Mit einer gravierenden Folge: Bei dieser Fülle mehr oder weniger unterschiedlicher Wirkstoffe ist es faktisch unmöglich, Wechselwirkungen zu testen. Die Kombinationsmöglichkeiten gehen schlicht ins Unendliche. Nicht einmal mit Computerberechnungen ließen sich auch nur ansatzweise Szenarien für synergistische oder antagonistische (Neben-)Wirkungen erstellen. Die Komplexität reicht ins Astronomische. Daraus folgt, dass vor der Zulassung übermäßig und weitgehend unnötig viel getestet wird,...


Josef H. Reichholf, 1945 in Aigen am Inn geboren, ist einer der bekanntesten Biologen im deutschsprachigen Raum. Er lehrte über viele Jahre an beiden Münchner Universitäten und war Abteilungsleiter an der Zoologischen Staatssammlung in München. Der Bestsellerautor wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa.


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