E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reichardt Darkanum
Erstveröffentlichung
ISBN: 978-3-944788-67-8
Verlag: Fabulus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Im Bann der Raunächte
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-944788-67-8
Verlag: Fabulus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Uta Reichardt, Jahrgang 1970, studierte osteuropäische Geschichte und Politikwissenschaften in Freiburg i. Br. und in Tübingen. Bereits während des Studiums schrieb sie Kurzprosa und Lyrik und war journalistisch tätig. Seit 2013 veröffentlichte sie mehrere Kinder- und Jugendbücher, 2017 erschien bei Fabulus 'Im Wolfsland' . Uta Reichardt ist Mitglied in der europäischen Autorenvereinigung DIE KOGGE und im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Sie arbeitet und lebt in der Nähe von Stuttgart.
Autoren/Hrsg.
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1
»Wieder nichts!« Merit betrachtete die Videos, die sie am Nachmittag heimlich mit dem Smartphone in der Fußgängerzone aufgenommen hatte, bis ihre Füße vor Kälte taub waren. Einen Jungen nach dem anderen zoomte sie heran und studierte seine Gesichtszüge, die Augen, wie er sich bewegte. Jeder von ihnen hätte ihr Zwillingsbruder sein können – und war es doch nicht. Einen Jungen hatte sie heute sogar angesprochen. Sie hatte das Erinnern in seinen Augen gesucht, in ihrem Herzen. Doch da war nichts gewesen, und seinen Namen wusste sie fünf Minuten später schon nicht mehr.
Ihr Smartphone vibrierte und zeigte eine neue Voicemail an. Merit stöhnte auf. Die alljährliche Weihnachtsbotschaft von Tilda Fox hatte ihr gerade noch gefehlt.
»Liebe Merit«, knarzte die Computerstimme, »ich freue mich, dir endlich diese Nachricht schicken zu können. Nun, da du wenige Tage vor deinem vierzehnten Geburtstag stehst, darf ich dir die Wahrheit nicht länger verschweigen. Dein Leben wird sich von Grund auf ändern und also solltest du …«
Sie tippte auf »Stopp«. Genug gehört. Warum hatte sie die Audio-Datei überhaupt angeklickt? Glaubte diese Tilda Fox tatsächlich, sie interessiere sich dafür?
»Ich find’s aufregend. Lass doch weiterlaufen«, protestierte ihre Freundin Sophie aus dem Bett an der gegenüberliegenden Wand.
Merit setzte sich auf. »Warum lässt die mich nicht in Ruhe? Sie hat mich noch nie hier besucht, nicht mal angerufen hat sie in den letzten zehn Jahren!«
»Sie trägt die Verantwortung für dich, weil du keine Eltern mehr hast. Aber sie kann eben nur auf diesem Weg mit dir Kontakt aufnehmen.«
»Von wegen! Sie will einfach nichts mit mir zu tun haben. Ich existiere doch nur auf dem Papier für sie. Und einmal im Jahr kurz vor Weihnachten bekommt sie ein schlechtes Gewissen und schickt mir diese beschissenen Botschaften. Sie weiß ja noch nicht mal, dass ich erst am 2. März Geburtstag hab.«
Sophie wiegte ihren Kopf hin und her. »Vielleicht gibt es noch einen anderen Grund – immerhin ist sie bei der Polizei, vergiss das nicht. Und außerdem: Du hast wenigstens einen Vormund. Aber ich hab’ Eltern, die besser nie welche geworden wären …« Mit einem Mal klang ihre Stimme bitter.
»Ich weiß doch«, murmelte Merit. Sophies Mutter schickte zu Weihnachten ein Päckchen ins Heim, das war’s dann. Und von ihrem Vater hatte sie nichts mehr gehört, seit er vor zwei Jahren wieder geheiratet hatte.
»Was meint sie bloß? Was sollst du endlich erfahren? Alles über Bauchschmerzen und Binden – die Bürde der Frauen? Oder Liebe, Leidenschaften – Lars?«
Merit schleuderte ihr Kopfkissen nach Sophie. »Wenn du den Namen noch ein einziges Mal erwähnst …«
»Lars, Lars, Lars …«, trällerte Sophie leise vor sich hin. Dann unterbrach sie die Neckerei. »Ich verrate dir auch was.«
Merit, die aufgestanden war, um ihr Kopfkissen zu holen, ließ es liegen und schlüpfte neben ihrer Freundin unter die Decke.
»Nun sag schon!« Sophie lächelte.
»Sie haben dich zum Auswahlverfahren eingeladen?« Sophies Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen.
»Ist das wahr?« Merit hörte gar nicht mehr auf, Sophies Arm zu schütteln.
»Ja! Ja! Ja doch! Und wenn ich bestehe, darf ich nach Weihnachten zwei Wochen Praktikum machen!« Sophie strahlte.
»Und wann sind die Tests?«
»Die nächsten zwei Tage. Und du begleitest mich morgen früh hin, ich hab Agathchen schon gefragt!«
»Das hat sie erlaubt? Und was ist mit deinem Vortrag in Chemie?«
Bei dem Wort »Chemie« zuckte Sophie kurz zusammen. »Hm, also, ich bin gleich um fünf nach acht dran mit dem Referat. Danach fahren wir los. Das reicht locker: Ich soll erst um zehn Uhr an der Kaserne sein.«
»Bekommst du auch eine richtige Polizeiuniform?«
Sophie nickte glücklich. Solange Merit Sophie kannte, sprach sie von nichts anderem, als dass sie später Kriminalkommissarin werden wollte, und Merit freute sich aufrichtig für ihre Freundin. Aber insgeheim beneidete sie Sophie auch, nicht wegen des Praktikums, sondern weil Sophie schon so genaue Vorstellungen von ihrem Leben hatte. Und das war nicht das Einzige, was Merits Stimmung nach unten zog.
»Nun guck nicht trübsinnig«, sagte Sophie. »Ist doch bloß für die Ferien. Und an Weihnachten und Silvester bin ich ja hier.«
»›Bloß‹ ist gut. Und was mache ich die restliche Zeit?« Eigentlich hatte sie mit Sophie in den Ferien einen Schlachtplan entwerfen wollen, wie sie Lars doch noch zurückerobern konnte. Obwohl sie allmählich die Lust verlor, jemandem nachzutrauern, der sie seit dem Tanz in den Mai ignorierte.
»Jetzt hältst du mir deinen Vortrag, damit du morgen nicht so nervös bist«, schlug sie Sophie schließlich vor, eher um sich selbst abzulenken.
»Nur, wenn wir danach diese mysteriöse Nachricht auf deinem Smartphone zu Ende hören!«
»Meinetwegen. Wenn ich im Bad war – es ist nach zehn«, sagte Merit und verließ das Zimmer.
Im Waschraum band sie mit einem Zopfgummi ihre schulterlangen rötlichen Haare zusammen, um sich das Gesicht zu waschen. Diese Sommersprossen vermehrten sich auf ihren Wangen und der Nase wie bei anderen die Akne. Nur Lars’ Gesicht hatte weder einen Pickel noch eine einzige Sommersprosse. Er war eben perfekt. Merit schloss die Augen und versuchte sich den Moment in Erinnerung zu rufen, als er sie geküsst hatte. Es war ein kurzer Kuss gewesen, ok, und nur auf ihre linke Sommersprossenwange. Aber trotzdem …
»Ach, lass doch diesen Lars. Du hast etwas Besseres verdient.« Blitzschnell checkte Merit im Spiegel die Duschkabinen hinter ihrem Rücken. Holgers hochtoupierte schwarze Haarpracht tauchte über dem Rand der Badewanne auf. Ohne ihn weiter zu beachten, drehte sie den Hahn auf, beugte sich über das Waschbecken und ließ eiskaltes Wasser über ihr Gesicht laufen. Am besten, sie ignorierte ihn hartnäckig, sonst ließ er sie am Ende gar nicht mehr in Ruhe. Wie stellte er sich das überhaupt vor? Glaubte er im Ernst, sie wollte mit einer schemenhaften halbdurchsichtigen Erscheinung befreundet sein, von der sie sich nicht einmal sicher war, ob sie lediglich in ihrer Fantasie existierte? Dabei sah Holger ganz passabel aus, wenn man von seiner Vorliebe für die Mode der 80er Jahre absah (er trug stets ein neongelbes T-Shirt und darüber ein schwarzes Gitterhemd). Und von der New-Wave-Frisur, die ihre zwanzig Zentimeter Höhe garantiert nur mit Hilfe etlicher Dosen Haarlack hielt.
Als Merit sich vom Becken aufrichtete, schwebte Holger gerade durch die geschlossene Tür des Waschraums, während er wie so oft ein Gedicht vor sich hin murmelte:
»Wenn auch die Zeit darüber geht,
er Tag und Nacht zur Wache steht,
knapp tausend Jahr, das gute Stück,
leer innerlich, nach außen dick.
Ein wahrer Riese, raunend, dicht,
zu andren Zeiten still und licht,
ein doppelt Spiel, das er gut kennt,
versteckt’s in sich, kein Namen nennt.
Schwarz oder Gold, Tod oder Leben,
wer findet sie, wer wird sie heben?«
Dieses Gedicht gehörte auf jeden Fall in die Abteilung »rätselhaft«, und außerdem hatte sie keine Ahnung, von wem es stammte. Sie putzte sich nachdenklich die Zähne, löschte die Neonlichter und folgte Holger durch die Tür – allerdings nicht, ohne sie vorher zu öffnen.
Im Zimmer stand Sophie bereits neben dem Schreibtisch, mit einem Stapel Karteikarten in der Hand.
»Wo bleibst du denn? Mir steht schon der Angstschweiß in den Schuhen«, jammerte sie und schüttelte ihre Schlappen mit einer theatralischen Geste aus. Merit musste lachen. »Vielleicht solltest du doch lieber Comedian werden statt Polizistin?« Sie machte es sich auf dem dunkelroten Plüschsofa bequem und zündete die Vanilleduftkerze an, die Sophie ihr zum Nikolaus geschenkt hatte. »Leg los!«
»Also … die Meersalzgewinnung in Salzgärten … ein Jahrtausende altes Verfahren, mit dem auch heute noch in warmen Küstengebieten …« Sophie stockte. »Da hab ich was vergessen – wo ist die verdammte Karte?«
»Du machst das gut, nur die Ruhe«, sagte Merit.
Hektisch blätterte Sophie die Karteikarten durch, vor und zurück, vor und zurück. »Die Chemie und ich«, seufzte sie schließlich, »wir werden keine Freunde.« Sie pfefferte die Karten auf den Schreibtisch und ließ sich neben Merit auf das Sofa fallen. »Aber noch schlimmer wird der Sporttest morgen: Tausend-Meter-Lauf. Weitwurf. Schwimmen …« Sie angelte sich eine Nougatkugel aus ihrem Adventskalender und schob sie in den Mund. »Da fällt mir ein, ich muss noch meinen Badeanzug und den Sportkram einpacken!« Sophie sprang auf.
»Da fällt mir ein: Du wolltest doch dein Chemie-Referat halten«, versuchte es Merit noch einmal.
»Ach, ich habe das im Griff. Wo sind bloß meine Sportschuhe?« Merit verkniff sich den Kommentar, dass Sophie ihre Turnschuhe vermutlich seit den Sommerferien noch nicht wieder ausgepackt hatte. »Und das alles wollen die testen, bloß für zwei Wochen Praktikum?«, fragte sie. Ihr war klar, dass Sophie heute ohnehin keinen Gedanken mehr an ihr Referat verschwenden würde.
»Ja, aber wenn sie mich später für das Vorstellungsgespräch zur Ausbildung einladen, brauche ich den Sporttest nicht nochmal zu machen. Hoffe ich jedenfalls … Komm, wir hören uns jetzt lieber die Botschaft von dieser Tilda Fox...




