Rehn | Wir träumten vom Sommer | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Rehn Wir träumten vom Sommer

Roman
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8437-2919-2
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-8437-2919-2
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sommer 1972: Nach zwei Jahren im Ausland kehrt Amrei nach München zurück, um ihr Studium zu beenden - die Stadt, in der sie während der Studentenproteste 1968 kühne Träume für die Zukunft gesponnen hat. Hin- und hergerissen zwischen zwei Männern, dem Polizisten Wastl und dem Linken David, ist sie damals überstürzt aus der Stadt geflohen. Verblüfft stellt sie fest, dass aus den einstigen Rivalen nun Freunde geworden sind. Doch die Idylle trügt. Entsetzt sieht Amrei sich gezwungen, mit anzusehen, wie sich ihre Freunde vor der Kulisse der Olympischen Spiele radikalisieren und sie zwischen die Fronten gerät. Plötzlich muss auch sie sich entscheiden, welchen Preis sie für ihre Träume zu bereit ist zu zahlen...

Heidi Rehn, in Koblenz am Rhein geboren, arbeitet seit vielen Jahren als freie Journalistin und Autorin. Vor allem mit ihren München-Romanen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sie sich einen Namen gemacht. 2014 erhielt sie den Goldenen Homer für den besten historischen Beziehungs- und Gesellschaftsroman. Sie veranstaltet regelmäßig literarische Spaziergänge durch München.
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1972


Einmal genügte nicht. Amrei musste den Brief ein zweites, nein, besser gleich ein drittes Mal lesen, bevor sie endlich glaubte, was dort stand: Es hatte doch noch geklappt! Sie hatte einen der begehrten Hostessenjobs bei den Olympischen Spielen in München ergattert. Quasi in allerletzter Minute. Sofern sie ihn tatsächlich noch haben wollte.

Langsam ließ Amrei das Schreiben sinken, klemmte sich eine Strähne des nackenlangen dunkelblonden Haars hinters Ohr und blinzelte ins Sonnenlicht, versank in ihren Überlegungen.

Vor zwei Jahren hatte man die Hostessen für Olympia 72 ausgewählt. Sie hatte damals eine Absage erhalten. Was sie nicht einmal sonderlich bedauert hatte. Zu sehr war sie zu jener Zeit mit einem spannenden Job in einem der großen Pariser Warenhäuser beschäftigt gewesen. Ohnehin hatte sie die Bewerbung wenige Wochen zuvor nur halbherzig abgeschickt, um sich später keine Vorwürfe über verpatzte Chancen zu machen und es wenigstens versucht zu haben. Nachdem inzwischen wohl einige der ursprünglich ausgewählten Kandidatinnen abgesprungen waren, bot man ihr nun an nachzurücken, kein halbes Jahr bevor die Spiele in München begannen. So schmeichelhaft das war und so gelegen es ihr gerade auch kommen mochte, fragte sie sich dennoch, ob sie das wirklich wollte.

Das Einzige, was sie wusste, war, dass sie sich vor allem überrumpelt fühlte. Damit hatte sie nicht gerechnet. Nicht mehr. Sie saß in einem Straßencafé an der Piazza della Signoria in Florenz. Zu Frühlingsbeginn. Vor einer malerischen Kulisse. Verschwenderisch ergossen sich die Sonnenstrahlen über die Zinnen des Palazzo Vecchio, tauchten die zahlreichen Skulpturen und Standbilder sowie die prächtigen Renaissancefassaden ringsum in goldenes Licht, kitzelten Touristen wie Einheimische vorwitzig an den Nasenspitzen. Undenkbar, das gegen München einzutauschen. Vor allem gegen das München, wie sie es in Erinnerung hatte: laut, schmutzig und chaotisch. Die gesamte Stadt war damals zu einer gigantischen Baustelle mutiert, um sich für Olympia 72 modern zu machen. Was mittlerweile angeblich auch bestens gelungen war. Zumindest behaupteten das ihre Freundinnen Chris und Biggi in den Briefen, die sie ihr in immer größeren Abständen schickten, um sie über alles, was »daheim« passierte, einigermaßen auf dem Laufenden zu halten. Vielleicht sollte sie sich also doch eines Besseren belehren und von diesem modernen München überraschen lassen.

»Prego, Signorina!« Schwungvoll stellte der Kellner das Silbertablett mit dem Espresso und einem Wasserglas vor ihr ab und zwinkerte ihr aufmunternd zu. Automatisch lächelte sie, obwohl er bereits zum nächsten Tisch weitergeeilt war.

Gedankenverloren sah sie ihm nach, rührte Zucker in den Kaffee. Das Angebot aus München trudelte eigentlich im passenden Moment ein. Am Tag zuvor hatte sie erfahren, dass sie in der Florentiner Spedition, in der sie als Übersetzerin für die Korrespondenz mit der deutschen Kundschaft arbeitete, ab sofort nicht mehr gebraucht wurde. Die Tochter des Chefs hatte ihr Studium in Heidelberg beendet und sollte künftig ihre Aufgaben übernehmen. Damit blieb alles in der Familie. Und Amrei musste sich etwas Neues suchen. Wieder einmal. Als Ausländerin mit beschränkter Arbeitserlaubnis und ohne abgeschlossenes Studium war das alles andere als einfach. Insbesondere, wenn sie tatsächlich etwas dazulernen oder gar etwas Anspruchsvolleres tun und nicht nur die schlecht bezahlten, anspruchslosen Tätigkeiten übernehmen wollte. In einem Zug stürzte sie den Espresso hinunter. Seit ziemlich genau drei Jahren hangelte sie sich so von Job zu Job, von Stadt zu Stadt und Land zu Land. Erst in Frankreich, dann in England und seit einem Dreivierteljahr in Italien. Um die Sprachen besser zu lernen. Land und Leute zu studieren. Erfahrungen zu sammeln. Frei und unabhängig zu bleiben. Und natürlich Spaß zu haben. Sich immer wieder leicht zu verlieben. In das jeweilige Land wie in die zugehörige Sprache. Und in die Leute. Besonders in die Männer.

Wie zuletzt in Giuseppe. Amrei seufzte. Sie mochte ihn. Sehr sogar. Auch das Zusammensein mit ihm. In den vergangenen Wochen hatten sie viel Spaß miteinander gehabt. Und viel voneinander gelernt. Sogar das Pastakochen hatte er ihr beibringen wollen. Vergebene Liebesmüh! Fürs Kochen besaß sie leider kein Talent. Und seine Pasta war einfach zu perfekt. Wie auch er einfach zu perfekt war. Ein Bilderbuchitaliener eben. Mit Frau und Kindern, wie sie gestern zufällig erfahren hatte. Deshalb war es nun mit ihnen vorbei. Wieder einmal war sie diejenige, die ging. Auch wenn es ihr dieses Mal schwerer fiel als sonst. Doch mit verheirateten Familienvätern ließ sie sich nicht ein. Grundsätzlich nicht. Eine Träne rann ihr über die Wange, tropfte auf den Brief in ihrer Hand, wuchs sich dort zu einem dicken feuchten Fleck aus, der in wenigen Minuten von der Sonne getrocknet sein würde. Auch um die Enttäuschung mit Giuseppe zu verdauen, kam das Angebot aus München also genau im richtigen Moment.

Noch einmal überflog sie die Zeilen, blieb an dem doppelt unterstrichenen Termin hängen, bis zu dem sie antworten sollte. Viel Zeit, sich zu entscheiden, blieb nicht. Falls sie zusagte, sollte sie außerdem exakt ankündigen, wann sie in München einträfe, um für die verpflichtenden Vorbereitungskurse eingeteilt zu werden. Sie wischte sich über die feuchte Wange. Die pralle Sonne brannte auf ihrer hellen Haut.

Sich auf etwas strikt festzulegen, das hatte sie schon lange nicht mehr getan. Ohne hinzusehen, griff sie nach dem kleinen Wasserglas und trank es in einem Zug aus. Es hatte ihr gefallen, völlig ungebunden zu leben. Ohne feste Zu- und Absagen, nichts und niemandem verpflichtet außer sich selbst. Genauso hatte sie das gewollt, als sie vor drei Jahren aus München weggegangen war und einen Schlussstrich unter alles, was sie dort erlebt hatte, gezogen hatte. Aus gutem Grund. Doch war es nicht an der Zeit, das Vergangene endgültig vergangen sein zu lassen und wieder an die Isar zurückzukehren? Der Brief erschien ihr fast als Zeichen, auch wenn sie an so etwas eigentlich nicht glaubte. Auf einmal reizte es sie sehr, das Angebot anzunehmen. Wenigstens für eine Weile auszuprobieren, wie es war, irgendwo wieder mehr dazuzugehören und nicht mehr immer nur die Fremde aus dem Ausland zu sein, die man rasch vor die Tür setzen konnte, wenn sie plötzlich störte oder nicht mehr gebraucht wurde.

Von Neuem ließ sie den Brief sinken, legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und genoss einige Atemzüge lang die Wärme auf dem Gesicht, ließ die nasse Haut trocknen.

Ginge sie nach München zurück, wäre das nicht nur das – zumindest vorläufige – Ende ihres unsteten Nomadentums und die Chance, ein wenig sesshafter zu werden. Mit ihren mittlerweile vierundzwanzig Jahren war sie auch genau im richtigen Alter dafür. Vor allem könnte sie dann aber auch wieder bei Annamirl wohnen. Die Aussicht hob ihre Stimmung sofort. Gewiss konnte sie wieder ihr früheres Zimmer in der Wohnung der Großtante beziehen. Mehrfach schon hatte Annamirl ihr das in den wenigen Briefen, die sie einander ab und an schrieben, und den noch selteneren Telefonaten, die sie sich gelegentlich leisteten, angeboten. Die Großtante vermisste sie sehr. Mit ihr war sie immer bestens ausgekommen. Trotz des großen Altersunterschieds zwischen ihnen. Und ihrer gegensätzlichen Lebenswelten. Annamirl war stets für sie da gewesen, wenn sie sie gebraucht hatte, ohne sich je ungefragt in ihr Leben einzumischen. Bei ihr hatte sie sich rundum heimisch gefühlt.

Reflexartig kramte sie ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche und zündete sich eine an. Zu Ehren Annamirls. Und der vielen Gelegenheiten, bei denen sie freitagabends bei einer Zigarette am Küchentisch über fast alles miteinander hatten reden können. Sollte sie den Job annehmen, konnte sie für Annamirl da sein. Für die nächsten Monate zumindest. Inzwischen war die Großtante vierundachtzig. Da war es gut, jemanden um sich zu haben, dem sie sich nahe fühlte.

Kaum malte sie sich das Wiederaufleben der gemütlichen Zweisamkeit bei Annamirl aus, keimte eine weitere Idee in ihr. Für den Hostessenjob waren zwar verschiedene Einführungskurse angesetzt, wie es in dem Brief hieß. Bis die Spiele begännen, könnte sie parallel dazu allerdings gut wieder zur Uni gehen, um ihr abgebrochenes Studium zu beenden und das erste Staatsexamen abzulegen. Just im Mai begann praktischerweise das neue Semester. Ein weiteres deutliches Zeichen. Nahtlos könnte sie wieder in die Vorlesungen und Seminare einsteigen. Und langfristig an die interessanteren und anspruchsvolleren Jobs gelangen, in München wie im Ausland. Dann würde sie nicht mehr so einfach als günstige Aushilfe verheizt und bei erstbester Gelegenheit vor die Tür gesetzt werden.

Genüsslich blies sie den Zigarettenrauch beiseite, ließ den Blick über die Piazza schweifen, saugte das quirlige Treiben der Einheimischen und der Touristen in sich auf und bestellte bei dem vorbeiflitzenden Kellner einen weiteren Espresso. Wenn sie gleich begann, alles für die Abreise zu organisieren, würde sie in zwei bis spätestens drei Tagen in München sein. Voller Vorfreude...



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