E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Rehn Die Tote am Fluss
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96148-208-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-96148-208-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Heidi Rehn, geboren 1966 in Koblenz/Rhein, steht mit ihren mitreißenden historischen Romanen regelmäßig auf den deutschen Bestsellerlisten. Nach einem Studium der Germanistik und Geschichte arbeitete sie als Dozentin und als PR-Beraterin, bevor sie sich als Texterin, Journalistin und Autorin selbständig machte. 2014 erhielt sie den »Goldenen Homer« für den besten historischen Beziehungs- und Gesellschaftsroman. Für Interessierte bietet sie Romanspaziergänge durch die Münchner Innenstadt an, bei denen sich die realen Schauplätze und eindrucksvollen Hintergründe ihrer Romane hautnah miterleben lassen. Die Website der Autorin: www.heidi-rehn.de Die Autorin bei Facebook: www.facebook.com/HeidiRehnAutorin Die Autorin auf Instagram: www.instagram.com/Heidi_Rehn Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin die historischen Krimis »Mord am Marienplatz«, »Tod im Englischen Garten« und »Die Tote am Fluss«; die zwei erstgenannten Bücher sind auch in dem Sammelband »Mord in München« erhältlich. Außerdem erscheint bei dotbooks ihre große historische Saga um die Wundärztin Magdalena: »Die Wundärztin«, »Hexengold« und »Bernsteinerbe« sowie ihre Königsberg-Saga »Gold und Stein«. »Die Wundärztin« und »Bernsteinerbe« sind auch bei SAGA Egmont als Hörbuch erhältlich.
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Grausiger Fund
Müller schnaubte. Die Uhr der nahen Severuskirche schlug sechs. Noch steckte der Polizeidiener in seinem Nachtgewand aus grobem Leinen. Noch thronte die Nachtmütze auf seinem halbkahlen Kopf. Der raue Filz der Pantoffeln schabte an seinen Zehen. Kälte kletterte seine nackten Beine herauf. Es fehlte ihm jedes äußere Zeichen amtlicher Würde. Schon stand ihm in der engen, dunklen Stube dieser Junge gegenüber. Wenn er tief ausatmete, fürchtete er, ihn gegen die Wand zu pusten.
Aufgeregt – oder war es frierend? – trat der Junge von einem Fuß auf den anderen, knetete die Mütze mit seinen Fingern durch. Sein magerer Leib schlotterte. Den Blick richtete er nach unten, redete mit den Holzdielen. Müller legte die Hand ans rechte Ohr und neigte den Kopf etwas zur Seite, um ihn besser zu verstehen.
»Eine Leiche, Herr Wachtmeister, eine wirkliche Leiche ist es. Ganz bestimmt. Oben bei der Eisbrech. Sie schwimmt im Wasser, da, wo es flach ist. Ich soll Sie holen. Sie müssen mit mir kommen und sie sich ansehen.«
»Eine Leiche? Oben bei der Eisbrech?«
Der Frage folgte ein Knurren aus Müllers Kehle. Ungläubig musterte er den Jungen. Die Kerze auf dem Tisch spendete kaum Licht. In der Dämmerung schien alles grau an ihm: sein struppiges Haar, sein spitzes Gesicht, der lange Hals, die Hände. Seine Kleidung hob sich kaum davon ab. Er trug eine Jacke aus abgewetztem Drillich, die ihm bis zu den Knien reichte, darunter ein Hemd aus Baumwolle, an dem der Kragen fehlte, sowie eine viel zu weite Hose aus derbem Tuch. Die Kleidung stammte eindeutig von jemand anderem, Größerem. Es würde noch eine ganze Weile dauern, bis der Junge hineinpasste. Die ledernen Schuhe an den grob bestrumpften Füßen wirkten im Vergleich dazu viel zu klein. Ob sich die Zehen darin schmerzlich krümmten, um Platz zu finden?
Müller schnaubte noch einmal, strich sich über seinen grau melierten Backenbart. Wieder eines dieser Tagelöhnerkinder, dachte er bei sich. Armer Kerl! Wahrscheinlich auch noch einer von den Evangelischen. Die haben es hier wirklich nicht einfach. Noch dazu, wo es viel zu wenig Arbeit für alle gibt.
»Wie heißt du?«, fragte er ihn.
»Lukas Weber«, antwortete der Junge und durchbohrte mit seinen Augen den Boden.
»Lukas Weber«, wiederholte Müller. »Nie gehört. Nun gut. Ich komme gleich. Lauf schon mal vor!«
Mit einem Schubs drängte er ihn zur Tür hinaus.
Eine Leiche, oben bei der Eisbrech! Bei der Vorstellung wurde Müller flau im Magen. Mit zittrigen Knien schlurfte er in seine Kammer hinüber.
Stickiger Schlafgeruch hing in dem niedrigen Raum. Müller blickte wehmütig zum Bett hinüber, das längs zum Fenster an der rechten Wand stand. Wie gern würde er sich darin verkriechen, die Decke über den Kopf ziehen und die Augen vor dem allem verschließen! Es half nichts. Er musste sich zusammenreißen, die schlimmen Erinnerungen verdrängen. Statt mit dem Schicksal zu hadern, sollte er sich rasch anziehen und zur Eisbrech hinübergehen, sehen, was dort los war. Dann hatte er es wenigstens bald hinter sich:
Als er sich umdrehte, stieß er mit dem Knie an die Truhe, auf der das Waschgeschirr stand. Es schepperte. Er fluchte. Die Kammer war ihm viel zu eng.
Seine Uniform aus dunkelblauem Tuch hing am Haken gleich neben der Tür. Seine Schwester hatte sie gestern Abend noch ausgebürstet und die goldenen Knöpfe poliert. Selbst im fahlen Morgenlicht glänzten sie.
Noch eine ganze Weile lang schimpfte er vor sich hin. Eine halbe Stunde hätte er noch gehabt, bevor er aus den Federn hätte kriechen müssen. Eine halbe Stunde, um vom Bett aus das allmähliche Verschwinden der Nacht zu genießen. Eine halbe Stunde, bevor er nebenan in der Stube dem missmutigen Gesicht seiner Schwester begegnet wäre, mit dem sie ihm jeden Morgen das Butterbrot und die Kanne Malzkaffee auf den Tisch stellte. Bevor er Schlag sieben seinen Rundgang durch die Stadt begann, war es sein gutes Recht, den Tag bedächtig angehen zu lassen. Lange genug hatte er bei der Landwehr mit dem ersten Hahnenschrei Gewehr bei Fuß stehen müssen.
Vielleicht, sinnierte Müller, habe ich Glück, und es ist doch nur ein schlechter Scherz. Vielleicht liegt dort gar keine Leiche. Diesen Rotzlöffeln ist doch alles zuzutrauen.
Schlagartig besserte sich seine Laune. Die furchtbaren Bilder verblassten. Es störte ihn auf einmal wenig, dass in der Stube noch kein Frühstück für ihn bereitstand. Damit entging er wenigstens dem verdrießlichen Anblick Apollonias.
Das Hinabsteigen der ausgetretenen Treppenstufen bereitete ihm Mühe. Er keuchte. Der Dienst in der königlich-preußischen Armee hatte ihm nicht nur den nächtlichen Schlaf verkürzt. Auch sein linkes Bein ließ sich seither nicht mehr recht gebrauchen.
»Wo willst du hin?«
Apollonia trat aus der Küche. Im Gehen wischte sie sich die Hände an der Schürze ab, rückte sich die schneeweiße Haube auf dem Kopf zurecht. »Isst du nichts?«
»Gib mir etwas mit.«
Ungeduldig streckte er ihr die Hand hin. Sie ging kurz zurück in die Küche und reichte ihm bei ihrer Rückkehr zwei zusammengeklappte Scheiben dunklen Brots.
»Du sparst mal wieder an allem!«
Zornig klappte er die Scheiben auseinander und hielt sie ihr dicht unter die Nase.
»Bring halt mehr Geld nach Hause, dann kann ich sie dir auch dicker bestreichen. Sei froh, dass du überhaupt Butter auf dein Brot kriegst – und das sogar mitten in der Woche!«
Den abfälligen Blick, den sie bei diesen Worten auf seine Uniform warf, spürte er nur zu deutlich. Selbst nach zehn Jahren Dienst in der städtischen Verwaltung konnte sie sich den nicht verkneifen. Ohne ein weiteres Wort schob er sie beiseite.
»Kommst du noch einmal zurück, bevor du zur Wachstube im Rathaus hinübergehst?«, hörte er sie fragen. Er sparte sich die Antwort.
Draußen auf der Gasse schlug ihm der vertraute Gestank von gärenden Abfällen, Urin, feuchten Pflastersteinen und faulendem Holz entgegen. Um Haaresbreite entging er nassem Segen von oben, als die Magd aus dem gegenüberliegenden Haus den Nachttopf auf die Straße leerte. Wütend reckte er die Faust und sah nach oben. Aus dem Fenster im ersten Stock winkte ihm die Magd freundlich lächelnd zu.
Keine vier Häuser weiter entdeckte er Johann Grahs, der im Morgengrauen seinen Karren durch die Gasse schob. Nach wenigen Schritten blieb er stehen, stellte sein Gefährt ab und klopfte an eine der Türen. Als sich ihm ein Kopf entgegenstreckte, murmelte er seinen Spruch, um Zugang zur Senkgrube im Hof zu erhalten. Still beobachtete Müller ihn. Keine schöne Arbeit, in seinem hohen Alter noch den erbärmlichen Dreck abholen zu müssen. Andererseits ernährte es ihn und seine Frau einigermaßen.
»Bonnschur, Johann«, grüßte Müller den buckligen Mann. »Du bist spät dran. Es wird schon hell. Du warst seit Tagen nicht mehr hier. Die Ersten kippen ihre Pötte schon wieder auf die Gasse.«
»Reg dich nicht auf, Wachtmeister«, erwiderte Grahs mit heiserer Stimme. »Ich komme jeden Mittwoch hier lang. Heute ist Mittwoch. Also ist alles in bester Ordnung. Die Leute sind dumm, wenn sie ihren Abfall vor die eigene Tür kippen. Sie sind schließlich selbst die Ersten, die durch den Mist hindurchwaten müssen.«
Er lachte ein meckerndes Lachen. Müller gab ihm Recht.
»In der ganzen Stadt stinkt es«, stellte er fest. »Durch die engen Gassen kommt kaum Sonne bis zum Boden. In allen Ecken fault der Unrat. Bei diesen Zuständen müssen wir uns nicht wundern, wenn die Fremden über unsere Stadt die Nase rümpfen.«
Grahs nickte und lud bedächtig Schaufel und Eimer ab, um im nächsten Hauseingang zu verschwinden.
»Merde!«, rief Müller plötzlich aus. Fast wäre er auf dem rutschigen Pflaster ausgeglitten, während er dem Alten nachgesehen hatte. Instinktiv streckte er die Arme zur Seite und fand sofort Halt an einer Hauswand. Die Burggasse war nur wenige Schritte breit, so dass ein erwachsener Mann wie er sie mit ausgestreckten Armen ganz ausfüllte.
Verärgert strich Müller seine Finger an der Uniformjacke ab. Dann legte er die linke Hand an den umgeschnallten Säbel und schritt zügiger aus, dabei den Blick auf den Boden gerichtet, um gegen die dort lauernden Gefahren besser gewappnet zu sein. Das Brot, das seine Schwester ihm zum Frühstück mitgegeben hatte, verschlang er hastig. Keine gute Grundlage, um den Tag zu beginnen.
Bis zur Zollpforte unweit der Burg begegnete ihm niemand mehr. Er ging durch die Zollpforte und blieb jenseits der Stadtmauer einen Augenblick stehen, um gierig die frische Luft einzusaugen. Dabei ließ er seinen Blick umherschweifen. Der Frühnebel hing dicht über dem Fluss. Am Rheinkran waren die ersten Tagelöhner zugange. Emsig beluden sie einen Lastkahn mit Säcken und Kisten.
»Dutzwit trawallje«, trieb der Schiffer einen seiner Leute an. Gleichzeitig verhandelte er mit dem Treidler, der am Uferweg bereitstand und den Kahn flussaufwärts ziehen sollte.
Müller erkannte in dem Schiffer Georg Lamberti aus St. Goar.
»Du hast es wie immer eilig, was?«, rief er ihm aus der Ferne zu und ging ein Stück in seine Richtung.
Lamberti sah überrascht auf, dann schmunzelte er: »Was glaubst du denn, wie ich mein Geld verdiene? Jedenfalls nicht mit spazieren gehen, Wachtmeister! Oben in St. Goar wartet schon die nächste Fracht auf mich. Wenn ich mich nicht ranhalte, schnappt ein anderer sie mir weg.«
»Fährst du wieder die Steine von Burg Rheinfels hinunter zur Festung Ehrenbreitstein?« In Müllers Frage schwang ein vorwurfsvoller Ton.
»Zum Glück eine Gelegenheit, ein paar Taler zu verdienen. So viele gibt es davon zurzeit nicht.«
»Lass gut sein, Lamberti«, winkte...




