Rehmann / Vogel | Steine im Bauch | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 232 Seiten, Format (B × H): 170 mm x 220 mm

Rehmann / Vogel Steine im Bauch

Mein Leben mit Colitis Ulcerosa
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8312-6944-0
Verlag: Komplett-Media
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Mein Leben mit Colitis Ulcerosa

E-Book, Deutsch, 232 Seiten, Format (B × H): 170 mm x 220 mm

ISBN: 978-3-8312-6944-0
Verlag: Komplett-Media
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Colitis ulcerosa, unheilbar. Als Robin Rehmann die Schockdiagnose erhält, ist er Anfang 30, TV-Moderator in der Schweiz, Workaholic, lebt den Exzess. In seinem bewegenden Buch erzählt er von den Steinen im Bauch, die immer da waren, die er weggelacht und überspielt hat, die ihn aber letztlich eingeholt haben. Er beschreibt seinen Weg von einem Leben zwischen Sofa, Toilette und Bett hin zu Hoffnung, Wünschen und Zukunftsplänen. Es ist ein ehrliches Buch, das zeigt, dass jeder auch mal schwach sein darf. Vor allem aber ein Buch, das Mut macht. Mein Körper, mein Tempel? Eher mein Körper, meine Abrissbude. Dies ist ein Buch vom Verlorengehen, Sich-wieder-Finden und nach dem rechten Weg fragen. Keine Memoiren, um zwischen den Zeilen meine Trauer zu bekunden. Denn eins ist klar: Scheiße passiert. Jeden Tag. Das können wir nicht kontrollieren. Aber wie wir damit umgehen, das können wir beeinflussen.
Rehmann / Vogel Steine im Bauch jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


KAPITEL 1

BETON IN DER BRUST

An diesem Punkt sollte sich mein Leben also auf den Kopf stellen. Aus der Bahn geworfen, gecrasht. Ein Leben, das die letzten Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, von ganz anderen Merkmalen geprägt war. Wobei rückblickend brodelte es schon lange. Viel zu lange. Seit meiner Kindheit. Aber dazu später.

KINDHEIT

Ich bin am 21. Januar 1981 in Laufenburg in der Schweiz geboren. Schön gelegen am Rhein mit einer hübschen Bogenbrücke ins badische Laufenburg, die sogenannte Laufenbrücke. Das kleine Altstadtzentrum ist alt, sehr alt. Touristen, falls welche kämen, würden diese malerische Altstadt sicher auf Fotos festhalten, aber wir an der Grenze zum Badischen sind schon eins geworden mit dieser urtümlichen Atmosphäre.

»Das Lied von Laufenburg« bringt diese Kleinstadtromantik und Urgewalt, die ich in meinem Geburtsort erleben durfte auf den Punkt:

Singend rauscht vom Hochland her der grüne Rhein,

Gischt und Wogen schäumen um das Felsgestein.

Jubelnd in die Ferne zieht mit ihm mein Lied,

wenn er durch die Enge in die Lande flieht.

Der Urheber dieses Liedes bot auch gleich den Straßennamen, an der ich groß geworden bin: Hermann-Suter-Straße 15. Da, wo Gischt und Wogen um mein Felsgestein schäumten, getrieben von diesem einen Traum:

Jubelnd in die Ferne zu ziehen, mit mir mein Lied,

wenn ich durch die Enge in die Lande fliehe.

Aufgewachsen bin ich in einem schönen Einfamilienhaus, mit noch schönerem Garten, einer zwei Jahre älteren Schwester und immer schon mit Katzen. Ein Haus ohne Katzen ist wie ein Aquarium ohne Fische.

Für Freunde, Familie und Bekannte war ich als Jugendlicher der lustige, aufgedrehte Robin. Der immer gut gelaunt war. Der immer crazy Ideen hatte. Mit dem es nie langweilig wurde. Aber hinter der Fassade war es keine einfache Zeit für mich. So ähnlich wie bei einem Kranken, dem man nichts ansieht, der aber innerlich mit seinem Leben ringt.

Mein Laufenburg, die malerische Altstadt, der Rehmann-Brunnen, der Weiher, der Wald, der Schlossberg, das Schulhaus, die dreifache Turnhalle. Orte, verknüpft mit starken Erinnerungen. Schönen Erinnerungen. Ich war integriert. Spielte im Volleyballverein und fühlte mich wohl in der Rolle des Pausenclowns. Das gab mir Halt.

Laufenburg ist als Stadt im Grundbuchamt eingetragen, trotzdem ist es kein großer Ort. Sogar ziemlich eng, wenn man mich fragt. Wie üblich in der Schweiz sind die Menschen mehr für sich, und wenn die heimische Tür zu ist, dann ist sie wirklich zu, fest dreimal verschlossen und das Vorhängeschloss eingerastet. Ich dagegen wollte immer schon die Welt sehen, präsent sein, etwas in die Ferne ziehen. Fliehen. Ich habe mir ein Stück weit meine Welt selbst gestrickt. Schon früh ulkige Geschichten geschrieben, die ich stolz meiner Schwester zum Lesen gab. Es tat gut zu sehen, dass sie diese auch tatsächlich lustig fand. Ich fühlte mich darin bestätigt. Ich sehnte mich nach Anerkennung, wollte wahrgenommen werden.

Der Fernseher und das Radio erhielten bei uns zu Hause besondere Aufmerksamkeit. Aufgewachsen zwischen »Schwarzwaldklinik«, »Rivalen der Rennbahn«, »Verstehen Sie Spaß?«, »Wetten, dass..?« und der »Rudi-Carrell-Show«. Doktor Brinkmann, Sascha Hehn und Frank Elstner waren fixer Bestandteil meiner Kindheit. Vor allem brachte die Flimmerkiste meinen Vater zum Lachen. Ich habe ihn selten so lachen sehen, wie nach einem guten Gag von Feuerstein bei »Schmidteinander« oder bei der absurden Quizshow von Hape Kerkeling. Beim Mittagessen hörten wir dann SWF 3, und es war gut möglich, dass wir Kinder zurechtgewiesen wurden, damit der Radiomoderator besser zu verstehen war.

Klar hat mich diese Welt fasziniert. Ich wollte ins Radio. Dass man mich hört. Ins Fernsehen. Dass man mich sieht.

ERSTE RADIOSENDUNG

Als ich mit 16 in der Zeitung eine Anzeige sah, die junge Moderatoren aufrief, um ein neues Schweizer Jugendradio aufzubauen, wusste ich, dass ich da hinmusste. Dieses Schweizer Jugendradio ist heute SRF Virus. Mein Arbeitsplatz. Das sollte meinen Ehrgeiz doch schön illustrieren? Damals, beim ersten Casting meiner Karriere, habe ich es natürlich vergeigt.

Ich war nervös. Wurde dann aber zu einem Lokalradiosender vermittelt, Radio X in Basel. Dort durfte ich die ersten Monate nur den Veranstaltungskalender vorlesen. Mehr war mir zu Beginn auch nicht zuzutrauen. Aber ich war angefixt, war stolz, wollte mehr, konnte tatsächlich getrieben von Enthusiasmus die Verantwortlichen überzeugen, mir eine Chance zu geben.

»Binggeli« hieß die erste Radiosendung, die ich erfunden habe. Irgendwo im grellen Nirwana zwischen Punk-Rock-Geschrei und »Jackass« fürs Radio. Im Zentrum stand ein selbst geschriebenes Hörspiel, das ich mit Freunden aufgenommen hatte. Ich versuchte stets, die Dinge neu und frisch anzugehen. Ein bisschen verrückt, wie mich wahrscheinlich viele sehen und sahen. Nie mit angezogener Handbremse.

JAHR IN DEN USA

Dann mit Anfang 20 ging ich für ein Jahr in die USA, nach Wisconsin ins Community College, um »Communication Arts« zu studieren. Insgeheim aber auch, um die Vergangenheit vollends hinter mir zu lassen. Dort lernte ich neben »Public Speaking« auch das Radio- und TV-Handwerk kennen. Für das UW Fox College Radio durfte ich eine Sendung produzieren. Sie hieß »The Hate Show« und wurde am College im Aufenthaltsraum ausgestrahlt.

Darüber habe ich mich definiert. Meine kreative Arbeit. Du bist, was du machst. Als Austauschschüler war ich Außenseiter, aber die Amis fanden mich lustig, weil ich einen so starken Akzent hatte. Es machte mir riesigen Spaß, ich liebte die Unabhängigkeit, und es wurde eine unvergessliche Zeit.

LEIDENSCHAFT – DAS RADIO

Zurück im alten Europa gründeten wir eine unkaputtbare Punkband mit dem prophetischen Namen »Krank«. Daneben fing ich bei VIVA Schweiz an, zuerst als Praktikant. Auch wenn mein Aufstieg zum Redakteur und später Moderator von außen betrachtet zufällig schien, war es das nicht. Schon als Praktikant wusste ich, ich gehe hier erst weg, wenn ich der beste männliche Schweizer VIVA-Moderator bin. Zum Schluss war ich vielleicht nicht der Beste, aber neben Fabienne Heyne und Linda Gwerder der Einzige.

Nach einigen Umwegen zwischen WGs und Ausziehcouchs siedelte ich um nach Zürich, wo mein Leben erst richtig Fahrt aufnahm. Es ergab sich einfach so. Ich lernte viele Leute kennen, begann für das Schweizer Radio SRF Virus zu arbeiten, konnte mich so auch in Fernsehformaten einbringen, und parallel berichtete ich viral im Internet über mein Leben in einem Vlog. Live aus meinem Wohnzimmer, mit allen Höhen und Tiefen. Meine junge Karriere begann, und ich wollte immer mehr, drückte weiter aufs Gas.

Körperlich ging es mir in dieser Zeit immer recht gut. Aber ich führte schon ein wildes Leben – ein krasser Kontrast zu dem Schicksal, das mich bald ereilen sollte.

LEBEN IM RAUSCH

Ich war viel unterwegs, ließ keine Party aus, hatte den ein oder anderen Blackout, spielte mit meiner Punkband »Krank« Konzerte, zelebrierte das Bier. Donnerstag, Freitag, Samstag war ich unterwegs. In einem Klub oder mit Kollegen etwas trinken, machte Musik oder setzte irgendeine Idee um oder filmte ein Youtube-Video oder machte für SRF Reportagen oder Interviews. Radio, Fernsehen, Internet, ich war sehr aktiv und lief dabei halt auch genauso hochtourig. »Die Musik muss so laut sein, dass wir nicht hören, wie die Welt untergeht!« Dieses Tattoo hätte ich mir damals direkt unters Herz stechen lassen sollen.

Ein Leben im Rausch. Zwischen Bier und Fertigpizza mit Käseersatz. Meine Ernährung bestand aus Emulgatoren, Aromastoffen und Geschmacksverstärkern, zubereitet von der Fünf-Sterne-Köchin namens Mikrowelle. Essen war für mich mehr ein Übel als ein freudiges Ereignis. Gekocht habe ich nie. Ich war Stammgast beim Pizzalieferanten ums Eck und beim Schnellimbiss am Bahnhof. Für das Thema »Gesundheit« hatte ich nicht einmal ein müdes Lächeln übrig. Wenn mir jemand zum Geburtstag oder zu Weihnachten explizit »Gute Gesundheit« wünschte, konterte ich immer mit: »Gesundheit? Was will ich denn damit? Ich wünsche mir lieber eine Playstation.«

Bis vier Uhr in der Früh auf einem Punkkonzert und dann nach ein paar Stunden Schlaf noch halb verkatert wieder zur Arbeit. Das war mein Rhythmus. Ich hatte oft rote Augen, die brannten. Doch ich hatte ja auch Augentropfen. »Jung kaputt, spart Altersheim!«, schreit kaum noch einer Mitte Dreißig.

Das mag alles so unbeschwert, zumindest glücklich und sorgenfrei klingen. Aber das scheint mir ein verzerrtes Bild. Nicht, dass es kein lebenswertes Leben war, aber unbeschwert war ich nur dann, wenn die Musik laut, das Bier kalt oder das Youtube-Projekt intensiv genug war. Das war mein Mechanismus, meinen Gedanken zu entkommen. Gedanken, die mich mit Schuldgefühlen torpedierten. Wenn ich mich mit diesen Selbstvorwürfen nüchtern und rational befasste, war mir sofort klar, wie irrational diese waren. Trotzdem quälten sie mich. Umso mehr ich mich damit befasste, umso mehr konnte ich mich selbst in den Wahnsinn treiben und mich mit dem Gedanken zurücklassen, dass ich ein böser, schlechter Mensch bin, der kein gutes Leben verdient hat. Ein solcher Mensch lässt es seinem Körper auch nicht sonderlich gut gehen, sondern schindet diesen eher mit langen Jogging-Runden in zu hohem Tempo. Körperpflege war ebenfalls eher sekundär.

Wenn viel läuft, dann muss man sich auch nicht mit seinem Innenleben beschäftigen. Wohl deshalb war ich eigentlich immer ein gehetzter Mensch. Die Gegenseite, den Kater, die Phase, wo es mir schlecht ging, die Schuldgefühle, konnte...


Robin Rehmann ist ein Schweizer Fernseh- und Radiomoderator und spielt in der Punkband „Krank“. Er moderierte u.a. die Sendungen Interaktiv bei VIVA Schweiz und diverse Musik- und Jugendformate. In seiner aktuellen Sendung „Rehmann S.O.S. – Sick Of Silence“ gibt er jungen chronisch und auch psychisch kranken Gästen eine Stimme. Marc Vogel, sein Freund aus Kindertagen, half Robin, seine Gefühle in Worte zu fassen. Er studierte an der Filmakademie Baden-Württemberg Drehbuch/Szenischer Film und Serie. Seine hier entstandenen Kurzfilme liefen auf internationalen Festivals, etwa der vielfach prämierte „Der späte Vogel“. Zudem erhielt er diverse Stipendiate und Auszeichnungen für seine Projekte.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.