Regel / Broicher | SED, LSD und ein Hippie-Mädchen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 5, 288 Seiten, Format (B × H): 120 mm x 190 mm

Reihe: fineBooks

Regel / Broicher SED, LSD und ein Hippie-Mädchen


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-9819493-4-6
Verlag: fineBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 5, 288 Seiten, Format (B × H): 120 mm x 190 mm

Reihe: fineBooks

ISBN: 978-3-9819493-4-6
Verlag: fineBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine rasante Komödie über (politischen) Irrsinn, Freiheit und die große Liebe - und darüber, dass Wahrheit manchmal zwei Seiten hat. Nach einer wahren Begebenheit. Als im West-Berlin der 68er-Zeit die Studentenrevolten ausbrechen, sieht die SED die historische Chance des Sozialismus gekommen: mit selbstproduziertem LSD soll die Westjugend wehrunfähig gemacht werden. Die Ost-Partei schmuggelt daraufhin die beiden als Hippies verkleideten Brüder Rainer und Lutz Kramer über die Grenze, um den Klassenfeind mit LSD-Kaugummis in den Wahnsinn zu treiben. Bis einer der beiden Brüder das Hippie-Mädchen Barbara kennen lernt und selber vor Liebe fast den Verstand verliert... Schon bald bekommen sich die ungleichen Brüder in die Haare: Der eine, einmal am Kelch der Freiheit gerochen, möchte nie wieder zurück in den Osten, der andere, streng parteilinientreu, sieht in dem irren Trip tatsächlich eine Mission für den Sozialismus.

Carsten Regel, 1966 in die beginnende Jugendrevolte in West-Berlin hineingeboren, ist Autor und Regisseur von zwei Spielfilmen. "SED, LSD und ein Hippiemädchen" ist sein dritter Roman. Das Autorenduo Carsten Regel / Alexander Broicher ist auf unkonventionelle Romane spezialisiert. Ihr letzter Roman `Slumlords - Ihnen gehört die Stadt` begeisterte Publikum und Presse gleichermaßen.
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KAPITEL



Im Konferenzraum der SED hatten sich vierzig geladene Parteimitglieder versammelt. Als plötzlich das Licht ausging, blieben die Anwesenden artig stumm. In dem Saal war es sekundenlang stockfinster. Nur das schwache Surren des Super-8-Filmprojektors war zu hören, der schließlich einen weißen Lichtstrahl an die kahle Wand warf. Auf dem hellen Quadrat von der Größe einer Schultafel erschienen nun brandaktuelle Stummfilm-Aufnahmen der Westberliner Studentenunruhen. Die Monate Mai und Juni 1967 hatten für die Presse ergiebiges Material produziert. Alles hatte damit begonnen, dass mitten auf dem Prachtboulevard Kurfürstendamm Hunderte aufgebrachter junger Leute demonstrierten, streng abgeschirmt von der Polizei und begafft von Tausenden Schaulustigen. Die Jugend hielt den Spießbürgern selbstgemalte Schilder vor die Nasen, auf denen sowohl politische Parolen als auch bewusster Nonsens geschrieben standen. Neben Botschaften wie »USA raus aus Vietnam« oder »Make love not war« waren schräge Statements wie »Keine Macht für niemand« oder »High wollen wir leben« zu lesen.

Auch bei den linientreuen Sozialisten in der Ostberliner SED-Zentrale sorgten diese Plakate für Verunsicherung. Gebannt starrten die Parteigrößen auf die Schwarzweißbilder von Studenten, die, zu Pulks zusammengerottet und untergehakt, den Straßenverkehr im Westteil der Stadt lahmlegten. Ab und an hüpfte die gesamte Meute: Männer mit Zottelbärten, langen Haaren, verwaschenen Jeans und Hemden voller Kaffeeflecken; Frauen mit kurzen Röcken, Batik-Shirts und fettigen Frisuren. Aus einigen Häusern warfen empörte Bürger Tomaten und Mandarinen auf den Protestzug unten auf der Straße.

Die beiden jungen Volkspolizisten, die den Ausgang des Konferenzsaals bewachten, konnten nicht fassen, was sie dort an kapitalistischer Dekadenz mitansehen mussten. Südfrüchte waren in der DDR absolute Mangelware, nur wenige kamen in den Genuss von frischem Obst. Wie diese Filmaufnahmen bewiesen, warf die westliche Bevölkerung Lebensmittel aus dem Fenster, um ihre Verachtung zu demonstrieren. Angewidert blickten sich die Brüder Rainer und Lutz Kramer an. Sie schüttelten die Köpfe.

Es folgten Schnappschüsse vom Staatsbesuch des Schahs von Persien, zu dem sich reihenweise Studenten zu einer Kundgebung zusammengefunden hatten. Sie forderten die Freilassung von politischen Gefangenen im Iran. Während selbiges Regime im Rathaus Schöneberg von der lokalen Politik ehrenvoll empfangen wurde, ließ der Schah draußen seine Schlägertruppen mit Holzlatten auf wehrlose Demonstranten einprügeln. Unabhängig vom Geschlecht wurden Männer und Frauen gleichberechtigt von der persischen Miliz niedergeknüppelt. Die Berliner Polizei hielt sich dezent zurück, obwohl mitten in der Stadt ein fremder Geheimdienst auf deutsche Staatsangehörige einschlug. Das heizte die ohnehin bereits wütende Stimmung unter den Kommilitonen der Freien Universität auf. Noch am selben Abend zogen sie mit zahllosen Sympathisanten zur Deutschen Oper, um dort gegen den feierlichen Empfang des iranischen Despoten zu protestieren. Diesmal griffen die Polizisten ein. Sie kesselten die Studenten ein, um von allen Seiten auf sie einknüppeln zu können. Am Ende dieser Aktion lag ein Demonstrant in seinem Blut – er war grundlos erschossen worden.

»Nazi-Methoden«, zischte Lutz seinem älteren Bruder zu.

»Ich bin so stolz, ein Antifaschist zu sein«, nickte Rainer zustimmend. Beide hatten ihren Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee bereits hinter sich gebracht, waren jedoch nicht am Todesstreifen eingesetzt worden. Sie mussten nicht an der Mauer dienen, nicht bei den Selbstschussanlagen, mit denen die DDR ihre Bürger an einem illegalen Grenzübertritt in den Westen hinderte.

Nach der Filmvorführung ging das Licht wieder an und ein Oberst vom Zentralkomitee der SED schritt zum Kopfende des Saals. Ein gemütlich wirkender Mann von einiger Körperfülle und mit rosiger Gesichtshaut, dessen Uniform ihn als hochdekorierten Sozialisten und Kämpfer für das Vaterland auswies. Seit der Ostfront hatte er nie wieder als Soldat an einem Krieg teilgenommen, doch auch im Friedenseinsatz konnte man sich militärische Orden verdienen – und die trug er stolz auf der Brust. Sein mächtiges Organ prädestinierte ihn zum Redner.

»Liebe Genossen«, intonierte er, fast wie ein Operntenor, »wir haben es soeben mit eigenen Augen gesehen: Der Kapitalismus befindet sich im letzten Gefecht!«

Wie auf Bestellung jubelte das Publikum, als hätte der allen gemeinsame Lieblings-Fußballverein gerade ein Tor geschossen. Man nahm sich gegenseitig in die Arme, applaudierte, reckte triumphal die geballten Fäuste gen Himmel und feierte den sich anbahnenden Sieg über den Klassenfeind. Auch die Brüder Kramer klatschten Beifall und klopften sich gegenseitig zuversichtlich auf die Schultern.

Der Oberst gab durch Gestikulieren zu verstehen, dass er seine propagandistische Festrede fortsetzen wollte, woraufhin wieder andächtige Ruhe einkehrte. »Der Kapitalismus ist eine faule Banane mit vergammelter Schale. Es ist der Sozialismus, der die Saat für eine bessere Welt gelegt hat!«, rief er den Parteifreunden enthusiastisch zu. »Und nun ernten wir die Früchte dafür!«

Bei dem kämpferisch ausgerufenen letzten Satz sprangen die Genossen von den ungepolsterten Holzstühlen auf und johlten lauthals.

Rainer nutzte den Lärm und schob seinen Kopf dicht ans linke Ohr seines Bruders heran. »Auf mich wartet in einer Stunde auch mein Früchtchen«, flüsterte er voller Vorfreude. »Die zuckersüße Marianne. Auf dem Parkplatz vom Drogeriemarkt.« Rainer zwinkerte Lutz zu, aber der blieb stumm. Er nickte nur kühl und richtete wie beiläufig den Kragen seiner Uniform.

»Während sich die Westjugend gegenseitig die Köpfe einschlägt, repräsentiert unsere Jugend den Fortschritt«, fuhr der Oberst fort. »Daher möchte ich euch zwei Repräsentanten der Werktätigen vorstellen: zwei junge Menschen, die die Welt verändern wollen! Zwei Volkspolizisten im Dienste unseres Landes: Rainer und Lutz Kramer!«

Der Oberst deutete zur Doppeltür am Ende des Saals, vor der die beiden Wache standen. Alle Anwesenden drehten sich zu ihnen um. Die Brüder starrten erst die Menge, dann sich gegenseitig verdutzt an, bevor ihr Blick zum Oberst wanderte, der sie mit großer Geste zu sich heranwinkte. Lutz fing sich als Erster und schubste seinen Bruder, damit er sich in Bewegung setzte. Eigentlich hatte Rainer geplant, auf der Rückbank des Volkspolizei-Autos, versteckt auf einem Rastplatz am Waldrand, mit seiner Freundin herumzufummeln – stattdessen musste er nun mal wieder der Partei zur Verfügung stehen. Entsprechend war seine Laune, mit der er die vielen Huldigungen der Genossen entgegennahm.

Der Oberst begrüßte die Brüder mit einem Händedruck und einem Lächeln, anschließend bedeutete er dem Publikum, den Applaus nun einzustellen. Ruhe kehrte ein. Bevor er weitersprach, sandte der Oberst einen verklärten Blick zur meterhohen Decke des ehemaligen Reichsluftfahrt-Ministeriums empor.

»Nach dem Vorbild der kosmischen Streitkräfte der Sowjetunion, die den Weltraum bereits erobert haben, werden wir von der SED die Weltrevolution jetzt auf deutschem Boden vorantreiben«, verkündete er mit bebender Stimme und erhielt ordnungsgemäß den Beifall seiner Parteifreunde.

»Diese beiden jungen Menschen werden mit einem Geheimauftrag in den Kampf gegen die Imperialisten ziehen.« Bei diesen Worten zog er die beiden Brüder zu sich heran ins Rampenlicht. Mit väterlicher Geste legte er den verdutzten Volkspolizisten je einen Arm um die Schultern und setzte eine siegesgewisse Miene auf – ganz im Gegensatz zu Rainer und Lutz, die sich noch nie so unwohl in ihrer Haut gefühlt hatten wie in diesem Moment.

»Was für ein Geheimauftrag?«, fragte Lutz verständnislos, doch es ging im Trubel unter. Denn in diesem Augenblick öffneten sich beide Flügeltüren und sechs gelernte Kellner aus dem Interhotel betraten den Saal mit je einem Tablett voller Sektgläser, die den Gästen zur Feier des Tages gereicht wurden. Der Oberst ordnete an, dass auch den Brüdern Getränke gereicht würden, damit man mit ihnen anstoßen könne.

»Auf unseren Sieg bei der Volkskammerwahl!«, proklamierte er.

»Aber die Volkskammerwahl ist doch erst morgen«, warf Rainer ein.

Der Oberst lächelte. Das offizielle Endergebnis der Wahlen stand bereits seit Wochen fest. Es wurde vom Zentralkomitee der SED in einer internen Sitzung festgelegt: Was auch immer die Auszählung der Stimmzettel tatsächlich ergab, die Partei würde mit 99,93 Prozent haushoch gewinnen. Denn das anhaltende Wirtschaftswunder im Westen war der Bevölkerung im Osten nicht verborgen geblieben, und darum musste ein großer Sieg für den Sozialismus her, der sich beim Volk propagandistisch ausschlachten ließ. Deswegen...


Regel, Carsten
Carsten Regel, 1966 in die beginnende Jugendrevolte in West-Berlin hineingeboren, ist Autor und Regisseur von zwei Spielfilmen. "SED, LSD und ein Hippie-Mädchen" ist sein dritter Roman. Das Autorenduo Carsten Regel / Alexander Broicher ist auf unkonventionelle Romane spezialisiert. Ihr letzter Roman `Slumlords - Ihnen gehört die Stadt` begeisterte Publikum und Presse gleichermaßen.

Broicher, Alexander
Alexander Broicher ist Schriftsteller, Verleger und Drehbuchautor. Broichers Arbeiten sind mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Literaturpreis des Deutschen Schriftstellerverbandes, dem Promax Europe Award oder dem Eyes and Ears Award.
Broicher lebt und arbeitet in Berlin und in New York. Mehr Infos: www.facebook.com/BroicherAlexander

Das Autorenduo Carsten Regel / Alexander Broicher ist auf unkonventionelle Romane spezialisiert. Ihr letzter Roman `Slumlords - Ihnen gehört die Stadt` begeisterte Publikum und Presse gleichermaßen. Die von ihnen gegründete `Edition Rebell` entwickelt und verlegt unangepasste Literatur und ungewöhnliche Geschichten.

Broicher, Alexander
Alexander Broicher ist Schriftsteller, Verleger und Drehbuchautor.
Broichers Arbeiten sind mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Literaturpreis des Deutschen Schriftstellerverbandes, dem Promax Europe Award oder dem Eyes and Ears Award.
Broicher lebt und arbeitet in Berlin und in New York. Mehr Infos: www.facebook.com/BroicherAlexander

Das Autorenduo Carsten Regel / Alexander Broicher ist auf unkonventionelle Romane spezialisiert. Ihr letzter Roman `Slumlords - Ihnen gehört die Stadt` begeisterte Publikum und Presse gleichermaßen. Die von ihnen gegründete `Edition Rebell` entwickelt und verlegt unangepasste Literatur und ungewöhnliche Geschichten.



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