E-Book, Deutsch, 252 Seiten
Reed Mondlichtkrieger
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95991-417-8
Verlag: Drachenmond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 252 Seiten
ISBN: 978-3-95991-417-8
Verlag: Drachenmond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ava Reed lebt gemeinsam mit ihrem Freund im schönen Frankfurt am Main, wo sie gerade ihr Lehramtsexamen bestanden hat. Zur Entspannung liest sie ein gutes Buch oder geht mit ihrer Kamera durch die Stadt. Das Schreiben hat sie schon früh für sich entdeckt und während des Studiums endlich ihrer Fantasie freien Lauf gelassen. Mit 'Spiegelsplitter' verfasste sie ihren ersten eigenen Roman. Mittlerweile arbeitet sie an zahlreichen romantisch-fantastischen Geschichten und liebt es in ihre eigenen Welten abtauchen zu können.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 7
Juri
Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist und wie lange wir die Gegend rund um den Palast abgesucht haben. Aber nachdem wir wieder am Nebeneingang zur Küche ankommen, wird uns klar: Draußen ist niemand. Kein Malik. Kein anderer Feind, zumindest keiner, von dem wir wissen. Wir waren zu spät.
Wir gehen hinein, schließen die Tür zum Küchenkorridor und Nebeneingang hinter uns. Das Gefühl, das etwas vorgeht, diese ungute Vorahnung ist schon lange verschwunden.
»Er war hier. Ich kann es immer noch nicht glauben.« Kira schmiegt sich für einen Augenblick an mich. »Was nun?«
»Es hat sich nichts geändert. Morgen früh werden wir den Palast verlassen. Wir werden ihn finden, Kira.«
Ich stecke meine Schwerter zurück, lasse meine Schultern kurz kreisen, die von der dauerhaften Anspannung der letzten Stunden leicht schmerzen, und trete mit Kira den Rückweg in Richtung Foyer an. Wir müssen die beiden Wachen zu Grabe tragen.
Stunden später sitze ich noch immer im Palast und debattiere über das Geschehene.
»Bist du sicher? Bist du sicher, dass es Malik war? Dass er hier war?« Faras tigert durch den Raum, auf und ab, während er sich bemüht, ruhig zu bleiben, besonnen und nicht von Gefühlen geleitet. Aber ich sehe es als das, was es ist: ein Versuch. Nicht mehr.
Es ist spät, alle Gäste haben bereits den Palast verlassen, die Bewohner Menuas sind in ihren Häusern und die Trauerfeier ist beendet. Die Hauptmänner haben sich mit dem König und mir im Konferenzraum versammelt, nachdem der ganze Palast erneut abgesucht und danach gesichert wurde und man sich um die toten Wachmänner gekümmert hat.
»Ja, er war es«, entgegne ich zum dritten Mal, da Faras es anscheinend auch jetzt noch nicht glauben kann.
Die Hauptmänner tauschen sich aus, statten dem König weiter Bericht ab. Meinen habe ich längst mit allen geteilt. Ruhiger als erwartet.
Die Stimmen um mich herum werden lauter, aber ich dränge sie weg, ebenso wie Kira, die mir für einen Moment im Weg steht. Mit einer Hand schiebe ich ihren Kopf zärtlich zur Seite und gehe zur großen Fensterfront. Blicke auf die Erde. Das hier, das alles ist wie ein gigantisches Déjà-vu. Wie eine Schleife, der man nicht entkommen kann. Anders und trotzdem irgendwie gleich. Diese Versammlung, das Gespräch, dieser Raum. Die Erinnerungen kommen zurück. König Artas, seine Verzweiflung und Hoffnung, die Suche nach Lynn – und Malik, der weitere Bemühungen als sinnlos erachtet hatte. Fast unmerklich schüttle ich den Kopf. Heute stehen wir wegen Malik hier, mit einem neuen Problem und einem neuen König. Trotzdem ist es so bekannt. Ein sich wiederholendes Muster.
Ich reiße mich vom Anblick der Erde und Sterne los, drehe mich um und die Geräusche um mich dringen wieder in ihrer ganzen Lautstärke zu mir, mit voller Kraft.
»Das war fahrlässig!«
»Wir hätten evakuieren müssen!«
»Und damit eine neue Panik entfachen?«
»Das hätte nichts geändert.«
Die Hauptmänner stritten, immer mehr Theorien und Sätze flogen wild umher, während sie diskutierten. Ja – sie. Ich bin keiner mehr von ihnen. Und als mein Blick dem des Königs begegnet, der konzentriert dasteht, ahne ich, dass er es weiß. Wissen muss. Schließlich habe ich nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich gehen werde. Er weiß, dass es jetzt so weit ist.
»Juri hätte uns gleich informieren müssen. Uns, den König ?…« Als Kira das hört, tritt sie einen Schritt vor und knurrt. So laut und bedrohlich, dass selbst mir eine Gänsehaut über die Arme fährt.
Die Gespräche verstummen endgültig, als Faras seine Stimme erhebt. »Genug!« Er tritt einen Schritt vor, noch näher an Kira heran, neben sie. »Wir haben Malik schon immer unterschätzt, nein, schlimmer, wir haben ihm vertraut. Wir wussten das und haben alte Fehler wiederholt. Niemand von uns glaubte daran, dass er so verrückt sein würde, erneut herzukommen. Würde ich ihn nicht so sehr verachten, würde ich ihn tollkühn nennen.« Faras schaut in die Runde, macht eine Pause, bevor er weiterspricht. »Juri trifft keine Schuld, genauso wenig wie euch. Hört auf, nach Schuldigen anstatt nach Lösungen zu suchen.«
Die Reaktionen auf diese kurze Ansprache gehen wie erwartet auseinander – man kann es in ihren Gesichtern sehen, in ihren Blicken. Aber niemand wagt es, zu widersprechen und die Stimme zu erheben.
Niemand außer Harú.
»Was nun?«, fragt er schlicht und einfach, während er die Arme vor der Brust verschränkt. Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass es keine schlichten Fragen gibt – und erst recht keine schlichten Antworten. An einer Frage hängen Dutzend andere und jede von ihnen bringt neue hervor.
»Was tun wir jetzt? Erneut abwarten? Erneut nichts tun?« Er schnauft beinahe spöttisch. Faras möchte Harú antworten, aber ich komme ihm zuvor. Er hat mir diese Fragen gestellt, nicht dem König.
»Ich gehe.«
»Was tust du?« Harú kann kaum an sich halten. Es ist eine Mischung aus: Warum? und Wie kannst du nur?
»Ich werde gehen. Hiermit trete ich zurück und gebe meinen Posten als höchster Mondkrieger ab. Harú, dies ist nun deine Aufgabe.« Ein Raunen erfüllt den Raum, als er auf mich zutritt und meine Worte von allen gehört und verstanden wurden. Wir kennen uns schon lange, aber Freunde waren wir nie. Ich bin nicht sicher, ob ich je welche hatte.
»Du …« Harú findet in seinem Zorn keine Worte.
»Lass es«, sagt Phìlipé, einer der Hauptmänner, zu ihm, doch das macht es nur schlimmer.
»Es lassen? So wie Juri?«, schreit Harú, bevor er mich fixiert. »Du Feigling!«
»Ich muss gehen.« Entgegen meinem inneren Aufruhr verlassen die Worte meinen Mund ruhig und gelassen. Denn der Einzige, dem ich Rechenschaft schuldig bin, ist der König. Ausgesprochen oder nicht: Er wusste es. Ihm ist klar, weshalb ich gehe und warum es jetzt sein muss.
Im Gegensatz zu mir ist Kira mit ihrer Geduld vollkommen am Ende, was sehr ungewöhnlich ist. Normalerweise ist sie der Ruhepol, die Weise von uns beiden, doch jetzt leuchtet sie beinahe, ihr Fell sträubt sich, Wut und Trauer verzerren ihr Gesicht. Nach allem, was passiert ist, verstehe ich, dass sie vielleicht auch einen Teil von sich verloren hat. Ich erkenne sie kaum wieder, sie fährt so leicht aus der Haut, ist gereizt und wütend. Ich wünschte, ich könnte ihr das alte sorglose und ausgeglichene Ich zurückgeben.
»Nichts musst du! Du hast dich Menua und dem König verpflichtet. Wie kannst du jetzt gehen? Jetzt, da Malik zurück ist. Da du unser Anführer bist.«
»Du hast dir deine Fragen schon selbst beantwortet. Ich gehe wegen ihm. Wenn ich bleibe, bleibt auch er und Menua ist weiterhin in Gefahr. Der Palast, der König …«
»Blödsinn!«
Faras will eingreifen, aber ich schüttle den Kopf und sehe ihn an. Harú ist noch nicht fertig und wir müssen das aus der Welt schaffen.
»Du kannst nicht wissen, ob Malik uns in Ruhe lässt, sobald du verschwunden bist. Es könnte genauso gut sein, dass du uns auf einem Silbertablett servierst.«
Einen Augenblick denke ich über seine Worte nach. Um ihm das Gefühl zu geben, ich könnte sie als richtig erwägen. Dabei streiche ich Kira übers Fell, mustere nach und nach alle Anwesenden. Nein. Malik wird gehen, denn es ist etwas Persönliches. Etwas zwischen ihm und mir. Seine Rache am Königshaus ist vollbracht, seinen Kampf mit Menua hat er ausgetragen. Dies hier ist ein neues Kapitel.
Harú weiß, dass ich ihm nicht zustimme, dafür muss ich nichts entgegnen. Die anhaltende Stille und mein Blick reichen aus. Deshalb trete ich vor Faras, während Harús Miene stetig zorniger wird.
Als seine Stimme ein weiteres Mal die aufgeladene und angespannte Atmosphäre durchdringt, bleibe ich stehen.
»Es ist dir egal, was mit Menua geschieht.« Er sagt es langsam, mit einer Ruhe, die mich provoziert. Ich drehe mich um, wir starren uns an, während kein anderer im Raum es wagt, die Stimme zu erheben. Nur der König, der Harú scharf angeht – ohne Erfolg.
Jeder hier ist sich darüber im Klaren, dass Harús Aussage so wahr ist wie sie falsch ist. Jeder – oder zumindest die, die nicht blind waren, die es ahnen oder wissen. Meine Prioritäten haben sich verschoben. Das taten sie bereits, als Lynn da war. Ab dem ersten Moment, in dem sie ich ansah.
Ich will mich abwenden, will diesem Streit keinen Raum geben, aber Harús Worte klammern sich an mich, legen sich wie Ketten um mich.
»Sie war die Prinzessin«, zischt er.
Ohne es verhindern zu können, beginnt das Blut in meinen Ohren zu rauschen und meine Hände ballen sich zu Fäusten. Die Haut darüber spannt sich so sehr, dass es beinahe brennt. Es tut gut, es lenkt ab.
»Sie war ein Mädchen, das niemand von uns kannte.«
Ein Raunen geht durch den Raum. Die Geräusche um mich werden leiser, Faras sagt etwas, das ich längst nicht mehr hören kann. Kira steht da, geduckt und bereit zum Angriff. Ihr Licht zeigt ihren inneren Aufruhr, ihr Gesicht zeigt ihre Empörung. Ich gehe auf Harú zu – langsam, achtsam. Voller Wut. Ich weiß nicht genau,...




