E-Book, Deutsch, 1636 Seiten
Rayne Rachestunde, Todeskammer & Blutfrost
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-085-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Drei England-Thriller in einem Band | Abgründige Spannung für Fans von Sarah Pearse
E-Book, Deutsch, 1636 Seiten
ISBN: 978-3-98952-085-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Sarah Rayne ist das Pseudonym von Bridget Wood, einer erfolgreichen britischen Autorin von Horror- und Fantasyromanen. Unter den Namen Sarah Rayne schreibt sie eiskalte Psychothriller, denen ihre Leidenschaft für alte Gebäude, deren Atmosphäre und Geschichte deutlich anzumerken ist. Bei dotbooks erscheinen folgende Thriller von Sarah Rayne: »Blutfrost« »Rachestunde« »Todeskammer«
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Kapitel 1
Nach fünf Jahren fernab von der Welt war der Lärm das Erste, was unvermittelt über Antonia Weston hereinbrach. Sie hatte vergessen, wie laut und ungestüm Menschen sich unterhielten, dass Läden und Speiselokale von aufdringlicher Musik erfüllt waren. Es war gefährlich leicht, sich einzureden, man sei auf dem Laufenden geblieben. Doch wenn die Stunde der Wahrheit nahte, kam man sich vor, als hätte man auf dem Mond gelebt.
Selbst etwas so Einfaches wie das Betreten des Restaurants, in dem sie mit Jonathan Saxon verabredet war, war für sie mit enormer Anstrengung verbunden. Es gelang ihr nur mit Mühe, nicht vor dem Geräuschpegel zurückzuweichen, den sie wie eine undurchdringliche Mauer empfand, und zu vermeiden, die Leute an den benachbarten Tischen anzustarren. Sie hatte nicht nur vergessen, wie laut die Welt war, sondern auch, wie sich die Mode veränderte, selbst bei gewöhnlichen Sterblichen. Nicht so drastisch wie bei Prominenten oder Fernsehstars, aber doch unterschwellig. Hatten diese gepflegten grazilen jungen Frauen, die hier zu Mittag aßen und vermutlich in einer Unternehmensberatung, einer PR-Firma oder in der noch immer verwirrenden Welt des Internet arbeiteten, schon immer dunkle, beinahe maskulin anmutende Hosenanzüge getragen und lässige Frisuren bevorzugt?
Was Antonia indessen nicht vergessen hatte, war Jonathans Gewohnheit, die Tür mit einer ungeduldigen Wucht aufzustoßen, so dass alle Anwesenden innehielten und den Blick hoben, um zu sehen, wer den Raum betreten hatte. Diesen Trick hatte er sich schon bei Mitarbeiterbesprechungen zunutze gemacht, wie Antonia sich erinnerte, wo er sich absichtlich verspätete und dann genau im richtigen Moment eine Ladung geballter männlicher Energie freisetzte. Das hatte sie von jeher geärgert und ärgerte sie auch jetzt. Vor allem, weil mindestens sechs Leute im Restaurant reagierten, als hätte jemand unsichtbare Fäden gezogen. Zugegeben, der Trick war wirkungsvoll. Aber deshalb nicht minder unangenehm.
»Tut mir leid, dass hier ein solcher Betrieb herrscht«, sagte Jonathan zur Begrüßung, nahm Platz und musterte Antonia eindringlich. »Wahrscheinlich ein bisschen zu viel für deinen Geschmack. Aber ich habe dich erst nächste Woche erwartet, und mir fiel auf die Schnelle kein anderes Lokal ein, das so leicht erreichbar ist.«
»Datumsänderung in letzter Minute«, erwiderte Antonia lässig. Sie vertiefte sich in die Speisekarte. »Ich habe keine Ahnung, was ich bestellen soll«, sagte sie mit einem plötzlichen Anflug von Gereiztheit.
»Pochierter Lachs?«
»Oh Gott, frischer Lachs! Ich hatte ganz vergessen, dass es so etwas gibt. Ja, bitte.«
»Und dazu ein Glas Wein? Chablis?«
»Ich – nein, besser nicht.«
»Früher hast du gerne Wein getrunken.« Jonathan runzelte die Stirn. »Oder hast du Angst vor den Folgen?«
»Ich habe Angst, schon nach einem Glas unter dem Tisch zu liegen. Wenn man fünf Jahre lang keinen Tropfen Alkohol angerührt hat, steigt er einem mit Sicherheit gleich zu Kopf.«
»Stimmt«, pflichtete er ihr gleichmütig bei und bestellte Mineralwasser für sie und eine Karaffe Wein für sich selbst.
Als das Essen kam, leerte er seinen Teller zügig und mit sparsamen Bewegungen. Das war eine Eigenart von ihm, die Antonia wiederum vergessen hatte. Trotz aller Tricks und Effekthascherei waren seine Bewegungen immer von einer natürlichen Anmut gewesen. Katzenhaft. Nein, wölfisch war zutreffender. Gerüchten zufolge hatte dieser Mann systematisch alle Frauen vernascht, die ihm während des Medizinstudiums über den Weg gelaufen waren, und diese Gepflogenheit beibehalten, als er Chefarzt der Psychiatrie in dem großen Lehrkrankenhaus wurde, wo Antonia ihm zum ersten Mal begegnet war.
»Ich dachte, es wäre dir lieb, erst einmal eine Weile abzutauchen. Deshalb habe ich dir geschrieben. Jemand aus der Klinik erwähnte ein leer stehendes Cottage, das man für ein paar Monate mieten kann. Irgendwo in Cheshire.«
Vermutlich stammte die Information von einer seiner Haremsdamen. »Saxons Marionetten« hatte jemand sie einmal genannt: er zog die Fäden, und sie tanzten nach seiner Pfeife.
»Offenbar ein ruhiges, beschauliches Fleckchen Erde«, erläuterte der Strippenzieher. »Und die Miete ist ganz annehmbar.« Er reichte ihr ein zusammengefaltetes Blatt Papier. »Hier, die Adresse und die Telefonnummer des Maklers. Das verschafft dir eine Verschnaufpause, bevor du entscheidest, wie es weitergehen soll.«
»Ich habe keinen blassen Schimmer, wie es weitergehen soll«, sagte Antonia, und bevor er ein von Mitleid geprägtes Angebot welcher Art auch immer machen konnte, fügte sie hinzu: »Ich weiß, dass du mich nicht wieder einstellen kannst. Die Klinik, meine ich.«
»Was ich sehr bedaure. Wir alle. Es wäre eine Schande, deine Ausbildung und deine Berufserfahrung nicht weiter zu nutzen. Du könntest aber vielleicht Kurse geben oder Fachbücher schreiben.«
»Beides vermutlich ein ideales Betätigungsfeld für eine abgehalfterte Ärztin der Psychiatrie.« Das klang nicht nur wütend, sie sagte es geradezu aufbrausend.
»Schreiben gehört zu den besten Gleichmachern, die man sich vorstellen kann. Niemand schert sich auch nur im Geringsten um das Privatleben eines Autors. Falls du empfindlich bist, ändere deinen Namen.« Er füllte sein Glas nach, und Antonia spießte einen weiteren Bissen von dem köstlich frischen Lachs auf die Gabel, der mit einem Mal wie Sägemehl schmeckte.
»Ich gehe davon aus, dass dein Geld nicht ausreicht, um ewig auf der faulen Haut zu liegen«, bemerkte er plötzlich.
Antonia war längst über das Stadium hinaus, das Thema Finanzen als peinlich zu empfinden. »Nicht lange jedenfalls. Mit meinen Ersparnissen kann ich mich ungefähr ein halbes Jahr über Wasser halten. Danach muss ich einen Weg finden, meinen Lebensunterhalt zu verdienen.«
»Was hindert dich daran, das Cottage zu mieten und gleichzeitig nach einer Beschäftigungsmöglichkeit Ausschau zu halten? Was immer auch dabei herauskommt, du musst schließlich irgendwo wohnen.«
»Es ist nur – ich bin nicht mehr daran gewöhnt, Entscheidungen zu treffen.« Das klang ekelhaft jämmerlich, so dass sie mit fester Stimme hinzufügte: »Du hast völlig recht. Das ist eine gute Idee. Danke. Kann ich meine Meinung ändern, was den Wein angeht?«
»Ja, natürlich. Und ich verspreche dir, solltest du unter dem Tisch liegen, leiste ich dir Beistand.«
»Wenn ich mich recht erinnere, hast du immer gerne den barmherzigen Samariter gespielt, wenn ein weibliches Wesen Beistand brauchte«, erwiderte Antonia trocken.
Das äußere Erscheinungsbild spielte eigentlich keine große Rolle, aber man konnte wenigstens halbwegs anständig aussehen, wenn man an einem unbekannten Ort aufkreuzte.
Antonia verbrachte zwei weitere Tage in London, wo sie ihre Haare in eine annähernd moderne Frisur verwandeln ließ und ihre Garderobe erneuerte. Die Kosten waren horrend, aber noch erschreckender war der gelegentliche Drang, sich in ihrem kleinen Hotel in Bayswater Zuflucht suchend zu verkriechen. Dieses Bedürfnis hatte sie weder vorausgesehen noch erwartet. Obwohl es sich leicht erklären ließ. Antonia hatte schließlich lange Jahre in einer abgeschotteten Gemeinschaft gelebt, und ihr Verhalten war eine unmittelbare Folge der Fixierung auf die vorherrschenden sozialen Normen in einem solchen Umfeld, wie es im Fachjargon hieß. Trotzdem war es lächerlich, dieses anhaltende Bedürfnis nach einem vertrauten Raum und der vorhersehbaren Routine der Mahlzeiten, Arbeitsabläufe und Freizeitbeschäftigungen.
»Ich nehme an, Sie möchten Ihre Haare auch waschen und föhnen lassen, oder?«, erkundigte sich die freundliche Friseuse, während Antonia stumm gegen den Impuls ankämpfte, aus dem Salon zu eilen und wieder in ihrem Hotelzimmer abzutauchen. »Danach sind sie viel einfacher zu pflegen, vor allem mit einer guten Haarspülung.«
Antonia sagte »Ja natürlich«, ohne hinzuzufügen, dass sie fünf Jahre lang jeden Morgen vor der Gemeinschaftsdusche Schlange gestanden und eine Flasche Shampoo mit der gleichen Eifersucht gehütet hatte wie ein Elixier, das ewiges Leben versprach.
Die Erneuerung der Garderobe war im Vergleich dazu ein Kinderspiel. In einem großen Kettenladen in der Oxford Street erstand sie zwei Paar Jeans, einige Pullover und Turnschuhe. Danach stärkte sie sich mit einer Tasse Kaffee und einem Sandwich in einem rappelvollen Selbstbedienungsrestaurant – noch eine Stunde durchhalten in der großen weiten Welt, Antonia, du schaffst es! Nach diesem bescheidenen Imbiss zögerte sie angesichts einer Hose und der dazu passenden Jacke in der Farbe von Herbstlaub. Brauchbar für unverhoffte Einladungen, und die Farbe war absolut Spitze. Sicher, doch wann ziehst du das an? Bildest du dir ein, dass sich die Bewohner eines kleinen verschlafenen Nests in Cheshire darum reißen, dich unmittelbar nach der Ankunft in ihre atemberaubenden gesellschaftlichen Aktivitäten einzubeziehen? Wie auch immer, Kleider dieser Kategorie kannst du dir ohnehin nicht leisten, warf eine herrische Stimme in ihrem Kopf ein. Das ist die exklusive Boutique des Kaufhauses, schau dir bloß den Preis an! Dieser Aspekt gab den Ausschlag, unwiderruflich. Antonia verließ den Laden mit dem herbstbraunen Ensemble, liebevoll in einer Tüte mit Designer-Label zusammengefaltet.
Das Cottage, das Jonathans Bekannte, neuestes Betthäschen oder was auch immer erwähnt hatte, befand sich allem Anschein nach auf dem Terrain eines hochherrschaftlichen Landsitzes aus dem 18. Jahrhundert. Quire House, so der Name, war in ein kleines Museum umgewandelt und Charity Cottage früher vermutlich einem Pächter überlassen worden. Antonia fand, dass der...




