E-Book, Deutsch, Band 2
Reihe: Die "Dämon"-Reihe
Raven Das Herz des Dämons
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-24107-0
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2
Reihe: Die "Dämon"-Reihe
ISBN: 978-3-641-24107-0
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Er ist ihre große Liebe. Der attraktive, rätselhafte Highschool-Rebell Julien hat die Welt der jungen Dawn auf den Kopf gestellt und jetzt will sie nichts weiter als mit ihm glücklich sein. Doch Julien sucht verzweifelt nach seinem verschwundenen Zwillingsbruder. Als Juliens ältester Todfeind auftaucht, spitzt sich diese Suche dramatisch zu und in der Halloween-Nacht muss nicht nur Dawn alles aufs Spiel setzen ...
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Er war ihr gefolgt. Seit der Wind ihm ihren Geruch zugetragen hatte. Langsam. Ein Stück hinter ihr. Von Baum zu Baum. Verborgen in der Schwärze dazwischen. Nahe genug, um ihre Schritte zu hören, ihre Atemzüge. Lautlos. Nur einmal hatte er ein Tier aufgeschreckt. Seine Eingeweide brannten. Als ein Auto stoppte, blieb er stehen, verlagerte sein Gewicht auf das gesunde Bein. Lauschte.
»Soll ich Sie ein Stück mitnehmen, Miss?« Die Stimme eines Mannes. Jung. Das Gedudel von Musik.
»Ist nicht nötig. Ich hab’s nicht mehr weit. Aber trotzdem danke.« Das Geräusch des Motors schluckte ihre Schritte.
Er stieß sich von dem Baum ab, folgte ihr weiter.
»Ich bring Sie gerne nach Hause. Es macht mir absolut nichts aus.« Der Wagen brummte auf gleicher Höhe mit ihr.
»Wie gesagt: Danke für das nette Angebot, aber es ist absolut nicht nötig.«
»Sicher?«
Plötzlich knirschten ihre Schritte auf dem Schotterrand. »Absolut! Danke!«
Mein! Er hörte das Beben in ihrer Stimme. Schneller!
»Komm schon! Steig ein!«
»Nein danke!«
Der Motor heulte auf. Jäh verstummten ihre Schritte.
»Zier dich nicht so. Komm schon! Steig ein! Lass uns ein bisschen Spaß haben!«
MEIN! Er knurrte, lief schneller, der Schmerz in seinem Bein wuchs zu glühenden Klauen. Er ignorierte ihn.
Ein Scharren, Aufkeuchen, panische Schritte, das Knacken und Krachen von Ästen. Sie floh in den Wald. Abermals heulte der Motor des Wagens auf. Scheinwerfer strichen in einem Bogen über die Bäume. Räder knirschten auf Schotter. Der Kerl brüllte etwas. Zweige brachen.
Er hörte ihre Schritte im Laub. Ihre hastigen Atemzüge. Sie stolperte, fing sich im letzten Moment, rannte weiter, brach wie ein verängstigtes Tier durchs Unterholz. Der Kerl war hinter ihr. Viel zu nah!
Schneller! Fast hätte sein Bein unter ihm nachgegeben.
Er hörte sie wieder stolpern, stürzen diesmal; wie sie versuchte hochzukommen. Das Krachen, als der Kerl sie zu Boden riss. Laub raschelte. Sein Grunzen, Fluchen.
»Nein! Lassen Sie mich! Verschwinden Sie!« Ihre Stimme. Schmerzhaft schrill, wütend. Rascheln und Knacken. Ein dumpfer Laut.
»Kleines Miststück. – Zier dich nicht so. Du willst es doch auch.« Das Ratschen eines Reißverschlusses. Stoff riss.
»Nein!« Immer wieder. »Nein, bitte nicht!« Hoch und schluchzend. »Nein!«
»Lass uns ein bisschen Spaß haben.«
»Nein!« Gellend diesmal.
Wieder ein Fluch. Ein Schrei, der zu einem Wimmern wurde.
»Du stehst also auf die harte Tour, was? Kannst du haben.«
Sie lag auf dem Boden. Über ihr der Kerl. Der Gestank nach Schweiß und Angst und Erregung drang ihm entgegen.
MEIN! Wut schwemmte jeden noch halbwegs klaren Gedanken fort. Er stürzte vor, riss den Kerl von ihr herunter, rollte mit ihm durchs Laub, kam auf die Füße. Sein Körper schrie vor Schmerz.
Der Kerl taumelte langsam auf die Beine. Seine Überraschung wandelte sich in Ärger. »Scheiße, verzieh dich!« Sein Opfer war vergessen.
Er duckte sich. Ihre Atemzüge waren nur ein Keuchen, viel zu schnell und viel zu flach.
»Lauf!« Ein Laut, mehr Knurren als Wort. Für eine Sekunde verharrte sie noch wie erstarrt – dann stolperte sie vom Boden hoch und floh.
»Na komm schon, du Idiot, hol dir deine Abreibung!«
Er sprang. Die Hände zu Klauen gekrümmt. Die Lippen in einem Fauchen zurückgezogen. Gemeinsam gingen sie zu Boden. Der Kerl brüllte auf, wehrte sich, trat um sich, versuchte ihn abzuschütteln. Das Herz des Mannes hämmerte. Ein Schlag traf seine Schulter. Er knurrte vor Schmerz und Wut. Hieb zurück. Es knackte. Der Mann jaulte. Unvermittelt hing der Geruch nach Blut in der Luft. Er legte ihm die Hände um die Kehle. Seine Eingeweide zogen sich zusammen. Unter seiner Handfläche war der Puls des Kerls. In seinem Oberkiefer wühlte Schmerz. Er beugte sich vor, schob die Hand nach oben, drückte den Kiefer des Mannes zur Seite. Der Kerl wand sich unter ihm. Eine Bewegung. Nur aus dem Augenwinkel. Er drehte den Kopf, nur ein winziges Stück. Zischen. Schmerz, als etwas sein Gesicht traf, sich wie flüssige Lava in seine Augen fraß, sich seinen Rachen hinunterbrannte. Er schrie, hustete, würgte, taumelte hoch und zurück, krallte nach seinen eigenen Augen in dem Versuch, irgendwie der Qual zu begegnen.
»Das hast du jetzt davon!« Direkt neben ihm. Etwas traf seinen Rücken, warf ihn auf die Knie. Im letzten Moment gelang es ihm, sich abzufangen. Seine Augen standen in Flammen. Sein Gesicht brannte. Alles war nur noch grellweiße Qual und sengende Schwärze. Er konnte nicht atmen. Ein Schlag gegen die Schläfe. Der Knochen knirschte. Er fiel, rollte sich ungeschickt über die Schulter. Schaffte es beinah, hochzukommen. Ein Tritt gegen das verletzte Bein. Wieder ein Tritt, diesmal die Rippen. Stechender Schmerz grub sich in seine Seite. Er krümmte sich. Hustete, rang nach Luft. Mehr Tritte, mehr Schläge. Erneut versuchte er hochzukommen, schaffte es nicht. Zu langsam! Zu schwach! Falsch! So falsch! Die Qual in seinen Augen machte ihn blind, orientierungslos.
»Dir werd ich’s zeigen!« Ein neuerlicher Tritt. Wieder die Rippen. Ein Schlag unter den Kiefer. Seine Zähne krachten aufeinander. Sein Kopf flog nach hinten. Schmerz bohrte sich in sein Genick, den Nacken hinauf. Er stürzte auf die Seite, keuchte hilflos, seine Glieder für Sekunden taub, gelähmt.
Ein Schrei, hoch und schrill. Verblüfftes Grunzen. Dumpfe Schläge. Er kam auf Hände und Knie, irgendwie. Schaffte es nicht auf die Beine, fiel zurück ins Laub. Dann eine Hand an seinem Arm. Zerren.
»Kommen Sie! Schnell! Bitte, schnell!«
Sie!
Sosehr er auch aufstehen wollte, er schaffte es nur bis auf die Knie. Die Qual in seinen Augen fraß sich immer tiefer. Stiche in seinem Nacken, den Schädel hinauf. Die Finger kribbelten. Mit einem frustrierten Laut schob sie sich unter seinen Arm, zog ihn hoch. Blind taumelte er neben ihr her. Die Lider zusammengepresst, eine Hand darüber, keuchend. Seine Knie knickten immer wieder ein. Er spürte ihren Arm um seinen Rücken, ihre Hand auf seiner anderen Seite. Ihr Hals war ganz nah an seinem Gesicht. In seinem Oberkiefer pochte es. Sie stolperte, fielen gemeinsam auf die Knie. Er krümmte sich vornüber, beide Hände vorm Gesicht. Ein Stöhnen war in seiner Kehle.
»Leise! Bitte, leise!«, flehte sie atemlos neben ihm.
Gehorsam biss er die Zähne zusammen, lauschte mit ihr. Da waren Flüche und Schritte, kamen näher, näher. Sie hielt die Luft an, die Hand vor den Mund gepresst. Abermals ein Fluch. Dann änderten die Schritte ihre Richtung, entfernten sich. Eine Autotür knallte, ein Motor sprang an, sein Grollen wurde schwächer, verstummte. Sie stieß die Luft aus.
Ihre Hand legte sich auf seinen Arm. Er zuckte zurück, stöhnte unter der hastigen Bewegung.
»Ich wollte Hilfe rufen, aber mein Handy … der Akku … Es tut mir so leid. Lassen Sie mich sehen. Ich tue Ihnen nicht weh.« Behutsam hob sie sein Kinn, zog seine Hand weg, berührte sein Gesicht.
»Ahh!« Er fuhr noch heftiger zurück.
Ihr Atemzug klang entsetzt. »O Gott, nein! Mein Pfefferspray. Er hat Sie direkt in die Augen getroffen. Das habe ich nicht gewollt.« Sie beugte sich näher zu ihm, fasste nach seinem Arm. »Sie müssen in ein Krankenhaus.«
»Nein!« Niemals ein Krankenhaus! Nicht mehr! »Nein … ich … nein!« Es heilte auch so. Aber es hatte aufgehört zu heilen. Ihr Geruch verstärkte die Qual in seinem Kiefer, das Brennen in seinen Eingeweiden. Ungeschickt machte er sich los, versuchte von ihr wegzurutschen.
»Aber … Sie können nicht …« Erneut ihre Hand an seinem Arm. Zögern. »Dann kommen Sie mit zu mir. Das Pfefferspray muss runter. Und … Sie bluten. Lassen Sie mich wenigstens danach sehen. Ich meine … ich bin keine Ärztin oder so, aber … ich habe in einer Tierklinik gejobbt und ich will im nächsten Jahr Veterinärmedizin studieren.« Ein irgendwie hilfloses Lachen. »Keine wirklich guten Referenzen, oder?« Ihre Stimme wurde sehr, sehr leise. »Bitte, Sie haben mich vor diesem … diesem … Sie haben mich gerettet. Lassen Sie mich das wenigstens zu einem kleinen Teil wiedergutmachen. Ich wohne nicht weit von hier.«
Er wusste, wo sie wohnte. Das Haus gehörte ihrer Großmutter. Wie der Rummel, auf dem sie jobbte. Sie hütete die Katzen, weil die alte Frau im Krankenhaus lag. Als es so stark regnete, hatte er sich in ihrem Schuppen verkrochen. »Nur das Pfefferspray abwaschen und Ihre anderen Verletzungen versorgen.« Wieder ein Zögern. »Und vielleicht etwas zu essen und … und eine Dusche … oder ein Bad.«
Die letzten Worte weckten Bilder in ihm: heißes Wasser auf der Haut, Wärme, das Gefühl, sauber zu sein, Ruhe, ohne diese ständige unerklärliche Angst. »Sorgt dafür, dass er nicht wieder auftaucht.«
»Kommen Sie, bitte!«
»Kein Krankenhaus! Kein Arzt!« Seine Stimme klang entsetzlich rau. Wie lange hatte er sie nicht mehr...




