E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Rausch Bombennacht
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-944359-74-8
Verlag: Schruf & Stipetic
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-944359-74-8
Verlag: Schruf & Stipetic
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman Rausch schreibt seit den 1990er Jahren. Mit seiner Krimireihe um die Würzburger Kommissare Kilian und Heinlein wurde er bekannt. Es folgten Thriller mit dem Profiler Balthasar Levy und schließlich eine Reihe hervorragend recherchierter historischer Romane, darunter Die letzte Jüdin von Würzburg, für die Roman Rausch 2015 mit dem Bronzenen Homer ausgezeichnet wurde. Er ist Autor diverser Theaterstücke und Recherchestipendiat für deutschsprachige Literatur 2021 der Senatsverwaltung Berlin für Kultur und Europa.
Autoren/Hrsg.
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6:06 Uhr
… / Nervenheilanstalt Füchsleinstraße / SS-Lazarett für Kopfverletzte
Im dunklen Krankensaal roch es nach Urin und Desinfektionsmittel. Zwei der rund zwanzig Patienten wälzten sich in den Betten, die anderen schliefen fest. Der eine Unruhestifter war mit Lederriemen am Bettgestell fixiert. Er brabbelte unverständlich, die Augen folgten seinen Worten, als ob sie eine Antwort jagten, die sich ihnen fortlaufend entzog.
Der andere war erst vor wenigen Stunden notärztlich behandelt und auf Station gebracht worden. Zur Visite am Morgen sollte er von Professor Werner eingehend untersucht werden. Woher der an der linken Kopfseite Verletzte kam und wie er hieß, konnte bislang nicht festgestellt werden. Ihm fehlten sowohl die Erkennungsmarke als auch die Ausweispapiere. Lediglich seine Uniform, die auf einem Stuhl neben dem Bett hing, wies ihn als Offizier im Rang eines SS-Sturmbannführers aus.
Der Kopf und das linke Auge waren unter einem weißen Verband versteckt, Blut sickerte durch die Verbände. Sein einäugiger Blick war unbeweglich auf die weiß getünchte Decke gerichtet, als sei er offenen Auges gestorben. Doch in diesem Soldaten steckte noch Leben. Seine Hand ging zum Stuhl, auf dessen Sitzfläche ein Armeerucksack lag. Darin einige wenige Habseligkeiten – eine Pfeife und eine Tabakbüchse, ein Bild von ihm und seiner Frau während einer Bootstour, eine Taschenlampe, ein Kamm, der Ehering, sein Tagebuch, in dem der Name Dorle auftauchte – die Koseform von Dorothea –, zum Schluss schwungvoll gezeichnet: Dein dich liebender Ferdinand.
Auf den folgenden Seiten des Tagebuchs hatte Ferdinand die Schrecken eines Feldzugs beschrieben, die Erschießungen, die Schreie der Kinder und das Klagen der Alten, die Namen der Befehlshabenden, den astronomischen Verbrauch von Munition, den ständigen Ärger mit dem Nachschub und schließlich die Luftangriffe des Feindes. Tausendfaches Leid auf Seiten der Besatzer und der Bevölkerung, zerfetzte Körper, verschüttete Kameraden. Und immer wieder die Jabos – die feindlichen Kampfflugzeuge. Sie machten ihnen das Leben zur Hölle.
Der letzte Eintrag war mit zittriger Hand geschrieben, kein Datum, schnell hingeworfen: Ungeordneter Rückzug. Wir rennen in alle Richtungen davon, kopflos, jämmerlich, wie aufgeregte Hühner. Verteidigung ist nicht mehr möglich. Keiner von uns weiß, ob er seine Liebste noch einmal wiedersieht. Der Hunger, die Kälte, der Wahnsinn eines sinnlosen Kampfs. Ich werde hier verrecken wie ein heimatloser Hund. Verflucht seien der Verbrecher und sein mörderisches Pack. Was haben wir nur angerichtet?
Über den Wipfeln der Bäume ein Brausen und Tosen. Sie kommen wieder. Mindestens ein Dutzend. Dieses Mal geben sie uns den Rest. Die Motoren dröhnen wie zorniges Wespenvolk. Schnell in den nächsten Unterschlupf, alles verdunkeln, keinen Mucks mehr. Sie sehen jede Bewegung. Oh Gott im Himmel, verzeih mir meine Sünden … und lass mich meine Dorle ein letztes Mal in die Arme schließen.
Die Tür ging auf, mit ihr fiel das fahle Licht des Gangs in den Saal. Die Silhouette in der Tür hatte eine schmale Taille, gerade Beine und hochgestecktes Haar, darauf eine Haube.
Dorle?
Fanny, die Krankenschwester, ging geradewegs zu den Fenstern. Die Absätze ihrer Schuhe klackten auf dem frisch gewienerten Linoleum.
»Guten Morgen.«
Ihre Stimme klang bestimmt, aber freundlich. Sie wusste um das Leid und die Schmerzen dieser Männer, die Erschöpfung, die Albträume, die panische Angst, so kurz vor der Rückkehr in die Heimat zu sterben oder durch die Erinnerungen verrückt zu werden.
»Der Professor wird in wenigen Minuten bei Ihnen sein«, sagte sie und zog die schweren schwarzen Vorhänge zurück, die keinen Lichtstrahl entweichen ließen, um den feindlichen Fliegern kein Ziel zu bieten.
Der schwarze Mantel, der die Stadt und das gesamte Tal in der Nacht verborgen hatte, hob sich. Der nächtliche Himmel wich einem tiefen Blau, und nur eine dünne Mondsichel behauptete sich noch gegen den anbrechenden Morgen.
Durch die geöffneten Fenster schwappte frische Morgenluft herein. Es roch nach Frühling, begleitet von einem bunten Chor der Frühaufsteher hier am Schalksberg, wo einst Kelten gehaust und Hexen Schindluder getrieben hatten. Buchfinken konkurrierten mit Rotkehlchen und einem Kuckuck, der Zilpzalp rief unablässig seinen Namen, nur die Kohlmeise pries eine Frau – Judith, Judith stach es durch all das Werben für ein gemeinsames Nest hindurch.
»Vorhang zu!«, rief eine Stimme quer durch den Raum. »Sie sehen uns.« Der Soldat mit dem Kopfverband saß aufrecht im Bett, in seinem Gesicht die Erinnerung an den Schrecken der Jabos.
Fanny ging zu ihm und je näher sie ihm kam, desto merklicher wurde seine Gereiztheit.
»Beruhigen Sie sich«, sagte sie, »es ist alles in Ordnung.« Sie bückte sich zu ihm hinab, versuchte ihn an den Schultern aufs Bett zurückzudrücken, doch der Mann meinte es ernst.
»Die Vorhänge zu! Sie kommen!« Ein Stoß warf Fanny zurück. Obwohl sie seit einem Jahr auf dieser Station der schwer Hirnverletzten eigentlich nichts mehr überraschen sollte, war sie blindlings in die Attacke gelaufen. Nun war es an ihr, den Mann zu besänftigen, bevor die Visite kam und sie sich vor der gesamten Ärzteschaft blamierte.
»Es ist Morgen, niemand kann uns sehen.«
»Sie haben Augen wie die Adler«, schrie er sie an, frisches Blut drang durch den Verband.
»Ich verstehe«, gab sie vordergründig klein bei, während sie den Druck auf seine Schultern verstärkte, »aber …«
Er schlug nach ihr, sie stürzte nach hinten, die weiße Schwesternhaube fiel zu Boden.
Der Mann mühte sich ächzend aus dem Bett, seine nackten Füße auf dem Linoleum, gleich neben Fanny. Sie packte ihn an den Fußgelenken.
»Sie dürfen nicht aufstehen«, rief sie und hielt ihn fest.
»Die Fenster … sie sehen uns.«
Das Licht ging an. Es blendete den aufgebrachten Soldaten und Fanny gleichermaßen. Eine Stimme erhob sich.
»Was ist hier los?!« Es war Professor Werner, ein stattlicher Mann von Mitte vierzig, Stirnglatze, der Haaransatz an den Seiten ergraut, die Augenbrauen aber dunkel, für manchen Geschmack etwas zu buschig. Auffällig waren seine feinen, geschwungenen Lippen, die nicht so recht in dieses Gesicht passen wollten. Unter dem offenen weißen Kittel trug er seine Uniform im Dienstgrad eines SS-Obersturmbannführers.
»Licht aus!«, schrie der Mann.
Jemand aus dem Tross um Professor Werner eilte herbei. »Um Himmels willen, Fanny, was hast du jetzt wieder angestellt?!«
Es war die Oberschwester, die von allen gefürchtete Mutter der Kompanie ohne Dienstrang, Verständnis oder Gnade, ein knorriger, alter Hausdrachen, wie man ihn sich nicht schlimmer vorstellen konnte.
»Der Patient ist renitent«, antwortete Fanny entschuldigend und erhob sich, ihr Kopf schmerzte, dazu ein leichter Schwindel.
»Bringen Sie das in Ordnung«, ordnete Professor Werner mit mürrischem Blick auf das Malheur an.
»Sofort«, erwiderte die Oberschwester eilfertig. Ihr Blick hätte Eisen schneiden können, und er galt Fanny. Das würde ein Nachspiel haben, so viel war sicher. »Hol Verbandsmaterial.«
Fanny bahnte sich gesenkten Haupts den Weg durch die Gruppe der Ärzte, die sich wie ein Rudel um das Alpha-Tier Werner scharten. Sie biss sich auf die Lippen. Verdammt, peitschte es ihr durch den Kopf, wieso musste das ausgerechnet vor der Visite passieren? Die Oberschwester würde ihr das nicht durchgehen lassen, das freie Wochenende war damit gestrichen.
Wenigstens hatte der Professor den Vorfall nicht weiter aufgeblasen, ihn nicht zum Anlass genommen, seinem Unmut über die unerträgliche Situation in der Nervenklinik freien Lauf zu lassen. Die Stationen waren mit Verletzten und Kranken überfüllt, und ständig wurden ihnen neue Patienten zugewiesen, die anderswo nicht unterkamen. Es musste dringend etwas geschehen. Der Erweiterungsbau, den Werner zur Chefsache erklärt hatte, ging nur langsam voran. Er brauchte mehr Arbeiter und vor allem Baumaterial, das in den vergangenen Monaten knapp geworden war.
Seufzend stand Fanny vor dem Regal mit dem Verbandszeug, konzentrierte sich. Was brauchte sie alles? Der Patient hatte eine schwere Kopfverletzung, Splitter in seinem Gehirn, so hatte es der aufnehmende Arzt auf dem Krankenblatt festgehalten. Er würde noch heute operiert, sofern genug Morphium vorhanden war. Bis dahin brauchte sie Mull, Schere, Desinfektion …
Ein lauter Ausruf ließ sie aufhorchen.
»Sind Sie verrückt geworden?!«
Es war Werners Stimme. Für einen Moment verharrte sie, hörte genauer hin. Jemand anderes sprach, sie konnte es nicht verstehen. Dann wieder Werner.
»Legen Sie die Waffe weg!«
Waffe? Sie packte in beide Arme, was sie greifen konnte, und lief los.
Auf dem Gang sah sie zwei Ärzte, die an der offen stehenden Tür ausharrten, in ihren Gesichtern Furcht und Überraschung.
»Gehen Sie nicht da rein«, sagte einer, doch sie beachtete ihn nicht.
Die Patienten drängten sich in...




