E-Book, Deutsch, Band 2, 421 Seiten
Rauch / Konitzer Berlinese & Bavarese
Erstauflage 2025
ISBN: 978-3-9825566-8-0
Verlag: Edition Rauchzeichen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
2. Teil 1978-1985
E-Book, Deutsch, Band 2, 421 Seiten
Reihe: Berlinese & Bavarese / Ein Briefroman
ISBN: 978-3-9825566-8-0
Verlag: Edition Rauchzeichen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Heidi Rauch ist Diplom-Journalistin, PR-Beraterin und Buchautorin. Nach dem Abitur am Französischen Gymnasium in Berlin ist sie zum Studium nach München gezogen (Deutsche Journalistenschule und Ludwig-Maximilians-Universität). Dort hat sie zuerst als Theaterkritikerin gearbeitet (Münchner Theaterzeitung), bevor sie 1988 in die Öffentlichkeitsarbeit für Kultur wechselte. Seit 1999 macht sie die PR-Arbeit für den Golfclub München Eichenried. Mit ihrem Mann Michael Konitzer pendelt sie zwischen München und den mittelitalienischen Marken, wo sie die Bücher für ihre eigene Edition Rauchzeichen schreibt.
Zielgruppe
Alle, die sich gern an die 70er und 80er Jahre erinnern bzw. mehr darüber erfahren möchten - besonders Berliner*innen und Münchner*innen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Elternstreits und Trennungen, Griechenland-, Deutschland- und Venedig-Reisen, Pop-Zeitung (1979)
München, 31. Januar 1979
Lieber Max,
endlich bin ich wieder in München! Am 22. Dezember hat mich Werner abgeholt und ich habe dick in mein Tagebuch geschrieben: Endlich weg von Regensburg! Zwar war es zum Schluss mit meinen Terminen für die Kultur-Redaktion unter Kurt Hofner und im „Weltspiegel“ von Ulrich Kelber etwas besser, aber insgesamt fand ich das doch alles ziemlich provinziell. Immerhin habe ich wie Du auch einige Filme vorher gesehen. Ganz konventionell war ich mit Wolfgang abends in München im Cinema und habe „Als die Gondeln Trauer tragen“ gesehen. Ein wahnsinnig gut und spannend gefilmter Psycho-Krimi in Venedig mit Julie Christie und Donald Sutherland. Filmtechnisch einer der besten Filme, die ich kenne! Du hast ihn bestimmt auch schon gesehen. Ich finde es toll, dass Du Dich jetzt mit der Theater- und der Pop-Zeitung in Richtung Kultur bewegst. Ich habe mir die Münchner Theaterzeitung gleich gekauft und einiges von Dir gelesen. Gefällt mir recht gut. Für die Münchner Theaterzeitung würde ich auch gern mal schreiben. Vielleicht ergibt sich da mal was …
Über Weihnachten und Silvester war ich in Berlin. Das war ein bisschen langweilig, weil wir wegen der irren Kälte viel zu Hause geblieben sind. Wir hatten Silvester -18 Grad und Glatteis! Da meine Mama unglücklich gestürzt ist und einige schmerzhafte Prellungen hatte, war uns nicht nach Feiern zumute. Meine Tante Christa und Onkel Horst hatten im Winterurlaub sogar -23 Grad und konnten ein paar Tage gar nicht Ski fahren! Immerhin war ich in Berlin wieder im Theater. Mit meiner Cousine Beate, die sich unschön zum Punk entwickelt, habe ich im Schillertheater „Das Pariser Leben“ von Jacques Offenbach gesehen. Beate hat gerade die Geschichte von Christiane F. „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gelesen und mir versichert, dass sie zwar kifft als Punk, aber mehr will sie angeblich nicht. Ich bin mir da nicht sicher, sie wirkt so labil. Und meine Tante Waltraud ist keine behütende Mutter wie meine. Ich glaube, da fehlt ihr der mütterliche Halt. Dann habe ich im Theater des Westens mit meiner Freundin Claudia „Cabaret“ gesehen, von ganz oben im 3. Rang fast unter dem Dach! Jutta Boll und Horst Buchholz kommen an Liza Minelli und Joel Grey weder stimmlich noch schauspielerisch heran, aber mir gefiel es trotz der schlechten Kritiken eigentlich ganz gut.
Zu allem Überfluss haben sich meine Eltern kurz vor meinem Abflug noch schwer gestritten. Es ist so eskaliert, dass ich eine Psychotherapie bei einer Eheberaterin empfohlen habe! Auslöser war am 6. Januar das Aktuelle Sportstudio im Fernsehen mit Alice Schwarzer als Gast, die sich sehr intelligent über Frauen im Sport äußerte. Daraufhin gab es bei uns eine teils erregt-aggressive Diskussion über Sex und insbesondere über die Beziehung zwischen meiner Mama und meinem Papa. Sie überschütteten sich gegenseitig mit Vorwürfen und beharrten stur auf ihren Positionen. Meinen Vorschlag für eine Beratung haben sie einhellig abgelehnt. Resignation, Bequemlichkeit, Angst und Sturheit sind kaum zu überwinden. Schuld haben wie immer beide, natürlich auch bedingt durch eine verklemmte Erziehung und übertriebene Rücksichtnahme aufeinander. Mein Vater liebt Gespräche nicht, meine Mutter braucht sie. Ob es da noch eine Basis gibt? Eines kann ich Dir jetzt schon sagen: Wenn ich einmal verheiratet sein sollte, wird es viele Gespräche geben. Und zwar immer sofort, wenn sich irgendwie Unzufriedenheit oder so aufbauen sollte. Es bringt doch nichts, unbefriedigte Bedürfnisse unter den Teppich der vermeintlichen Harmonie zu kehren. Irgendwann kommt das an die Oberfläche. Ich hoffe, dass Monika Dir immer genau sagt, wo ihr möglicherweise etwas fehlt. Und das meine ich mal nicht nur sexuell.
Seit Anfang des Jahres spiele ich übrigens Squash. Kennst Du den Sport? Werner und sein Freund Klaus spielen in der Pocci-, Ecke Bavariastraße in einem Center, und ich habe das jetzt auch probiert. Anfangs habe ich keinen Ball getroffen, mit der Zeit geht es schon besser. Nach der ersten Stunde habe ich einen mordsmäßigen Muskelkater gehabt, im Po und im rechten Arm. Ich mache immer noch zu viele Fehler. Angeblich habe ich eine „Flamingo“-Haltung, d. h. ich stehe auf einem Fuß, zu dicht am Ball und reagiere zu langsam! Na ja, das wird schon werden.
Die Journalistenschule hat auch wieder angefangen. Da haben wir u. a. ein Projekt über die Sanierung in Haidhausen, wo Du ja nun wohnst. Ich bin in der Gruppe, die eine Stadtteilzeitung erstellen soll. Von meinen Klassenkameraden habe ich mittlerweile erfahren, dass es ihnen in ihren Praktika auch nicht immer nur gut gegangen ist. Günther Neufeldt etwa war bei der Agentur ddp und hat nur Rumgebrülle und Stress erlebt. Ach ja, und dann habe ich mir einen Job gesucht. Da kannst Du mich gern mal besuchen: Seit 19. Januar verkaufe ich aushilfsweise im Olympia-Einkaufszentrum – in „Heidi’s Geschenkboutique“! Ich bekomme 7,50 DM die Stunde! Meist bin ich nachmittags von 13 bis 18 Uhr da. Es gibt dort lustige Geschenkideen, Briefpapier, Schmuck, Bilderrahmen etc. Wenn ich nichts zu tun habe, muss ich die Geburtstagskarten sortieren oder abstauben. Zeitung lesen an der Kasse darf ich nicht! Das würde so aussehen, als wenn ich mich langweile. Was ich oft auch tue!
Einen Tag war ich übrigens schon mit meinen neuen Skisachen beim Skifahren. Mein Klassenkamerad Kurt Kister und zwei seiner Freunde haben mich nach Kranzberg/Mittenwald mitgenommen. Ein sehr kleines Skigebiet mit einem Einer-Sessellift und zwei Schleppliften.
So, und nun zum Abschluss doch zu meinem Lieblingsthema. Du kannst es Dir denken: Kaum hat die Ausbildung an der Journalistenschule wieder angefangen, habe ich Wolfgang wiedergesehen. Es hat keine drei Wochen gedauert, da waren wir wieder einander verfallen. Anders kann ich es inzwischen nicht mehr nennen, weil ich mich selbst nicht verstehe. Erst ist es die große Liebe mit Werner, dann doch wieder nicht. Als wir endgültig (?) Schluss gemacht haben, hat er mir vorgeworfen, ich sei sowieso oft so quengelig und viel zu berechnend. Dabei hat er mit seinen Tanzpartnerinnen auch öfter was angefangen, zuletzt mit einem Prinzengarde-Mädchen namens Gaby. Passend zum Neuanfang mit Wolfi haben wir mein altes Bett zerlegt, bei dem schon zwei Bretter kaputt waren. Das neue ist ein grünes Cord-Schlafsofa. Ich bin fast selbst gespannt, wie sich das alles entwickeln wird …
München, 12. April 1979
Liebe Linda,
erst noch mal vielen Dank, dass Du Dir so viel Zeit genommen hast, mir in meinem Liebeskummer mit Monika zur Seite zu stehen und mich zu treffen. Sonst wäre ich ja auch nie im Leben in „Heidi’s Geschenkboutique“ gegangen… Deine Einschätzung hat mir sehr geholfen, wieder ein wenig Mut zu fassen. Ich möchte jetzt unsere schöne Tradition des Briefwechsels dazu nutzen, meine wirren Gedanken etwas zu ordnen – wenn Dir das nicht zu viel wird. Aber durch Deine Probleme mit Wolfgang und Werner hast Du ja da vielleicht ein wenig Geduld mit mir.
Monika ist in ihrer Entscheidung für mich oder Korbinian noch nicht recht weitergekommen. Sie sagt, dass sie mich noch liebt, aber von Korbinian so fasziniert ist, auch weil er älter ist und schon beruflich was geschafft hat. Er ist gelernter Maschinenbauer, hat dann Abitur auf dem 2. Bildungsweg gemacht, studiert Philosophie und ist in der DAG Seminarleiter. Da kann ich gar nicht mithalten. Ich habe mich ja noch nicht mal entschieden, was ich denn jetzt zu Ende studieren möchte (oder kann). Was danach beruflich möglich ist, weiß ich auch nicht. Dramaturg bei Theaterwissenschaften wäre eine Option, Lektor bei Germanistik. Beides sehr rare Berufe, bei denen ich nicht mal weiß, ob sie mir gefallen könnten, geschweige denn, ob ich eine Anstellung bekomme. Klar, dass Korbinian da Monika eine bessere Perspektive bieten kann.
Ich bin durch das Geständnis von Monika, dass sie in einen anderen Mann verliebt ist, rundum verunsichert, nicht zuletzt auch sexuell. Ich weiß so gar nichts mit mir anzufangen derzeit. Ich schlafe schlecht, und der tägliche Umgang mit Monika ist sehr verkrampft. Immer wieder trifft sie sich mit Korbinian. Sie braucht das, sagt sie, um entscheiden zu können, ob und wie es mit uns weitergehen kann. Mir tut das jedes Mal wieder sehr weh. Ich tröste mich dann auch zu oft und zu sehr mit Alkohol. Ich weiß aber in meiner Verzweiflung oft keinen anderen Ausweg. Wir haben uns entschieden, noch einmal Anfang Mai gemeinsam 14 Tage in Urlaub nach Griechenland zu fahren, um zu sehen, ob unsere Beziehung noch zu retten ist. Was hältst Du von dieser Idee? Ich habe große Hoffnung, dass die Wärme des Südens und unsere schönen Erinnerungen an unseren Griechenland-Urlaub uns vielleicht wieder zusammenführen könnten. Wir fahren mit dem Auto und dem Zelt, werden aber je nach Wetter auch mal Zimmer nehmen.
Meine Mutter ist in der Situation leider auch gar nicht hilfreich. Sie sagt mir natürlich, sie hätte es doch immer gewusst, dass Monika nichts für mich ist und dass es ein großer Fehler gewesen sei, dass wir geheiratet haben - noch dazu auch kirchlich. Sie ist sich nicht zu schade zu wiederholen, ich hätte doch meine männlichen Bedürfnisse auch ohne Heirat befriedigen können. Das aus einem sonst so betont katholischen Mund! Religion ist schon ein echter Hafen des Pharisäertums.
Meine Freunde, denen ich das Dilemma geschildert habe, können mich auch nicht recht trösten. Sie sind selbst nicht verheiratet oder haben gar keine feste Beziehung. Außerdem...




