Rasch | Giraffe im Schlafrock | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 210 Seiten

Rasch Giraffe im Schlafrock


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7543-7714-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 210 Seiten

ISBN: 978-3-7543-7714-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eines Morgens taucht aus dem Nichts eine blumenfressende Giraffe in einer kleinen Stadt auf. Ihr enormer Hunger und ihre Sehnsucht nach Liebe wirbelt das Leben einiger Männer und Frauen in dem Ort gehörig durcheinander.

Michael Rasch ist Ethnologe. Sein Spezialgebiet sind historische Konfliktsituationen zwischen lokaler und ortsfremder Flora und Fauna im fränkischem Raum.

Rasch Giraffe im Schlafrock jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Am frühen Morgen kitzelten Sonnenstrahlen die Nasenspitze von Museumsdirektor Anselm Scharrer. Ohne lang zu zögern sprang er aus seinem weichen Bett und zog sich seinen geliebten weißen Seidenschlafrock mit den großen blauen Punkten an. Frohgemut trat er vor das Fachwerkhäuschen, in dem er mit seinem Hund Franz lebte. Kein noch so kleines Wölkchen trübte den Eindruck eines wundervollen, strahlenden Tages. Die Vögel gaben lautstark ihr Morgenkonzert. Vom etwas seitlich gelegenen Blumengarten, hinter einer dichten Buchsbaumhecke versteckt, umwehte ihn der betörende Duft seiner von ihm sorgfältig umhegten Rosen. Der Geruch schien ihm heute allerdings weniger intensiv zu sein, als er es sonst gewohnt war. „Das Wetter“, seufzte er. Seitdem ihm der Arzt geraten hatte, mehr auf seine Gesundheit zu achten, machte er jeden Morgen zehn Kniebeugen vor der Haustür. Heute schien er es besonders nötig zu haben. Denn seine Glieder und sein Kopf schmerzten wie seit langem nicht mehr. Was war nur los? Ach ja, die Feier gestern Abend. Die frische Luft und etwas Bewegung würden ihm gut tun. Anselm reckte sein Kinn weit nach vorne, zog den stattlichen Direktorenbauch ein und drückte die männliche Brust hervor. Rücken gerade, Füße parallel. Alles richtig, wie im Lehrbuch zur Leibesertüchtigung von Turnvater Jahn beschrieben. Er hob die Arme im rechten Winkel zum Körper an und machte seine erste Kniebeuge, als Franz mit lautem Gebell in den Rosengarten sprang. So kannte er seinen Hund gar nicht. Wie sollte er sich bei diesem Lärm auf seine Leibesübungen konzentrieren können? Eins, zwei oder schon vier? Aber sein kleiner Mischling war durch Zurufen nicht zu beruhigen. So raffte der Museumsdirektor seinen blaugepunkteten Schlafrock und ging hinter die dichte, hohe Buchsbaumhecke nachsehen, warum der Hund so laut kläffte. „Franz, Ruhe! Mein Kopf tut doch weh! Aua! Willst du wohl still sein?“ Der Vierbeiner zupfte aufgeregt an seinem Morgenmantel. Aber Anselm bemerkte das nicht mehr, denn was er jetzt in seinem geliebten Rosengarten sah, raubte ihm die Sinne. Anselm Scharrer wurde dunkel vor den Augen. Die Welt vor ihm verschwand. Der Museumsmann sank zu Boden. Als er wieder zu sich kam, wäre der kleine, dicke Mann beinahe gleich wieder ohnmächtig geworden. Denn alles was er sah, waren eine riesige schwarze, feuchte Nase und zwei große dunkelbraune Augen direkt über sich. Plötzlich wurde es sehr klebrig - nass in seinem Gesicht. Ihn überkam am ganzen Körper eine Gänsehaut. Dabei leckte ihn Franz nur aus Besorgnis mit seiner großen rosa Zunge. Er hatte den Museumsdirektor noch nie bewusstlos gesehen. „Nein. Aus. Mach das nicht. Pfui Deibel“, rief Anselm Scharrer, stieß seinen kleinen Freund zur Seite und rappelte sich mühsam auf. An seinem Hinterkopf bildete sich bereits eine kleine Beule, verursacht durch den Sturz. Das war aber im Moment nicht seine größte Sorge, denn er konnte immer noch nicht fassen, was er an diesem sonnigen Morgen in seinem geliebten Rosengarten sehen musste. Vor ihm lag mitten auf seinen wertvollen, alten Rosenstöcken eine riesige Giraffe auf ihrem großen, runden Bauch und schnarchte leise. Die vier sehr langen, dünnen Beine und den ellenlangen Hals hatte sie weit von sich gestreckt. Kleine, freche Spatzen setzten sich auf die beiden kleinen Hörnchen am Kopf der Giraffe und zwitscherten aufgeregt. Scharrer zwickte sich mehrmals in seinen Oberarm. Aber es half nichts. Auch nicht, wenn er sich in den anderen Oberarm zwickte. Das war kein Alptraum. Vor ihm lag wirklich ein riesiges afrikanisches Savannentier auf seinen berühmten Rosenzüchtungen und schnarchte. Jedes Mal, wenn sie einatmete, hob sich ihr mächtiger Körper, die Vögelchen hüpften kurz in die Höhe, flatterten ein- oder zweimal mit ihren Flügeln und setzten sich dann wieder auf das fleckige Fell, wo sie mit ihren Kollegen fröhlich weiter zwitscherten. Scharrer starrte ungläubig auf das afrikanische Wesen. Tränen füllten seine wasserblauen Augen. Die Giraffe hatte es sich in seinem Rosengarten, in dem er seit über dreißig Jahren alte Rosensorten aus der Zeit vor dem Wiener Kongress züchtete, gemütlich gemacht. Entsetzt erblickte er die Reste seiner geschätzten Jakobitenrose, die unter dem dicken Bauch der Giraffe hervorlugten. Eine rahmweiß gefüllte Rosenart, deren Züchtung um 1600 zum ersten Mal in den botanischen Fachbüchern erwähnt wurde. Scharrer war es umgehend klar: Was unter so einem schweren Tierkörper einmal gelegen hatte, war nicht mehr zu retten. Schluchzend zupfte er vorsichtig die welke Blüte einer karmesinrot-cremeweiß gestreiften Versicolor, seit 1583 in der Gartenkunde belegt, aus dem Mundwinkel der schnarchenden Giraffe. Mit dieser kostbaren Rose, deren direkter Stammbaum bis zu den schottischen Stuarts zurückzuverfolgen war, hatte er diesen Sommer bei der großen Rosenschau im Landkreis einen Preis gewinnen wollen. Aus und vorbei. Die Arbeit von über dreißig Jahren, in die er so viel Zeit und Liebe, aber auch Geld gesteckt hatte, lag zerstört vor ihm unter einem dicken, fleckigen Giraffenbauch begraben. Dem kleinen runden Mann mit der glänzenden Glatze war sofort gewiss: Das war gar keine Giraffe, sondern ein Monster, wie es in alten Büchern beschrieben stand. Was hatte er getan, dass er so bestraft worden war? Warum wurde er von einer solchen Plage heimgesucht? Welche Sünde hatte er begangen, dass ein Untier in nur einer Nacht seine geliebten Rosen zerdrückt und weggefressen hatte? Aber da knurrte Franz das schnarchende Monster an. Was würde sein, wenn das Ungeheuer aufwachte? Er selbst war doch recht klein. Sein Hund noch viel kleiner. Wie konnte er sich vor einer gewaltigen Bestie mit Hörnern, das keinen Respekt vor kostbaren und stacheligen Rosen hatte, schützen? Scharrer wies seinen Hund zurecht, der zum Glück ausnahmsweise einmal auf seine Befehle hörte, wischte sich die Tränen aus den Gesicht und stürmte in sein kleines Haus. Nach der Angst spürte er jetzt eine unbändige Wut in sich aufsteigen. Man hatte seine Rosen zerstört. Ihm dadurch Schlimmstes angetan. Er musste sich wehren. Zornig rief er die Polizei an. Wozu gab es die? Hätte sie ihre Arbeit ordentlich getan, würde sich jetzt kein exotisches Giraffentier in seinem historischen Rosengarten breit machen können! Giraffen lebten bekanntlich nicht in Vorstädten. Sollte die Stadtpolizei nicht dafür sorgen, dass Ordnung in der Vorstadt herrscht? Als er aufgelegt hatte, atmete er tief durch und zählte rückwärts von zehn bis eins. Angeblich sollte das beruhigen. Aber davon spürte er nichts. Auch als er von eins bis zehn gezählt hatte, wurde er nicht ruhiger. Im Gegenteil. Noch zorniger als gerade eben griff er zum Fernsprechhörer und rief beim Zoodirektor Meyerheim an. Verkatert lag dieser in seinem Himmelbett mit dem dunkelgrünen Damastbaldachin, in den seine früh verwitwete Großtante einstmals das Bild eines großen brüllenden Löwens gestickt hatte. Eine stetige Aufforderung an den Zoodirektor, wie ein König über sein Reich zu herrschen. Als Meyerheim endlich das Telefon abhob, war er sehr verärgert, dass ihn so früh am Morgen schon jemand störte. Wozu wurde man Zoodirektor, wenn die Leute einen nicht so lange schlafen ließen, wie man wollte? Am anderen Ende der Leitung war nur ein lautes Brüllen zu hören. Meyerheim blickte auf den gestickten Löwen mit dem aufgerissenem Maul über sich und verstand rein gar nichts. Keifen, Röcheln, Stöhnen, Schreien, Brüllen. Es dauerte lange, bis er endlich begriff, dass dieser Unmensch am anderen Ende der Leitung sein Erzfeind Anselm Scharrer war. Warum der sich aber so aufregte, das wurde für den behäbigen Zoodirektor aus dem Wutgeschnaube nicht deutlich. Affe? Gier? Rosen? Schaden? Skandal? Rache? Ende? Scharrer und er pflegten seit Jahrzehnten ihre Gegnerschaft durch kleinere und größere Sticheleien und auch mal durch den einen oder anderen Streich. Ganz ohne Spaß, ihre Feindschaft war ihnen beiden bitterernst. Als er endlich verstand, was der Museumsdirektor durch die Fernsprechleitung ihn vorwarf, explodierte er geradezu. Das war doch die Höhe! Der Zoodirektor sah zum Wandkalender mit den schönsten Tieraquarellen der Malerin Claudià Borschárdt. Aber heute war ganz eindeutig nicht der erste April. Meyerheim knallte den Hörer auf die Gabel, sprang aus seinem Himmelbett und lief in seinem blaugepunkteten Seidenpyjama zum Fenster, von dem aus er auf das Giraffengehege seines beschaulichen Zoos blicken konnte. Dort stand die Giraffe Monika im frühen Sonnenschein und labte sich am Grün der Bäume. Ein Spatz flog heran und setzte sich auf eines der Hörnchen des afrikanischen Tieres. Alles war so, wie es seit jeher in seinem kleinen Tiergarten gewesen war. Ein jedes Tier tat an seinem Platz, wozu es in der Schöpfung vorgesehen war. Ein friedliches Leben in einer modernen Arche. Wütend unterzog sich der Zoodirektor einer Katzenwäsche und wechselte seinen Schlafanzug gegen einen dunkelgrauen...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.