E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
Rangnick Bauernfänger
11001. Auflage 2011
ISBN: 978-3-8437-0048-1
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
ISBN: 978-3-8437-0048-1
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Joachim Rangnick, geboren 1947, ist studierter Grafiker und lebt in Weingarten. Heute widmet er sich ganz dem Schreiben. In seinen Kriminalromanen bringt sich Journalist Robert Walcher im beschaulichen Allgäu immer wieder in höchste Gefahr.
Autoren/Hrsg.
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Münzers Nachlass
Nach dem Beinahe-Zusammenstoß mit dem Skater hatte sich Walcher mit längst fälliger Gartenarbeit abgelenkt. Zwei Stunden lang riss er hüfthohe Gewächse aus den Gemüsebeeten, die dort nicht hingehörten. Brennnessel, Ackerwinde, Himmelsleiter, Storchenschnabel, Hederich, Ackersenf und andere wildwachsende Pflanzen – und das waren in seinem Gartendschungel unzählige Schubkarrenladungen voll – hatten sich zwischen seinen Kulturpflanzen breitgemacht. Danach zwickte er noch die wild wuchernden Tomatensprossen heraus, weil er den Tomatengeruch dabei so liebte, kürzte die meterlangen Triebe der Kürbisse und Gurken, die vom Komposthaufen her den Garten überwucherten und dachte währenddessen an Lisa und an die Hitze Andalusiens. Nach einer Brotzeitpause mit einer Flasche kühlen Weißbiers stand er unter seiner selbstgebauten Gartendusche und sang laut »Chi non lavora non fa l’amore«, eine der wenigen italienischen Schnulzen, deren Text er kannte. Er fühlte sich wohl und beschloss spontan, anschließend Lisa zu besuchen. Die Mittagsglocken klangen herauf, und vielleicht hatte Lisa etwas gekocht oder wenn nicht, könnte er sie zum Essen einladen.
»Bitte ziehen Sie sich etwas an, ich drehe mich solange um!« Nach einem kurzen Schreckensmoment hatte Walcher die Stimme erkannt und konnte sie trotz des rauschenden Wassers Münzers Frau Doktor zuordnen. »Sie können auch mitduschen«, versuchte er einen kläglichen Scherz, drehte der Dusche, die aus Schlauch und Gießkannenkopf bestand und in der Astgabel des Apfelbaums steckte, das Wasser ab und griff nach seinem Bademantel. »War nicht so ganz ernst gemeint, das mit dem …«, wollte er abschwächen, beendete aber seinen Satz nicht, sondern starrte die Frau an, die da vor ihm stand, und die so gar nichts mit dem Weißkittel bei seinem Besuch im Sanatorium gemeinsam hatte. Außerdem hatte sie sich nicht umgedreht.
Das blonde Haar war zu einem lockeren Knoten hochgesteckt, der goldbraune Oberkörper steckte in einem knappen Träger-Shirt, dazu trug sie enge Jeans – vor ihm stand eine beunruhigend schöne Frau, die kühl feststellte: »Ich bin nicht gekommen, um mit Ihnen zu duschen!«
Walcher grinste etwas dümmlich, zeigte zum Gartentisch und schaltete ebenfalls auf kühl:
»Darf ich Ihnen etwas anbieten?«
»Das ist sehr nett von Ihnen, aber ich bin nur gekommen, um Ihnen dieses Päckchen zu bringen. Es ist von Vater, von Herrn Münzer«, korrigierte sie sich. »Ich soll Sie darauf hinweisen, dass ich den Inhalt größtenteils kenne und Sie dringend auffordern, ihn wie einen Schatz zu hüten. So hat sich Herr Münzer ausgedrückt.«
Während sie dies sagte, reichte sie ihm ein Päckchen, das in etwa der Größe von zwei aufeinandergelegten Taschenbüchern entsprach. Er nahm es an sich und begutachtete es, so als wolle er den Inhalt erraten. Sie drehte sich um, ging einige Schritte auf die Hausecke zu, um die sie gekommen war, blieb dann stehen und rief ihm über die Schulter zu:
»Übrigens sollten Sie sich eincremen, Sie haben schon einen leichten Sonnenbrand auf Ihrem Hinterteil. Glauben Sie einer Hautärztin.«
Walcher bekam nicht ihr Schmunzeln mit, als sie um die Hausecke verschwand. Mit dem Päckchen in der Hand lief er ihr nach, rammte sich jedoch nach zwei Schritten einen Dorn oder Holzspreißel in den linken Fußballen, hüpfte fluchend vor Schmerzen auf dem rechten Bein weiter, bog um die Hausecke … und blieb dort abrupt stehen, denn Frau Doktor stieg gerade in den schwarzen Mercedes, der ihn auf der Heimfahrt vom Sanatorium verfolgt hatte.
Nicht, dass er sich an den Mann mit der Sonnenbrille Typ Bodybuilder erinnert hätte, der hinter dem Steuer saß, sehr wohl aber an den kurzen Bindfaden, der an der Dachantenne baumelte und an dessen Ende irgendein kleines rotes Teil hing, vielleicht der Rest eines Luftballons. Walcher zögerte, zumal er mitten im Hof einen zweiten Mann gleichen Typus entdeckte, der mit dem Rücken zum Auto stand und anscheinend interessiert in die Landschaft guckte. Trotzdem hüpfte Walcher auf den Wagen zu, hielt sich an der noch offenen Seitentür fest, beugte sich hinunter, obwohl der Bodyguard eine drohende Haltung annahm und fragte: »Wie heißen Sie eigentlich?«
Sachlich und knapp kam die Antwort aus dem Auto, »Caroline Münzer«.
Dann führte Walcher einen Hüpftanz auf, weil ihr Beschützer die Tür zudrückte und ihm den Halt und die Balance nahm, was Caroline belustigt beobachtete. Sie winkte ihm zu, dann fuhr der Wagen vom Hof.
Also hatten sie ihn nicht verfolgt, sondern waren als eine Art Personenschutz hinter ihm hergefahren, denn wo er wohnte, das hatten sie sicher schon vorher gewusst, schließlich kannten sie sein Auto. Walcher setzte sich an der Stelle ins Gras, wo er gerade auf einem Bein gestanden hatte und zog sich den Dorn aus dem Fuß. Nur noch leicht hinkend, kehrte er, mit dem Päckchen in der rechten Hand, zur Gartenseite hinter dem Haus zurück.
Am Gartentisch riss er das Packpapier auf und fand vier altertümliche Kassetten, eine CD und zwölf in der Mitte gefaltete Blätter vor. Walcher überlegte, wo er noch einen Kassettenrekorder herumliegen hatte und hinkte in den Stall. Dort lagen in einem Karton Geräte aus der analogen Ära, darunter auch ein Rekorder für Kassetten. Wieder zurück auf der Terrasse, brachte er erst einmal die CD und auch die Blätter in die Küche. »Kein Sonnenlicht auf CDs«, hatte ihm einst ein Fachmann eingebläut. Die Blätter waren engzeilig mit Namen, Adressen, Telefonnummern und Mailadressen beschrieben. Er sah sie sich jetzt nicht genauer an, sondern schob die CD und die Papiere in die Schublade des Bauerntisches.
Da ihm zum Desinfizieren der kleinen Fußwunde der Rest Weizenbier nicht geeignet erschien, holte er die halbleere Flasche Sherry aus dem Barschrank im Wohnzimmer und nahm sie samt Glas mit auf die Terrasse. Im Sitzen tupfte er etwas Sherry auf die leicht blutende Stelle an der Fußsohle und trank auch einen Schluck davon. Er vertraute den persischen Medizinern, die schon in der Antike die desinfizierende Kraft starker Weine genutzt hatten.
Die Kassetten waren mit einem weißen Marker durchnummeriert. Walcher schob die erste in den Kassettenrekorder und drückte auf Start. Der ließ auf sich warten, wahrscheinlich waren die Batterien längst eingetrocknet. Er umging die Suche nach frischen Batterien, holte stattdessen aus der Kiste im Stall das Kabel und Trafo und flößte damit dem Rekorder Leben ein. Auf dem Weg zu seiner Liege auf der Terrasse verklemmte sich das Kabel unter dem Tischbein des Gartentisches und Walcher musste zurück, um es zu befreien.
Als er sich bückte, entdeckte er einen Zettel mit perforierter Abrisskante, der nicht viel größer als eine Visitenkarte war. Potemkin stand darauf mit krakeliger, kantiger Schrift. Spontan fiel ihm Münzer ein, obwohl er dessen Schrift nicht kannte. Wahrscheinlich war der Zettel aus dem Päckchen herausgefallen, als er es unachtsam aufgerissen hatte. Walcher steckte den Zettel in die Brusttasche seines Bademantels, setzte sich auf die Liege und startete die Kassette. Noch während er sich zurücklehnte, hörte er Münzers erste Worte. Dieses Mal ignorierte er von Anfang an Münzers Pausen und hielt immer das letzte Wort so lange in Gedanken fest, bis der Anschluss folgte.
Nach unserem Gespräch, mein junger Freund, ich darf Sie doch so nennen, das kein Gespräch war, sondern der Monolog eines alten Mannes, habe ich mir überlegt, dass ich nicht aus dieser Welt gehen kann, ohne meine Geschichte zu Ende zu erzählen. Ja, ich bin Ihnen sehr dankbar, denn Sie haben mich zu diesem Rückblick, oder sollte ich es Beichte nennen, angeregt. Sie erscheinen mir im Moment als der geeignetste Zuhörer, da Sie außerhalb meiner Welt leben und deshalb vermutlich objektiv und mit Neugier manche Information aufnehmen werden. So gesehen, hat Sie mir Fortuna geschickt. Ich habe deshalb, nachdem Sie gegangen waren, unermüdlich das Folgende aufgenommen.
Meine Welt, die ich immer im Griff zu haben glaubte, endet. Sie bricht auseinander oder wie immer man es nennen will. Mein Freund und Gefährte Andreas Mayer wurde von Barbaren erschlagen, als ob man einem Tier den Schädel zertrümmert. Schockierend und demütigend nicht nur der grässlichen Art wegen, sondern weil die Täter vermutlich aus den eigenen Reihen stammen, zumindest von einer unserer Führungskräfte beauftragt wurden.
Andy hatte seinen Weg durch die Pforte des Hades anders geplant. Ihm schwebte ein Abgang vor, begleitet von einer Sinfonie Smetanas, mit einem alten Burgunder auf der Zunge und vielleicht noch dem Duft einer letzten Brasil und dabei den Händedruck von einem Menschen fühlend, dem er besonders verbunden war. Ich bedauere zutiefst, vermutlich nicht mehr erleben zu können, wie der oder die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Aber wahrscheinlich wird man nie herausfinden, wer meinen Freund umgebracht hat.
Kurze Zeit hatte ich ja Sie in Verdacht, weil einer meiner Helfer Sie im Haus am See gesehen hat, als er dort war, um Andy eine Nachricht von mir zu überbringen. Schon seit einiger Zeit ging Andy nicht mehr ans Telefon, manchmal, weil er es nicht hörte, meistens, weil er nicht wollte.
Sie haben aus dem Haus einen Ordner entwendet, eine...