Rammstedt | Der Kaiser von China | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Rammstedt Der Kaiser von China

Roman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8321-8637-1
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-8321-8637-1
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Es ist viel Raum in den Hautfalten des Buddha.' Keith Stapperpfennig kommt aus einer einzigartigen Familie. Von der Mutter weiß er wenig, vom Vater gar nichts. Zusammen mit vier vermeintlichen Geschwistern wuchs er beim Großvater auf - mit immer neuen, immer jüngeren Großmüttern. In eine von ihnen hat Keith sich selbst verliebt. Zum Achtzigsten schenken die Enkel ihrem Großvater eine gemeinsame Reise an ein Ziel seiner Wahl. Als er sich China wünscht, will keiner ihn begleiten - am Ende bleibt es an Keith hängen. Der lehnt sich zum ersten Mal im Leben auf, verjubelt das Reisegeld und lässt den Großvater alleine ziehen. Doch dann bekommt Keith von der jüngsten Großmutter einen Anruf, sein Opa sei im Westerwald gestorben. Er muss eine Geschichte aus dem Hut zaubern, die den Geschwistern glaubhaft macht, die Reise habe stattgefunden - und erfindet sein eigenes China. Doch je weiter sich Keith in seine Lügen verstrickt, desto deutlicher wird, dass er nicht als Einziger die Unwahrheit sagt. Tilman Rammstedt ist ein überwältigender Roman gelungen, so sprühend, rasant und urkomisch, dass man sich mit dem größten Vergnügen belügen lässt.

Tilman Rammstedt wurde 1975 in Bielefeld geboren und lebt in Berlin. Bei DuMont erschienen sein Debüt >Erledigungen vor der Feier< (2003) sowie die Romane >Wir bleiben in der Nähe< (2005) und >Der Kaiser von China< (2008). Neben vielen anderen Auszeichnungen (u.a. dem Förderpreis für grotesken literarischen Humor der Stadt Kassel) wurde Tilman Rammstedt mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis geehrt. Auszeichnungen 2009 Literaturpreis der Wirtschaft 2008
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Am Frühstückstisch hatte mich mein Großvater nur verwundert angesehen. »Natürlich fahren wir«, hatte er gesagt und dann wieder in sein Brötchen gebissen, und ich war empört, dass mein plötzliches Einverständnis nicht richtig gewürdigt wurde, dass er meine Entschlossenheit offenbar gar nicht zur Kenntnis nahm. »Ich schlafe mit der Frau, die du liebst«, flüsterte ich leise, das flüsterte ich in den vergangenen Wochen immer, wenn mich etwas an ihm empörte, auch wenn der Satz nicht ganz stimmte, aber das durfte mich nicht stören, denn »Ich habe ein paar Mal mit der Frau geschlafen, die du bis vor kurzem geliebt hast« hatte nicht annähernd die gleiche Wirkung.

»Wie bitte?«, fragte mein Großvater, und ich sagte: »Nichts«, und dann fing er mit den möglichen Reiserouten an, die er mir sofort auswendig aufsagte, es fielen unzählige Namen von Städten, von Bergen, von Tempeln und Restaurants, und ich konnte all das jetzt schon nicht mehr hören, also unterbrach ich ihn und sagte, dass ich mich am liebsten überraschen lassen würde, stand auf und ging zurück ins Gartenhaus. Und das mit der Überraschung war ihm dann ja zweifellos gelungen.

Am Nachmittag ließ ich mir von meinen Geschwistern das Fahrtgeld auszahlen, »Danke«, sagte ich, und meine Geschwister winkten ab, »Wir haben zu danken«. Darüber, wie ich meinen Anteil auftreiben sollte, machte ich mir keine Gedanken, es würde eine Lösung geben. Bisher hatte es immer eine Lösung gegeben.

»Ich fahre nach China«, sagte ich am nächsten Tag am Telefon, und Franziska sagte, das sei ja mal was Neues, und ich sagte: »Allerdings«, etwas Brandneues sei das sogar, und ich hoffte, dass Franziskas Schweigen, das nun folgte, ein verblüfftes Schweigen war. Nach ein paar Sekunden hörte ich sie aber krachend in einen Apfel beißen, offenbar mussten heute alle, mit denen ich sprach, irgendwo reinbeißen, offenbar regte meine Entschlossenheit unglaublich den Appetit an, und dann fragte Franziska auch noch mit vollem Mund, ob ich etwa nur anrufe, um ihr das mitzuteilen, und weil ich das nicht zugeben wollte, weil ich nicht wollte, dass Franziska noch einmal in ihren Apfel biss oder sogar auflegte, sagte ich: »Natürlich nicht«, ich müsse ihr aber etwas Wichtiges sagen, und ich hoffte, dass mir auf die Schnelle einfiel, was das sein könnte. Da sei sie ja mal gespannt, sagte Franziska und biss trotzdem in den Apfel, und vielleicht lag es an ihrem lauten Kauen, vielleicht wollte ich, dass sie sich verschluckte, vielleicht fiel mir aber auch einfach nichts anderes ein, »Ich werde dich verlassen«, sagte ich jedenfalls, und ärgerte mich darüber, wie aufgesagt das klang. Und Franziska verschluckte sich nicht, sie schnaubte nur verächtlich. Das könnte mir so passen, sagte sie, aber dafür sei es leider zu spät, denn wenn sie sich recht erinnere, habe sie mich gestern schon verlassen, und ich sagte, da sei sie aber nicht besonders deutlich gewesen, und außerdem habe sie das bereits so oft getan, dass ich einfach nicht wüsste, wann genau das ernstzunehmen sei, und Franziska sagte: »Immer«, immer sei das ernstzunehmen, und ich fragte, warum sie dann nicht einfach mal konsequent wäre, und Franziska sagte, dass sie sich von mir nicht über Konsequenz belehren lassen wolle, ich käme schließlich nicht einmal in die Verlegenheit, zu meinen Entscheidungen stehen zu müssen, weil es gar keine Entscheidungen gebe, und schon wieder biss sie in ihren Apfel, es krachte so laut, dass ich den Hörer vom Ohr nehmen musste, dann sagte ich: »In Ordnung, dann heiraten wir halt«, und Franziska verschluckte sich tatsächlich. Wie ich denn auf so etwas käme, fragte sie, als sie mit dem Husten fertig war. »Warum?«, sagte ich, das sei doch ihre eigene Idee gewesen, und Franziska überlegte kurz, dann schien sie sich an ihren Satz aus dem Auto zu erinnern, sie lachte kurz auf und sagte, da hätte ich wohl etwas missverstanden, sie habe damals nicht vorgeschlagen zu heiraten, sondern lediglich, dass ich ihr einen Antrag mache, und ich sagte, das sehe ihr mal wieder ähnlich, alle sollten sich gefälligst um sie reißen, aber selbst wolle sie sich bloß nicht festlegen, und Franziska fragte, was ich denn bitte vom Reißen verstehe, und ich sagte: »Jede Menge«, und dass sie jetzt bitte nicht das Thema wechseln sollte. »Heiraten wir jetzt oder nicht?«, fragte ich, ich schrie es sogar, und Franziska schrie: »In Ordnung, wir heiraten«, und auch ich schrie: »In Ordnung«, und Franziska schrie es noch einmal, wir warfen uns das »In Ordnung« minutenlang um die Ohren, bis Franziska »Wann?« schrie, und ich schrie zurück: »Gleich morgen«, und Franziska schrie: »Warum nicht jetzt sofort?«, und ich schrie: »Von mir aus gern«, und dann schrie Franziska nicht mehr, mit ruhiger Stimme sagte sie: »Okay, bis gleich« und legte auf, und ich hörte noch eine Weile dem Besetztzeichen zu, »In Ordnung«, sagte ich dann leise und machte mich auf den Weg.

Natürlich war Franziska vor mir beim Standesamt. Die Hände in die Hüfte gestemmt, erwartete sie mich vor dem Eingang. »Na endlich«, sagte sie, als ich angerannt kam, sie habe sich schon gefragt, ob das alles etwa nicht ernstzunehmen gewesen sei, und ich sagte: »Immer. Immer ist das ernstzunehmen«, und fragte, ob wir hier seien, um uns zu unterhalten oder um zu heiraten, und Franziska verkniff sich ein Lächeln. »Bringen wir es hinter uns«, sagte sie, und genau das wollte ich. Ich wollte mich jetzt beeilen, ich wollte endlich einmal schnell genug sein, ich wollte schleunigst Tatsachen schaffen, denn wenn sie einmal geschaffen waren, konnte ich auch mit ihnen umgehen, das hoffte ich zumindest.

Aber wir konnten keine Tatsachen schaffen. So kurzfristig sei da leider nichts zu machen, sagte der Standesbeamte, erst in zwei Wochen habe er wieder einen freien Termin. »Der Mai ist halt sehr beliebt«, und ich war aufrichtig entsetzt, denn das letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte, war Bedenkzeit, ich flehte ihn an, ich beschimpfte ihn, ich schob ihm sogar einen Schein aus dem Umschlag mit dem Reisegeld zu, aber es half nichts. Franziska schien das alles nichts auszumachen. »Was sind schon zwei Wochen?«, fragte sie, und ich sagte: »Für dich wahrscheinlich nichts.«

Und dann fiel mir ein, dass ich in zwei Wochen in China sein sollte, aber ich wollte gerade keine neuen Probleme, ich wollte auch nichts weiter aufschieben, dafür tat die Eile viel zu gut, ich wollte nur noch zu allem Ja sagen, und deshalb sagte ich es, als der Standesbeamte fragte »Dann machen wir den 25. Mai also fest?«, ich sagte es, als Franziska anschließend meinte: »Immerhin sind wir jetzt verlobt«, ich sagte es, als sie verkündete, das müsse nun aber gefeiert werden, ich sagte es später jedes einzelne Mal, als sie »Noch eins?« fragte, nur ganz am Ende des Abends, als ich im Bett lag, sagte ich es nicht mehr, da sagte ich Nein, und ich sagte es mehrmals schnell hintereinander, aber da war es schon zu spät, und diesmal war ich mir nicht sicher, so schnell eine Lösung zu finden.

Das Kasino war Franziskas Idee gewesen, und auch dazu hatte ich natürlich genickt. »Komm, wir sprengen die Bank«, hatte sie gesagt, und dass sie sich ein todsicheres System ausgedacht hätte. »Wir setzen einfach immer auf die 25 und die 5«, flüsterte sie mir ins Ohr, das sei schließlich unser Hochzeitsdatum, und da müsse es schon mit dem Teufel zugehen, wenn diese Zahlen nicht fielen.

Und auch mir erschien das einleuchtend, auch ich hätte das für ein gutes Omen gehalten, und mir war sehr nach guten Omen zumute. Und als dann zunächst nur andere Zahlen fielen, ich erinnere mich an die 9, an die 33, die 18, machte ich mir keine Gedanken. Wir schauten kaum aufs Tableau, so beschäftigt waren wir damit zu besprechen, was wir mit dem Gewinn anstellen würden, es ging um die Hochzeitsreise, es ging um Ferienhäuser, es ging um Südseeinseln. Ich erinnere mich, dass die 21 fiel, die 2, die 17 und die 11, und die Jetonstapel, die Franziska auf unsere beiden Felder schob, wurden immer höher, und die vor uns immer kleiner. Es fiel die 31, es fiel die 3, das beobachtete ich langsam argwöhnisch. »Keine Sorge«, sagte Franziska, »jetzt kommt die 25, das weiß ich genau«, und sie schob mit beiden Händen unsere restlichen Jetons aufs Tableau, lachte mich vorfreudig an, sie ging sogar, während die Kugel noch wild von Kästchen zu Kästchen sprang, schon in die Hocke und ballte die Fäuste, um sofort mit dem Jubeln beginnen zu können, aber es fiel die 26, und Franziska sah mich so erschrocken an, dass ich schnell sagte: »Wir sind schon ganz dicht dran«, und auch wenn ich Franziskas todsicherem System nicht mehr vollkommen traute, zog ich den Umschlag mit dem Reisegeld aus der Tasche und tauschte einen Teil davon in neue Jetons um. Ich wollte einfach nicht, dass der Abend so endete, ich wollte die Müdigkeit austreiben, die mich nun allmählich überfiel, ich wollte jubeln, ich wollte Jetons in die Luft werfen, Franziska in die Luft werfen, ich wollte horrende Trinkgelder an die Croupiers verteilen und alle Anwesenden auf ein Getränk einladen, damit sie mit uns anstießen, damit sie uns gratulierten, damit zumindest hier einmal Tatsachen geschaffen waren, und es fiel die 0, es fiel die 12, es fiel die 30, und ich nahm noch mehr Scheine aus dem Umschlag, Franziska verfolgte das alles schon leicht schwankend und mit glasigem Blick, es fiel die 35, es fiel die 7, es fiel schon wieder die verdammte 11, und das konnte doch nicht sein, die 22 konnte doch nicht sein, die 19 konnte nicht sein, nicht die 8, aber es kam die 8, und ich knüllte den Umschlag zusammen. In Sekundenschnelle nüchterte ich aus, der Kopfschmerz kam und der säuerliche Geschmack im Mund. »Schade«, sagte Franziska, »vielleicht klappt es ja morgen«, und sie bestellte sich noch einen Cocktail, von dem...


Rammstedt, Tilman
Tilman Rammstedt wurde 1975 in Bielefeld geboren und lebt in Berlin. Bei DuMont erschienen sein Debüt ›Erledigungen vor der Feier‹ (2003) sowie die Romane ›Wir bleiben in der Nähe‹ (2005) und ›Der Kaiser von China‹ (2008). Neben vielen anderen Auszeichnungen (u.a. dem Förderpreis für grotesken literarischen Humor der Stadt Kassel) wurde Tilman Rammstedt mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis geehrt. Auszeichnungen 2009 Literaturpreis der Wirtschaft 2008



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