E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Raiser Die Brotbäckerin
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8437-3069-3
Verlag: Ullstein Taschenbuchvlg.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Roman | Ein sinnlicher Roman über die Kunst des Brotbackens und zwei Schwestern, die für ihre Leidenschaft kämpfen
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-8437-3069-3
Verlag: Ullstein Taschenbuchvlg.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nadja Raiser lebt mit ihrer Familie in einem bayerischen Dorf am Rande der Allgäuer Alpen. Seit ihrer Kindheit liebt sie es, zu schreiben und auf diese Weise in verschiedene Leben und Welten einzutauchen. Anfang 2020 hat sie ihren ersten Roman im Selbstverlag veröffentlicht, inzwischen hat die gelernte Erzieherin drei Jugendbücher und zwei historische Romane geschrieben. Neben ihrer Autorentätigkeit liebt sie es, draußen in der Natur zu sein, zu reisen und zu musizieren.
Autoren/Hrsg.
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2
Am Abend saß die Familie Gmeiner in der Stube und aß gemeinsam Brotzeit. Der Tisch der Eckbank war eingedeckt mit Schinken, einer großen eisernen Pfanne gerösteter Erdäpfel und Rettich.
Liesi schenkte sich aus einem Krug Apfelmost ein und schloss genüsslich die Augen.
Es war ein herrlicher Tag gewesen. Liesi liebte den Frühling und den dazugehörenden Neuanfang. Vor allem, wenn sich die Jahreszeit, wie an diesem Tag, mit reichlich Sonnenschein und angenehm warmen Temperaturen zeigte.
»Jedenfalls habe ich ein Schreiben an die Getreidebauern verfasst und ihnen ein neues Angebot gemacht. Ich denke, dass sie zustimmen werden, da es, langfristig gesehen, auch für sie nur Vorteile bringt«, erklärte Anna, die wie jeden Abend über die Finanzen der Bäckerei sprach. Ihre Schwester hatte das Talent ihrer Mutter geerbt und wusste genau, was zu tun war, um ihr kleines Geschäft zu optimieren. Immer wieder kam sie mit weiteren Ideen und handelte neue Verträge mit den Bauern aus, die bisher noch nie abgelehnt hatten. Allerdings verstand Liesi davon nicht einmal die Hälfte. Sie vertraute auf Anna und zusätzlich auf das Urteil ihres Vaters.
»Wie lief eigentlich das Gespräch mit Huber?«, fragte Liesi, nachdem sie ihren Krug ausgetrunken hatte.
Herr Gmeiner fluchte etwas Unverständliches. Anschließend nahm er sich eine Gabel voll knuspriger Kartoffeln und schnitt sich ein Stück Käse ab.
»Genau wie das vor zwei Wochen und wie das drei Monate zuvor. Er gibt nicht auf.«
»Aber das spricht doch für ihn«, entgegnete Anna mit einem verträumten Blick. »Er weiß, was er will, und kämpft dafür. Das zeugt von Stärke.«
»Er kämpft auf einem verlorenen Posten und akzeptiert keine Niederlage. Das zeugt von Dummheit«, antwortete ihr Vater. »Ich werde die Bäckerei nicht verkaufen. Und schon gar nicht fusionieren. Außerdem weiß ich längst, dass der Huber nur nach einer Möglichkeit sucht, ein Mitglied der Münchner Bäckerzunft zu werden. Weiß Gott, was den Zunftbrüdern bevorstünde, wenn jemand wie er Mitspracherecht bekäme!« Herr Gmeiner verdrehte die Augen, und Liesi erinnerte sich an den letzten Zunftbrief, den ihr Vater von der letzten Sitzung mit nach Hause gebracht hatte, in der eine Absage für die Landpfisterei formuliert wurde. Nur verstand sie nicht, warum ein junger Geschäftsmann wie Huber freiwillig ein Mitglied dieser inzwischen deutlich alten Herrengemeinschaft werden wollte. Wie oft hatte ihr Vater bereits versucht, Liesi als eine von der Zunft anerkannte Gesellin einzuschreiben, doch die alten Männer waren bis zuletzt stur bei ihrer Aussage geblieben, dass Frauen zwar im Familienbetrieb arbeiten durften, jedoch keinerlei Ansprüche auf eine Mitgliedschaft der Zunft hätten. Die Gründe hierfür klangen mehr als haarsträubend, und Liesi verband keinerlei Sympathie mit dieser Gemeinschaft. Anna warf Liesi einen vielsagenden Blick zu und grinste, da sie offensichtlich dasselbe dachte wie Liesi.
»Es täte der Zunft nicht schlecht, wenn sie von jungen Geschäftsmännern aufgemischt werden würde«, sagte Anna.
Doch Herr Gmeiner brummte nur abweisend in seinen Bart hinein. »Ein Landpfister hat in München nichts verloren! Und ich werde nicht verkaufen, da kann er mir noch tausendmal mit seinen Zahlen und dem Versprechen kommen, wohlhabender zu werden. Dies ist unsere Bäckerei. Und das bleibt sie auch!« Als wollte er die Worte verdeutlichen, schlug er mit der geballten Faust auf den Tisch. Doch dann zuckte er selbst zusammen und seufzte. »Sie hätte niemals gewollt, dass wir verkaufen«, fügte er leise hinzu.
Liesi schluckte und ergriff die schwielige Hand ihres Vaters. Sogar nach fünf Jahren spürte sie noch immer seinen Schmerz, wenn er von ihrer Mutter sprach. Die Schwindsucht hatte sie heimgesucht und ihr ein rasches Ende bereitet. Auch Liesi vermisste ihre Mutter jeden Tag aufs Neue, doch sie hatte im Gegensatz zu ihrem Vater längst akzeptiert, dass das Leben ohne sie weiterging.
»Wie genau hat er denn die Verkaufszahlen berechnet? Hat er irgendwelche Unterlagen hiergelassen, die ich mir ansehen dürfte?«, fragte Anna weiter, die offensichtlich nichts von der Niedergeschlagenheit ihres Vaters wahrgenommen hatte.
Liesi schüttelte den Kopf und versuchte mit Blicken, ihre Schwester zum Schweigen zu bringen, allerdings erfolglos.
»Es spricht doch nichts dagegen, wenn eine zweite Person das Angebot überprüft, oder, Vater?«
Herr Gmeiner richtete sich auf und musterte seine ältere Tochter. Die buschigen Augenbrauen standen so tief, dass sie sich beinahe berührten, und sein Blick wirkte eisern und bestimmt. Doch Anna hielt ihm stand und wartete geduldig und mit ebenso ernster Miene auf eine Antwort.
Liesi drehte die Scheibe Rettich auf ihrem Teller im Kreis. Sie hasste Diskussionen solcher Art. Sie hasste allgemein Unstimmigkeiten. Außerdem verstand sie Vaters Gründe. Er und ihre Mutter hatten die Bäckerei vor vielen Jahren erstanden und sie zu einem festen Bestandteil Sendlings etabliert. Die Anwohner kamen gern und häufig zu ihnen, und sie liebten ihre Brote. Natürlich wurden sie davon weder reich noch wohlhabend, und die Arbeit war hart, doch es genügte, um ihren Lebensunterhalt zu bezahlen. Es genügte, um glücklich zu sein. Zumindest für Liesi.
»Die Unterlagen liegen auf dem Sekretär. Wenn du sie lesen willst, bitte. Ich habe keine Geheimnisse vor dir. Dennoch werde ich meine Meinung nicht ändern. Ich verkaufe nicht. Und schon gar nicht an einen Landbäcker aus Pasing, da kann er sich noch so oft als ›Großpfister‹ bezeichnen.«
Vaters Stimme war leise und zeitgleich so schneidend, dass Liesi den Schauer auf ihren Armen vertreiben musste. Auch Anna schluckte und nickte schweigend. Die Diskussion war beendet, das verstand sogar sie.
»Sag mal, Liesi«, wechselte Herr Gmeiner kauend das Thema. »Hast du uns heute Morgen eigentlich absichtlich das alte Brot bereitgestellt?«
»Welches alte Brot?«, fragte sie und betrachtete verwirrt den amüsierten Gesichtsausdruck ihres Vaters.
»Du hättest Hubers Reaktion sehen sollen, als er hineingebissen hat.«
Er lachte so heftig, dass sein gesamter, fülliger Körper bebte, doch Liesi verstand nicht, worauf er hinauswollte.
»Wovon sprechen Sie, Vater?«
»Na, vom Brot! Du hast ihnen heute das Brot vom Vortag gereicht! Im Nachhinein verstehe ich auch die seltsame Reaktion des Buchhalters. Und ihm habe ich auch noch das Randstück gegeben. Herrlich, einfach herrlich! Und wie lange er gekaut hat!«
Liesi wurde aschfahl und riss die Augen auf. »Die Brotkörbe! Ich muss sie verwechselt haben«, dachte sie laut und schluckte. »Dann haben die Bewohner des Sankt-Marien-Heims heute frisch gebackenes Brot erhalten. Das erklärt, warum sie so gierig waren.« Und es erklärte das schüchterne, beinahe verlegene Lächeln des Buchhalters am Morgen. Himmel! Liesi wollte gar nicht erst wissen, wie hart das Randstück gewesen war, das er bekommen hatte.
»Das ist unsere Liesi!«, rief ihr Vater und legte ihr liebevoll eine Hand auf die Schulter. »Sogar für die Ärmsten des Landes ist nur das Beste gerade gut genug. Ach Liesi, deine Mutter wäre so stolz auf dich.«
Liesi schluckte. Sie wusste, dass sie das Ebenbild ihrer Mutter war. Zumindest, wenn man das Äußere betrachtete. Das Bäckertalent hatte sie hingegen von ihrem Vater geerbt, genau wie die Leidenschaft und die Liebe zum Brot.
Herr Gmeiner räusperte sich und nickte mit einem Zwinkern in Annas Richtung. »Sie wäre auf euch beide sehr stolz«, korrigierte er sich und atmete tief durch. »Jetzt fehlen nur noch zwei geeignete Burschen, nicht wahr? Ein Bäckermeister wäre ideal, dann könnte ich mich nach und nach aus dem Geschäft zurückziehen.«
Liesi presste die Lippen aufeinander, und ihr Gesicht färbte sich dunkelrot. Ein weiteres Thema, das sie nur ungern ansprach. Sie war noch nicht bereit, über einen passenden Ehegatten für sich nachzudenken, geschweige denn, aktiv nach einem zu suchen. Ganz im Gegenteil zu ihrer Schwester.
»Na, der Huber wäre ein Pfistermeister«, antwortete Anna kichernd.
Herr Gmeiner verzog das Gesicht. »Ach, Annerl«, sagte er und seufzte. »Der Huber hat dich doch gar nicht verdient. Keine von euch beiden«, fügte er mit einem Blick in Liesis Richtung hinzu. Er ergriff das letzte Stück Rettich, steckte es sich in den Mund und stapelte die Brotzeitbretter aufeinander. »Und jetzt geht und räumt das auf. Es ist schon spät!«
Kurze Zeit später standen Liesi und Anna in der kleinen Küche und kicherten, während sie das Geschirr wuschen und anschließend verräumten. Anna warf das nasse Geschirrtuch quer durch den Raum und traf direkt Liesis Gesicht.
»Erwischt!«, rief sie vergnügt und versteckte sich lachend unter dem Tisch.
»Du benimmst dich schlimmer als ein Kleinkind«, schimpfte Liesi, lächelte jedoch und wischte sich die feuchte Stirn trocken.
»Na, das sagt ja die Richtige. Wer hat denn sofort glühend rote Wangen bekommen, als Vater von...




