E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Raich Schwerer als das Licht
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-641-29170-9
Verlag: Blessing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-641-29170-9
Verlag: Blessing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Realität und Traum, Gegenwart und Vergangenheit, Licht und Schatten - alles überlagert sich und bald ist nicht mehr klar: Sind es die anderen, oder ist sie sich selbst die größte Bedrohung?
„Schwerer als das Licht“ ist ein Roman, der reich ist an Bildern und Deutungsmöglichkeiten und durch seinen parabelhaften Charakter von den zentralen Gegenpolen des Lebens erzählt: vom Anfang und Ende, von Licht und Schatten, von der Natur und dem Übernatürlichen, Krieg und Frieden, Macht und Ohnmacht, Täter und Opfer. Es ist eine Geschichte der Menschheit und ihres Untergangs, die uns schmerzlich vor Augen führt, was wir verloren haben und was wir noch verlieren werden.
Autoren/Hrsg.
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1
Ich kämpfe mich durch das Geäst. Mit einer Axt hacke ich alles ab, was mir im Weg steht. Der Hunger treibt mich an. Im Wald gibt es noch Kokosnüsse, Mangos und Jackfrüchte. Vereinzelte Beeren, die alles verkleben, aber nicht satt machen. Ich klettere die Baumstämme hoch, bis ganz nach oben, und rüttle an den Ästen, bis die Kokosnüsse schwer auf den Boden fallen. Die Früchte wachsen nicht mehr nach. Immer tiefer muss ich in die Insel vordringen, auf der Suche nach Nahrung, immer weiter hinauf in den Norden.
2
Mein Haus ist eine Festung. Erbaut aus dem Fels, der mir Rückhalt gibt. Dunkel und mächtig erhebt er sich steil zum Himmel, undurchdringbar und unbezwingbar. Auf dem Gestein haben sich Risse gebildet, Texturen, die wie unverständliche Zeichen anmuten und sich täglich verändern. An manchen Tagen formen sie sich zu einem Heer aus Speeren, die auf mich gerichtet sind. Eine Mauer umgibt mich, sie ist schwarz wie der Sand des Meeres und so hoch, dass keiner von ihnen sie erklimmen kann. Kompliziert verzweigte Gänge führen durch ein verstecktes Loch in den Untergrund. Tödliche Fallen lauern dort auf sie. Gruben mit spitzen Pflöcken und Schlangen darin. Ihr Zischen hallt als Echo durch die Gänge. Ein komplexer Bau, den ich mühselig erdacht und in langen Nächten geplant und aufgezeichnet habe. Erst als ich jeden Gang, jede Falle angelegt hatte und alles an seinem Platz war, verbrannte ich die Pläne im Feuer. Jetzt ist alles in meinem Kopf, der einzig sichere Weg von draußen nach drinnen und von drinnen hinaus.
3
Wenn der Wind günstig steht, hört man die Trommeln und ihren Gesang bis in den Süden. Das sind die anderen. Sie hausen im Norden, in brüchigen Baracken aus Holz. Sie sprechen eine seltsame Sprache und pflegen eigentümliche Rituale. Sie tanzen zum Beispiel im Dunkeln und beginnen zu trommeln, sobald die Sichel des Mondes am Himmel auftaucht. Sie bemalen ihre Körper mit Asche und Indigo, glauben an Götter und Geister, an Dämonen und Weltuntergänge. Sie zeichnen Sternbilder in die Erde, darin glauben sie die Zukunft zu erkennen. Sie sind überzeugt von einer Rechtmäßigkeit, beanspruchen den Besitz dieser Insel. Eines Tages standen sie in geschlossener Formation vor meinem Tor. Sie schrien und sangen. Manche hatten ihre Trommeln mitgebracht und schlugen in wilden Rhythmen darauf ein. Kurz standen wir uns gegenüber. Ich auf dem Wachturm, sie vor den Toren. Sie sahen noch kleiner aus, als ich sie in Erinnerung hatte. Ihre Pfeile prallten an den Mauern meiner Festung ab. Ich blickte auf sie hinunter, jeden Einzelnen von ihnen nahm ich ins Visier, während die Trommeln leiser wurden und ihre Stimmen allmählich verstummten. Dann suchten sie das Weite und kehrten nicht wieder zurück.
4
Es ist nicht lange her, da strömte ein kleiner Fluss durch die Wälder, er entsprang hoch oben im Fels und schlängelte sich durch die Landschaft, fast bis hinauf in den Norden. Fische und Warane schwammen darin, Rehe und Hirsche badeten darin, Lianen und Mangroven hingen ins Wasser. Die Insel gab alles, was es zum Leben brauchte. Holz für die Häuser, Stein für das Werkzeug. Trinkwasser, Früchte, Gewürze und Kräuter. Selbst das Salz ließ sich ganz einfach abbauen. Ein geschlossener Kreislauf, der reibungslos funktionierte. Palmen und Bananenbäume wechselten sich ab mit Zimtpflanzen, Bambus und Sandelholzbäumen. Ein Dach aus Blättern versperrte die Sicht zum Himmel. Orchideen, Frangipani und Hibiskusblüten leuchteten in den Wäldern und verströmten einen holzig süßen Geruch. Wohin man auch blickte, zeigte die Natur ihr ganzes Farbspektrum und wechselte den Geruch je nach Regen- oder Trockenzeit. Manchmal roch es nach Jasmin oder nach feuchter Erde, dann nach Zimt und Eisenholzblüten. Palmenhörnchen kletterten an den Ästen entlang. Eisvögel saßen in den Baumkronen, und Schmetterlinge, Kunstwerken gleich, flogen über die Blüten und Blätter. Doch dann veränderte sich die Insel. Zuerst waren es die Blüten, die verblassten und schließlich ihre Farbe verloren, dann waren es die Blätter, die sich schwarz färbten und abbrachen. Sie zerbröseln wie Staub zwischen den Fingern. Die Bäume werden jeden Tag dunkler. Nur vereinzelte Blätter strecken sich noch ins Licht. Die Pflanzen sterben langsam ab. Der Wald wird kahl. Die Zeit sitzt mir im Nacken.
5
Nichts wächst, nichts blüht mehr. Die Pflanzen knicken um, hängen tief über dem Boden. Die letzten Mangos haben sich schwarz gefärbt, ihre Haut ist von Rissen durchzogen. Nur in manchen ist noch ein Rest Fruchtfleisch. Bald wird nichts mehr zu finden sein, es ist nur eine Frage der Zeit. Die einzigen Früchte, die noch wachsen, leuchten zwischen den Ästen der Zerberusbäume, den Mangos zum Verwechseln ähnlich. Sie nennen sie Todesbäume, mit den Früchten töten sie sich selbst oder andere, aus dem Holz schnitzen sie Masken. Ein paar Languren haben sich an den Zerberusbäumen zu schaffen gemacht. Meist haben sie nur wenige Meter daneben ihr Ende gefunden. Wenn die Früchte zu Boden fallen und auseinanderbrechen, wächst ein neuer Baum daraus. Aber es ist nicht wie früher: Ein kleiner schwarzer Ast streckt sich aus dem Samen, seine Blätter sind schwarz und glänzen dunkel im Sonnenlicht. Es ist ein seltsamer Anblick, als würde der Tod zum Leben kommen.
6
Wenn sich die Nacht über die Insel legt, verbinden sich ihre Geräusche zu einem gemeinsamen Rhythmus, es klingt wie Musik mit ihren eigenen Gesetzen. Die Palmen wiegen sich im Wind, ein Knistern, wenn die Blätter aneinanderstoßen. Sie werfen dunkle Schatten im Mondlicht, dazwischen fliegen die Leuchtkäfer, rauscht das Meer, sind die Frösche, die Geckos, die Reiher zu hören, fliegen die Fledermäuse, am Himmel die liegende Sichel des Mondes und die Sterne. Die Ruhe der Nacht. Wenn der Mond in der Dunkelheit versunken ist, knackt es im Geäst, schwere Schritte, das Rascheln des Laubs, als würde etwas durch die Wälder wandern. Dann wird es schlagartig still, die Zikaden verstummen, die Rufe der Eulen ersticken, alles hält den Atem an.
7
Es gibt diese Geschichten von Göttern und Geistern, Dämonen und anderen Wesen, die man sich erzählt. Dunkle Gestalten, die in den Wäldern hausen, versteckt in den Höhlen, immer auf der Suche, immer auf der Jagd. Sie lösen sich von den Bäumen, kriechen in Körper hinein, reißen alles an sich. In einer anderen Zeit hat man ihnen Opfer gebracht, hat man Menschen und Tiere getötet, jetzt nimmt man es auf mit ihrem Zorn.
8
Die Grenze verläuft quer über die Insel. Lange Bambusstöcke mit Totenköpfen, die im Wind hin und her pendeln, die Augenhöhlen mit Asche beschmiert. Sie glauben, dass der Tod mir Angst macht. Der Tod ist doch das Geringste! Die Markierungen dienen nur der Abschreckung, die Grenze ist problemlos passierbar. Durchs Gebüsch bewege ich mich Richtung Norden. Auch hier zerbröseln die braunen Blätter zwischen meinen Fingern. Plötzlich sehe ich einen von ihnen. Er steht unter einem Baum und hat mich nicht bemerkt. Vorsichtig krieche ich wieder zurück, verstecke mich und beobachte ihn. Seine Augen sind geschlossen. Er steht reglos auf einem Bein. Seine Haare Filzstränge, die wie schwarze Schlangen von seinem Kopf hängen. Die Stirn ist mit roter Farbe bemalt. Ein eigenartiger Anblick. Als wäre er tot. Unter den Bäumen glauben sie den Göttern am nächsten zu sein. Sie sagen, ihre Körper spannen sich über die Äste. Ihre Energie strömt über den Baumstamm bis hinunter in die kleinsten Wurzeln. Warum glauben sie, dass die Götter noch hier sind, jetzt, wo die Bäume sterben?
9
Der Wald schwindet mit jedem Tag. Ich weiß nicht, wann genau es begonnen hat. Eines Tages fiel mir auf, wie blass die Blüten geworden waren, wie schwarz die Blätter, wie nichts mehr nachwuchs. Ich dachte mir nicht viel dabei, es hätte eine Krankheit oder ein Schädling sein können, aber als das Sterben sich ausweitete, als auch die Stämme und Äste einbrachen, bemerkte ich, was ich die ganze Zeit übersehen hatte. Ich lief durch die Wälder, suchte nach dem Ursprung. Es gab keinen Baum, keine Pflanze, die nicht befallen war. Bei einigen war der Verfall stärker als bei anderen, aber jede Pflanze trug dieselben Zeichen. Die Farblosigkeit, die Schwärze, das Morsche. Das Leben wich allmählich aus ihnen. Ich goss Wasser über die Wurzeln, band die Äste wieder nach oben, ich schnitt die Triebe ab, riss Pflanzen aus, um anderen Platz zu verschaffen, aber nichts änderte etwas. Sie erholten sich nicht mehr. Da ist etwas passiert, was nicht mehr rückgängig zu machen ist.
10
Das Meer speit alles aus, was in ihm lebt. Das Ufer ist voller Fischleichen. Ihre Mäuler weit geöffnet, für einen letzten Atemzug, die Augen aufgerissen und strahlend weiß, wie kleine Perlen. Ihre Schuppen glänzen in der Sonne. Manche sind von der Kraft des Meeres zerfetzt worden, Körperteile liegen verstreut, manche eingerissen oder angebissen. Von manchen ist nur noch das Skelett übrig. Schwarze Algen schlängeln sich um die Körper. Der Wind peitscht auf das Meer. Die Wellen bäumen sich auf, immer höher, wie Flammen lodern sie, die Gischt schlägt sich ans Ufer, spült die Fische weit in den Wald hinein. Das Meer stirbt. Der Wald stirbt. Die Insel stirbt. Nur die Tiere leben noch. Ich lebe noch. Es ist eigenartig still geworden.
11
Am Ufer liegen Äste, leere Kokosnüsse, liegen die Panzer der Schildkröten. Eine Spur ist im Sand zu erkennen, als wäre jemand dem Meer entstiegen. Sie führt hinein in den Wald. Das Rufen der Drongos von weit her. Ein Adler wirft Schatten in den Sand, er kreist über mir, wartet. Früher stand ich oft am Ufer und blickte in die Ferne. Das Meer war mein Ruhepol. Jetzt ist es...




