E-Book, Deutsch, Band 5, 179 Seiten
Reihe: Polarnächte
Rafaelsen Polarnächte - Herzen in Aufruhr
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-624-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Polarnächte, Band 5
E-Book, Deutsch, Band 5, 179 Seiten
Reihe: Polarnächte
ISBN: 978-3-98952-624-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ellinor Rafaelsen ist eine norwegische Autorin und Journalistin, die 1945 geboren wurde. In ihrer über drei Jahrzehnte währenden schriftstellerischen Laufbahn hat sich Rafaelsen als renommierte Autorin historischer Romane und Liebesromane etabliert. Inspiriert von ihren Reisen und ihrem siebenjährigen Aufenthalt in Spitzbergen hat Rafaelsen über 100 Bücher geschrieben, die die Leser mit lebendigen Beschreibungen und fesselnden Handlungssträngen in ihren Bann ziehen. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre »Polarnächte«-Reihe mit den Bänden »Das Lied des Schicksals«, »Das letzte Schiff«, »Ein Leben voller Neuanfänge«, »Eine neue Hoffnung« und »Herzen in Aufruhr«.
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Kapitel 1
Longyear City, Spitzbergen 3. Januar 1920
In dieser sturmgepeitschten Nacht wurden die Einwohner gegen halb drei von einem gewaltigen Knall geweckt, der die Häuser erschütterte. Viele Fensterscheiben zerbarsten durch die enorme Druckwelle, und nicht wenige dachten zuerst, der Sturm sei so heftig, dass seine Folgen einem Erdbeben gleichkamen.
Doch dieser Sturm legte sich zu abrupt. Nach dem ohrenbetäubenden Knall senkte sich eine schwere, düstere Stille über das Tal. Das Gehämmer von Stahl auf Fels, das Knacken und Knarren des Grubenaufzugs und das Rasseln der Seilbahn mit ihren Hängeloren waren verstummt.
Durch die zerbrochenen Fensterscheiben wehte Schnee in die Häuser und Baracken. Dann hörte man eine Stimme aus dem Dunkel rufen, der Dynamitschuppen sei explodiert. Im nächsten Moment rief eine andere Stimme, dass es eine Explosion in der Amerikanergrube gegeben habe.
Tora war hellwach, ohne zu verstehen, was los war. Sara-Ellen war als Erste auf den Beinen, wenige Sekunden nachdem der dumpfe Knall die Baracke erschüttert hatte. Sie stand mitten im Raum und hielt sich mit beiden Händen den Kopf.
»Oh, Herr … Oh, Jesus!«
»Was ist los, Sara-Ellen?« Mit einem Sprung war Tora aus der Koje. Sie spürte, wie die Furcht, die sich in den schwarzen Augen der Köchin spiegelte, auf sie übersprang. Ihr Herz hämmerte unter der warmen Wollunterwäsche und dem Nachthemd. »Der Sturm? Ist die Baracke eingestürzt?«
»Nein, nein!« Sara Ellen nahm die Hände vom Kopf und presste sie auf ihre Brust. »Hast du nicht gehört? Die Grube, sie ist explodiert. Ich hab’s gesehen, bevor es geknallt hat!«
Toras Mund wurde trocken. Ein bleischweres, taubes Gefühl durchlief ihren Körper und sie musste sich setzen.
Eine Explosion! Sie starrte auf Sara-Ellens gekrümmten Rücken. Sie stand an dem geborstenen Fenster und versuchte, das Loch mit den Vorhängen zuzustopfen, damit der Schnee nicht ins Zimmer stob.
»Wo?«
»In der Amerikanergrube.« Sara-Ellen bekreuzigte sich.
»Nein … Nein, nicht in der Grube!« Toras Lippen bewegten sich, aber sie konnte ihre Stimme nicht hören. Vielleicht brachte sie auch gar keinen Laut hervor. Sie war wie gelähmt. Doch dann riss sie sich zusammen und zwang sich aufzustehen. Auf zittrigen Beinen wankte sie zum Fenster, wo Sara-Ellen ihr Platz machte, damit sie hinaussehen konnte.
Sie starrte auf eine Wand aus wirbelnden Schneeflocken, dieselbe Wand, die sie schon seit mehreren Tagen und Nächten auf der anderen Seite der zerbrochenen Fensterscheiben gesehen hatten. Doch das Schneegestöber war nicht dasselbe wie sonst – ein wirbelndes Gemisch aus Schnee und Kohlenstaub –, denn jetzt hatte es einen Unheil verkündenden Rotschimmer, als wären Schnee und Kohlenstaub mit Blut vermischt.
Blut war jedoch nicht der Grund für die rote Farbe. Es war der Feuerschein der Flammen, die aus der Grubenöffnung schlugen. Er färbte die Polarnacht rot. Das Heulen des Sturms verstärkte die unheilvolle Stimmung, die durch den flackernden Lichtschimmer entstand. Es klang wie das herzzerreißende Klagelied sterbender, eingeschlossener und verbrennender Männer. Über all dem Geheul ertönte nun die Brandsirene auf dem Dach der Arbeiterkantine, wie um zu bestätigen, dass die Katastrophe real war.
»Anton … Anton«, schrie Tora verzweifelt. Gleichzeitig waren Stimmen und Rufe aus dem Nebenraum zu hören, wo Undis und Eivor aus dem Schlaf gerissen worden waren.
Jetzt begannen die Leute, ihre Häuser zu verlassen. Tora und Sara-Ellen sahen sie wie unwirkliche dunkle Schatten durch das vom roten Feuerschein erhellte Schneegestöber laufen. Es ertönten laute, vom Sturmgeheul verzerrte, panische Schreie.
»Anton … Er ist in der Grube. Er hat doch Nachtschicht!« Panisch fing Tora an, sich ein paar wärmende Kleidungsstücke übers Nachthemd zu ziehen.
»Wo willst du hin?«, fragte Sara-Ellen.
»Ich muss zu Anton!«
»Du bleibst hier!«
»Nein! Das kannst du mir nicht vorschreiben!« Tora zog sich weiter an. Wollstrümpfe, lange Unterhosen, Wollrock, Islandpullover, Schal, Mütze und Anorak. Das Ankleiden war beschwerlich, da ihre Hände so sehr zitterten.
»Du wirst den Rettungskräften nur im Weg sein«, erklärte Sara-Ellen streng. »Du musst …«
Tora hörte nichts mehr. Sie war schon aus der Tür. Einen Moment lang blieb sie stehen und schnappte nach Luft, bis sie genug Kraft gesammelt hatte, um sich durch Sturm und Schneetreiben zu kämpfen.
Die aus dem Schlaf gerissene Stadt war zu hektischem Leben erwacht. Unter dem nachtschwarzen Polarhimmel ereignete sich eine unvorstellbare Katastrophe. Auf einen Schlag war der Schlaf durch die effektive Hilfsbereitschaft der Bewohner ersetzt worden. Arbeiter, Angestellte und Führungskräfte verließen ihre Häuser und machten sich Seite an Seite auf den Weg, um denen zu helfen, die sich zum Zeitpunkt der Explosion in der Grube befanden.
Inmitten von Dunkelheit, Schneetreiben und Rauchwolken war der schwache Lichtschein der Grubenlampen zu erkennen. Tora sah, dass viele der Männer, die sich in Richtung Grubenaufzug bewegten, Wolldecken, Hacken und Spaten dabeihatten. Sie wickelte sich den Schal ums Gesicht und eilte, bebend vor Angst und Verzweiflung, den Mannsleuten hinterher.
Der Grubenaufzug war zerstört. Große Steine und zersplitterte Holzteile lagen herum. Langsam und mühselig begannen die Rettungsmannschaften den steilen Hang zu erklimmen, an dem sich der Eingang zur Grube befand. Tora folgte ihnen. Der Wind hatte Eis und Schnee poliert, weshalb man auf den losen Steinen noch weniger Halt als sonst fand. Ihr langer Rock erschwerte den Anstieg und nach einer Weile krempelte sie ihn kurz entschlossen hoch und schob den Saum in den Taillenbund, um nicht ständig darüber zu stolpern.
Schluchzend rief sie nach Anton und betete zu Gott, während sie sich bergauf schleppte. Um sie herum lagen verbogene Eisenstangen, Gesteins- und Kohlebrocken sowie völlig zerstörte Gerätschaften. Die Schienenteile des Grubenaufzugs waren so verdreht, dass sie aussahen wie riesige Korkenzieher.
Um sie herum kämpften Männer sich hinauf zu dem Inferno. So schnell es ging, krochen sie den Felsenhang hinauf, in der Hoffnung, früh genug zu den Überlebenden in den verrauchten Stollen vorzudringen.
Auf der Hälfte des Anstiegs musste Tora sich kurz ausruhen. Aus dem Schlund des einstigen Grubeneingangs quoll dichter Rauch in die eiskalte Sturmnacht.
Sie dachte nur an Anton, als sie sich weiter bergauf kämpfte. An manchen Stellen war der Hang so steil und glatt, dass sie nur auf allen Vieren vorankam. In der Eile hatte sie ihre Handschuhe vergessen. Jetzt brannten ihre Fingerspitzen wie Feuer und die Kälte arbeitete sich bis zu den Armen hoch.
Bevor sie den Grubeneingang erreichte, pausierte sie ein zweites Mal. Die Männer mit ihren Lampen, Wolldecken, Seilen, Äxten und Spitzhacken verschwanden wie unwirkliche Schatten im Rauch.
Betonbrocken des Hauses, das am Eingang gestanden hatte, lagen weit verstreut umher. Das Gebäude war dem Erdboden gleichgemacht worden.
Tora hauchte ihre Hände an, um die Frostschmerzen an den Fingerspitzen zu lindern. Am Fuß des Abhangs sah sie Leute mit Pferden, Schlitten, Pulkas und Tragen zum Transport der Verletzten und Toten. Viele der Helfer hatten Petroleumlaternen dabei, die in der nachtschwarzen Finsternis besseres Licht gaben als die kleinen Grubenlichter.
Toras Finger waren taub. Der Wind zerrte an ihren Kleidern und erschwerte den Aufstieg. Dennoch schaffte sie es bis zum Eingang, wo der Qualm aus dem Hauptstollen herausquoll. Ein dichter und extrem übel riechender Qualm. Doch es war nicht der Qualm, von dem ihr übel wurde. Sie hätte sich fast übergeben, als sie den Unterschenkel eines Pferdes unter einem Balken herausragen sah. Die Pferde wurden gebraucht, um die Kohle aus den Stollen ins Freie zu transportieren. Dieses Pferdebein saß nicht mehr an einem Tier. Als ihr dann zwei Männer, die einen Toten zwischen sich trugen, entgegenkamen, musste sie sich tatsächlich übergeben. Die Kleidung des Umgekommenen war verbrannt, seine Haare ebenso. Und das Gesicht war so zerschunden, dass es nicht zu erkennen war, aber der Mann war kleiner und untersetzter als Anton.
»Es ist einer der Kabeljungen!«, rief der eine Mann dem anderen zu.
»Ist er am Leben?«
»Nein.«
Tora wurde schwindelig. Sie musste sich auf einen geborstenen Betonklotz stützen. Nach einigen Sekunden holte sie tief Luft und riss sich zusammen. Dann wankte sie auf die Rauchwolke beim zerstörten Grubeneingang zu. Hustend und keuchend und mit brennenden, tränenden Augen, stolperte sie an verbogenen Eisenstangen, Brettern und Kohlehaufen vorbei.
»Was zum Teufel! Sieh zu, dass du hier wegkommst!«, hörte sie eine wütende Männerstimme schreien. Vor ihr tauchte ein großer, magerer Mann auf, der ihr als Steiger Abrahamsen bekannt war. »Verschwinde!«, rief er und zeigte talwärts. »Wir können hier oben keine Frauen gebrauchen!«
»Anton … Er ist da drinnen!« Tora ließ sich nicht beirren und ging einfach weiter.
»Es interessiert mich einen Dreck, wer alles dort drinnen ist, wir müssen alle rausholen – die Toten und die Lebenden«, rief der Mann. »Und hysterische Weiber, die uns im Wege stehen, sind das Letzte, das wir brauchen!«
»Anton! Wir sind verlobt!«
»Ja, das weiß ich«, unterbrach er sie verärgert. »Aber du musst unten im Ort warten, genau wie alle anderen! Hier hast du nichts zu suchen!«
Tora hörte nicht auf ihn. Sie hatte nur einen einzigen Gedanken – zu Anton zu gelangen. Sie musste sehen, dass er am Leben war. Sie musste...




