E-Book, Deutsch, 269 Seiten
Rach ... und viele Küsse
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86337-132-6
Verlag: weissbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 269 Seiten
ISBN: 978-3-86337-132-6
Verlag: weissbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rudolf Rach kommt aus Köln. Nach dem Studium - Philosophie, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft - wird er 1971 Leiter des Suhrkamp Theaterverlags. 1986 geht er nach Paris als Verleger von L'Arche Editeur. 2010 erschien sein erster Roman, Eine Französische Geschichte, bei weissbooks.w.
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I
Lill Andersson hatte schon früh aufstehen müssen.
Bei der Passkontrolle in Arlanda stellte sich heraus, dass der Personalausweis ihres Mannes seit vier Tagen abgelaufen war. Obwohl er als Rockmusiker einigermaßen bekannt war und auch die Grenzbeamtin sich irgendwie an sein Gesicht erinnerte, wäre es sinnlos gewesen, eine Diskussion mit ihr anzufangen.
Wenn Sie sich ein Taxi nehmen …
Die Frau schob den Ärmel ihrer Uniformjacke etwas zurück und schaute auf die Uhr.
… und zum Zollverwaltungsgebäude fahren, in dem auch die Kollegen von der Polizei untergebracht sind … geben Sie mir noch mal Ihre Bordkarte …
Sie schaute wieder auf ihre Uhr.
… könnte es vielleicht noch klappen.
Es war sechs Uhr morgens. Lill Andersson war Anfang vierzig, ihr Mann ging auf die fünfzig zu. Beide hatten sich auf die Reise nach Nizza gefreut und wenn sie den Flug verpassten, würden die Tickets verfallen. Nicht nur die Tickets, sondern auch der Gutschein für das Hotel.
Pelle Persson, so hieß ihr Mann, lief los. Der Taxifahrer war nicht erbaut über die kurze Strecke. Um ihn zu besänftigen, versprach Persson ihm ein anständiges Trinkgeld und bat ihn, vor dem betongrauen Zollgebäude zu warten. Als er endlich das Büro gefunden hatte, in dem der zuständige Beamte saß, übersah er, geblendet durch das grelle Neonlicht, eine Glasschranke, die den Raum gegen Luftzug schützte. Das Glas war dick und splitterte nicht, doch Persson spürte, wie seine Stirn heiß wurde. Benommen ging er auf den Schreibtisch des Beamten zu und reichte ihm wortlos den abgelaufenen Ausweis. Erst dann ließ er sich auf den davorstehenden Stuhl fallen. Der Beamte streifte die Plastikkarte mit einem flüchtigen Blick und zog ein Papiertaschentuch aus einer Schublade.
Sie bluten, bemerkte er, stand auf und holte das notwendige Formular. Persson drückte sich das Taschentuch an die Stirn, und als er das Blut sah, fing er an, sich zu ärgern: über sich und seine Unaufmerksamkeit.
Eine blutige Stirn für tausend Kronen, murmelte er misslaunig, als seine Frau ihn verdutzt ansah. Die Schlange vor der Gepäckkontrolle war inzwischen länger geworden, aber Arlanda liegt in einem dünn besiedelten Land. So kriegten die beiden ihr Flugzeug, wenn auch ziemlich verdrossen, vor allem wegen der tausend Kronen, die das provisorische Ausweispapier gekostet hatte.
Ein Blick auf den Personalausweis hätte doch genügt, brummte er.
Lill war klug genug, ihm keinen Vorwurf zu machen, und er immerhin so diszipliniert, die Schuld nicht auf seine Frau zu schieben.
Als das Flugzeug die dicke Wolkendecke durchbrach und das nasse schwarzbraune Land unter ihnen verschwunden war, besserte sich die Stimmung. Die Stewardess rückte mit einem Verbandskasten an. Sie hatte zarte und doch entschiedene Hände, und als sie ihm das Pflaster auf die Stirn drückte und dabei seinen Kopf mit der linken Hand von hinten festhielt, um den notwendigen Gegendruck zu erzeugen, wäre es ihm am liebsten gewesen, wenn sie noch weitere Pflaster angebracht hätte, in aller Öffentlichkeit und in Gegenwart seiner Frau.
Ein Wunder, dass meine Brille noch ganz ist, sagte er und bedankte sich.
Ein paar Stunden später lagen Lill Andersson und Pelle Persson in Liegestühlen auf dem Dach des Radisson-Hotels an der Promenade des Anglais. Der direkte Blick auf die Bucht war durch eine Bar versperrt und das kleine Schwimmbecken mit seinem milchig-grünen Chlorwasser wirkte wie eine Karikatur des Meeres, das sich weiter draußen im Dunst verlor. Der Flughafen war nur ein paar Kilometer weit weg, sodass die in dichten Abständen startenden Maschinen ihre Begleiter blieben. Man hörte sie kaum, weil sie in einer steilen Kurve aufs Meer hinaus drehten, um dann, schnell an Höhe gewinnend, wieder in Richtung Festland nach Norden zu fliegen. Nur wenige machten sich auf in Richtung Süden, nach Korsika oder weiter nach Algier, Tunis oder Tanger.
Er müsste gleich hier sein.
Persson steckte seine Uhr in den weißen Hotelbademantel. Seine Frau war erschöpft von der Reise und berauscht von der Sonne eingeschlafen. Erst als sie die Augen aufschlug, merkte sie, dass seine Hand mit den kräftigen Fingern durch ihre dunkelblonden Haare glitt. Er wiederholte, was er gerade gesagt hatte, und sie machte die Augen wieder zu.
Ich glaube, er kommt nicht alleine, antwortete sie und schlug mit geschlossenen Augen nach einer Fliege. Persson zog sein Handy aus der Tasche und fixierte die kristallblaue Fläche, auf der die letzten Nachrichten aufleuchteten.
Was muss man tun, damit ein Tropfen Wasser nicht verdunstet? Man muss ihn ins Meer werfen. Buddhistisches Sprichwort, übersetzt von einem ungezogenen Mädchen.
Das war die vorletzte Botschaft. Die letzte stammte von seinem Manager – wegen eines Konzerts in Uppsala. Persson griff sich wieder eine Strähne von Lills Haaren und rieb sie zwischen Daumen und Mittelfinger.
Wie sollte er die vorletzte Botschaft deuten?
Die kleine Falte um den Halsansatz seiner Frau fiel ihm wieder auf; immer, wenn sie ein dekolletiertes Kleid trug, fiel ihm diese Falte auf.
Die Nachricht war aus Rom gekommen, daran bestand kein Zweifel, und angehängt war ein Foto, das das »ungezogene Mädchen« beim letzten Rockfestival in Sölvesborg geschossen hatte. Persson auf der Bühne mit einem Mikrofon in der Hand; das volle, leicht gekräuselte Haar bis in den Nacken, die Augen beinahe geschlossen, den kantigen Kopf leicht nach vorne gebeugt. Klar, er war nicht mehr der Jüngste, aber die Kraft war noch da, das Feuer brannte noch unter den Falten. Was ihn auf dem Foto ärgerte, war der Ring. Der breite goldene Ehering um seinen Mittelfinger. Warum zog er den Ring vor einem Konzert nicht ab? Niemandem würde das auffallen. Beim nächsten Mal, schwor er sich.
Olivia hatte die Band mit Essen und Getränken versorgt. So hatten sie sich kennengelernt. Sie studierte Werbegrafik und interessierte sich nicht sonderlich für Rockmusik. Olivia machte den Job, weil sie Geld brauchte.
Ist es nicht wunderbar, alles abschütteln zu können? Du setzt dich ins Flugzeug, und nach zwei Stunden bist du in einer anderen Welt. Pelle, bestell uns was zu trinken.
Lill erinnerte sich nicht, wann er ihr das letzte Mal mit den Händen durch die Haare gefahren war. Öffentlich und zärtlich. Und weil sie sich nicht erinnern konnte, hatte sie das Gefühl, als sei etwas nicht in Ordnung. Sie schlug die Augen auf und starrte in den blauen Himmel, in dem die glänzenden Rümpfe der Flugzeuge schnell immer kleiner wurden.
Persson winkte dem Kellner und bestellte einen Pastis. Das war für ihn Südfrankreich: Männer in weiten Hosen, die Zigarette im Mundwinkel und ein Glas mit Anisschnaps in der Hand.
Für mich einen Porto, ergänzte seine Frau und sah auf die Uhr.
Da sind sie.
Lill richtete sich auf und zog mit einer entschlossenen Bewegung ihren Bikini zurecht. Persson streifte den Bademantel über. Der Wind, der von den Bergen herunterwehte, hatte aufgefrischt. Die Sonne stand immer noch hoch, doch der Dunst über dem Meer war inzwischen so stark, dass die Schiffe am Horizont von einer Sekunde auf die andere verschwanden.
Der Mann, mit dem sie verabredet waren, war Ende vierzig, hieß Jean Bart und war Verleger. Er kam aus Paris und Lill hatte geschäftlich mit ihm zu tun. Persson kannte ihn auch; sie waren sich schon in Stockholm begegnet. Sein Begleiter war etwas jünger. Bart stellte ihn als Autor eines Romans vor, der vor einiger Zeit erschienen und äußerst erfolgreich sei.
Der Verleger sprach seinen Namen französisch aus, doch Persson hörte heraus, dass es sich um einen germanischen, vermutlich französisierten Namen handelte. Beide waren elegant gekleidet und Lill entschuldigte sich für ihre »Aufmachung«, was nicht ganz logisch war, weil sie nicht viel anhatte. Der Verleger und sein Autor trugen dunkle, gut geschnittene Anzüge und leichte Lederschuhe, der Autor übrigens ohne Strümpfe, was Lill auffiel, als er sich auf einen der herumstehenden Liegestühle setzte und die Hosenbeine leicht hochzog.
Im Ernst, sagte Bart und beugte sich nach vorne, um seiner Behauptung Nachdruck zu verleihen, das Buch könnte etwas für den skandinavischen Markt sein. Ein Mann rechnet mit seiner Ex ab. Ein ewiges Thema. Leicht und französisch.
Dabei schnipste er mit den Fingern. Was den Autor veranlasste, ebenfalls mit den Fingern zu schnipsen und eine leicht gequälte Miene aufzusetzen.
Lill legte ihm besänftigend die Hand auf den Arm.
Nicht so bescheiden, Monsieur …
Weil ihr der Name nicht einfiel, kam ihr der Autor zu Hilfe.
Schoenboom. Nennen Sie mich einfach Léonard.
Vraiment, Monsieur Léonard, Ihr Buch interessiert mich, ich möchte es unbedingt...




