E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Rabe Der Sinn des [K]Lebens
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-3977-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-6951-3977-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Carsten Rabe ist Historiker und Germanist und war einige Jahre in der Wissenschaft tätig, daneben für Verlage, in der PR sowie als Dozent. Neben seinem Hauptberuf in einem Ministerium schreibt er Romane und Erzählungen aus den Themengebieten Geschichte, Philosophie, Science-Fiction, Fantasy und Satire.
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Uglug
Auf einer Anhöhe über dem Lager seines Clans saß ein junger Mann und blickte gedankenverloren in die Ferne. Er war nur lose in Felle gekleidet, denn es war ein warmer Tag.
Den Sommer verbrachten sie umherziehend, immer der Jagdbeute folgend, und schliefen in mit Reisig bedeckten Unterständen. Die Welt schien ein Grasmeer, aus dem sich Berge, Bäume und Büsche erhoben, und in dem man im Sommer bis zur Hüfte versinken konnte. Den Winter verbrachten sie in Höhlen und hofften, dass die Vorräte und die Winterjagd reichen würden, damit alle überlebten. Das war nicht jeden Winter so, und fast immer starben Alte und Schwache.
Uglug war der Außenseiter des Clans. Er war still und grübelte viel, denn er wollte die Welt verstehen. Uglug hatte Glück, dass sie zuletzt einige gute Jagden hatten. Denn in diesen prähistorischen Zeiten überlebten die Starken, die guten Jäger und diejenigen, die in den Augen der Jäger und des Anführers überlebensnotwendig waren. Uglug gehörte da nicht dazu, denn er trug nur wenig zu den Jagderfolgen bei. Der Weg von einem unterdurchschnittlichen Jäger zu einem unnützen Esser konnte sehr kurz sein.
Das dürfte zugleich die Ursache gewesen sein, warum die Menschheitsgeschichte nur langsam Fahrt aufnahm: alle, die nicht zu den breitschultrigen, aggressiven Jägern gehörten, wurden früh von der Natur und den lieben Mitmenschen final aussortiert. Die Nachdenklichen hatten es immer schon schwer in der Menschheitsgeschichte.
Das Einzige, was Uglug in den Augen der Anderen doch so etwas wie Anerkennung brachte, war die Tatsache, dass er ein aufmerksamer Beobachter war und manche Zusammenhänge in der Natur besser verstand als andere. Beim Auffinden von Feuersteinen etwa oder der Entdeckung neuer Höhlen war er gut; außerdem hatte er einst, nach etwas Beobachtung, einen Wasserlauf umgelenkt, indem er eine Furche in den Boden grub und damit einen besseren Lagerplatz ermöglichte – in den Augen der Anderen fast schon Hexerei.
Uglug war oft allein unterwegs, trotz der allgegenwärtigen Gefahr durch Raubtiere. Auch jetzt versäumte er nicht, immer wieder den Blick schweifen zu lassen und nach heranschleichenden Großkatzen Ausschau zu halten. Er hatte aber auch gelernt, auf die Vögel zu achten. Solange sie in den Büschen blieben und schnatterten, bestand keine unmittelbare Gefahr.
Uglug fuhr sich gedankenverloren durch das filzige, helle Haar. Vor einigen Wochen hatte er ein seltsames Erlebnis gehabt. Er war abseits des Lagerplatzes gewesen, fast schon gefährlich allein, und zwischen den steilen Wänden einer Schlucht vorsichtig vorangeschritten. Die Felsen zu beiden Seiten schienen gut dreißig Mann hoch. Plötzlich hatte er hinter und über sich ein summendes, lauter werdendes Geräusch gehört, das er so noch nie vernommen hatte.
Er hatte sich schnell und reflexartig herumgedreht, aber nirgends ein Tier entdecken können. Stattdessen war plötzlich Wind aufgekommen. Das Summen war lauter geworden, steigerte sich schließlich zu einem infernalischen Kreischen, das in den Ohren schmerzte. Vom Himmel schoss ein Blitz herab, er war ganz gerade, nicht wie die Blitze, die Uglug sonst bei Gewitter beobachten konnte, und traf ziemlich genau den steinernen Rand der Felsen, etwa hundert Mannslängen hinter ihm. Aber der Blitz hörte nicht auf zu leuchten. Nein, dieser Blitz dauerte und dauerte, und er wurde immer noch heller und größer. Wo er den Felsen traf, schien dieser zu glühen, und Funken flogen in alle Richtungen. Uglug verfolgte das Schauspiel staunend und gebannt, während er das Gefühl hatte, dass irgendetwas sehr Heißes auch seinen Körper bis in die letzte Faser durchdrang. Er meinte zu sehen, dass sich dort, auf dem Rand der Felsen, etwas bildete, irgendein dunkles Ding.
Wenige Augenblicke später war es offensichtlich: ein Objekt, etwa drei Mann hoch und breit, entstand am Fuße des Blitzes.
Schließlich ließ das Kreischen nach, der Blitz wurde schwächer, und dann war er plötzlich verschwunden. Es folgte kein Donnerschlag, wie Uglug es sonst gewohnt war.
Der prähistorische Mensch schaute gebannt auf ein Ding, das er nicht verstand. Es war schwarz und glänzte geheimnisvoll in den Strahlen der Frühlingssonne.
Bevor Uglug den Entschluss fassen konnte, sich dem Ding zu nähern und hoch auf die Felsen zu steigen, geschah etwas Unerwartetes: Der Felsrand, immer noch an manchen Stellen glühend, zerbarst an mehreren Stellen, Felsbrocken lösten sich aus der Wand, erst langsam, dann immer schneller und mehr, und schon kam es zu einem Felssturz, als die gewaltige Wand wegrutschte. Uglug sah, wie das Ding oben wankte. Dann kippte es über den sich auflösenden Felsrand und stürzte mit einer Felslawine nach unten in die Schlucht, prallte auf Felsbrocken, dass sich Stücke von ihm lösten, und wurde von weiteren Steinen, die immer noch herabfielen, begraben. Schließlich spaltete sich noch ein ganzer Fels vom Fuß der Schlucht bis zum oberen Rand, und eine längliches Felsstück krachte wie ein umstürzender Baum auf den Steinhaufen.
Uglug war froh, weit genug entfernt zu sein, dass ihn kein Stein traf. Als sich die Natur schließlich beruhigt hatte, war von dem Ding nichts mehr zu sehen. Ein riesiger Steinhaufen verschloss auch Uglug den Rückweg aus der Schlucht. Er näherte sich und untersuchte mit scharfem Blick das Geröll. Von dem Ding war nichts mehr zu sehen, und es bestand keine Chance, es mit dem Clan auszugraben, schon gar nicht, wenn man die tägliche Tageszeit vor allem zur Nahrungsbeschaffung nutzen musste, um nicht zu verhungern.
Uglug fühlte sich immer noch eigenartig, und das sollte auch noch einige Tage anhalten. Es war, als ob etwas Fremdes seinen ganzen Körper durchzog und das Blut in seinen Adern kribbelte.
Er wandte sich schließlich ab, um am hinteren Ende der Schlucht den Aufstieg zu versuchen. Er kannte den Weg aus früheren Wanderungen, es war machbar, nur ein Umweg.
Uglug war schon einige Schritte gegangen, als sein Blick auf etwas Schwarzes auf dem Boden fiel. Er hob es auf – ein seltsames Stück, vermutlich von dem unbekannten Ding. Es war so glatt wie der schönste Flusskiesel, hart wie ein Stein, aber leicht. Sein Rand war zersplittert, und die unregelmäßige Form erinnerte an ein zerrissenes Blatt. Uglug drehte und wendete es minutenlang und starrte drauf. Er rieb daran, er schlug es auf einen Stein, er biss hinein – nichts passierte. Schließlich steckte er es ein. Immerhin war es mindestens so gut wie ein Faustkeil. Vielleicht konnte man damit auch Felle zerschneiden oder Fleisch vom Knochen lösen. Er machte sich auf den Weg.
Uglug hatte diese Geschichte seither nicht vergessen können. Es war, also ob mit ihm etwas passiert wäre. Nachts träumte er seltsame Dinge. Er, dessen materieller Horizont Knochen, Stein, Holz und Leder als Werkstoffe kannte, sah in seinen Träumen Menschen, die mit Dingen, die ihm gänzlich unerklärlich schienen, irgendetwas machten. Diese Menschen hatten kurzes, glattes und manchmal auch kein Haar, sie bauten Häuser aus Stein, riesige Häuser, in denen sie irgendwie übereinander wohnten, als ob ein Berg von unten bis oben von Höhlen durchzogen wäre. Sie hatten seltsame Kleidung an, die den Körper nahtlos bedeckte und bunt war. Er wusste es zunächst nicht, aber ahnte, dass er Menschen zu unterschiedlichen Zeiten sah, denn einmal hantierten sie noch mit Speeren, dann mit Stäben, aus denen Feuer kam, einmal ritten sie auf Tieren, dann wieder zogen diese Tiere Dinge, in denen Menschen saßen, dann fuhren Dinge ohne Tiere davor, und schließlich flogen diese Dinge mit Menschen darin durch die Luft. Uglug wachte mehr als einmal schweißgebadet auf.
Je länger diese Träume anhielten, desto klarer wurde ihm, dass er Visionen von der Zukunft der Menschheit hatte. Für einen prähistorischen Menschen war das völlig unfassbar, und manch anderer als Uglug wäre daran vermutlich irre geworden. Während Menschen späterer Zeiten zumindest mit dem Gedanken umgehen konnten, dass es Zeiten vor ihnen gab, und sie den eigenen Fortschritt sehen konnten, und dies dann irgendwann auch auf die Zukunft übertragen konnten, fehlte einem prähistorischen Menschen, der praktisch keine Vergangenheit kannte, die anders war als sein Jetzt, jedes Verständnis für die Weiterentwicklung der Menschheit – abgesehen von der Unkenntnis über die Werkstoffe und Techniken der folgenden Jahrtausende.
Aber Uglug verstand allmählich, dass die Menschen irgendwann anders leben würden als seine Brüder und Schwestern im Clan. Abends am Feuer erzählte er ihnen von seinen Träumen, und sie hörten gebannt zu. Manche waren skeptisch und hielten das für erfundene Geschichten, aber viele glaubten ihm, dass er Visionen von der Zukunft hatte. Ein großer Steinhaufen und ge schmolzene Felsen bestätigten jedenfalls Uglugs Erlebnis in der Schlucht.
Immer klarer wurde Uglug, dass die Menschen in einer fernen Zukunft sehr mächtig sein würden. Sie hatten unfassbare Waffen, mit denen sie keine Angst mehr vor Tieren haben mussten, sich aber auch leichter gegenseitig töten...




