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E-Book, Deutsch, 172 Seiten
Raasch / Shepherd / Kopsan 2048
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-0459-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kurzgeschichten über die Zukunft
E-Book, Deutsch, 172 Seiten
ISBN: 978-3-6957-0459-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Norbert Schäfer, geboren 1963 in Dortmund, lebt seit vielen Jahren mit seiner Familie in seiner Wahlheimat Hamburg. Früher hauptberuflich in der Dienstleistungsbranche für Wirtschaftsdaten tätig, befasst er sich nun mit dem Verfassen von Storys zu spannenden Anthologien, vornehmlich aus den Genres Krimi und Science-Fiction. Unter dem Pseudonym Nob Shepherd veröffentlicht der Autor Kurzgeschichten aus dem Leben des intergalaktischen Privatermittlers Jonas Kelabassi. Über seinen Facebook-Account freut er sich auf den Austausch mit Lesern, Schreibern und Verlegern.
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Wo die Zukunft beginnt
Die Zukunft beginnt irgendwo in der Vergangenheit, hat irgendwo in der Vergangenheit begonnen, denke ich oft, wenn ich auf die Zeit schaue, die vergeht, die vergangen ist, in meinem Leben, in meiner Generation, auf dem Kontinent, auf dem ich lebe und auf den Kontinenten, von denen ich aus Erzählungen und Bildern weiß; bewegten und unbewegten, gegenwärtigen und vergangenen, Zuständen des Systems, das wir die Welt nennen, oder den Kosmos. Ich in der Welt.
Vielleicht begann die Zeit damit, dass wir anfingen sie zu zählen. Das wäre so ein Gedanke. Die Tage, die Wochen und Monate, die Stunden, Minuten und Sekunden. Hinweise auf dieses Bewusstsein von Zeit und Zeitlichkeit findet sich schon in dem, was wir an allerersten Spuren finden, von den frühen Menschen, in Zeichnungen an Höhlenwänden zum Beispiel oder in hinterlassenen Werkzeugen, in Gebrauchsgegenständen und Grabbeigaben. Ich habe ein paar Semester Ur- und Frühgeschichte studiert. Ganz am Anfang meines Studiums. Das ist schon einige Zeit her, genau genommen schon sehr lange, zumindest in den Maßstäben der Spanne meines Lebens. Aber es war der Versuch, heranzukommen an diesen Entstehungspunkt von Mensch, Menschheit und menschlichem Bewusstsein, dem über sich, von sich selbst und der Welt, in der wir sind, geworfen sind, zu wissen.
Wir erfahren uns in der Zeit, im Ver-gehen, wir die Geh-Wesen, die mit dem aufrechten Gang, der unsere vorderen Extremitäten zum Werkzeuggebrauch frei machte und den Mund frei zum Sprechen und damit das Denken ermöglichte. Evolution. Wir erfahren uns im Bewegen, im Bewegten, in der Bewegung; unserer und die der Welt in der wir sind. Die Physik hat daraus eine ganz einfache Definition der Zeit gemacht: Zeit ist das, was die Uhr anzeigt. Irgendwieso hat Albert Einstein das mal gesagt und ich denke an den feinen Sekundenzeiger, der sich über das Zifferblatt der Taschenuhr meines Großvaters bewegt, natürlich nur, wenn ich die Feder des mechanischen Uhrwerks aufgezogen habe.
Zeit ist Bewegung und periodische Bewegungen kann ich zählen. Zeit und Zählen sind Geschwister. Lange Zeit war es die periodische Bewegung der Sonne, ihr Auf- und Untergehen, deren Zählung die Zählung der Tage wurde, zusammengefasst zu Wochen, Monaten, Jahren; strukturiert vom Wechsel der Jahreszeiten und der Bewegung so auffälliger Gestirne wie dem Mond. Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat es ganz unterschiedliche Kalender gegeben. Oft nahmen sie die Regierungszeiten von Pharaonen, Kaisern und Königen als Zeitmaß. In unserer ökonomistisch globalisierten Welt zählen wir unsere Jahre einfach fortlaufend, beginnen mit einem konkreten, in der Vergangenheit verorteten, Zeitpunkt. Unsere Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte sind die Jahre vor oder nach diesem Zeitpunkt. Und natürlich sind das alles Setzungen. Man könnte es auch anders machen. Hätte man im europäischen Mittelalter bereits das Konzept der Null gekannt, hätte das Jahr 2000 vielleicht ein Jahr später stattgefunden.
Und damit sind wir bei der Beziehung von Zahl und Symbol, sind wir bei Stanley Kubricks 2001 oder bei George Orwells 1984. Und wir sind bei 2048, dem Titel dieses Bandes der, gewissermaßen in einer Umkehr der Umkehr, an Orwells Zahlenspiel anknüpft.
Ich habe schon kurz die Taschenuhr meines Großvaters erwähnt, meine ganz persönliche erste bewusste Begegnung mit diesen faszinierenden Maschinen, die wir uns bauen, um die Einheiten zu zählen, in die wir den Fluss der Zeit aufgeteilt haben. Vom einfachen Stab, so in den Boden gesteckt oder an der Wand eines Hauses befestigt, das sein von der Sonne geworfener Schatten auf einem aufgezeichneten Kreisbogen die Stunden des Tages aufzeigt, über die rieselnden Sand- und die tropfenden Wasseruhren, die tickenden Räderuhren mit ihren Pendeln und Unruhen, bis zur Atomuhr, die die Wellen eines zum Schwingen angeregten Cäsium- oder Strontiumatoms zählt, reicht die Bandbreite dieser Apparaturen. Zeit zählen ist dabei auch ein Versuch, Erinnerung und Erinnertes zu ordnen, es erfassbar und begreifbar zu machen. Es in der Erinnerung zu halten dadurch, dass man einem Zeitpunkt einen Namen gibt. Zweiter November Zweitausendfünfundzwanzig, zehn Uhr zwei, zum Beispiel. Davor und danach. Natürlich kann man sich fragen, was man weiß oder gewinnt an Wissen, wenn man sich mit dem Merkspruch »sieben fünf drei, Rom schlüpft aus dem Ei« die Jahreszahl merkt, die der Gründung Roms zugeordnet wird, in dem Zeitstrahl unseres historischen Denkens. Dahinter liegt wohl die Vorstellung, dass Bezeichnetes, bei einem Namen Genanntes, begreifbar, fassbar, dem Zugriff unserer Handlungen zugänglich wird. Das ist im archaisch magischen Denken nicht viel anders als im modernen und postmodernen Rationalismus einer aufgeklärt neuzeitlich wissenschaftsgeprägten Gesellschaft.
Eine der Techniken des Festhaltens, des Erfassens, des Begreifbarmachens, ist das Schreiben. Be-schreiben. Auf den Sand gelegte Stäbchen, Buchen-holzstäbchen, Buchstaben, in Stein geritzte Linien oder in Tontäfelchen gedrückte Kerben, vielleicht nur eine Erinnerungsstütze, wie viele Schafe auf der Weide waren und welche dem Nachbarn gehörten und welche er von mir bekommen konnte, wenn er dafür ein Stück Land hergab, für ein Jahr zur Bewirtschaftung. Aber auch einem Ding, einer Sache, einem Geschehen einen Namen geben und es damit be- und verarbeitbar machen in den sich verwebenden Mustern unserer Gedanken.
Bei mir im Büro liegt auf dem kleinen Tisch mit der gerundeten Stirnseite, an dem ich meine Beratungen mache, oft eine ganz spezielle Form dieses Aufschreibens der Vergangenheit, des Gewesenen: ein Lebenslauf. Tabellarisch ist er, oder sollte er sein, heute, und umgekehrt chronologisch. Eine sehr fest gefasste Form hat sich da herausgebildet, über die Jahre. Und wenn wir dann über den Lebenslauf sprechen, wie man ihn so gestalten kann, dass eine Bewerbung um ein Praktikum oder einen Job, vielleicht den ersten richtigen Job nach dem Abschluss des Studiums, erfolgreich sein kann, dann schwingt da auch immer die Frage mit, wie sie denn werden wird, die Zukunft. Und natürlich kann ich diese Frage nicht beantworten.
Wir sind in der Gegenwart, diesem bei genauerer Betrachtung mikroskopisch kleinen Punkt, in dem die Zukunft sich uns als kurz aufblitzende Ahnung zeigt und, ohne dass wir auch nur die geringste Chance haben, sie halten zu können, gewissermaßen über uns hinweg oder durch uns hindurch, in die Vergangenheit springt. Dort, fast schon wieder unerreichbar für uns, lesen wir sie vorsichtig tastend in der Erinnerung auf, konservieren sie in Museen und Bibliotheken, mit von uns erfundenen Schriften und Zeichen auf den unterschiedlichsten Arten analoger oder digitaler Datenträger, bevor sie sich uns dann trotz aller Versuche des Haltenwollens viel zu schnell und bald schon ganz entzieht.
Über die Grenze des Jetzt kommen wir nicht hinaus, weder in die eine noch in die andere Richtung, all den fantastischen Spekulationen über Zeitreisen zum Trotz. Wenn überhaupt, dann ist es unsere Imagination, der Ausfluss unserer Fantasiebegabtheit, mit der wir diesen Schritt in den real so hermetisch unzugänglichen Bereich der Zukunft tun können. In unseren Prognosen versuchen wir Beschreibungen von möglichen Szenarien aufgrund von bisher Erfahrenem. Im günstigsten Fall zeigen wir kausale Ketten auf, die darauf hindeuten, in welchem Zustand sich ein System in der nächsten Minute, der kommenden Stunde oder den kommenden Tagen befinden wird. Bei einem Gegenstand, den ich ergreife, anhebe und dann fallen lasse, ist die Prognose recht zuverlässig. Es gibt eine Phase in dem Hineinwachsen in die Welt, in der Kinder zum ersten Mal diese Erfahrung machen. Sie probieren das dann immer und immer wieder mit allen Gegenständen, die sich ihnen darbieten, meist sehr zum Leidwesen ihrer erwachsenen Umwelt, aber eigentlich genau in der Linie des experimentellen Forschungsdrangs, der der neuzeitlichen Physik eines Galileo oder Newton eigen ist.
Eine ganz andere Art über die Grenze des Jetzt zu springen, ist von aktiver Imagination getriebenes Erzählen. Erzählung und Erzählen sind ein genuines Grundmotive menschlichen Erklärens von Welt und Weltzusammenhängen. Die Wirklichkeit der Welt wird erst in ihrer Erzählung wirksam.
Im Coaching arbeite ich oft mit Methoden aktiver Imagination um den Menschen, die zu mir in die Beratung kommen, Zugang zu ihren bisher unentdeckten Potentialen zu ermöglichen. Das Schreiben von Geschichten, von Geschichten wie ich mir meine Zukunft vorstelle, beim Career Service natürlich mit Fokus auf meinen beruflichen Weg, ist da eine wunderbare Methode.
Der Schreibwettbewerb, dessen Ergebnisse sich in diesem Band zusammengestellt finden, hat erst einmal aber eine ganz andere Motivation. Als universitäre Einrichtung, mit dem Fokus auf der Berufsund Praxisfähigkeit von Studierenden und Studium, suchen wir immer nach neuen und interessanten Angeboten, um die Vielfalt beruflicher Perspektiven sichtbar und erfahrbar zu machen und dafür zu qualifizieren. Diese Aufgabe hat der Schreibwettbewerb, mit den vielfältigen Formen des Engagemnets und seinen ineinander verschachtelten Erfahrungsräumen,...




