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Oberinspektor Chen Cao vom Shanghaier Polizeipräsidium lauschte einem Vortrag beim Schriftstellerverband, der ihn abwechselnd zum Stirnrunzeln und zum Nicken veranlasste.
»Das Rätsel China – worin besteht es?
Wir erinnern uns an die Aussage unseres früheren Premierministers, dass er 99 Särge für korrupte Kader bereithält – und einen für sich selbst. Was wollte er damit sagen? Der Kampf gegen die Korruption ist gefährlich, aber er war bereit, sich dieser Herausforderung mit allen Konsequenzen zu stellen. Seinerzeit hat man ihm für seine Entschlossenheit applaudiert. Zweifellos hat der Premier sein Bestes getan und ist unbeschadet in den verdienten Ruhestand gegangen, aber die Korruption hat sich seither weiter verschlimmert. Heute, so sagen die Leute, würden 99 Särge längst nicht mehr ausreichen.
Ein anderes politisches Schlagwort ist das vom Sozialismus chinesischer Prägung, ein Begriff, unter dem sich sämtliche Merkwürdigkeiten dieser Gesellschaft zusammenfassen lassen. Unser Land ist, glaubt man den Parteiorganen, sozialistisch oder gar kommunistisch, in Wirklichkeit aber herrscht Kapitalismus, eine primitive Günstlingswirtschaft, die durch und durch materialistisch geprägt ist. Man könnte ebenso gut von Feudalismus sprechen, wenn man bedenkt, dass die Kinder privilegierter Kader – die Prinzlinge unserer Gesellschaft – automatisch selbst zu hohen Kadern werden, ›glaubwürdige rote‹ Thronfolger im Einparteiensystem.
Auch wenn uns die Propagandamaschinerie der Partei etwas anderes einbleut, so wissen wir doch, dass die chinesische Gesellschaft moralisch, ideologisch und ethisch am Ende ist, dennoch trommelt sie weiter wie das Häschen im Werbespot.«
Chen klopfte seine Hosentaschen nach einem Päckchen Zigaretten ab, besann sich dann aber. Dies war einer jener heiklen und gerade noch geduldeten Vorträge. Der Redner, ein bekannter Gelehrter namens Yao Ji, war Jurist an der Shanghaier Akademie für Sozialwissenschaften. Yao galt zwar nicht als Dissident, aber als einer jener potenziellen Unruhestifter, die mit unverhohlener Kritik die Probleme der heutigen Gesellschaft anprangerten. Er hatte einige streitlustige Artikel veröffentlicht, und was nicht gedruckt werden durfte, stellte er auf mehreren Blogs ins Netz. Der hagere, kantige Mann stand leicht vorgebeugt auf dem Podium und unterstrich seine Worte mit lebhaften Gesten. Seine Geheimratsecken schimmerten im Licht, das durch die bunten Glasfenster drang und ihn wie einen Heiligenschein umgab.
Chen wusste so manches über Yao, der auf einer polizeiinternen schwarzen Liste stand. Doch ihm konnte das momentan egal sein, sagte sich Chen, während er die Brille mit den bernsteinfarbenen Gläsern zurechtrückte und die französische Baskenmütze in die Stirn zog. Er hoffte, hier nicht als Polizist erkannt zu werden, auch wenn einige der Mitglieder im Schriftstellerverband von seinem Beruf wussten. Er sann über das Wort Enigma, Rätsel, nach. Es weckte in ihm die Erinnerung an ein Gemälde, das er jedoch nicht in allen Einzelheiten vor Augen hatte. Professor Yao führte derweil eine Fülle konkreter Beispiele an, um seine Behauptung zu belegen.
»Worin besteht denn diese vielbeschworene chinesische Prägung? Diesbezüglich gibt es unzählige Auslegungen und Definitionen, hier nur einige Beispiele, die für sich sprechen. Ein Professor an der Peking-Universität sagte unlängst zu seinen Studenten: ›Wenn ihr nicht vorhabt, mit vierzig vierhundert Millionen auf der hohen Kante zu haben, seid ihr bei mir an der falschen Adresse.‹ Dieser Professor hat sich auf den Immobiliensektor spezialisiert und spricht sich für hohe Immobilienpreise aus; als Gegenleistung erhält er Geld von den Bauunternehmern. Für ihn und seine Studenten zählt in dieser Welt des roten Staubes nur bares Geld.
In einer Fernsehshow, in der die Teilnehmer über die Kriterien bei der Partnerwahl diskutierten, gab eine junge Frau folgende Stellungnahme ab: ›Lieber in einem BMW weinen, als auf dem Fahrrad lachen.‹ Die Botschaft ist unmissverständlich. Sie wird sich allemal für einen Ehemann entscheiden, der ihr materiellen Luxus garantiert, Liebe ist dabei zweitrangig. Bei einem kürzlich geahndeten Fall von Alkohol am Steuer schrie der Fahrer die Polizisten an: ›Zhang Gang ist mein Vater.‹ Dieser Zhang Gang ist ein hoher Parteikader, dem die örtliche Polizeibehörde unterstellt ist. Natürlich zögerten die Ordnungshüter, den Sohn zu belangen. Ein Passant dokumentierte die Szene mit seinem Handy und stellte den Clip ins Internet. Daraufhin wurde ›Zhang Gang ist mein Vater‹ zum geflügelten Wort.«
Treffende Beispiele dafür, was derzeit in China vor sich ging, dachte Chen. Aber was bedeutete das für die Gesellschaft?
Für die Regierung hatte »Stabilität« oberste Priorität. Es hieß, der durch den Reformprozess erzielte wirtschaftliche und gesellschaftliche Fortschritt sei nur auf der Basis von Stabilität möglich. Doch trotz gezielter Maßnahmen der Parteiorgane gegen sogenannte instabile Faktoren ließ sich die Stabilität immer schwerer gewährleisten.
Auf dem Podium kam Professor Yao nun zu seinem Fazit.
»In Zeiten, da die Regierung sich mit ihrer Legitimation immer schwerer tut und die ideologischen Grundlagen der Partei an Bedeutung zu verlieren drohen, versuche ich als Jurist, entgegen aller Hoffnung, an der letzten Verteidigungslinie für unsere künftige Gesellschaft festzuhalten, an einem wahrhaft unabhängigen Rechtssystem.«
Chen klatschte, doch seine Brauen zogen sich enger zusammen. Ein solcher Vortrag war für die Ohren eines Polizeibeamten nicht gerade angenehm. Dennoch saß er lieber hier als mit Parteisekretär Li Guohua und den anderen Kollegen in einer politischen Routinesitzung.
Li, der führende Parteigenosse im Präsidium, näherte sich allmählich dem Pensionsalter, und Chen war als sein Nachfolger gehandelt worden. Doch aus irgendwelchen Gründen hatte man Li für weitere zwei Jahre in seinem Amt bestätigt. Als Ausgleich war Chen zum ersten Vizeparteisekretär der Behörde ernannt und ins Shanghaier Komitee der Kommunistischen Partei Chinas berufen worden.
Für einen Außenstehenden sah das nach einer Beförderung aus, was es angesichts der realen Machtstrukturen aber keineswegs war. Einige führende Parteigenossen der Stadtregierung wollten ihn offenbar nicht in einer Schlüsselposition an der Spitze der Behörde sehen, da sie ihn für einen von denen hielten, die auf der anderen Seite stehen.
Die Veranstaltung des Schriftstellerverbands bot ihm eine willkommene Entschuldigung, sich vor der dienstäglichen Routinesitzung zu drücken. Parteisekretär Lis abgedroschene Phrasen aus der Parteizeitung nervten ihn zunehmend.
Der verebbende Applaus holte ihn wieder in die Gegenwart zurück. Nun würde eine Diskussion folgen, und im Anschluss fände die vor Wochen für heute angesetzte Vorstandssitzung statt.
Chen verließ den Konferenzsaal und trat in den von Mauern umschlossenen Garten. Die Villa hatte ein reicher Geschäftsmann in den Dreißigerjahren errichten lassen, 1949 war sie dann von der Partei beschlagnahmt worden. Schon seit vielen Jahren residierte dort nun der Schriftstellerverband.
Hinter einem kleinen Teich blieb Chen stehen und betrachtete den weißen Marmorengel, der in der Mitte posierte. Wie durch ein Wunder hatte die Statue die Kulturrevolution unbeschadet überstanden.
Es war das Verdienst des Alten Bao gewesen, des Pförtners des Schriftstellerverbands. Als einfacher Arbeiter galt er als »politisch zuverlässig« und genoss in jenen Tagen das Vertrauen der Roten Garden und Rebellen. In einer dunklen Nacht hatte er heimlich die Statue auf seinem Lastenfahrrad zu sich nach Hause gebracht und unter dem Bett versteckt. Als tags darauf die Roten Garden auftauchten, um alles »Bourgeoise und Dekadente« zu zerschlagen, stand die nackte Statue ganz oben auf ihrer Liste, aber sie war auf unerklärliche Weise verschwunden. Die Garden verhörten jeden, außer den Alten Bao, der ja eine rote Armbinde trug und die revolutionären Slogans lauter brüllte als jeder andere. Das Verschwinden der Statue blieb ein Rätsel, bis sie der Alte Bao nach dem Ende der Kulturrevolution an ihren ursprünglichen Standort im Garten des Schriftstellerverbands zurückbrachte. Auf die Frage, warum er ein solches Risiko eingegangen war, antwortete er schlicht, dass es zu seinen Pflichten als Pförtner gehöre, das Inventar des Gebäudes vor Schaden und Zerstörung zu bewahren.
Als Chen aufsah, erblickte er einen Mann, der ihm vom Pförtnerhäuschen aus zuwinkte, wo jeder Besucher sich anmelden musste. Es war der Kleine Bao, einziger Sohn des Alten Bao. Als der alte Herr Mitte der Neunzigerjahre in Rente ging, war sein Sohn gerade arbeitslos und konnte dank Chens Fürsprache den Posten seines Vaters übernehmen. Nun saß er also mit einem Becher Tee im selben Häuschen und verwaltete das Besucherbuch, das inzwischen allerdings aus einem Ringbuch mit austauschbaren Seiten bestand. Der Becher war vermutlich noch derselbe, aus dem der Alte Bao getrunken hatte.
Während Chen zurückwinkte, hörte er Schritte näher kommen. Er drehte sich um und erkannte An, die neu gewählte Verbandsvorsitzende.
An war Mitte vierzig, von durchschnittlicher Größe und dunklem Teint; sie hatte ein mit Preisen ausgezeichnetes Buch über eine bedauernswerte Frau geschrieben, die im gnadenlos sich wandelnden Shanghai unter die Räder gekommen war. Der Roman war auch verfilmt worden, doch seither hatte die Autorin nichts Vergleichbares mehr vorgelegt. Das war auch nicht verwunderlich, überlegte Chen. In ihrer neuen Funktion genoss sie die Privilegien eines Parteikaders...