E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Puzo Las Vegas
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-95530-317-4
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-95530-317-4
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
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Marion Puzo, geb. 15. Oktober 1920 in New York City. Puzo wuchs in Little Italy, einem New Yorker Stadtteil, in ärmlichen Verhältnissen auf. Im Jahr 1950 veröffentlichte Puzo seine erste Kurzgeschichte, im Jahr 1955 seinen ersten Roman 'The Dark Arena'. Er schrieb für Magazine und war zeitweise auch Regierungsangestellter. Puzo wurde zu einem weltweit bekannten Krimiautor. Durch seinen 1969 erschienenen Roman 'Der Pate' wurde er bekannt.
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I
Wildnis und Neonlicht
Die Fahrt der ›Mayflower‹, die auslief, um die Neue Welt zu kolonisieren, wurde durch eine Lotterie in England finanziert. Soviel über Amerikas puritanisches Erbe.
Einer der zwölf Apostel wurde durch das ›Los‹, also durch eine Art von Lotterie, ausgewählt. Es war aber nicht etwa Judas.
Von George Washington wissen wir, daß er nie log. Aber er hasardierte mit allem, überall und jederzeit. Die Nacht, in der er über den Delaware setzte, um die Hessen zu überfallen, war vielleicht die einzige Nacht im ganzen Revolutionskrieg, in der er nicht Karten spielte oder würfelte. (Dennoch hielt er das Spiel für ›schlecht‹, denn in einem Armeebefehl untersagte er den einfachen Soldaten das Glücksspiel.) Die berühmten Universitäten Yale, Harvard und Dartmouth wurden mit Geldern aus Lotterien errichtet. Dasselbe gilt für die ersten Kirchen der Puritaner in der Neuen Welt und für die ersten Schulen und Brücken. Die Revolutionsarmee, mit der Amerika seine Unabhängigkeit gewann, wurde ebenfalls aus Lotterien finanziert.
Diese Tatsachen führe ich einfach deshalb an, um zu zeigen, daß das Glücksspiel kein widernatürliches Laster, die Stadt Las Vegas – so hoffe ich doch – keine Erfindung des Teufels und auch nicht unamerikanisch ist. An der Meinung, Las Vegas sei die rohe, geldgierige Hauptstadt des Sex und der Sünde, vulgär in seiner Architektur und Atmosphäre, läßt sich ohnehin nichts ändern. Und zwar, weil das Gegenteil zu schwer zu beweisen ist. Dies ist einfach ein Buch über Las Vegas als der Traumwelt des Genusses, die einen Urtrieb der menschlichen Natur befriedigt.
Es gilt der alte Satz: Alles zu seiner Zeit. Es gibt eine Stunde für Champagner und eine für Coca-Cola; eine für französische Küche und eine für Pizza; für James Joyce und für Agatha Christie; eine für Wollust und eine für echte Liebe. Einmal zieht man sich für zwei Wochen in ein Kloster zurück, und ein anderes Mal steht einem eben der Sinn nach drei wilden Tagen in Las Vegas mit Glücksspiel, Saufen und leichten Mädchen. So ein Buch über Las Vegas kann also nicht schaden. Und wer weiß – unter Umständen kann man Weisheit ebenso durch Hingabe an das Laster wie durch Übung der Tugend erwerben. Vielleicht lernt man gerade daraus ein wenig.
Um zum Kern zu kommen, zuerst einige grundlegende Tatsachen. So sehr ich Las Vegas liebe, muß ich doch gleich sagen, daß es keine Chance gibt, nach längerem Aufenthalt diese Stadt als Gewinner zu verlassen. Es ist einfach so, daß der prozentuelle Hausvorteil oder edge, wie wir Spieler ihn nennen, durch ehrliches Spielen nicht aufgeholt werden kann. Ich will damit nicht sagen, daß die Kasinos von Betrügern geführt würden. Im Gegenteil. Kasinos sind die ersten ehrlichen Spielstätten in der Geschichte der Menschheit – und das Glücksspiel ist so alt wie unsere Zivilisation.
Dieses Buch ist also keine Anleitung zum Gewinnen. Es gibt dafür keine Methode, kein System. Es will Ihnen nur zeigen, wie man sich in Las Vegas nicht umbringt. Und das ist im Grunde ganz einfach: Unterschreiben Sie niemals einen Schuldschein. Stellen Sie prinzipiell keinen Scheck aus, sondern spielen Sie bloß mit dem Geld, das Sie in der Tasche haben.
Sicherlich werden Sie auch das eine oder andere Mal gewinnen, vielleicht sogar fünf-, sechs- oder siebenmal hintereinander. Aber schließlich wird alles wieder weg sein. Denken Sie daran, daß eine Pechsträhne weitaus tödlicher ist, als eine Glückssträhne nützlich sein kann. Das ist eigentlich alles, was Sie über Las Vegas wissen müssen. Später werden wir uns ein wenig mit Systemspielen beschäftigen. Da wünsche ich viel Glück.
Erinnern wir uns, daß Las Vegas vor dreißig Jahren noch eine Kleinstadt war, in der es einige Spielkasinos im Wildweststil gab, in denen man mit einem Gewinn von fünfzigtausend Dollar die Bank sprengen konnte. Heute ist Las Vegas eine Großstadt mit einem riesigen Komplex von luxuriösen Kasinohotels im Wert von etwa einer Milliarde Dollar, der jährlich an die zwei Milliarden Dollar Gewinne auszahlt. Vergessen Sie aber nie: Das Geld, mit dem diese Milliardenanlage errichtet worden ist, stammt aus den Taschen der Verlierer.
Nachdem wir diese Dinge einmal beim Namen genannt haben, will ich nun von etwas ganz anderem sprechen. Drei Tage Las Vegas können zu einem unvergeßlichen Erlebnis werden. Das setzt freilich voraus, daß Sie berühmte Museen, die Freude am Lesen, gutes Theater, klassische Musik, anregende Vorträge großer Philosophen, erstklassiges Essen, ausgezeichnete Weine und wahre Liebe aus Ihrem Gedächtnis streichen. Und zwar zur Gänze streichen. Nur für drei Tage. Glauben Sie mir, diese Dinge werden Ihnen nicht abgehen. Denn: Ihr werdet sein wie die Kinder!
Las Vegas ist heute vielleicht eine der bekanntesten Städte der ganzen Welt. Reisen Sie durch die Kulturzentren Europas, sprechen Sie mit einem beliebigen Taxifahrer oder Hotelkellner über Las Vegas, und Sie können seines aufrichtigen Interesses sicher sein. Reisen Sie in den Fernen Osten, nach Japan oder Hongkong, und die Menschen werden über Las Vegas sprechen und über ihre Hoffnung, eines Tages dorthin zu kommen. Nicht, um dort ihr Glück zu machen, sondern nur um es zu sehen.
Die Ironie besteht darin, daß Las Vegas keinerlei Existenzberechtigung besitzt, außer, daß dort das Glücksspiel gesetzlich erlaubt ist. Es ist eine Wüste inmitten des Nichts. Es besitzt keinerlei Vorzüge des Klimas oder der Natur, hat keine alte Geschichte und keine landschaftlichen Reize, um den Touristen zu bezaubern. Im Grunde genommen müßte es noch immer eine staubige Kleinstadt sein, mit einem bankrotten Bumslokal als Kasino und ein paar verlotterten Motels. Ja wirklich, von Rechts wegen müßte es noch immer ein Provinznest mit einem winzigen Bahnhof sein anstatt einer kleinen Hauptstadt mit einem Flugplatz, auf dem jährlich Tausende Düsenmaschinen starten und landen. Wie ist es zu diesem Wunder gekommen? Um es ganz offen und ehrlich zu sagen: Las Vegas ist das Produkt von Männern, denen man nachsagt, sie seien die raffiniertesten Verbrecher, die Amerika oder sogar die ganze Welt je hervorgebracht hat. Und es ist kein geringer Tribut, den man der verblüffenden Alchemie des demokratischen Kapitalismus Amerikas zollen muß, wenn man feststellt, daß sich das ganze Unternehmen zu einer der achtbarsten Errungenschaften unserer Gesellschaft entwickelt hat, so dekadent diese Gesellschaft auch sein mag.
Es mag Menschen geben, denen Las Vegas ein Greuel ist und die es am liebsten ausgelöscht sehen würden. Aber sie müßten mich vorher überzeugen, daß die Erdölgesellschaften grundanständig sind, die Börse kein Schwindel und die Lateinamerikapolitik der USA nicht verrückt ist. Außerdem müßten sie mir nachweisen, daß die Demokratische Partei und die Republikanische Partei ehrlicher sind als die Mafia.
Das Glücksspiel war immer ein sehr wichtiger und keineswegs nur destruktiver Teil meines Lebens. Las Vegas wurde mein Mekka, das ich im Jahre 1964 endlich erreichte. Das ist möglicherweise eine zu persönliche Bemerkung für ein Buch über Las Vegas, aber ich sollte nicht anders über das Glücksspiel zu schreiben beginnen, auch auf die Gefahr hin, daß man dadurch auf einen seichten Charakter schließen könnte (woran etwas Wahres wäre). Ich muß sogar zugeben, daß das Spiel zu gewissen Zeiten meines Lebens einen absolut zerstörerischen Einfluß auf mich ausübte. Das Schreiben meines zweiten Romans nahm zehn Jahre in Anspruch, teilweise, weil ich soviel Zeit mit Spielen zubrachte, teilweise aber auch, weil ich soviel Zeit darauf verwenden mußte, meine Familie zu ernähren. Und dennoch – obwohl mich das Spiel manchmal aus der Verzweiflung gerettet hat, hat es mich doch nie selbst in Verzweiflung gestürzt. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, daß ich meist nicht viel zu verlieren hatte. Und als dies schließlich doch der Fall war, schränkte ich mich im Spielen ein. Ich halte die Behauptung, daß das Spiel das Leben vieler Menschen zerstört hat, durchaus für wahr. Aber dasselbe gilt für den Schnaps, die Frauen, die große Liebe, für den Patriotismus, die Kunst, für das Gesetz trotz all seiner Größe und für die Religion.
Der Luxus von Las Vegas ist für jedermann zu haben, unabhängig von Rasse, Klasse, Religion, Aussehen oder anderen Dingen. Alles, was man benötigt, ist ein bißchen Geld. Dafür bekommt man eine Ahnung von königlichem Luxus, von schönen Frauen, die dem Harem eines Sultans wohl anstünden, und von spektakulären Shows mit den bekanntesten Stars aus der Welt des Schlagers, des Tanzes und des Films.
Das einzige, was es in Las Vegas nicht gibt, ist Kunst. Dafür aber viel Religion. In Las Vegas gibt es im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr Kirchen als in jeder anderen Stadt der Welt.
Es spielt keine Rolle, wenn die Küche das internationale Niveau nicht erreicht und der Service zu wünschen übrigläßt. Es macht nichts aus, daß viele der faszinierenden glitzernden Shows nur selten ein Körnchen ungetrübter Schönheit oder echten Vergnügens enthalten. Alles ist ein Traum, nichts entspricht der Realität. Diese Stadt ist ein Zufluchtsort vor der Wirklichkeit, vor drückenden Sorgen, vor wahrer Empfindung. Und deshalb ist es irgendwie richtig und angemessen, daß Las Vegas von einer Wüste umgeben ist. Von einer Wüste, die gewissermaßen als cordon sanitaire fungiert.
Ich habe Las Vegas immer geliebt. Aber obwohl ich dort sogar einmal meinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, hielt ich...




