E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Przybyszewski Satans Kinder
1. Auflage 2015
ISBN: 978-80-268-4299-6
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-80-268-4299-6
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Satans Kinder' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Stanis?aw Przybyszewski (1868-1927) war ein polnischer Schriftsteller, der zu Beginn seiner Laufbahn auf Deutsch schrieb. Przybyszewski entwickelte ein großes Interesse für Satanismus sowie die Philosophie von Friedrich Nietzsche und begann ein Bohème-Leben. Zu seinen Freunden in dieser Zeit gehörten Edvard Munch, Richard Dehmel und August Strindberg. Aus dem Buch: 'In jedem Augenblick erwartete man neue Unglücksbotschaften; eine fanatische Untergangsekstase peitschte die Menge in den Wahnsinn. Niemand dachte daran, seine Habseligkeiten zu retten: die Gewißheit, daß die ganze Stadt in Flammen aufgehen werde, hatte alle Besinnung gelähmt. Es wurde ruchbar, daß in einer halben Stunde die Landratur niederbrennen werde. Man erwartete es mit stumpfer Resignation. In einem Fenster flammte ein Licht auf; gleich war man sicher, daß das Haus anfange zu brennen.'
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II.
Gordon saß lange in tiefes Brüten verloren.
Hin und wieder stand er auf, ging wie abwesend herum, kühlte sich die Stirn an der Fensterscheibe, dann setzte er sich wieder und – schlief ein.
Plötzlich erhob er sich, nahm seinen Regenmantel und ging hinaus.
Draußen war er sehr erstaunt, wie finster es war. Dabei regnete es. Die Regentropfen schienen ihm zu Eisnadeln auf seinem Gesicht zu gefrieren. Von der Vorstadt her sah er Lichter herüberschimmern; eine Zeit lang interessierte es ihn, sie vor seinen Augen tanzen und verschwimmen zu sehen, aber von neuem vergaß er alles.
Als er die Stadt erreichte, fühlte er sich ganz durchnäßt. Er schüttelte sich. Es fröstelte ihn. Wenn er jetzt nur eine Droschke finden könnte. Er sah sich um und lächelte. Natürlich würde er jetzt keine bekommen. Er fing an schnell zu gehen, ging ein paar Straßen entlang, bog in ein Seitengäßchen ein und erreichte schließlich ein kleines Haus, das abgesondert, fast auf freiem Felde lag.
Er ging hinauf und klopfte an.
Die Tür wurde sehr vorsichtig aufgemacht.
»Guten Abend, Pola!«
»Still! Er schläft ...«
Gordon trat leise ein.
»Wie geht es Stefan?«
Er sah dem Mädchen in die Augen und behielt ihre Hand in der seinen.
»Schlimmer und schlimmer ...«
Im selben Augenblick richtete sich der Kranke im Bett auf.
»Ah! Sie sind es, Gordon! Gott, wie ich Sie erwartet habe ...«
Gordon trat an das Bett.
»Wie geht es Ihnen?«
»Es wird wohl nicht mehr lange dauern ... Pola, bring Tee ... Ich rauche jetzt auch wieder ... es ist ja gleichgültig. Der alte Mizerski kam einmal her und sah mich rauchen. Es machte mir Freude, ihm den Rauch ins Gesicht zu blasen. Er ist doch Arzt, er sollte mir doch helfen können ... He he, wissen Sie, was er sagte? Er setzte eine freundliche Miene auf, klopfte mir auf die Schultern, und meinte, ich sei ein braver, junger Mann aus dem Stamme der Römer, die auch mit Grazie zu sterben verstanden ... Ha ha ... mit Grazie ...«
Er hustete.
»Das Verfluchte an der Sache, daß es nicht so schnell zu Ende gehen will. Es wird wohl noch ein halbes Jahr dauern.«
Er sah Gordon mit großen, ängstlichen Augen an, als ob er Trost bei ihm suchte.
Aber Gordon schwieg, er schien über etwas andres nachzudenken.
»War Mizerski heute bei Ihnen?«
»Nein, er ist verreist.«
»Verreist? Auf lange?«
»Auf ein paar Tage. Pola war dort. Sie wurde von Fräulein Mizerska sehr freundlich nach mir ausgeforscht. He he ... man nimmt Anteil an meinem Leiden ... Ich brauche es zum Teufel nicht. Ich brauche kein Mitleid. Sie sind der Einzige, den ich sehen kann, weil Sie kein so jämmerliches Gesicht aufsetzen wie die Andern. Ich habe sie alle zum Teufel gejagt.«
Das Gesicht des jungen Menschen war verzerrt in ohnmächtiger Wut.
»Regen Sie sich doch nicht so auf, Stefan. Sie sind so verbittert ... Hat Fräulein Mizerska nach Ihnen gefragt?«
»Ja.«
Gordon schien keine Antwort zu erwarten, er sah sich zerstreut um.
»Sie sollten von hier ausziehen, Stefan«, sagte er plötzlich. »Die Wände sind feucht und sind mit Pilzen bewachsen. Das tötet Sie.«
»Jetzt ist es ja gleichgültig. Lassen wir die Pilze nur recht schön weiter wachsen.«
»Aber für Ihre Schwester ist es gefährlich.«
Der Kranke machte eine verächtliche Handbewegung.
»Alles ist gleichgültig. Früher oder später ...«
Er sank wieder in die Kissen zurück und starrte an die Decke.
»Jetzt muß ich wieder liegen«, sagte er nach einer Pause. »Diese Novembertage machen einen ganz verrückt. He he ... es ist eine eigene Sache um dies Liegen auf dem Krankenbett mit der absoluten Sicherheit, daß man bald eine nähere Bekanntschaft mit den Leichenwürmern machen wird.«
Er lachte auf und sah Gordon grinsend an.
Pola kam mit dem Samowar herein.
»Aber Sie sind ja ganz naß, Gordon. Trinken Sie nur schnell heißen Tee ... Geben Sie den Mantel her, ich werde ihn trocknen ...«
Sie wurde sehr erregt.
»Sie können sich ja furchtbar erkälten.«
»O, ich bin daran gewöhnt: Ich schlief einmal auf dem Felde und es hat geregnet wie bei Wolkenbrüchen ...«
Er lächelte, nahm den Mantel ab und gab ihn ihr hin.
»Vielleicht ist es besser, daß man ihn trocknet«, sagte er zerstreut.
Als sie in der Tür war, rief ihr der Kranke nach:
»Bleib auf deinem Zimmer, ich habe mit Gordon wichtige Sachen zu besprechen. Stör uns nicht.«
»Nein, nein!«
»Arbeiten Sie jetzt viel?« fragte Gordon.
»Ja, ich arbeite sehr viel. Ich arbeite auch mit einer sonderbaren Schärfe und Klarheit. Nun, Sie wissen ja ... Sie haben wohl schon von dieser ominösen Klarheit gehört ... He he ... Man wird immer klar, wenn es zur Neige geht ...«
»Haben Sie die Broschüre schon fertig geschrieben?«
»Ich werde sie Ihnen in zwei Tagen geben ... Aber reichen Sie mir den Tee ... So. Danke.«
Er zog eine Flasche unter dem Kopfkissen hervor.
»Wollen Sie Cognac haben?«
»Trinken Sie jetzt wieder?« fragte Gordon erstaunt.
»Ja. Das gibt Mut ... He he ... Es ist nun alles gleichgültig, was ich tue. Jetzt schadet mir nichts mehr, nichts. Oh, es ist ein sonderbares Gefühl, daß einem nichts mehr schaden kann. Nicht wahr? Wenn einer, der zum Tode verurteilt ist, sich an dem Henkersmahl tags zuvor den Magen verdirbt, so tut das nichts, nicht wahr?«
»Nein!« sagte Gordon zerstreut.
Stefan sah ihn eine Weile traurig an.
»Hören Sie, Gordon, ich habe Sie so sehnsüchtig erwartet, ich bin Ihnen so dankbar, daß Sie gekommen sind, aber Sie sind nicht bei mir.«
»Ja, ich bin bei Ihnen ... Ich habe Sie sehr gerne, Wronski, sehr gerne ...«
Er sagte es fast gleichgültig.
Wronski wurde unruhig.
»Warten Sie, ich muß aufstehen, ich kann nicht denken, wenn ich liege, und ich muß mit Ihnen sprechen.«
Er stieg aus dem Bett und kleidete sich hastig an. Gordon wurde plötzlich lebendig. Er half ihm beim Ankleiden und setzte ihm einen Stuhl zurecht.
»Nein, danke. Ich werde herumgehen.«
Aber er setzte sich bald hin und trank gierig das Glas Tee, das er zur Hälfte mit Cognac gemischt hatte. Seine Wangen brannten, und seine Augen bekamen einen unheimlichen Glanz.
Gordon sah ihn brütend an. Er schien ihn nicht zu sehen.
Der Kranke packte plötzlich seinen Arm.
»Hören Sie, Gordon ... Wissen Sie, was es heißt zu sterben? In meinen Jahren zu sterben? Wenn man zwanzig Jahre alt ist? Wissen Sie überhaupt, was sterben heißt? Ich liege Nacht für Nacht wach und denke; ich suche es zu Ende zu denken. Man kann es nicht denken ... Sehen Sie, ich bin gefaßt. Ich weiß, daß ich sterben muß. Aber was heißt das? Was heißt Sterben? Sagen Sie es mir! Sie sind für mich der größte Mensch. Sie sind mein Gott. Sagen Sie es mir, was heißt das: sterben?!«
»Ich weiß es nicht.«
»Sie wissen es nicht? Sie sollen es wissen! Sie müssen! Sie haben immer meine Fragen beantwortet. Warum können Sie es jetzt nicht? He he ... Man stirbt! Die Seele stirbt früher, hat man gesagt. Herrgott, dieser Wahnsinn! die Seele soll sterben! Daran glauben Kretins! ... He he ... Wozu bin ich überhaupt da? ... Ha ha ... der Zweck soll nur für das menschliche Bewußtsein existieren ... Und Sie wissen es nicht, wozu ich da bin? Ich habe versucht, es zu Ende zu denken! Mein Leib zerfällt! Gut! Meine Seele ... der unsterbliche Astralleib ...«
Er keuchte und würgte am Husten.
Gordon nahm seine Hände und sah ihm starr in die Augen.
Wronski beruhigte sich sofort.
»Glauben Sie an die Hölle?« fragte Gordon.
»Nein!«
»Können Sie sich etwas so Rohes vorstellen?«
»Nein!«
»Glauben Sie überhaupt an eine körperliche Qual nach dem Tode?«
»Nein!«
»Kann es seelische Qualen nach dem Tode geben, die größer wären, als was Sie jetzt erleben?«
»Nein.«
Gordon ließ plötzlich seine Hände los und sah zu Boden.
»Gibt es also noch größere?« fragte Wronski ängstlich.
»Ja. Aber Sie werden sie niemals durchmachen. Sie haben nie ein Weib geliebt?«
»Meine Schwester Pola.«
»Als Weib?«
»Nein!«
Sie schwiegen lange.
Wronski stand auf.
»Die Angst! Diese entsetzliche Angst. Ich dachte heute, mit mir ein Ende zu machen, und – und ... Oh, wie das ist! Das Herz läuft, der ganze Körper zuckt, man ist in kalten Schweiß gebadet, die Haare sträuben sich ... Aber trinken Sie doch! Tun Sie mir den Gefallen! Trinken Sie mit mir, ich trinke ungern allein ...«
»Ja, ich will sehr gerne trinken.«
»Trinken Sie gern? He he ... Sie trinken also gern ... Hm ... Gordon! Glauben Sie an Gott?!«
»Nein, weil Satan älter ist als Gott.«
»Also ist Satan Ihr Gott?«
Gordon schwieg und lächelte.
Wronski sah ihn starr an.
»Hören Sie, Gordon, ich habe von einer Sekte gehört, die den Satan anbetet ...«
Gordon schwieg nachdenklich.
»Nein, ich bin kein Palladist«, sagte er endlich....




