E-Book, Deutsch, Band 1, 391 Seiten
Reihe: Kommissar Brendle
Prosch Blaue Bäume
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86913-451-2
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kommissar Brendles erster Fall Frankenkrimi
E-Book, Deutsch, Band 1, 391 Seiten
Reihe: Kommissar Brendle
ISBN: 978-3-86913-451-2
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Horst Prosch wurde 1964 in Neuendettelsau, Landkreis Ansbach, geboren und lebt in Wolframs-Eschenbach. Er ist Mitglied im Kulturverein 'Speckdrumm e.V.' (Beirat fu¨r Literatur) und Initiator und Leiter der Reihen 'Erlesene Genu¨sse' im Kunsthaus Reitbahn 3, Ansbach sowie 'Literatur in alten Mauern' in Wolframs-Eschenbach. Auch fu¨r Lesungen ist er bekannt, zum Beispiel fu¨r die Themenlesungen 'Literatur und Schokolade'. Bei ars vivendi erschien 2008 eine Erzählung von ihm in Smoke - Geschichten vom blauen Dunst. Blaue Bäume ist sein dritter Roman
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1 – Brendle.
Brendle sah aus, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. Sein Gesicht war zerknautscht, die Haare struppig und ungepflegt. Das Hemd hing ihm halb aus der abgewetzten Hose, den Schnürsenkel des rechten Wanderschuhs schleifte er wie ein Anhängsel hinter sich her. Am Konzertflügel angekommen bückte er sich und warf einen kurzen Blick auf das, was sich auf den Fliesen abzeichnete.
Das ist also mein erster Fall hier, dachte er. Mein erster westmittelfränkischer Toter. Eine interessante Lage. Niemand baumelt schlaff von der Decke, statt vergammeltem Mobiliar in einer Hinterhauswohnung grinsen wilde Pinselstriche von den Wänden, und die Leiche liegt unter einem Klavier. Schaulustige gibt es bis jetzt auch nicht.
Brendle schaute sich flüchtig um. Außer einem älteren Herrn, der ein paar Meter neben dem Klavier stand und etwas steif die Hände hinter dem Rücken verbarg, war niemand zu sehen.
»Brendle«, knurrte der Kommissar und reichte dem Herrn seine Visitenkarte. »Und mit wem habe ich es zu tun?«
»Dr. Gabelmann. Ich bin der Leiter des Kunsthauses.«
Brendle sagte nichts. Fürs Erste. Das war eine Angewohnheit von ihm. Lieber erst einmal nichts sagen. Mal sehen, was die anderen dann taten. Wie sie reagierten. Ob sie bestürzt waren oder belustigt. Oder angewidert. Vielleicht auch erleichtert. Es gab viele Möglichkeiten.
»Kannten Sie den Toten?«, fragte er schließlich.
Dr. Gabelmann nickte. »Ja. Sein Name ist Eduard Lieblich.«
Brendle kratzte sich geräuschvoll und ausgiebig am Hinterkopf. Dann beugte er sich zu seinen Schuhen und machte in den rechten Schnürsenkel eine Schleife.
»Wissen Sie«, sagte er, nachdem er umständlich mit den Enden der Schnürsenkel hantiert und sich wieder aufgerichtet hatte. »Wissen Sie, ich hasse es, Kriminalfälle auf dem Land aufzuklären. Deswegen war ich bisher auch in München tätig. Kriminalfälle auf dem Land sind gerade in Mode. Allerorten wird gemordet. So was nennt man auch Regionalkrimis. Als hätten die Leute nichts Besseres zu tun, als sich in der Region gegenseitig möglichst publikumswirksam umzubringen. Oder umbringen zu lassen. Und dann sinken die Darsteller theatralisch und mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf die Bretter. Das wirkt manchmal wie Bauerntheater. Sie wissen, was ich meine. Und ich muss über schlechte und matschverschmierte Straßen zu kleinen Orten fahren, versaue mir meinen Wagen und finde irgendwo in der Provinz ein übel zugerichtetes Menschlein. Aufgehängt. Zerstückelt. Erschossen. Oder vergiftet. Manchmal ist das einfach aufzuklären, meistens leider nicht. Oft ist der Mörder der Gärtner. Oder die Ehefrau. Also, machen wir es kurz: Wo ist euer Gärtner?«
»Wir haben keinen Gärtner.« Dr. Helmut Gabelmann sprach sehr leise, als sei es ihm peinlich. »Und wir haben auch keinen Garten. Wir sind ein Kunsthaus.«
»Das ist schade. Und gleichzeitig schrecklich.«
»Was ist an einem Kunsthaus schrecklich?«
Brendle sah sich um. Er ging zwei Schritte auf eine Wand mit Bildern zu, dabei löste sich der Schnürsenkel wieder.
»Das hier zum Beispiel. Was ist das?«
»Ein Triptychon.«
Brendle zog die Augenbrauen nach oben.
»Was für ein Sifon …?«
»Das hat nichts mit einem Sanitärabflussrohr zu tun. Ein Triptychon ist ein Bild, das aus drei Bildern besteht. Sie gehören zusammen.«
»Und warum malt man das nicht gleich alles zusammen auf eine Leinwand?«
»Dann wäre es kein Triptychon.«
»Aha.«
Brendle trat zwei Meter zurück. Er ließ das Bild auf sich wirken.
»Ich sehe nur drei Farben. In der Mitte Dunkelrot. Rechts Hellrot. Links Grün. Darauf ein paar wilde, blaue Pinselstriche. Erinnert mich irgendwie an einen Urwald in Flammen, aus dem blaue Affen flüchten. Passt das zusammen?«
»Wenn Sie etwas über die Bedeutung wissen wollen, dann bitte ich Sie, mit der Künstlerin zu sprechen.«
»Ist das die Ehefrau von dem …?«
Brendle deutete mit dem Kopf in Richtung Flügel.
»Von Eduard Lieblich?«
»Ja, genau. Ist das die Ehefrau von dem Toten?«
»Nein.«
»Die will ich sehen.«
»Wen?«
Dr. Gabelmann war irritiert. Der Herr vor ihm sprach in Rätseln. Vielleicht war er verwirrt. Nach einem Kommissar hörte er sich nicht an.
»Na, die Frau Lieblich. Ich denke doch, sie wurde bereits verständigt, oder?«
Dr. Gabelmann schüttelte fast unmerklich den Kopf.
»Nein«, sagte er leise. Es war ihm peinlich. Ihm war alles peinlich. Der Tote. Sein wertvoller Konzertflügel, der wie ein Baldachin über Eduard Lieblich schwebte. Vor allem aber war ihm dieser komische Vogel Brendle zuwider. Mehr als das. Von dem hatte er hier in Ansbach noch nie etwas gehört. Konnten die nicht einen Beamten schicken, der etwas feinfühliger war? Er hatte sich nicht einmal den Dienstausweis zeigen lassen. Das musste er nachholen, irgendwann. Visitenkarten konnte sich jeder drucken lassen.
Dr. Gabelmann überlegte, ob er als Überraschungsgast in ein modernes Theaterstück geraten war. Das Theater von Ansbach war nur einen Steinwurf entfernt. Vielleicht probten sie gerade ein neues Stück. Spontane Comedy im Kunsthaus, um eine Brücke zwischen den beiden Kulturstätten zu schlagen. Titel: Wie Kommissar Brendle den ehrenwerten Dr. Helmut Gabelmann aus der Fassung brachte.
Oder er träumte. Vielleicht sollte er sich in den Arm kneifen. Aber wie würde das Brendle gegenüber aussehen.
Vielleicht gehörte der Auftritt von Brendle zu einer Inszenierung der aktuellen Ausstellung Blaue Bäume, den sich einer der beteiligten Künstler als Gag ausgedacht hatte. Wirklich dumm wäre es, wenn der Tote in der Blutlache nur eine Attrappe wäre. Aber das war er nicht. Der Tote war Eduard Lieblich, das war eindeutig. Dafür kannte Dr. Gabelmann ihn zu gut.
»Und, was ist jetzt mit Frau Lieblich?«
Die Stimme von Brendle holte Dr. Gabelmann in die Wirklichkeit zurück.
»Ich weiß nicht, wo sie sich gerade aufhält.«
Brendle blickte irritiert. »Was?«
»Ist das nicht Ihre Aufgabe, sich um die Angehörigen zu kümmern?«
Brendle machte eine abwertende Handbewegung. Als wäre ihm das zu viel Arbeit.
Dr. Gabelmann flüchtete sich in einen Angriff.
»Bin ich der Ehemann von Frau Lieblich?«
Brendle schwieg.
Dr. Gabelmann hakte nach.
»Wissen Sie immer, wo sich Ihre Frau gerade aufhält?«
»Meine Frau geht Sie nichts an.«
»Sehen Sie.«
Dr. Gabelmann gewann seine Sicherheit zurück.
»Haben Sie überhaupt eine Frau?« Er musterte Brendle von Kopf bis Fuß.
Brendle hatte keine Lust, auf diese Frage zu antworten. Er stellte hier die Fragen. Antworten mussten die anderen. Er war dienstlich unterwegs. Eigentlich war er immer dienstlich unterwegs, das Privatleben hatte sich unterzuordnen.
»Schluss jetzt.« Brendle bückte sich und verknotete seinen losen Schnürsenkel. Er tat es umständlich, wickelte sich die beiden Fäden mehrmals um die Finger, dann ums Handgelenk, streifte die Schnüre herunter und stopfte sie zwischen Stiefelschaft und Socken.
»Gibt es Zeugen?«
Dr. Gabelmann zuckte mit den Schultern. »Die morgendliche Aufsicht hat ihn entdeckt. Aber erst eine halbe Stunde, nachdem sie das Kunsthaus betreten hatte.«
Brendle versuchte, ruhig zu bleiben. Ihn nervte das hier schon jetzt. Ihn nervte alles. Ansbach. Das Kunsthaus. Wäre er nur in München geblieben. »Und was hat sie gemacht, bis sie den Toten entdeckt hat? Sich Bilder angeschaut?«
Der Kommissar warf einen zweifelnden Blick auf die Wände. Dort wimmelte es nur so von ungezähmten Pinselstrichen. Und alles war auf irgendeine Weise mit einem blauen Baum versehen. Vorne. Hinten. Oben. Unten. Rechts, links, mittig. Winzig oder monumental. Manchmal ragte ein blauer Ast ins Bild. Wuchs seitlich durch ein Möbelstück. Oder er fiel von der Decke herunter. Zumindest schien es so. Um eine Säule herum tanzten blaue Gestalten einen wilden Reigen. Es wirkte, als hätten die Typen sich mit Whisky zugeschüttet und als Bäume verkleidet. Und anschließend alles in Blau auf die Leinwand gepinselt. Besoffene Kreaturen. Trunkene Bäume. Vielleicht waren sie glücklich. Oder die Farbe Blau sollte die Treue ausdrücken. Treue, blaue Bäume. Eine merkwürdige Vorstellung, aber doch in gewissem Sinn passend. Aus der Reihe tanzte nur dieses Triptychon ganz vorne. Vielleicht war das handwerklich sogar gut gemacht. Komisch war es trotzdem. Er konnte mit Kunst nichts anfangen.
Brendle versuchte sachlich zu bleiben. Kunstwerke hatten bei Ermittlungen nichts zu bedeuten.
»Wer hatte heute Morgen Aufsicht?«
»Susanne März.«
»Kann ich sie sprechen?«
»Sie ist beim Arzt.«
Brendle verdrehte die Augen. Das ging ja gut los.
»Am Sonntag?«
»Beim Notdienst.«
»Was macht die jetzt beim Notdienst? Hat sie Kreislaufprobleme bekommen, nachdem sie Herrn Lieblich unter dem Klavierdings liegen sah? Oder ist ihr vor lauter blauen Bäumen übel geworden?«
»Sie hatte eine wichtige Angelegenheit zu erledigen.«
»Ich dachte, sie hat Aufsicht?«
Hier passt ja nichts zusammen, dachte Brendle. Die Person, die den Toten entdeckt, verlässt den Tatort, um eine wichtige Angelegenheit beim Arzt wahrzunehmen. Gab es etwas Wichtigeres, als der Kripo auf Fragen die entsprechenden Antworten zu geben? Das war schon mal verdächtig....




