E-Book, Deutsch, 104 Seiten
Preusse Frei statt Staat!
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-939562-38-2
Verlag: Lichtschlag Medien und Werbung
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Selbsteigentum, Ethik und die Verfassung der Privatrechtsgesellschaft
E-Book, Deutsch, 104 Seiten
ISBN: 978-3-939562-38-2
Verlag: Lichtschlag Medien und Werbung
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nach Privatstudien wichtiger Klassiker der Österreichischen Schule hat Peter J. Preusse (geboren 1949), Autor für eigentümlich frei und Mitglied der Property and Freedom Society, Gedanken zur Erweiterung dieser Denktradition formuliert, die unter anderem im Ludwig von Mises Institute in den USA und auf seiner Webseite self-ownership.net veröffentlicht wurden und jetzt hier geschlossen vorliegen.
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Das Stück
Das erste Axiom der anschauenden Auffassung: Handeln
Das fundamentale Axiom der rationalen menschlichen Wahlhandlung, kurz der Handlung, bezeichnet die Rationierung knapper Mittel zum Erzielen von Zwecken.33 „Den Begriff des Handelns aber finden wir in uns selbst; das Wesen des Handelns erkennen wir als handelnde Menschen aus einem Wissen, das uns vor aller Erfahrung gegeben ist.“34, 35
Denken und Handeln sind zwei Aspekte derselben Sache, nämlich der realen, nicht nur reflektiven, sondern aktiven Beziehung des Menschen zur Außenwelt.36 Es scheint bemerkenswert, dass auch außerhalb der austro-libertären Tradition zeitgenössische Philosophie diese Sicht aufnimmt und vertieft: Peter Janich37 stellt dem Handeln, das zu unternehmen oder zu unterlassen man wählen kann und das gelingen oder misslingen kann, das Verhalten im engeren Sinn wie etwa den Kniescheibenreflex gegenüber, um aus dem Widerfahrnis des Gelingens und Misslingens einer zweckhaften Handlung die Erfahrung, das Wissen, die Erkenntnis herzuleiten, die als wissenschaftliche mit Hilfe theoretischer Stilisierungen die Intersubjektivität herstellen soll. Er resümiert sogar, dass „keine prinzipiellen Einwände sichtbar [seien], jegliche Form wissenschaftlicher Erkenntnis […] nicht ausschließlich als Widerfahrnisse im zweckgerichteten Handeln zu sehen“.
Rationales Handeln bedeutet immer eine Wahl zwischen sich gegenseitig ausschließenden Zuständen von Geben und Nehmen, gegebenenfalls über mehrere Zwischenziele ausgerichtet auf ein strategisches Ziel. Dies gilt genauso im Außenverhältnis der Tauschhandlung mit anderen wie im Innenverhältnis des Tauschs alternativer Verwendungen der eigenen Körperzeit38 für dieses oder jenes Ziel der inneren Wertehierarchie. Der entscheidende Unterschied von humanem und animalischem Wesen scheint auch heute noch im Zweck-Mittel-Denken39 und im Monopol der Negation40 zu bestehen, das den basalen Verhaltensmechanismen angelagert ist und diese überlagern und überwölben kann.
Dieser Satz der rationalen Wahlhandlung – Handeln ist Rationieren (bewusstes Zuteilen) knapper Mittel zur Erreichung gewählter Ziele – erfüllt die formalen Anforderungen eines Axioms der Anschauung: Er ist ein Ist-Satz, der (1) reflektiv selbstevident ist, (2) empirisch grundlegend und unabhängig, (3) a priori, (4) nicht reduzierbar, (5) universal gültig und (6) unwiderlegbar ist.
Wie oben gesagt, hat Ludwig von Mises den Ausdruck „Axiom“ zur Charakterisierung des erkenntnistheoretischen Status des Handlungsbegriffs nicht benutzt; in allen Hauptwerken verwendet er die Ausdrücke „Kategorie“ und „letzte Gegebenheit“ (ultimate given).41 Aber was genau ist die ultimative Gegebenheit? In „Human Action“ lesen wir:42
„Konkrete Werturteile und bestimmte Handlungen sind keiner weiteren Analyse zugänglich. […] Solange wir nicht wissen, wie äußere Tatsachen – physikalische oder physiologische – in einer menschlichen Seele bestimmte Gedanken und Willensregungen erzeugen, die in konkrete Handlungen münden, sind wir mit einem unüberwindlichen methodischen Dualismus konfrontiert. […] Menschliches Handeln […] muss als eine letzte Gegebenheit betrachtet und als solche studiert werden.“
Müsste man sogar sagen: Es gibt zwei letzte Gegebenheiten im menschlichen Handeln? 1. Die Wahl von irgendetwas, dass es für das betreffende Individuum ein letztes Ziel sei, oder, allgemeiner gesprochen: die Bewertungen, die mit verschiedenen Aspekten und Zuständen der Realität verbunden werden, und 2. die menschliche Rationalität, die verfügbare Mittel gewählten Zielen zuweist, will sagen: angenommene Kausalität verbindet Bewertungen, Willensimpulse43 und tatsächlich durchgeführte Handlungen und analysiert die Wirkungen von durchgeführten oder erwogenen Handlungen. Praxeologie handelt von der Ratio in Interaktion mit Wert und Wille.
Ich konnte keinen eindeutigen Hinweis finden, ob Mises das zweite Element, menschliche Rationalität, als ein Letzgegebenes an sich sieht. Wenigstens ist es völlig klar, dass Rationalität ein notwendiges Element jeder menschlichen Handlung ist: „Menschliches Handeln ist notwendig immer rational. Der Terminus ‚rationale Handlung‘ ist ein Pleonasmus und muss als solcher zurückgewiesen werden.“44 Zugespitzt könnte man sagen: Menschliche Wahlhandlung beinhaltet die irrationale Letztgegebenheit der Zielwahl und die rationale Letztgegebenheit des Handelns; sie ist rationales Handeln aufgrund einer irrationalen Wahl.45 Praxeologie erforscht die Rationalität des Handelns, Geschichte die Irrationalität der Wahl.46
Die erste Deduktion: Das Selbsteigentum
Selbsteigentum als Eigentum seines Körpers schließt äußere Kontrolle aus.
Wessen Eigentum kann der Mensch sein? Weiter unten wird Eigentum deduziert von den Axiomen des Handelns, der Verschiedenheit und des menschlichen Ranges. Eigentum bedeutet exklusive Kontrolle über Gebrauch, Veränderung und Aufgabe. Um zu einem schlüssigen Konzept von Selbsteigentum zu kommen, müssen daher zunächst zwei zusammenhängende Fragen beantwortet werden: (1) Kann des Menschen Wille von irgendjemandem außer ihm selbst ausgeübt und kontrolliert werden? (2) Ist des Menschen Wille veräußerbar?
Zum ersten: Indem und soweit der Mensch ein rationales Wesen ist, ist er ein handelndes Wesen, das heißt er teilt seine inneren und äußeren Mittel seinen Zielen zu, er rationiert. Gesetzt nun, es wären (a) seine Ziele durch einen legitimen Akt und durch erfolgreiche Aufgabe des Eigenwillens unter fremder Kontrolle, er hätte sich also freiwillig in Sklaverei begeben, und (b) es wären alle äußeren Mittel nicht in seinem Eigentum, so bestünde immer noch die unumstößliche Tatsache, dass er selbst die einzige Einheit ist, die die inneren Mittel, sei es die organischen oder die metaphysischen, direkt ausüben und direkt kontrollieren kann. Ein anderer müsste erst seine eigenen Mittel einsetzen, um indirekt danach und dadurch die fremden Mittel zu regieren. Die erste Frage muss daher negativ beantwortet werden: Des Menschen Wille kann nur von ihm selbst ausgeübt und kontrolliert werden.
Zweitens: Auch wenn er sonst invariant wäre, unterliegt der menschliche Wille Änderungen durch wechselnde physiologische Bedingungen. Selbst wenn also metaphysische Mittel wie Intelligenz und Charakter irrelevant oder erfolgreich veräußert wären, bestimmten immer noch organische Veränderungen den Willen in erheblichem Maß. Da man nicht ablegen und veräußern kann, was man nicht auch tatsächlich hat, was man nicht besitzt, worüber man nicht verfügt, so ist ein zukünftiger Wille unveräußerlich. Der Mensch kann also absolute Kontrolle über die Ressourcen seines Körpers ausüben und so seine frei gewählten Handlungen ausführen.47
Nach obigem ist es eigentlich unnötig, Konzepte des kollektiven Eigentums an der Person48 oder sogar noch ferner liegende49 eigens zurückzuweisen.50 Indem also Fremdkontrolle durch Eigentum ausgeschlossen ist, steht zunächst der Negativ-Satz vom Nicht-Fremdeigentum.51 Ist aber positives Selbsteigentum ein stringentes Konzept? Das läuft auf die Frage hinaus, ob eine Person überhaupt als Eigentum besessen werden kann. Hier muss ich den deduzierten Begriff von Eigentum als eine notwendige Voraussetzung des Begriffs von Selbsteigentum vorwegnehmen: Durch gezieltes Verändern von in der Natur vorgefundenen Ressourcen werden diese das Eigentum des Bearbeiters, das heißt, Arbeit befähigt zu exklusiver Kontrolle über Gebrauch, Veränderung und Aufgabe. In der Anwendung dieses Ergebnisses einer Deduktion auf die intellektuell so vertrackte und emotional so zärtliche Beziehung des Selbst zum Selbst52 finden wir: Ja, jedes von uns menschlichen Wesen kann Ressourcen des eigenen Körpers, etwa seine Muskeln und Ganglien, zielorientiert verändern und tut dies tatsächlich auch, und ja, wir alle können exklusive Kontrolle über Gebrauch, Veränderung und Aufgabe unseres Körpers ausüben und tun dies tatsächlich, womit die notwendigen Attribute des Eigentums vollständig erfüllt sind.
Danach also kann der Mensch ein Eigentum sein und kann nur ein Eigentum seiner selbst sein. Selbsteigentum hat daher den epistemologischen Status einer Deduktion aus dem Axiom der Handlung, indem es sich verwirklicht in zielgerichtetem Handeln. Zusätzlich aber ist es eine Deduktion aus dem Axiom der Varianz, insofern Handeln sowohl die Ungleichverteilung von Ressourcen voraussetzt als auch sie bewirkt. Darüber hinaus ist das Selbsteigentum auch eine Deduktion vom Axiom des menschlichen Ranges, welcher unabdingbar ist zur Vermeidung von Konflikten rational handelnder Menschen.
Da Selbsteigentum also eine Deduktion ist und also auf andere Sätze reduziert werden kann, ist es nicht selbst ein Axiom, wie wir vielfach lesen, etwa in Rothbards Werk.53 Andererseits kann man etwa eine Passage aus „For A New Liberty“ als Andeutung dafür lesen, dass das dritte Axiom des menschlichen Ranges ein notwendiges Element im Konzept des Selbsteigentums ist:
„Das Recht auf Selbsteigentum bestätigt das absolute Recht jedes Menschen, kraft seines (oder ihres) Menschseins, ‚Eigentümer‘ seines oder ihres eigenen Körpers zu sein, das heißt, sich dieses Körpers frei von erzwungener Einmischung zu bedienen.“54
Hoppe argumentiert, dass schon die Argumentation als solche sowohl Selbsteigentum als auch das Eigentum an äußeren knappen Gütern voraussetzt. Der Körper eines Individuums ist
„der Prototyp eines knappen Gutes […], für dessen Gebrauch Eigentumsrechte, das heißt Rechte des exklusiven Eigentums, schon...




