E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Preiss Glaub nicht alles, was du weißt
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96122-478-4
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Glaube weiter - mit kühlem Kopf und brennendem Herzen.
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-96122-478-4
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alexander Preiss ist Ehemann und Vater von vier Kindern. Er arbeitet zurzeit als Sozialpädagoge und Job-Coach für psychisch beeinträchtigte Menschen im Verein Christuszentrum in Zürich. Davor war er Mitarbeiter im Wohnheim der Heilsarmee Zürich und hat eng mit den Bewohnerinnen und Bewohnern zusammengearbeitet. Seine Ausbildung hat Alexander Preiss einst als Bankkaufmann gemacht, später seinen Bachelor der Theologie am Institut für gemeindeorientierte Weiterbildung absolviert. Privat engagiert er sich in der Vater-Kind-Arbeit in der reformierten Kirche und ist Mitglied der Kirchensynode der Zürcher Landeskirche. Im Vorstand von Lemuel Swiss engagiert er sich außerdem in einem Entwicklungszusammenarbeitsprojekt in Haiti. Der Autor lebt mit seiner Familie in Zürich.
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In der Parabel vom Elefanten1 geht es um einen König, der Blindgeborene einen Elefanten untersuchen lässt. Mit ihren Händen betasten sie das Tier und beschreiben seine Gestalt. Einige bekommen den Rüssel zu fassen, andere ein Ohr. Weitere die Stoßzähne, den Kopf, die Flanken, die Beine und den Schwanz. Als der König schließlich fragt, wie nun ein Elefant aussehe, antwortet die Gruppe, die den Rüssel zu fassen bekommen hat: „Wie eine dicke Liane.“ Diejenigen, die das Ohr betastet haben, meinen: „Wie ein Bananenblatt.“ Die mit den Stoßzähnen sind sich sicher: „Wie der Stößel eines Mörsers.“ Jene, die den Kopf befühlt haben, sagen: „Er hat die Form eines Kessels.“ Wer die Flanken betastet hat, meint: „Wie eine Mauer.“ Alle, die ein Bein zu greifen bekommen haben, halten den Elefanten für einen Baum. Und wer den Schwanz betastet hat, ist fest überzeugt: „Der Elefant gleicht einem Seil.“
Als ein Streit unter den Blindgeborenen darüber ausbricht, wer denn nun recht habe, äußert sich der König: Der Körper des Elefanten sei, wie er ist. Und jeder habe nur einen Teil des Tieres zu fassen bekommen. Alle haben recht – und eben doch nicht. Jeder hat einen Teil des Elefanten untersucht und nach seiner Wahrnehmung beschrieben. Aber diese Wahrnehmung ist begrenzt: Es war doch nur ein Teil des Tieres. Den ganzen Elefanten hatte gar niemand beschrieben. Und niemand hätte ihn beschreiben können.
Wer ist im Besitz absoluter Wahrheit? Wer im Recht, von seiner Wahrnehmung, seinem Weltbild und seinem Glaubensverständnis zu sprechen, als seien es die einzig wahren, die richtigen?
Was nicht mehr über Gottes Schreibtisch gehen muss
Ich arbeite als Sozialpädagoge und Jobcoach für psychisch beeinträchtigte Menschen. Dabei bin ich auch mit schweren Biografien konfrontiert. Mir wurden Vorgeschichten erzählt, die mich zum Schweigen brachten; jegliche Kommentare erschienen mir völlig unangebracht. Angesichts der Schicksale von größter Unmenschlichkeit und himmelschreiender Ungerechtigkeit fehlten mir schlichtweg die Worte. Warum man von „Unmenschlichkeit“ spricht, ist mir immer wieder schleierhaft. Denn offensichtlich können Menschen aus Fleisch und Blut zu den grausamsten Dingen fähig sein.
Eine Person hatte ich unabhängig von meiner Arbeit auf einer kirchlichen Veranstaltung privat kennengelernt. Dieser Mann, der von Gewalterfahrungen und jahrelanger zynischer Bevormundung erzählte, hatte – welch Wunder – seinen Glauben nicht verloren. Wohlgemerkt: seinen Glauben an einen gütigen Gott! Gott halte ihn, bekräftigte er. Später trat eine psychische Erkrankung in sein Leben, die Erwerbsunfähigkeit und Invalidenrente nach sich zog. Ich fragte mich die ganze Zeit während des Gesprächs: Wo war denn da der Halt? Und wie konnte dieser Mann überhaupt noch an Gott glauben?
Dann zählte er Menschen auf. Liebevolle Menschen. Menschen, die zur rechten Zeit am rechten Ort waren. Die es immer gegeben hat: Die engagierte Frau von der Beratungsstelle. Sie hatte bei der Wohnungssuche geholfen. Bezugspersonen an seinem geschützten Arbeitsplatz. Sie gaben Unterstützung und förderten seine Entwicklung. Der nette Kollege aus der Nachbarschaft. Gemeinsam gingen sie regelmäßig ins Kino.
Nur normale soziale Kontakte? Nichts, was sonderlich bedeutsam wäre? Nein, für diesen Mann waren das keine gewöhnlichen Begegnungen. All diese Menschen trugen ihn, deckten das Dach ab, rissen, im Bild gesprochen, die Decke auf und ließen die Bahre, auf der er lag, hinab zu Jesus (vgl. Markus 2, 3-5). Und dort, wo Jesus ist, verändert sich das ganze Leben. Durch echte Begegnung. Durch bedingungslose Liebe. Durch Annahme. Durch wahre Menschlichkeit, die Halt gibt und aufbaut. Und nicht zuletzt durch heilende Worte: „Steh auf und geh nach Hause!“ Und am Ende wird es aus aller Munde heißen: „So etwas haben wir noch nie erlebt!“ (Markus 2,12).
Je länger ich zuhörte, desto mehr nahm ich wahr: Dieser Mann glaubte mit dem Herzen. Und aus vollem Herzen an Jesus. Ich glaubte mit dem Kopf. Ich glaubte Lehrsätzen über Jesus, die immer „korrekt“ zu sein hatten. Er bewegte nicht die Frage: Wie kann es Gott überhaupt gut mit mir meinen? Denn der Gedanke, seine Biografie habe doch zuerst „über Gottes Schreibtisch“ gehen, mit göttlichem Siegel abgesegnet werden müssen, war ihm völlig fremd. Im Gegensatz zu mir. Das theologische Vokabular, das ich gelernt hatte, stand allzeit abrufbar bereit: dass das Erlebte sicher nicht in Gottes Wohlgefallen, wohl aber in seinem Ratschluss liegt. Dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen (vgl. Römer 8,28). Und mit „seelsorgerlicher Brille“: dass auch leidvolle Erfahrungen keiner Willkür, sondern Gottes Souveränität unterliegen. Und ja, das mag alles biblisch gut begründet sein und ich möchte Gottes Souveränität auch keinesfalls schmälern, aber mein „Realitätscheck“ hat gezeigt, dass es nicht immer die beste Lösung ist, alles Leid einfach „Gott in die Schuhe zu schieben“. Und ich finde die Frage durchaus berechtigt, ob Gottes Allmacht nicht da aufhört, wo der freie Wille des Menschen beginnt. Der freie Wille, der sich eben auch entscheiden kann, anderen grausames Leid anzutun.
Gott sei Dank fehlten mir in dieser Situation jedoch auch die frommen Worte. Für diesen Mann gab es nämlich nur diese eine Evidenz: „Gott ist da für mich. Und es gibt Menschen, die für mich da sind.“ Er wurde gehalten, getragen, aufgerichtet und wiederhergestellt – aus und durch Liebe. Bedingungsloser Liebe, die niemals wollte, niemals wollen konnte, dass er darniederliegt, von bösen Menschen kleingehalten und niedergedrückt. Nein, diese Liebe wollte vielmehr, dass er auf eigenen Beinen stehen und gehen kann. Aufrechten Ganges und mit der Hilfe liebender Menschen.
Und nur folgerichtig war: Erfahrungen von Leid verband dieser Mann einfach nicht mit Gott. Das Leid lag für ihn nicht in Gottes Verantwortungsbereich. Dass Gott das Grauen, das ihm wiederfahren ist, legitimiert habe? Für ihn unvorstellbar.
Dass unser Leid einer göttlichen Vorherbestimmung entspricht, will inzwischen auch nicht mehr in mein Herz hineingehen. Wenn wir Menschen alles daransetzen, geliebten Menschen Leid zu ersparen, wie viel mehr muss dann der Liebe in Person daran gelegen sein?
Wir können auf die Leidfrage in diesem Leben wohl nie eine endgültige Antwort finden. Aber vielleicht wäre schon viel damit geholfen, darauf zu vertrauen, dass Gott trotz und durch das Leiden in einer Weise wirken kann, dass aus krummen Wegen gerade werden, dass sich Tränen des Schmerzes in Freudentränen verwandeln und die unerträglichsten Dinge rückblickend (sogar noch positiv!) in die eigene Glaubensbiografie integriert werden können. Können, nicht müssen! Dieses Kunststück vermag sicher nur Gott. Darin zeigt sich mir all seine Macht. Und deshalb sehe ich Gottes Souveränität nicht im Leiden selbst. Ich muss es nicht zwingend auf ihn zurückführen und mich dann mit der Frage quälen, warum er all das zulässt. Seine Souveränität zeigt sich mir vielmehr darin, was er aus dem Leiden – woher es auch kommen mag – machen kann.
Der Halt dieses Mannes war der Glaube an die absolute und unbesiegbare Liebe Gottes. Der Glaube daran, dass trotz der Grausamkeiten, die ihm angetan wurden, ein Gott existieren muss, der ihn liebt. Bedingungslos! Und es war der Glaube daran, dass dieser Gott ihm liebevolle Menschen zur Seite gestellt hatte. Menschen, die an ihn geglaubt haben. Jene Menschen, die Gräueltaten an ihm verübt hatten, mochten noch wie Quälgeister in Träumen und Flashbacks auftauchen. Doch den Glauben an Menschen, die es gut meinen, die zu lieben fähig sind, konnten sie ihm nicht nehmen. Er beschäftigte sich überhaupt nicht mit der quälenden „Warum-lässt-Gott-das-zu“-Frage; er brachte sein Leid überhaupt nicht mit Gott in Verbindung, denn ihm war so viel Größeres zuteilgeworden: bedingungslose Liebe und liebende Hände, die ihn auf seinem Weg, zur liebenden Begegnung hin zu Jesus, getragen hatten.
In diesen Gesprächen mit ihm habe ich viel über Gottes Wesen erfahren. Mehr als in all den Predigten vergangener Tage. Welches Vertrauen in einen Gott, der nichts ist außer Liebe. Liebe, die niemals aufhört. Ewige Liebe. Welche Weisheit, diesem Gott nicht unterstellen zu wollen: Er, die Liebe, müsse das Böse – in welcher Form auch immer – mitverantworten. Ich realisierte: Gott in diesem Sinne Allmacht zuschreiben zu müssen, nur damit man theologisch weiter „korrekt“ sprechen kann, mag den Kopf beruhigen, geht aber am Herzen vorbei. Damit lässt sich eine Theologie stützen, nicht aber ein Mensch. „Mehr als auf alles gib acht auf dein Herz“, warnt ein geistlicher Herzspezialist (Sprüche 4,23; ZB). In seinem Buch über das Apostolische Glaubensbekenntnis gesteht der Theologe Hans Küng, dass er nicht mehr „vollmundig von Gott, dem Allmächtigen reden kann“. Vorzuziehen seien Formulierungen wie all-gütiger und all-erbarmender Gott oder kurz: Gott ist die Liebe.2 Genau so dachte und sprach auch dieser Mann von Gott.
Die Gespräche mit ihm waren die besten Predigten, die ich in den letzten Jahren gehört habe. War es an der Zeit, das Dach meines theologischen Lehrgebäudes abzudecken und die Decke aufzureißen?
Wenn man vor lauter Christen den Jesus nicht mehr sieht
Von klein auf war ich von Christen umgeben. In meiner Familie gab es eine starke christliche Fraktion: Großeltern, Großonkel und -tanten, Eltern, Onkel, Tanten,...




