E-Book, Deutsch, Band 9, 224 Seiten
Reihe: Armin Trost
Preis Die rauen Nächte von Graz
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98707-222-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 9, 224 Seiten
Reihe: Armin Trost
ISBN: 978-3-98707-222-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Düster und melancholisch, nervenzerreißend und tiefgründig.
Weihnachten in Graz: Schneeflocken tanzen durch die Luft, Glühweinduft weht durch
die Straßen, Sonderermittler Armin Trost ist verliebt – es könnte alles so schön sein. Wäre da nicht ein Serienmörder, der die Stadt in Angst und Schrecken versetzt. Seine Opfer sind junge Frauen, sein makabres Markenzeichen ist ein Blumenstrauß, den er an den Tatorten hinterlässt. Trost ermittelt undercover und findet sich bald auf einem Höllentrip wieder, der ihm alles abverlangt. Bis er selbst mehr tot als lebendig ist.
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12
Flucht vor der Fratze
Als sie das Kaffeehaus verließen, wankte Trost kurz und schüttelte den Kopf, als müsste er wieder ein Trugbild verscheuchen. In Wahrheit war es jedoch mehr als ein harmloses Phantasiegebilde gewesen, das über ihn hergefallen war, just in dem Moment, als er seinen Fuß auf den Gehsteig gesetzt hatte. Das aschfahle Gesicht aus seinen jüngsten Alpträumen war wieder aufgetaucht, diesmal zwischen den Linden, die die Erzherzog-Johann-Allee Richtung Burgtor säumten. Ohne sich zu rühren. Es hatte ihn nur angestarrt. Ihn so intensiv fixiert, dass er das fast wie eine körperliche Attacke gespürt hatte. Als Trost blinzelte, verschwand der Alptraum, und die Fratze war fort. Eva Schön war offenbar verborgen geblieben, dass Trost kurz nach Luft geschnappt hatte, er hätte es ohnehin als harmlose Schreckhaftigkeit aufgrund einer nahezu durchwachten Nacht abgetan. Sie bogen von der Allee in den Burggarten ab, ein Wegesystem zwischen raureifen Grünflächen mit Buschwerk und Zierbäumen. Unterhalb vom Balkon des Büros des Landeshauptmanns schlenderten sie vorbei Richtung Schauspielhaus. Auf einer kleinen Anhöhe strahlte die Orangerie jene würdevolle Leere aus, die Trost jedes Mal aufs Neue verwunderte, wenn er hier entlangging?– was im Übrigen selten genug vorkam. Er hatte noch keine jener elitären Veranstaltungen erlebt, die hier stattfanden, konnte sich aber gut vorstellen, wie sich die in Weiß gekleideten Damen und die Herren im Anzug auf Stehtische verteilten und sich, akustisch untermalt vom Klang eines Streichquartetts, über die aktuelle kulturpolitische Situation in der Stadt unterhielten. Obwohl er die meiste Zeit frei zugänglich war, kam ihm der Burggarten wie der Vorgarten zu einem privaten Lustschloss vor, den er unerlaubt betrat. Seine Blicke huschten rastlos umher. Wenigstens ließen ihn seine Alpträume hier in Ruhe, und auch Schwarz unterließ es, Kommandos in den Ohrstecker zu brüllen. Als sie das Schauspielhaus durch den zweiten Burghof erreichten, verabschiedete sich Eva Schön von ihm, und er realisierte plötzlich, dass das die ersten Worte waren, die sie seit Verlassen des Kaffeehauses gewechselt hatten. Sie waren tatsächlich in Schweigen gehüllt Seite an Seite durch den Burghof spaziert. Dieses Schweigen füllte sich im Nachhall mit Worten, und so hatte er das Gefühl, sie hätten einander damit mehr erzählt, als sie sich tatsächlich sagen hätten können. Einen Moment lang war der Abschied so vertraut, dass Trost beinahe einen Kuss auf die Wange erwartete. Als er von dieser Vorstellung erwachte, war Eva bereits im Seiteneingang auf dem Weg zu ihrer Probe verschwunden. Er versuchte sich zu erinnern, wann er das letzte Mal mit einer Frau durch einen Park spaziert war. Ob er das überhaupt jemals gemacht hatte? Trost blickte eine Weile auf die Glasfront des Schauspielhauses, lächelte noch einmal verträumt beim Gedanken an das beredte Schweigen der letzten Viertelstunde, ehe er sich umdrehte und nun den Dom betrachtete. Er seufzte. Es gab viele Orte in der Stadt, die eine Menge Geschichte atmeten. Dieser gehörte zweifellos dazu. Einen absurden Wimpernschlag lang hatte er sogar das Bedürfnis hineinzugehen, obwohl er Kircheninnenräume mied wie der Teufel das Weihwasser, was ihn manchmal zu dem Verdacht führte, er selbst wäre besagter Beelzebub. Er ging um das Gotteshaus herum und beäugte das vom Lauf der Zeit vollkommen verblasste Landplagenbild, ein Relikt aus dem Mittelalter, das davon erzählte, wie einst die Grazer unter allen möglichen Plagen gelitten hatten. Er bemerkte, wie sich ein Touristenpaar näherte. Die beiden trugen Rucksäcke, hielten jeweils ein Handy in der Hand und schienen sich an einem Routenplaner zu orientieren. Als sie des Bildes gewahr wurden, hob der Mann das Handy und setzte an, ein Foto zu machen. Er kniete sich hin, wechselte die Position, versuchte es von links und von rechts, doch immer wenn er das Ergebnis auf dem Display in Augenschein nahm, gab er genervte Geräusche von sich. Trost stand im Halbschatten des Mausoleums für Kaiser Ferdinand?II., das so nah an den Dom herangebaut worden war, dass nur ein schmaler Durchgang die beiden Gebäude trennte. Seiner Meinung nach hätte die Fassade der Grabstätte ein besseres Motiv abgegeben. Irgendwann hatte Trost es satt, das hartnäckige Paar zu beobachten, aber zurück zum Universitätsgelände wollte er auch nicht, da ihm das Begaffen der Gassen und Straßen dort sinnlos und stupide vorkam. Er wusste instinktiv, dass sie den Täter auf diese Weise niemals erwischen würden, und ahnte andererseits, dass es Gieracks Idee gewesen sein musste, ihn durchs eiskalte Gelände zu schicken. Sein einstiger Vorgesetzter, der ihn nicht ausstehen konnte, hatte Einsatzleiter Schwarz bestimmt den Floh ins Ohr gesetzt, Trost zum Dienst auf der Straße zu verdonnern, und während die anderen über ihn, den sonderbaren Kauz, der Alleingänge und Verkleidungen liebte, lachten, machten sie es sich in ihren warmen Stuben bequem. So fasste Trost den Entschluss, lieber die Stufen in die mit Murnockerln bepflasterte Bürgergasse hinunterzugehen. Das schien ihm ohnehin die beste Möglichkeit, den hässlichen Bildern in seinem Kopf zu entkommen, die ihn seit seinem Erlebnis mit dem weißen Bus in der Schubertstraße immer wieder verfolgten. Er hatte das Gefühl, in der Innenstadt könne ihm nichts passieren, auch Gespenster liebten schließlich die einsamen Momente und konnten nichts anfangen mit Opfern, die allzu sehr vom Treiben der Welt abgelenkt waren und sich nicht aufs Grauen konzentrierten. Er lief also geradeaus, entfernte sich vom Univiertel, bis er den Opernring querte und den Jakominiplatz erreichte, die größte planerische Niederlage der Stadt. Mit dem Rondo in der Mitte, das die Zentrale der Holding Graz Linien, besser bekannt unter dem alten Namen Grazer Verkehrsbetriebe, bildete, war es bereits um die markanten Punkte geschehen. Marktstandler, die ihre teuren Standmieten auf ihre Waren aufschlugen, ein Wildwuchs an Haltestellen, offenbar planlos gesetzte Bäume, ein Gewirr an Oberleitungen und ausgerechnet in Gelb gehaltene Beleuchtungskörper, dieser Platz war wahrlich nichts für Harmoniebedürftige. Für Trost allerdings war der Jakominiplatz stets ein Ort gewesen, der ihm ein dünnes, wissendes Lächeln ins Gesicht zauberte. Nicht nur weil er hier als Kind in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts seinen ersten Hamburger bei McDonald’s gegessen hatte oder sich nostalgisch ans Opern-Kino erinnerte, in dem sich heute ein Supermarkt befand. Dieser Platz war immer schon vermurkst gewesen, auch wenn man einer so zierlichen Stadt wie Graz so viel Chaos kaum zutraute. Dennoch war es Trost ein Vergnügen, herauszufinden, wer von den Gestalten in dem Gewirr an Menschen was war. Taschendieb oder verdeckter Ermittler, Schwarzfahrer oder Kontrollor, Fremdgeher oder Sittenwächter? Der Jakominiplatz war stets Trosts Versuchsanlage. Hier konnte er seine Sinne testen. Hier konnte er prüfen, ob seine Sensoren auch bei großen Menschenansammlungen funktionierten. Er querte den Platz fast vergnügt, als er plötzlich wie versteinert innehielt. Zwischen einer Gruppe Jugendlicher, die auf die Straßenbahn warteten, starrten ihm die kalten Augen eines haarlosen Monsters entgegen. Trosts Herz schlug schneller, und zum ersten Mal seit Wochen hatte er den Gedanken, dass diese Trugbilder einen tieferen Ursprung hatten. Unwillkürlich begann er zu schwitzen. Erst im Sommer hatte er sich wegen ständiger Kopfschmerzen und einer anhaltenden innerlichen Unruhe durchchecken lassen. Die Untersuchungen hatten Stunden gedauert, das Warten auf die Ergebnisse Tage. Die bangen Minuten beim Oberarzt auf der Onkologie des LKH Graz würde er nie vergessen. Die ausladenden Erklärungen des Mediziners, als er Trost den Zettel mit dem Untersuchungsergebnis mit langen, blutleeren Fingern über den Tisch geschoben und dann endlich in Worte gefasst hatte, was darauf stand. Die schlimmste aller möglichen Ursachen, ein Gehirntumor, konnte ausgeschlossen werden. Was Trost fast noch mehr verwirrt hatte, war die Tatsache gewesen, dass ihn die Diagnose erschütterte. Denn wenn es kein Tumor war, was dann? Woher kamen seine alptraumhaften Tagträume, seine Visionen, wenn nicht von einer sichtbaren Kopfkrankheit? Etwa von einer unsichtbaren Kopfkrankheit? Der Gedanke daran war fast noch schlimmer gewesen. Er blinzelte sich den plötzlichen Schweiß aus den Augen. Das schockierende Trugbild war verschwunden, und weil Zeus winselte?– hatte er es auch gesehen??–, setzte er sich langsam in Bewegung, ehe er allzu großes Aufsehen erregte. Trost bog in die Jakoministraße ein, wo er einen winzigen Buchladen aufsuchte, der ein Geheimtipp für Liebhaber von Krimis war, die in Kleinverlagen oder speziellen Editionen herausgegeben wurden. Schon beim Eintreten waren seine Ängste und Sorgen wie weggespült vom Meer der Geschichten, das ihn hier erwartete. Der Besitzer stand wie immer selbst im Geschäft, witterte sofort, dass Trost nach etwas Besonderem spähte, und rief: »Das einzige Verbrechen, das vor Weihnachten erlaubt ist, ist ein Wintereinbruch!« Der Mann ließ einen Moment verstreichen, gab sich dann aber mit dem müden Lächeln Trosts zufrieden und fügte versöhnlich hinzu: »Und solche, die in Büchern vorkommen, natürlich. Ich hätte da was für Sie?…« Keine zehn Minuten später schleppte Trost mehrere Kriminalromane und eine Biografie von Audrey Hepburn in einem Plastiksack durch die Stadt und machte sich auf den Rückweg Richtung Univiertel. Mittlerweile pfiff er ein Lied und fragte sich, wann er das letzte Mal so unbeschwert gewesen war. Ein Armin Trost, der im Gehen pfeift? Er kam sich im Augenblick...




