Prange Ich, Maximilian, Kaiser der Welt
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-10-402887-3
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, 672 Seiten
ISBN: 978-3-10-402887-3
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bestsellerautor Peter Prange ist der große Erzähler der deutschen Geschichte. Als Autor aus Leidenschaft gelingt es ihm, die eigene Begeisterung für seine Themen auf Leser und Zuhörer zu übertragen. Die Gesamtauflage seiner Werke beträgt weit über drei Millionen. ?Der Traumpalast? ist sein vierter großer Deutschland-Roman. Die Vorläufer sind Bestseller, etwa sein Roman in zwei Bänden, ?Eine Familie in Deutschland?. ?Das Bernstein-Amulett? wurde erfolgreich verfilmt, der TV-Mehrteiler zu ?Unsere wunderbaren Jahre? begeisterte in zwei Staffeln ein Millionenpublikum. Der Autor lebt mit seiner Frau in Tübingen.
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Burg von Wels, Oberösterreich, Januar 1519
Sie erreichten die Burg im Abendgrauen. Schwaden von Pulverschnee trieben ihnen entgegen, in eisiger, lautloser Stille.
Der kaiserliche Tross kam aus Innsbruck und hatte den weiten Weg ohne viel Rasten zurückgelegt, erst zu Wasser, dann zu Lande, wobei der Kaiser die mitgeführte Sänfte verächtlich abgetan hatte. Er war sein Leben lang ein ausdauernder Reiter gewesen. Hier aber, hinter den schützenden Toren seiner vertrauten Stadt Wels, ließ er die Zügel seines Pferdes, kaum dass sie angehalten hatten, fahren und sagte: »Ich bin müde. Weiter geht es nicht mehr.«
War es wahrhaftig er, der so sprach? Maximilian, römisch-deutscher Kaiser, der sein gewaltiges Reich jahrzehntelang vom Sattel aus regiert, der seinen umherziehenden Hofstaat bis an die Grenzen seiner Kräfte gefordert, selber aber nie Müdigkeit gekannt hatte? Ohne Zögern war Rosina, die mit den Damen reiste, zu ihm geeilt. Die eisklare Luft hüllte den Tross in ein seltsames Schweigen, in der die Stimme des Kaisers weit trug, obgleich er gedämpfter sprach, als Rosina es von ihm kannte. Als sie ihn die wenigen Worte sagen hörte, wusste sie, dass es tatsächlich nicht mehr weiterging, sondern hier zu Ende war. Sie würden die Burg, in der sie so oft gemeinsam angekommen waren, nicht mehr gemeinsam verlassen.
Dass er an Kraft verlor, war schon im vergangenen Sommer in Augsburg nicht zu übersehen gewesen. Unter den Ständen des Reichstags hatte es Getuschel gegeben: Der Kaiser, einst Inbild unverwüstlicher Manneskraft, sei fahl im Gesicht, gelb seine Haut und die Wangen eingefallen. Rosina bemerkte vor allem, dass seinem Blick etwas fehlte. Dieser helle, klare Blick aus seinen Bernsteinaugen, der ihr so oft die Sinne verwirrt hatte, schien auf einmal trüb.
Sie hätte ihm gern geholfen, doch nach dem halben Jahrhundert, das sie an seiner Seite verbracht hatte, wusste sie: Er hätte es ihr nicht gedankt. Er war noch immer Maximilian, geboren, um zu herrschen und das Schicksal zu formen, so wie er als Jüngling schon mit bloßen Händen eiserne Hufeisen verformt hatte. Wenn ihn etwas in die Knie zwang, wollte er keine mitleidigen Zeugen.
Maximilian stieg von seinem Braunen, schlug die Steigbügel über und klopfte dem Tier den Hals, ehe er es seinem Burschen überließ. Allein, hochaufgerichtet, schritt er durch den knirschenden Schnee der Burg entgegen, die er nach seinen Wünschen hatte umbauen lassen. Dass seine Schritte schleppend waren, bemerkte nur, wer ihn sein Leben lang kannte. Am Tor des Südtrakts klopfte er dem Wächter, der vor ihm das Knie beugte, leutselig auf die Schulter, wie er es immer tat. Erst auf der Treppe, auf dem Weg zu seinem Lieblingssaal, in deren Decke er rohe Holzbalken hatte einziehen lassen, damit sie nach Wald und Jagd dufteten, brach er zusammen.
Zwei seiner Kammerherren trugen ihn hinauf. , durchfuhr es Rosina, Wolf, der Freund seit Kindertagen. Aber Wolf war nicht mehr da. Von ihrem Dreigestirn waren nur noch sie beide übrig, Max und Rosina, und sie wusste, es würden nicht Tage, sondern Wochen vergehen, bis die hohen Herren, sein Kanzler und all die anderen Besserwisser, Rosina erlaubten, Max zu sehen.
Das Abendessen konnte der Kaiser nicht mehr in seinem geliebten Saal einnehmen. Stattdessen trugen sie ihn in ein Schlafgemach hinter der Pfeilerhalle. Den Raum mit Blick in den Hof, wo er die Hufe der Pferde scharren hörte, sollte er nicht mehr verlassen. Von hier aus regierte er noch einmal für kurze Zeit das Riesenreich, das ständig vom Zerfall bedroht war wie das Gebiss eines Greises. Eine Gesandtschaft aus Kroatien traf ein und bat um Hilfe für ihre Grenzstädte, die immer wieder von Türken überfallen wurden. Maximilian hatte vom Kreuzzug gegen die Türken geträumt, sein Leben lang, doch jetzt konnte er den Gesandten nur sagen, dass es ihm am Geld fehlte. Woher sollte er es auch nehmen? In Innsbruck war sein Hofstaat schmählich aus den Gasthäusern gewiesen worden, weil seine Schulden sich himmelhoch türmten und der Kaiser nicht imstande gewesen war, sie zu bezahlen.
Es war nicht mehr Dezember, sondern Januar, nicht mehr das endlose Jahr 1518, sondern ein blankes, neues Jahr, als der Kanzler in ihre Kammer kam, um sie zu holen.
Rosina sprang auf. »Steht es so schlecht?«
Der kaiserliche Berater senkte den Blick. »Der Priester ist bei ihm.«
»Georg Reysch?« Max vertraute dem kauzigen Kartäuser, dem wenig Menschliches fremd war. »Er gibt ihm die Sakramente?«
Der Kanzler bekreuzigte sich.
Rosina nahm ihr Schultertuch, das sie vors Feuer gehängt hatte, um es anzuwärmen. Durch die Fugen der Burg kroch Kälte, und die Nacht würde lang werden.
In der Tür von Maximilians Gemach blieb Rosina stehen, während der Kanzler dem Kaiser meldete, dass seine gekommen sei. Früher hatten nicht wenige der Herren Max um Rosina beneidet, um ihre dunkle Schönheit und die Sinnlichkeit, aus der sie keinen Hehl machte. Heute mochte sich mancher fragen, warum er die verblühte Mätresse bei sich behielt. Doch Rosina wusste, in seinen Augen war sie immer noch schön. Müde lehnte sie ihr Gesicht an den Türstock und spähte ins Halbdunkel, in dem ihr Geliebter lag.
Das Zimmer erschien ihr warm, fast überheizt. Vor den Erker mit dem Kreuzstockfenster hatte jemand einen Gobelin gehängt, um den jaulenden Nachtwind auszusperren. Das Heer der Berater war in den Hintergrund getreten, stand jetzt aufgereiht wie einstmals Max’ Holzsoldaten in den Schatten und wartete. Auch Georg Tannstetter, der Erste unter den Leibärzten, hatte sich bereits dorthin zurückgezogen, da seine Kunst hier nichts mehr vermochte. Nur zwei Männer bewegten sich im Raum. Der eine, um seine Aufgabe zu Ende zu bringen, und der zweite, weil er niemals still saß.
Georg Reysch, der Kartäuserprior, beugte sich noch einmal über das Gesicht seines Kaisers, dem er die Stirn mit dem heiligen Chrisam gesalbt hatte, und legte ihm die Hostie auf die Lippen. Eine gemurmelte Segensformel beendete das kleine Seelenamt. Der Priester wandte sich ab und stellte die Schalen des Versehbestecks zurück auf die Kredenz.
Das Geschöpf, das am Fußende des Bettes auf und ab hüpfte, hätte Rosina gern ans andere Ende der Welt verbannt. Aber es gehörte hierher, in dieses Zimmer und in diese Nacht. Kunz von der Rosen: Narr des Kaisers und Vollstrecker ihrer aller Schicksal. Sein durchpflügtes Gesicht schien so alt, als hätte er den Tod aus der Taufe gehoben. Noch immer flink wie ein Äffchen winkte der ewige Zeremonienmeister die Berater heran, kaum dass der Priester vom Bett des Kaisers zurückgetreten war. War es nicht seltsam, dass ein schrumpeliger Zwerg diesen kraftstrotzenden Weltenherrscher überleben sollte? Eine verkrüppelte Kiefer, die windzerzaust dem Sturm widerstand, der die prächtige Eiche fällte …
Jetzt hüpfte der Zwerg zu Rosina, die ihm im Lauf der Zeit manches gewesen war: Verbündete, Feindin, Mittel zum Zweck. Mit seiner Affenpfote winkte er sie in den Raum. Die Gegenwart des Todes erfasste sie plötzlich mit solcher Macht, dass sie zurückscheute. Dann aber sah sie keinen Tod mehr, sondern nur noch Max. Sie musste sich beherrschen, ihm nicht entgegenzurennen.
Das Bett unter dem roten Baldachin war ihr nicht unbekannt. Als er ihre Schritte hörte, wandte er ihr das Gesicht zu. Gelb wie Wachs und bis auf die Knochen ausgezehrt. Seine mächtige Habsburger-Nase, bei der sie ihn so manches Mal gepackt hatte, um ihm den verstockten Kopf durchzurütteln, glich jetzt endgültig dem Schnabel eines Falken.
Der nimmermüde Kunz rollte ein Pult mit Schreibutensilien herbei und stellte es den Herren zurecht. An Rosinas Seite schob er eine geschmiedete Truhe, die sie sogleich erkannte. Sie drehte sich weg. Noch hatte sie kein Auge dafür. Nur für Max. Sie nahm seine Hände, gab den Teufel darum, ob es sich schickte.
Einst hatte er triumphierend gelächelt wie einer jener römischen Feldherren und Cäsaren, von denen er abzustammen meinte. Wie einer, der tollkühn Brücken hinter sich abbricht, um voller Tatendrang vor seinen Füßen neue zu errichten. , hatte Rosina in solchen Momenten gespottet, Nie hatte sie ihn wissen lassen, wie sehr sie dieses Lächeln liebte.
Jetzt war davon nichts mehr übrig. Dunkel flackerte sein Blick. »Ich bin gescheitert, nicht wahr?« Unsäglich schwach klang seine Stimme. »Das Reich, das ich festigen wollte, zerbröckelt mir unter den Händen. Und Karl ist noch nicht gewählt!«
Karl, seinen Enkel, wollte er noch zu Lebzeiten als Nachfolger einsetzen, um dem Haus Habsburg die Kaiserwürde zu sichern.
»Sorgt Euch jetzt nicht darum, Majestät.«
Täuschte sie sich oder war da ein Zucken im Winkel des Mundes? »Wenn nicht jetzt – wann dann, ? Es ist doch nichts fertig. Nicht einmal mein Grabmal, trotz all der Jahre, die daran schon herumgepfuscht wird.«
Sie presste die Lippen zusammen. Zu lachen, wenn ihr...




