Pousset | Schwimmen | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: Ullstein eBooks

Pousset Schwimmen

Roman
17001. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8437-1646-8
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: Ullstein eBooks

ISBN: 978-3-8437-1646-8
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wer springt, hat zwei Möglichkeiten: schwimmen oder untergehen. Milla und Jan kennen sich seit Kindertagen. In einem heißen Sommer fahren sie gemeinsam mit Jans Freundin Kristina ans Meer. Drei Tage lang schweben sie zwischen sie zwischen Angst, Liebe und Sehnsucht. Bis sich alles bei einem heftigen Gewitter katastrophal entlädt. Jan überlebt nicht. Vier Jahre später sind Milla und die kleine Emma an einem kalten Morgen durch die große Stadt unterwegs. Da findet Milla etwas, das sie an Jan erinnert und stellt sich endlich der Vergangenheit. Ein Roman voller zarter Melancholie und berührender Bilder, die einen nicht mehr loslassen.  

Sina Pousset, 1989 geboren, studierte Literatur- und Kunstwissenschaften. Sie schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, jetzt.de und Zeit Online. Sina Pousset lebt in Berlin. 'Schwimmen' ist ihr erster Roman.
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Montag


Die Stadt ist groß an diesem Morgen. Eine Frau fährt auf dem Fahrrad durch den Montag, an Autoreifen und Ampeln vorbei. An der Seite tippelt ein knöchelhoher Hund über die Straße, um den Hals trägt er ein grünes Band mit kleinen Lichtern. Die Frau ist in einen Schal gewickelt, ihr langer schwarzer Mantel flattert im Wind zusammen mit den braunen Haaren. Ihr Name ist Milla Anton. Sie holt Schwung am Berg. Hält eine Hand an einen Kinderrücken. Ein kleines pinkes Rad, ein roter Helm und blonde Locken. Die Stadt ist groß an diesem Morgen. Sie stößt Rauch in Millas Lunge und kalte Luft, die brennt. Der Montag hat den Sonntag abgelöst, es war ein kurzes Wochenende. Keine Zeit zum Nägelschneiden, nur Wäsche waschen, den Müll runterbringen und den Nachbarn im Flur grüßen, ein paar Bässe durch die Wand wummern hören, nachts aufstehen, weil Emma weint. Es ist ein Alptraum. Der kleine Körper krabbelt zu ihr ins Bett und drückt sich an sie, Milla macht ihr heiße Milch und riecht an ihrem Haar. Sie riecht nach Honig, immer. Honig und Vanille. Der Schlafanzug ist ausgeleiert, die Dinos darauf sind verblasst, Emmas Augen rot. Wenn Milla sich im Spiegel sieht, sieht sie Augenringe. Die Zeitung hat sie abbestellt. Zeitung und Schlaf haben einem blonden Mädchen mit Ringelsocken Platz gemacht. Jeden Morgen, Montag bis Freitag, hat Milla die Hand an Emmas Rücken und schiebt sie den Berg nach oben bis zum Kindergarten. Das sieht man. Am genauen Abstand zwischen den zwei Rädern, ohne Schlenker. Eine kleine Einheit, kein Stocken, kein Müdewerden in den Beinen.

Sie sind spät dran. Als sie in den Klosterweg abbiegen, ist es schon Viertel nach. Emma hält Millas Hand und erzählt atemlos, was sie alles denkt. Vögel singen.

Schlafen die Vögel denn nachts, Milla?

Ja, die schlafen nachts, so wie du. Und dann stehen sie mit der Sonne auf.

Warum fallen die dann nicht vom Baum?

Die sind das gewohnt, auf dem Baum schlafen. Du fällst ja auch nicht mehr aus dem Bett.

Emma gluckst, ganz hell, und reibt sich die Augen.

Und wo sind die Vögel zu Hause, Milla?

Milla sagt sie, nicht Mama.

Da, wo sie sich wohl fühlen, da bauen sie ein Nest.

So wie du?

Ja, so wie ich.

Sie laufen die niedrigen Stufen nach oben, es kleben Sonnen und Blumen an den Fenstern. Drinnen grelles Licht. Vielleicht wird Emma sich daran erinnern, später. Wie grell das Licht hier immer war, morgens, und alle sahen so blass aus, auch die Erwachsenen. So müde. Es gibt hier rote Wachsdecken und gelbe Plastikbecher, ihren Lieblingsteller und die Schublade voll Ersatzklamotten, und es stinkt auf den kleinen Klos. Das hat sie Milla schon erzählt. Vielleicht wird Emma sich daran noch erinnern, wenn sie das ist, was die Erwachsenen groß nennen. Wie sie im Sommer zelten auf der Wiese und es manchmal Milchreis gibt oder Kroketten. Wie gut warme Milch schmeckt, wenn man ein paar Zentimeter kleiner ist. Wie viel Spaß es macht, Arm in Arm mit Martha über den Hof zu hüpfen, bis das Herz schnell klopft und der Atem tief wird. Wie sehr es weh tut, wenn jemand tuschelt und lacht.

Frau Anton. Guten Morgen. In Frau Herolds Stimme klingt dunkel der Vorwurf. Frau Anton, nicht Milla.

Guten Morgen.

Statt Dinge zu erklären, die sich schon von selbst klären, zieht Milla lieber Dinge aus. Den Helm, die gelbe Jacke, sie schnürt die Stiefel auf und streicht dabei über Emmas Ringelsocken. Ein Kuss! Milla gibt ihr einen Kuss auf die zarte Wange, noch einmal Nase putzen und Vanillehaar einatmen, dann raus auf die Straße.

Weiter, zu Manuskripten und dem Chef, der seit zweieinhalb Monaten einen schlechten Tag hat. So lang schläft er schon auf der Couch. Hoffentlich fängt er wieder an zu trinken, hat Emil gesagt. Hoffentlich fängt er wieder an zu rauchen, hat Milla gesagt. Aus den Raucherpausen kam er mit roten Backen wieder, jedes Mal. Ein paar stille Minuten mit Frau Forster aus dem Sechsten.

Sie fährt Rad und atmet und findet den Rhythmus nicht. Heute nicht. Es geht schwer, und die Leute überholen sie. Die Ampel wird rot, es strömen Menschen vorbei an den Autos, Radfahrer klingeln, ein Bus brummt hinter ihr, dahinter surrt eine Bahn. Durch die Stadt klingt der Stau. Ein Mann telefoniert über die Freisprechanlage und raucht. Das Fenster ist offen, einen Spalt, und seine Worte werden zu Milla auf die Straße getragen. Er sitzt in einem Auto, dessen Räder Milla bis zur Hüfte reichen. Heute Abend gibt es Gans bei Peter, bringst du den Wein mit. Seine Frau. Jaja. Der Peter mag den Barolo so. Jaja. Passt aber nicht zur Gans. Doch, doch. Er legt auf und fährt heute Abend ohne Wein nach Hause. Milla schaut nach unten und sieht ihren Platten. Nicht heute.

Sie steigt ab und drückt sich an die nächste Mauer, der Strom fließt auf der Straße ohne sie vorbei. Sie bückt sich und hätte gern, dass ihr auch mal jemand die Nase putzt. Sie wischt sich mit dem Handschuh über das Gesicht, hantiert in ihren Kleiderschichten, plötzlich ist ihr heiß, so heiß. Das Ventil geht auf, Gott sei Dank, und Milla pumpt, so gut sie es mit ihren engen Ärmeln kann. Der Reifen wölbt sich, genug für den Rest des Weges. Weiter. Sie muss weiter. Sie greift nach der Ventilkappe in der Manteltasche, aber ihre Finger stoßen auf mehr, Papier. Sie zieht es hervor. Auf dem Zettel ist Jans Handschrift. Milch, Tomatensoße, Orangen und Eier. Das wollte Jan mal einkaufen, als sie noch zusammenwohnen in der kleinen Wohnung unterm Dach, er ihr nachts Spaghetti kocht, das Radio anmacht und mitsingt beim Brot schneiden, alles nass macht beim Duschen und er atmet und sein Herz schlägt. Die Eier hat er durchgestrichen. Es ist sein alter Mantel, den Milla heute trägt, das erste Mal seit vielen Jahren. Es sticht, und Milla wird schlecht. Sie liest Jans schiefe Worte auf dem Papier mit ein paar Rissen, bevor der Montagmorgen vor ihren Augen verschwimmt. Einen Moment steht sie still. Sie hält es fest, das unverhoffte bisschen Jan. Dann steuert sie auf das große grüne Licht zu und lässt sich vom Strom auf die Straße tragen. Weiter. Sie muss weiter.

Fast zehn Uhr, als Milla über den glatten Steinboden geht, auf dem sich die Salzflecken ausbreiten. Sie durchquert die Halle, grüßt den Pförtner, der dasitzt, bevor sie kommt und nachdem sie geht, an dessen Anzug ein goldener Knopf fehlt, dort, wo sich sein Bauch am meisten wölbt, und mit dem sie in der Mittagspause manchmal ihren Apfel teilt. Frau Milla, wie geht‘s? Seinen Blick sieht sie nicht.

Sie steht im Lift und hält den warmen Zettel in der Hand. Der Fahrstuhl fährt mit ihr und anderen nach oben, Aftershave und gekämmtes Haar, Kaffee und Pudelmütze. Die Anzeige zeigt zwei, dann vier, dann fünf, die Tür geht auf. Grauer Teppich und gelbes Halogen. Millas Stockwerk. Sie steigt aus. Von hier oben kann man die Dächer sehen.

Ein paar Schritte, und Milla steht vor ihrem Zimmer. Auf der weißen Tür steckt ihr Name in einem Plastikschild, provisorisch wie so vieles hier. Dahinter ist noch alles so wie Freitag. Die Regale voller Bücher, der Wasserkocher auf dem Sideboard. Papierstapel, ein paar Kaffeeflecken, Krümel, Notizen, ein Energyriegel auf Millas Schreibtisch. Der Platz gegenüber ist leer. Tijs ist im Vaterschaftsurlaub. Nur seine Kopfhörer hat er vergessen und sein altes kariertes Sakko an der Tür. Sachen. Das war für sie am schlimmsten, fast. All die Sachen, die Jan zurückgelassen hat, an all den Stellen. Seine Haare auf ihrem alten Pullover im Schrank, Postkarten an der Wand, alles Jan. Seine Fahrradpumpe. Der Blazer, den sie nur gekauft hat, weil er mal gesagt hat, Dunkelblau sei zeitlos.

Milla schaut aus dem Fenster. Bei einem der Altbauhäuser steht eine Palme in Schutzfolie auf dem Wohnzimmerbalkon. Ein Mann in Anzug raucht hier manchmal, schaut auf die Uhr, kippt den Kaffee mit einem Ruck, streicht die Haare glatt und schließt die Tür. Ihn sieht Milla selten, er ist einer von den Menschen, die immer früh dran sind, bei der Arbeit, wahrscheinlich auch an der Kinokasse und bei der Silvesterplanung.

Nur ein Mal hat er verschlafen. Es lag ein gelbes Kleid auf dem Fußboden im Wohnzimmer neben seinen schwarzen Schuhen, der Aschenbecher stand voll neben den Weingläsern auf dem Balkon. Milla hat neben Korrekturen und E-Mails immer wieder hochgeguckt und die Frau beobachtet, die ein paar Stunden später in der fremden Wohnung erschien. Fühl dich wie zu Hause, vielleicht hat er das gesagt. Dann ist er verschwunden, ins Büro. Sie war ein gutes Stück älter als er, die Frau mit dem gelben Kleid. Sie stand kurz vor dem Balkonfenster, die Arme hinter dem Rücken ausgestreckt, ohne Socken und im Männerhemd. Er hat immer frisch gebügelte Hemden, das weiß Milla, zweimal die Woche kommt jemand für die Hausarbeit. Vielleicht bemerkt an diesem Morgen keiner im Büro das verknitterte Jackett und das zerzauste Nackenhaar über dem gestärkten Kragen. Heute ist niemand in der Wohnung. Millas Blick schweift. Alles ruhig hinter den Fenstern gegenüber, ein Kinderzimmer, ein Frozen-Poster und eine große Obstschale auf einem runden weißen Küchentisch. Spitzenvorhänge und Holzmöbel daneben, Kunstprint gegen Waldmotiv in Öl. Eine lange Knoblauchstange am Fenster, Petersilie und Basilikum. Eine aufgeschlagene Zeitung auf dem Tisch, Schlappen auf dem Balkon.

All das kann Milla von ihrem Schreibtisch aus beobachten, der über der Stadt schwebt wie ein Aussichtsturm aus Glas. Es ist ihr Platz. Sie hat Socken in der Schublade, an denen sie strickt, wenn ihr die Augen zu sehr weh tun. Das kann Milla, ohne hinzusehen. Sie schließt die Augen oder schaut über...


Pousset, Sina
Sina Pousset, 1989 geboren, studierte Literatur- und Kunstwissenschaften. Sie schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, jetzt.de und Zeit Online. Sina Pousset lebt in Berlin. "Schwimmen" ist ihr erster Roman.

Sina Pousset wurde 1989 in Stuttgart geboren und wuchs in Heidelberg auf. Sie studierte Kunstwissenschaft, Medientheorie, Philosophie und Literaturwissenschaften in Karlsruhe, Paris und Oxford. Der erste Text, den sie jemals veröffentlichte, erschien 1998 in der Rhein-Neckar-Zeitung und trug den Titel Meine Oma. Heute arbeitet sie als freie Journalistin und Autorin und schreibt u. a. für die Süddeutsche Zeitung, jetzt.de, SZ Magazin, Zeit Online. "Schwimmen" ist ihr erster Roman. Sina Pousset lebt in Berlin.



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