Pott / Hölscher Alltagsethik
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96543-219-2
Verlag: Lehmanns Media
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit einem Diskurs zur Corona-Pandemie
E-Book, Deutsch, 146 Seiten
ISBN: 978-3-96543-219-2
Verlag: Lehmanns Media
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alltagsethik ist ein so umfassender Begriff, dass er nach einer Auswahl und Eingrenzung verlangt. Zweifelsohne gehören Bereiche wie Familie, Partnerbeziehungen, Umwelt, zwischenmenschliche Konflikte, Sicherheitsfragen, Umgang mit Migranten, Behinderten, Alten, Kindern etc. zu den Bereichen einer Alltagsethik. In der Corona-Pandemie kommt dem
Begriff jedoch noch eine spezielle Bedeutungserweiterung zu: die mitmenschliche Sorge beginnt mit dem Tragen einer Maske und endet auch noch lange nicht in der Reihenfolge der zu Impfenden…
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2 Definition und Theorien zu Moral, Ethik und Moralpsychologie
Mit Moral bezeichnet man das gute Verhalten der Menschen zueinander und zu ihrer Umwelt. Gut ist ein Wort, das so verschieden gemeint ist, dass man es für die Definition des Begriffes Moral erklären muss. Gemeint ist, dass das Wohlergehen der Mitmenschen so gefördert wird, wie man auch selbst behandelt werden möchte. Darin drückt sich ein Verhältnis, ein Vertrag, aus. Damit sind wir schon bei einer ersten Theorie, dem Kontraktualismus (Kontrakt = Vertrag ). Den kennen Sie alle, wenn auch nicht mit seinem Namen, sondern in einer Anwendung: Behandle andere so, wie auch Du behandelt werden willst oder in der negativen, bekannteren Formulierung: Was Du nicht willst das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Im Vaterunser, dem Basisgebet der christlichen Religionen, heißt es: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Theorien zur Moral, das heißt die Lehre über die Moral, werden als Ethik bezeichnet. Jetzt geht es schon durcheinander, denn viele Menschen zu vielen Zeiten, z. B. Schriftgelehrte und Philosophen des alten Griechenland, haben die Begriffe Moral und Ethik identisch verwandt. Will man einen Unterschied machen, so ist Ethik die Lehre der Moral, die Sammlung verschieden begründeter moralischer Verhaltensweisen, durchaus mit unterschiedlichen Ergebnissen. Zwei generelle Probleme der wissenschaftlichen Ethik, wir nennen das auch philosophische Ethik, begegnen uns hier: Dass man verschiedene Worte und Begriffe für einen oder fast identischen Sachverhalt benutzt, ist schmerzlich, aber offensichtlich hat unser Denken bisher nicht mehr erreicht. Und will man damit leben, muss man von Zeit zu Zeit an den Kalauer denken, dass zwei Philosophen oder Philosophinnen eher eine gemeinsame Zahnbürste als ein gemeinsames Vokabular benutzen. Das zweite Problem ist, dass es keine universale Begründung für das gute Verhalten gibt und die bisher erdachten Ethiktheorien sich zum Teil so widersprechen, dass unser Gutsein nicht allein dadurch entstanden sein kann. Aber wodurch dann, werden Sie als Leser fragen, meistens funktioniert unser Alltag doch so einigermaßen gut. Ziel dieses Buches ist, zu zeigen, dass unsere Alltagsethik auf unserem Gefühl, genauer gesagt auf unserer Empathie beruht und weniger theoriegeleitet ist. Dass beides notwendig ist, also Herz und Verstand, haben schon im Mittelalter die englischen Empiristen in der Philosophie gezeigt, allen voran David Hume. Wir haben das schon früher – mehr oder weniger intuitiv – intuitive Ethik genannt. Brauchen wir dann überhaupt weitere Ethiktheorien? Ja, denn zum einen ist unser Gefühl manchmal trügerisch und kann zu falschen Entscheidungen führen. Zum anderen liefern Theorien zu einzelnen ethischen Problemen eine Basis für Entscheidungen, um z. B. ein Dilemma zu lösen. Ein Dilemma ist ein scheinbar oder tatsächlich nicht lösbarer ethischer Konflikt. Ein Beispiel: Mit den jetzt entwickelten verschiedenen Impfstoffen gegen die Covid-19 Virusinfektion werden zunächst das Personal und die chronisch Kranken, dann die Alten geimpft, damit möglichst viele behandelt werden können, wenn auch akut Menschen ungeimpft sterben könnten. Diese Ethiktheorie wird Utilitarismus, zu Deutsch Nutzenethik, genannt. Ziel ist es, möglichst vielen Menschen möglichst viel Wohlergehen zu verschaffen. Es würden also weiter Menschen sterben, während wesentlich mehr Menschen gerettet werden, wenn man das ärztliche und Pflegepersonal bevorzugt impft. Man kann aber nicht aus Nutzengründen einen Menschen töten, um z. B. dessen Organe für andere zu verwenden (ausführliche Darstellung in Kap.6.2). Den meisten von uns wird unwohl, wenn wir daran denken. Zwischen Sterben lassen und Töten machen wir also einen riesigen Unterschied, zu Recht, denn eine Voraussetzung einer Gemeinschaft von den frühen Sammlern und Jägern der Steinzeit bis heute ist eine Tötungshemmung in uns. Dass die, wenn man Bevölkerungsgruppen und Oppositionellen ein Menschsein verweigert, durchbrochen werden kann, zeigen Völkermord, Vernichtungslager und Menschenexperimente in KZs. Spezialeinsätze der Polizei zur Geiselrettung und militärische Verteidigung eines Landes sind davon zu trennen, weil in Notwehr oder zur Gefahrenabwehr gehandelt wird. Damit sind wir bei einer nächsten Ethiktheorie: der deontologischen oder Sollensethik. Die kennen Sie alle, Du sollst nicht töten etc., beschrieben in den zehn Geboten und vergleichbar in fast allen Religionsgeboten der Welt. Da unser Gefühl uns täuschen kann oder unsere Empathie nicht oder zu gering vorhanden ist, brauchen wir Regeln für die, die nicht spüren, was richtig und gut ist oder für Situationen, in denen unser Gefühl ambivalent ist und uns im Stich lässt. Dafür wieder ein Beispiel. „Wir können doch unsere Angehörigen nicht verhungern lassen“ (s. auch Kapitel 6.7) hört man manchmal in Pflegeheimen und auf Palliativstationen, wenn als Zeichen oder Vorboten des Sterbens Menschen nicht mehr essen und trinken wollen. Unsere Hilfe ist genetisch seit Jahrmillionen darauf ausgerichtet, denn eine der häufigsten Todesursachen waren Verhungern und Verdursten. In den westlichen Ländern ist das nicht mehr der Fall, Abmagerung und Austrocknung sind Zeichen des Sterbens oder einer speziellen Krankheit, unsere Vernunft muss uns sagen, dass unser Gefühl uns trügt, aber nur in dieser speziellen Situation. Mit den Religionen und der ihnen innewohnenden Moralregeln, auch als Moraltheologie bezeichnet, ist das so eine Sache. Viel zu oft in der Geschichte der Menschheit wurden durch die Mächtigen der Welt Religionen zur Beherrschung und Unterdrückung missbraucht, um den Menschen ihre Selbstbestimmung, ihre Autonomie, vorzuenthalten. Während einer Montagspredigt in der Nikolaikirche in Leipzig kurz nach der Wende Gleichwohl halten uns zur Erfüllung des Gotteswillens insbesondere barmherzige Religionen – so z. B. das Neue Testament aber auch das Alte Testament und der Koran – zu guten Handlungen an und sind für eine Alltagsethik unverzichtbar, unabhängig davon, ob man ein gläubiger Mensch ist oder nicht. Denn der säkulare Staat ist auf die Gesamtheit der Bürger angewiesen, die ihn für das Ziel von Toleranz, Menschenwürde, Solidarität und Autonomie unterstützen. Dieses Ziel kann er nicht selbst erzwingen, wie es der Bundesrichter und Rechtsphilosoph Böckenförde einmal formulierte. Was wiederum nicht heißt, dass Religionen eine Sonderrolle in einem säkularen Staat zukommt, s. auch C. Steinhilber in der FAZ vom 18.11.20. Eine sehr alte und in den vergangenen Jahrzehnten wieder besprochene Ethiktheorie ist die Tugendethik. Sie geht auf Aristoteles zurück. Ein Kernsatz, dessen Anfang sicher jeder kennt, lautet: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, wie eine gute Tat noch kein gutes Leben macht. Mit gutem Leben ist unser Wohlergehen im Einklang mit der Gemeinschaft gemeint, nicht nur der eigene Nutzen. Man handelt tugendethisch, wenn man nach den durch Erziehung und Anlage entwickelten Eigenschaften – Tugenden wie Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung – lebt. Auch der Philosoph Immanuel Kant zählt z. T. zu den Tugendethikern, berühmter ist er allerdings durch seinen kategorischen Imperativ geworden, nach dessen Maximen man so vernünftig handeln soll, dass dies eine Richtschnur für die Gesellschaft ergibt. Der Einfluss seiner Philosophie ist immens, er gilt als der Denker der Aufklärung und damit der Rechte des Einzelnen. Seine Pflichtethik, die zu den deontologischen Ethiken zählt, hat jedoch ein Problem, woran sie an den Alltagsfragen letztlich scheitert: Wir Menschen sind leider nicht vernünftig genug. Ethiktheorien sind im Fluss und es gibt verschiedene neue Entwicklungen, von denen eine genannt werden soll, die Institutionenethik. Wir leben in einer immer weiter vernetzten Welt mit Teamarbeit und Arbeitsteilung. Das führt dazu, dass einzelne Personen immer weniger Einfluss auf den gesamten Ablauf z. B. von Planungen der Wirtschaft, der Sozialpolitik etc. haben. Ein Beispiel zur Institutionenethik aus der Medizin ist in Kapitel 6.8 ausgeführt. Eine dringend notwendige Reform des Medizinstudiums einschließlich der Zulassungsbedingungen ist dadurch erschwert oder scheitert möglicherweise daran, dass die Akteure primär an ihre ureigenen Interessen denken – so die Universitätskliniken an ihren wissenschaftlichen Nachwuchs, die Krankenkassen an die Beitragsstabilität, die Ärztekammern an ihre Selbstverwaltung und die Politik an die Länderhoheit. Entscheidend ist jedoch, wie diese Institutionen zum guten Gelingen z. B. der Behebung des Ärztemangels auf dem Land beitragen können und nicht allein eigennützige Ziele verfolgen. Abschließend stellt sich die Frage, ob wir nun aus Pflicht, aus Nutzen, aus Mitleid oder aus unseren Tugenden heraus gut handeln: Warum tun wir das? Darin stecken eigentlich zwei Fragen. Erstens: Was ist unsere Begründung? Das haben wir in diesem Kapitel besprochen. Fazit ist, das wir keine generelle Begründung kennen und uns mit verschiedenen, z. T. widersprechenden Theorien behelfen. Und zweitens: Was ist unsere Motivation? Was bringt uns dazu zu helfen, wenn wir erkannt haben, dass es richtig und notwendig ist, zu helfen? (Literatur zum Weiterlesen: Bayertz 2006) In unserer Alltagsethik...




