E-Book, Deutsch, 274 Seiten
Post SchrottT
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7487-0229-0
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 274 Seiten
ISBN: 978-3-7487-0229-0
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
2022. Die Bundesregierung versteigert das Recht zur Ausübung der Polizeigewalt in allen Bundesländern, vorgeblich um die Staatsfinanzen zu sanieren. In Baden-Württemberg sorgt fortan die sizialische Mafia für Recht und Ordnung, in Thüringen der Vatikan samt Schweizergarde und in Nordrhein-Westfalen die Nigeria-Connection. Durch diese Deutschland-Karikatur tourt Colin Free mit seiner Crap-Metal-Band 'SchrottT', gegängelt und verfolgt von privaten Sicherheitskräften, Medienvertretern und Zensur-Consultants, umgeben von Freunden, die ein falsches Spiel spielen, hofiert von einem braunen Schergen, der aus dem Erfolg der Band politischen Profit schlagen will... Platz 2 beim Deutschen Science Fiction Preis 2014 E-Book-Neuausgabe
Autoren/Hrsg.
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Ruhrstadt, Sommer 2026
Die Textur der Fliesen besteht aus grüner und schwarzer Kälte. Colin kann das Muster nicht komplett überblicken, weil er mit dem Gesicht nach unten drauf liegt und bestimmt gleich stirbt. Sein Bauch fühlt sich an, als befände sich etwas ziemlich Ekliges darin, aber vermutlich sind das lediglich seine Organe, die hektisch ihre Koffer packen für die Reise ins Jenseits. Colin will den Kopf bewegen, aber monströse Träume lasten zu schwer auf seinen Knochen. Ein unsichtbarer Elefant sitzt auf seinem Rücken und häkelt hoffentlich ein warmes Unterhemd, das Colin jetzt wirklich gut gebrauchen könnte, denn sein nackter Bauch friert auf dem kahlen Keramikboden. Ganz zu schweigen von seinem Unterleib. Anscheinend trägt Colin seine Boxershorts, jedenfalls meldet sein Hintern als einziges Körperteil kein Heimweh. Heimweh wohin? – Colin zieht die wenigen Schubladen seines Gedächtnisses auf, die gerade greifbar sind. Darin befinden sich keine Wegbeschreibungen gen Heimat, keine Besitzurkunde eines netten Häuschens, keine Schlüssel einer hübschen Dreizimmerwohnung. Er findet lediglich einzelne Socken, zerlesene Mangas und angefangene Pillenschachteln. Die nächste Schublade klemmt etwas, und aus ihr dringt ein angenehmer Geruch. Es ist der Geruch des Erfolgs, und in der Schublade verbirgt sich ein Lied. Als Colin seiner habhaft wird, will er es singen oder wenigstens summen. Aber nur ein Keuchen dringt aus seiner Kehle, die trocken ist und rau. Er sollte sich etwas zu trinken suchen. Ja, diese Absicht fühlt sich gut und richtig an. Man soll sich Ziele setzen im Leben, sagt Colins Mutter immer. Etwas trinken, das ist ein gutes Ziel. Es mobilisiert Kräfte, übermenschliche Kräfte. Sie erlauben es Colin, den Elefanten von seinem Rücken zu werfen, den Bauch von den kalten, grün-schwarzen Fliesen zu heben. Colin schafft es nicht, seinen Oberkörper ganz hochzustemmen, aber er rollt sich auf die Seite. Weiter geht es nicht, denn sein Rücken trifft auf eine Wand. Eine zweite kann er jetzt sehen, sie begrenzt gegenüber seinen Lebensraum. Da sieht ein Mann auf ihn herab, freundlich und warmherzig. Colin will einen Gruß murmeln, wie es der Anstand gebietet, aber es gelingt ihm einfach nicht. Er sieht, dass der Mann seine Bemühungen wahrnimmt, denn er senkt kaum merklich den Kopf, erwidert den vergeblichen Grußversuch in mitfühlendem Minimalismus. Der Mann trägt einen ordentlichen Anzug, und daran ist ein Schild befestigt. Es kann nur ein Namensschild sein, folglich heißt der Mann Zweieinhalb. Ein heiseres Lachen stolpert durch Colins Rachen. Zweieinhalb reagiert nicht, wirkt apathisch und schweigt still. Unter Zweieinhalbs freundlichen Augen gelingt es Colin, sich weiter aufzurichten. Seine Organe purzeln durcheinander und beschweren sich über die Unterbrechung der Ausreisevorbereitungen. Colin kneift die Augen zu, spürt in Rumpf und Schädel Schmerzwellen, die es sich kurz vor der Resonanzkatastrophe anders überlegen und eine Frühstückspause einlegen. Als Colin die Augen wieder öffnet, fällt sein Blick auf die dritte Wand. Die ist mit einem kleinen Waschbecken und einem Wasserhahn ausgestattet. Trinken! Das Ziel vor Augen. Nun muss Colin nur noch die Entfernung dorthin überbrücken. Zentimeterweise verlagert er sein Gewicht, schiebt seinen Körper an der Wand entlang, sammelt Kräfte, stemmt sich hoch. Leider sind seinen Armen anscheinend die Muskeln abhandengekommen, aber irgendwie wird es schon gehen. Beinahe hat er es geschafft: Der silberne Knopf mit dem blauen Punkt, der einen kühlen, erfrischenden Wasserstrahl verspricht, ist fast in Reichweite. Aber Colin klammert sich mit beiden Armen am Waschbecken fest, und er müsste einen Arm lösen, um nach dem Knopf zu langen. Er überlegt, wie er das anstellen soll, ohne hintenüberzufallen. Er überlegt etwas zu lange. Ein metallisches Knallen lässt ihn zusammenfahren, er verliert den Halt, liegt schon wieder auf den Fliesen, grün, schwarz, grün, kalt. Die vierte Wand hat er bisher ignoriert. Schade, denn sonst hätte er die Tür gesehen, die offen steht. Dahinter Licht und zwei Schatten, die etwas Unverständliches murmeln. Langsam geht Colin auf, dass das laute Geräusch vom Öffnen der Tür herrührte, sie also vorher sicher geschlossen war. Die zwei Schatten treten näher, dahinter taucht ein dritter auf. »Spam!«, flucht einer. »Der ist im Arsch. Aber so was von.« »Bewahren Sie Würde.« Das ist der Dritte im Hintergrund. Er tritt vor: braun-grau karierter Dreiteiler, Krawatte mit gelben Blümchen, schwarzer Vollbart, hohe Stirn. »Herr Weinland, können Sie aufstehen?« Zweieinhalb reagiert nicht. Colin überlegt, wer sonst gemeint sein könnte. Er kommt nicht drauf und starrt hilflos den Karierten an. »Herr Weinland, können Sie mich verstehen? Herrgott, hat ihm schon jemand die Trommelfelle perforiert?« Der fluchende Schatten von vorhin trägt auf den zweiten Blick eine Art Uniform, schlicht, elegant, mit einem Badge um den Hals. »Er wurde bisher nicht befragt.« »Das kann ich bestätigen«, schaltet sich der bisher schweigsame Mann ins Gespräch ein. »Aus der Datei geht der Timestamp der Anlieferung hervor, und es gibt keinen weiteren Entry.« Colin gafft den Mann an. Er trägt dieselbe schwarze Uniform wie sein Kollege: Turnschuhe, Stoffhose, Hemdjacke, Badge, ausdrucksloses Gesicht. Zweieinhalb greift immer noch nicht ins Gespräch ein. Aber für Colin ist es an der Zeit, ein wenig zu plaudern. Er schluckt trocken, bringt mit Totengräberstimme hervor: »Ich … wollte gerade was trinken.« »Sehen Sie, es geht ihm gut«, sagt der eine Uniformierte. »Natürlich. Ich habe ja auch noch nicht angefangen.« Der Vollbart beugt sich ein wenig vor. »Herr Weinland, mein Name ist Albert Ralfs. Ich bin heute Ihr persönlicher Befragungsreferent. Bitte stehen Sie auf und begleiten Sie mich.« »Kann … nicht aufstehen«, röchelt Colin, »wollte gerade was trinken.« »Sie bekommen später zu trinken«, beruhigt ihn Ralfs. »Wenn Sie kooperieren.« Colin sammelt seine Kräfte, dann versucht er aufzustehen. Es funktioniert nicht. »Meine Herren«, sagt Ralfs, »ich stelle hiermit fest, dass der Informationsträger sich nicht aus eigener Kraft fortbewegen kann. Bitte machen Sie eine Notiz und folgen Sie dann der entsprechenden Prozedur.« Der linke Uniformierte brummt unwillig und hält plötzlich – oder schon die ganze Zeit? – ein Pad in der Hand und tippt darauf herum. Der andere zieht sich unterdessen Einweghandschuhe an. Ralfs geht einen Schritt zur Seite. »Ich weise Sie hiermit darauf hin, Herr Weinland, dass der Transport in den Konferenzraum auf Ihre eigene Gefahr erfolgt.« »Fremdtransport«, nuschelt der Uniformierte mit dem Pad. »Wie war das bitte?« »Laut Prozessspezifikation handelt es sich um einen Fremdtransport, Herr Ralfs. Das ist der korrekte Begriff.« Einen Moment lang sagt niemand etwas, als würde jeder gespannt beobachten, wie der Uniformierte sein Pad in die Westentasche schiebt und ebenfalls Einmalhandschuhe überstreift. »Vielen Dank für die Aufklärung«, schnappt Ralfs. »Dann beginnen Sie bitte jetzt mit dem … Fremdtransport.« Die beiden Uniformierten beugen sich zu Colin hinunter, jeder greift sich ein Handgelenk. Während Colin rücklings aus seiner Zelle geschleift wird, ziehen schwarze und grüne Muster an ihm vorbei, die jetzt beinahe einen Sinn ergeben. »Augenblick!«, meldet sich plötzlich Ralfs. »Er verliert ja seine Unterhose, wenn Sie das so machen.« Die Uniformierten verharren einen Moment. Colin kann ihre Gesichter aus seiner Perspektive nicht erkennen, er sieht nur den Wasserhahn in der Wand, dem er schon deutlich näher war. »Soll’n wir ihn an die Füße ziehen oder was, hä?«, fragt der Mann an seinem linken Handgelenk. »So ne shit Spam!« »Dann würde er vermutlich seine Unterhose nicht verlieren.« »Boah, echt witzig Mann! Keine Ahnung von den Prozessen, was? Mann, Mann! Wir arbeiten hier nach Kriterien, klar? Is mir doch scheißegal, ob der Hobbit hier seinen Schlüpfer verliert, ich mach meinen Job nach Vorschrift, ich will ihn nämlich behalten, klar? Mein Vertrag is befristet und wird nich verlängert, wenn ich schlampe.« »Herrgott, meine Herren, bewahren Sie doch Würde! Ich kann ja an meinem zweiten Tag hier noch nicht alle Vorschriften kennen, oder?« Colin fragt sich, was Herr Ralfs an seinem ersten Tag schon alles erlebt hat. Sein eigener erster Arbeitstag damals … nein, er wird sich später in Ruhe erinnern. Jetzt wird er erst mal weiter durch die Gänge geschleift und muss die Pobacken zusammenkneifen, um die Unterhose nicht zu verlieren. Er ist sehr zufrieden mit sich selbst, denn erneut gelingt es ihm, sich ein übersichtliches Ziel zu setzen statt utopischer Wunschvorstellungen wie Weltherrschaft oder goldener Schallplatten. Unterwegs riecht es nach Krankenhaus und Feuchtigkeit, Türen werden geöffnet und hinter ihm...




