E-Book, Deutsch, 177 Seiten
Portmann Über Nacht
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-906907-29-1
Verlag: edition bücherlese
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 177 Seiten
ISBN: 978-3-906907-29-1
Verlag: edition bücherlese
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Beat Portmann, geboren 1976, lebt als freier Schriftsteller und Musiker mit seiner Familie in Emmenbrücke. 2013 wurde seine Tragikomödie 'Wetterleuchten' von den Freilichtspielen Luzern uraufgeführt (Regie: Volker Hesse). 2014 schloss er mit 'Vor der Zeit' seine Romantrilogie ab. Für sein Schaffen wurde Beat Portmann mit einem Werkpreis des Kantons und der Stadt Luzern sowie mit dem Kulturpreis der Gemeinde Emmen ausgezeichnet.
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Wen wunderts, dass ihn meine Mutter verlassen hat, schimpft Frank, während Nora, von den eigenen Scheinwerfern geblendet, im Schritttempo durch den dichten Nebel fährt. Sie hat Franks Mutter nie kennengelernt, die an einer Hirnblutung starb, kaum dass er die Volljährigkeit erreicht hatte. Aber Frank weigert sich, den Tod seiner Mutter, die er als engelgleiches Wesen verehrt, als solchen anzuerkennen. Seiner Meinung nach war zu sterben für sie die einzige Möglichkeit, ihren Mann zu verlassen.
Nora macht die Scheibenwischer aus, die sie in einem Anflug von Irrationalität eingeschaltet hat.
Er ist der einsamste Mensch, den ich je getroffen habe, sagt Matthias und sieht angestrengt durch die Frontscheibe.
Dann fällt kein Wort mehr, bis sich der Nebel an seiner Untergrenze lichtet.
Und jetzt?, wendet sich Nora an Franks Gesicht im Rückspiegel. Wollen wir was essen gehen? Beim Gespenst?
Frank schweigt.
Frank?
Ich denke darüber nach, was Matthias gesagt hat.
Sie stellt die Musik leiser.
Von der Seite hab ich es noch nie betrachtet. Er hat – außer seinem Hund und seiner Verachtung für die Menschen und überhaupt für alles, was seinen strengen Kriterien nicht genügt – nichts! Nichts, niemanden! Seit Mutters Bettseite leer ist, hat ihn selbst der Schlaf verlassen. Er wälzt sich, redet mit sich selbst. Er ist wirklich der einsamste Arsch in der Welt.
Sie kommen zur nördlichen Ausfallstraße mit ihren Bars und Imbissbuden und Spielsalons, mit ihren verrußten und bröckelnden Fassaden, ihrem Völkergemisch und all den schlaflosen Pilgern auf der Suche nach dem Glück, das ihnen in ihren Träumen verheißen wurde.
Nora stellt den Wagen auf den Parkplatz einer stillgelegten Kerzenfabrik. Sie wechseln die Straßenseite und treten in die Gaststube ihres bevorzugten Speiselokals. Die Wirtin, von den Stammgästen das Gespenst genannt, hat sich vor Jahren bei einem Küchenbrand schwere Verbrennungen zugezogen, weshalb sie eine Maske trägt.
Abseits von Billardtisch, Geldspielautomaten und den Stammgästen nehmen sie ihren Platz ein, unter dem Porträt des Generals und einer körnigen Aufnahme des Gasthofs, die ihn allein auf weiter Flur zeigt. Sie geben ihre Bestellungen auf, sich dem Augenblick hin: Streuwürzset auf Schieferplatte, Aschenbecher, Franks Zigarettenpackung; das erschöpfte Schweigen des Stammtischs, Countrymusik aus der Stereoanlage hinter dem Tresen; rostfarbene Mähne, reiner Glanz des Lagerbiers, der Klang von Glas auf Stein.
Die Kellnerin stemmt die Arme in die Seiten, mustert Matthias und sagt mit sonorer Stimme: Brauch ich deinen Ausweis zu sehen?
Ausweis, warum?
Warum?, äfft sie ihn nach. Weil ich keinen Alkohol an Minderjährige ausschenke, darum.
Bin aber schon dreiundzwanzig.
Schon dreiundzwanzig, lacht sie rau. Egal. Bei mir hat früher auch niemand gefragt.
Sie reckt das Kinn in Franks Richtung: Dich! Kenn ich von irgendwoher.
Bin so berüchtigt wie berühmt, trägt Frank seinen Jingle vor und händigt ihr einen Flyer aus.
Sie studiert ihn mit zusammengekniffenen Augen, steckt ihn ein und bauscht ihre parfümierte Mähne. Keine Ahnung. Hab dich irgendwo schon mal gesehen.
Während sie sich entfernt, wirft Frank einen anerkennenden Blick auf ihren Hintern. Die Lady hat Temperament.
Neu?
Seh sie heut zum ersten Mal.
Matthias erkundigt sich nach der Toilette.
Nora beschreibt ihm den Weg. Sie sieht ihm nach, wie er, bemüht, keine Aufmerksamkeit zu erregen, den Raum durchquert.
Ist dir aufgefallen, wie sie die Zigarette hält?, fragt Frank mit einem Seufzer.
Zigarette? Wer?
Anja.
Die Serviertochter aus dem Landgasthof?
Genau. Frank ruft sich das Bild vor sein inneres Auge und führt es vor. Es sind diese unscheinbaren Dinge, die einen für einen Menschen einnehmen. Die Geschmeidigkeit ihrer Handgelenke – ich weiß nur nicht, worauf ich das zurückführen soll.
Jetzt übertreib mal nicht.
Er sieht sie an, als hätte sie ihn aus tiefem Schlaf gerissen.
Wie lang ist es her, dass du dich von? Nina?
Warum kommst du jetzt damit?
Zwei Wochen? Drei?
Über einen Monat! Und?
Du hast geweint! Sie zu verlassen breche dir das Herz, aber dir bleibe keine Wahl.
Was willst du damit sagen?
Im Grunde kann Nora Franks Begeisterungsfähigkeit ja nur bewundern, seine ungestüme Euphorie – als ob es zuvor die große Liebe nicht gegeben hätte und danach auch nicht mehr geben würde.
Ich dachte nur.
Was?
Dass du eine Auszeit redlich verdient hättest. Du steckst da jeweils dein ganzes Herzblut rein. Was ja auch richtig ist, nur –
Franks Augen – schöne Augen.
Ich versteh, was du meinst, sagt er und nickt.
Ob sie Imhofs Text nun weiterleiten würde, erkundigt sich Frank nach einem Moment des Schweigens.
Ich weiß nicht. Nora nimmt ihr Haar über der rechten Schulter zusammen. Er hat mich gebeten, es für den kleinen Gaukler zu tun. Aber gerade wegen ihm sollte ich es nicht tun. Er hätte nur Verachtung übrig für diese Art von Gefälligkeit. Abgesehen davon ist es jetzt zu spät.
Sie könnten den Text einen Tag später bringen.
Könnten sie. Aber vereinbart ist morgen. Nora wirft einen Blick durchs Fenster auf die andere Straßenseite. Wenn ich nicht liefere, kommt das einer Kündigung gleich. Und vielleicht ist es an der Zeit, dass ich mich den Dingen stelle: der Vergangenheit, den Illusionen und Trugbildern, der Gegenwart, der Zukunft.
Jetzt klingst du wie eine Erwachsene, zischt Frank.
Wir erwachsen!
Du vielleicht! Erwachsen und arbeitslos! Er hält das Anstimmen seiner Lache für angebracht. Im Übrigen: Jetzt, wo du ohne Arbeit bist, könntest du endlich ein paar neue Songtexte für Landsteiner schreiben. Du kennst mich und weißt, was ich brauch.
Wie stellst du dir das vor?
Schreib einfach, irgendwas über die Liebe, das Leben, die Menschen – meinetwegen über das All.
Er sieht der Kellnerin entgegen, die mit den Hamburgern an den Tisch kommt. Danke sehr, sagt er und nimmt gleich den ersten Bissen.
Das Jungchen?
’Oilette.
Soll ich ihn warm stellen?
Frank wechselt einen Blick mit Nora. Wird bestimmt gleich kommen.
Keuchend verschlingen sie die heißen Hamburger, die ohne Beispiel sind in der ganzen Stadt: keine Zwiebeln, keine Gurken, keine Salatblätter, kein dies und das – nur Brot, Fleisch und die köstliche Tomatensauce, die während vierundzwanzig Stunden in einer irdenen Pfanne geköchelt hat, wie das Gespenst ihnen eines Nachts in einem zutraulichen Moment verraten hat.
Frank wischt sich die Finger an der Serviette ab. Könnte gleich noch einen vertragen.
Ihre Blicke gehen zu Matthias’ Hamburger.
Er kann ja immer –
noch nachbestellen.
Nachdem sie ihn redlich geteilt haben, stellt sich mit der Sättigung die Frage nach Matthias’ Verbleib ein.
Vielleicht muss ich ihn vor irgendwas retten, spekuliert Frank hoffnungsvoll und steht auf.
Nora sieht ihm nach, sieht sich im Raum um. Niemand beachtet sie. Sie greift nach ihrem Notizbuch. Niemand, nur ihr schreibendes Ich und das Hip-hop-artige Schlagzeugmotiv, das sich beharrlich in ihr Bewusstsein drängt. Deutlich vernimmt sie Alanis Morissettes Stimme, jede Nuance, jedes Atemschöpfen zwischen den Zeilen von . In ihrem Kopf gibt es eine Jukebox mit Dutzenden von Songs. Der Soundtrack ihres Werdegangs, jeder Song steht für eine bestimmte Wegstrecke. Die frühe Einsicht in die Widersprüchlichkeit der Welt und der eigenen Existenz. Die Zuversicht auch, dass dennoch alles gut kommt, mit der richtigen Einstellung und der einen Hand in der Hosentasche.
Sie hat in den letzten Tagen begonnen, die Musik ihrer frühen Jugend wiederzuentdecken – all die Lieder, die sie damals auf ihrem viel zu teuren Discman gehört hat, oder auf der Anlage im Legend, wenn sie ihre Freunde in den Ausgang chauffierte. Falls sie Angst hatte, die Insel ihrer Jugend für immer verlassen zu müssen, jetzt, da die Zeit sie über das dreißigste Lebensjahr hinausgetrieben hat, so weiß sie sich nun mit der Musik im Besitz eines Beiboots, das sie zumindest in Sichtweite bringen kann. Im Rückblick verklärt sich selbst der Techno, den sie damals verachtete – trotz seiner Radikalität und der Anfänge im Underground. Aber...




