E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Portmann Alles still
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-85791-922-0
Verlag: Limmat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-85791-922-0
Verlag: Limmat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine junge Frau aus einem alten Luzerner Patriziergeschlecht möchte herausfinden, wer ihr Vater ist, nachdem ihre Mutter das Geheimnis mit ins Grab genommen hat. Gemeinsam mit einem vermeintlichen Privatdetektiv macht sie sich auf die Suche nach den Spuren, die das Liebespaar in den frühen Siebzigerjahren hinterlassen hat. Dabei dringen sie immer tiefer in die Psyche einer Stadt vor, die mit dem Namen der Patrizierin eng verbunden und bis heute über ihren Bedeutungsverlust nicht hinweggekommen ist. In wechselnden Begegnungen mit frommen Kindermädchen, wortkargen Marktfrauen und mysteriösen, kettenrauchenden Jesuiten kommen sie einem Verbrechen auf die Spur und schliesslich einer Liebesgeschichte, die sie auf verhängnisvolle Weise in ihren Bann zieht.
Beat Portmann, geboren 1976 in Luzern. Vorkurs an der Jazzabteilung der Musikhochschule Luzern, lebt als freier Autor und Singer/Songwriter in Luzern. Er wurde mit einem Werkpreis des Kantons und der Stadt Luzern ausgezeichnet. Sein Kartenspiel "jarmony" wurde von der Musikhochschule Luzern herausgegeben. Im Limmat Verlag ist sein erster Roman "Durst" lieferbar, der ins Albanische übersetzt wurde.
Weitere Infos & Material
Die apart gekleidete Frau, die auf der goldbestickten Tagesdecke des antiken Bettes lag, schien friedlich zu schlafen. Ihre Lider waren geschlossen, ihre Züge entspannt, ihre schmalen Hände über der Brust gekreuzt und zu Fäusten geballt, als hielten sie unsichtbare Insignien pharaonischer Macht. Mit der beringten Rechten umklammerte sie ein Paar weisse Handschuhe, am Hals trug sie eine goldene Kette. Das Seltsame ihrer Erscheinung rührte indessen von dem folkloristischen und zugleich mondänen Stil ihrer Garderobe her. Sie trug eine langärmlige weisse Bluse mit Spitzeneinsätzen, darüber ein leuchtend rotes Trägerkleid, das mit goldgefassten dunkelgrünen Bändern versehen war und ihr bis zu den Knöcheln reichte. Die kleinen Füsse steckten in hochhackigen Sandaletten, die Zehennägel waren dunkelrot lackiert. Das naturblonde, ins Silberne spielende Haar war zu einer kunstvollen Kranzfrisur geflochten mit einem gelben Stoffblümlein hinter dem linken Ohr. Es sah aus, als hätte sie sich nur kurz hingelegt, aber ihre Tochter versicherte mir, dass sie tot sei. «Sie ist eiskalt …», brachte die junge Frau hervor. Mit einer fahrigen Bewegung machte sie mich auf die Medikamente aufmerksam, die auf dem Nachttisch neben einem schwarzen Buch lagen. «Die habe ich im Papierkorb gefunden …» Ich sah sie mir an, dankbar, den Blick von der Toten abwenden zu können. Sie trugen den Namen Digoxin und wurden offenbar bei Herzkrankheiten angewendet. Ich zog die Blister aus den Packungen. Die Pillen waren restlos herausgebrochen. «Sie hat sie allesamt geschluckt …», sagte Salesia Pfyffer mit erstickter Stimme. Ich legte den leeren Blister, den ich noch in der Hand hielt, auf die Kommode und wandte mich meiner Klientin zu. Sie hatte eine durchschimmernde blasse Haut, eine verletzliche kleine Nase – und erstaunliche Augen. Noch nie in meinem Leben hatte ich Augen von solcher Grösse gesehen. Ihr Gesicht war umrandet von einer dunkelbraunen Pagenfrisur und einem schwarzen Rollkragen. Ich schätzte sie auf Ende zwanzig. Um der entstehenden Intimität etwas entgegenzuhalten, fragte ich, ob ihre Mutter einen Abschiedsbrief hinterlassen habe. Sie schüttelte den Kopf und bedrängte mich von Neuem mit ihren grossen braunen Augen. Kein Zweifel, sie erwartete von mir Antworten; Erklärungen, Mutmassungen, irgendetwas, was ihr das weitere Vorgehen aufzeigen würde. Oder erhoffte sie sich am Ende gar Trost? Ich trat ans Fenster und blickte auf den schneebedeckten Klosterplatz hinaus. Er war leer bis auf eine Gruppe alter Frauen vor dem Marienbrunnen und einen Pater im schwarzen Ordenskleid, der vorsichtig die Freitreppe hinunterstieg. Über dem Nordturm schimmerte es blassblau zwischen den faserigen Wolken. «Wir hatten eine Auseinandersetzung, gestern Nacht …», vernahm ich Salesia Pfyffers Stimme. «Bevor … bevor ich mit Ihnen telefonierte.» Ich drehte mich langsam um. «Ich habe Sie nach Einsiedeln bestellt, um meine Mutter unter Druck zu setzen … Verstehen Sie?» Ich nickte, obschon ich gar nichts verstand. «Und ungefähr eine halbe Stunde, bevor Sie eintreffen … Weil es den ganzen Morgen über so still war … gehe ich nach ihr schauen und entdecke – entdecke das hier.» Sie sah mich an und liess die Arme sinken. «Sie sollten sich kein Gewissen machen», begann ich vorsichtig, «Menschen tun das auf eigene …» «Ich mach mir kein Gewissen», fiel sie mir ins Wort. «Habe ich etwas in der Art gesagt? Ich versuche nur die Kausalitäten darzulegen.» Sie wandte sich ab und schlug die Hände vors Gesicht. Die Art, wie sie lautlos und in sich gekehrt weinte – nur ihre schmalen Schultern zitterten unmerklich –, hätte wohl auch den abgebrühtesten Kriminalbeamten in Verlegenheit gebracht. Ich hätte jetzt einfach gehen können. Die Tür zum Schlafzimmer stand offen – mit wenigen Schritten wäre sie zu erreichen gewesen. «Sie müssen mir helfen», drang ihre Stimme wie von fern an mein Ohr. Sie drehte sich um und liess den Blick an mir hinuntergleiten, sah wieder auf und erklärte: «Ich bezahle Sie gut.» «Was haben Sie vor?», sagte ich nicht eben begeistert. «Ich möchte meine Mutter in ihr Geburtshaus bringen. Dies hier ist nicht der Ort, wo sie hingehört.» Die Tote lag in meinen Armen wie eine lebensgrosse Dreikönigskuchenfigur. Salesia Pfyffer hatte sie zuvor in die Tagesdecke gewickelt – mit flinken Fingern und knappen Anweisungen, wie ich den steifen Körper zu wenden hatte. Während sie ihren Wagen vor den Hinterausgang stellte, trug ich ihre Mutter in den Flur und setzte sie vorsichtig ab. Es war nie meine Absicht, solche Szenen zu schreiben, geschweige denn darin vorzukommen. Zudem widerstrebte es mir, mich als etwas auszugeben, was ich in Wirklichkeit nicht war. Also beispielsweise einer verzweifelten jungen Frau, deren Mutter gerade Selbstmord begangen hatte, den Privatdetektiv vorzuspielen. «Kommen Sie …», flüsterte sie, als sie im Eingang erschien. Da ich zögerte, setzte sie hinzu: «Na machen Sie schon, wir haben nicht ewig Zeit!» Widerwillig legte ich meine Arme um die Tote und hob sie in die Horizontale. Für ihre schlanke Statur war sie erstaunlich schwer. Ich stieg seitlich ins Parterre hinunter, wo mir Salesia Pfyffer die Tür zum Innenhof aufhielt. Die Karosserie ihres Wagens, eine dunkelblaue Limousine, gab eine expressionistisch angehauchte Spiegelung der Umgebung wieder. Die Hecktür stand offen, die Fondsitze waren heruntergeklappt. Ich schob den toten Körper mit den Füssen voran hinein und drückte die Tür zu. «Würden Sie fahren? Ich sehe mich dazu ausserstande …» Mit einem Schulterzucken nahm ich den Zündschlüssel, setzte mich hinters Lenkrad, holte tief Luft und startete den Motor. Während ich den Wagen vom Innenhof auf die gepflasterte Dorfstrasse lenkte, suchte Salesia Pfyffer mit der Frequenztaste einen Radiosender. Mit DRS 2 und irgendeinem Violinkonzert gab sie sich zufrieden. Ich schaltete in den fünften Gang und liess das Gefährt rollen. Bis vor wenigen Wochen hatte ich meiner schriftstellerischen Laufbahn mit Zuversicht entgegengesehen. Nachdem ich turbulente Zeiten durchlebt hatte – mein Verleger im Gefängnis, sein Verlag konkurs und ich vertragslos –, hatte sich scheinbar alles zum Guten gewendet: Ich war mit meinem auf Tatsachen basierenden Kriminalroman überraschend schnell bei einem neuen Verlag untergekommen und erzielte damit ganz ordentliche Verkaufszahlen – zumindest im Vergleich zu meinen beiden bisherigen Romanen. Aber nun hatte ich mich wieder der Fiktion zuwenden wollen, diesem gottähnlichen Walten im stillen Kämmerlein, wo der Autor seinen eigenen kleinen Kosmos entwirft. Das Leben mit seinem Monopol auf Wirklichkeit, seinen Winkelzügen und abstrusen Zufällen interessierte mich nicht. «Sie sieht so friedlich aus … Als würde sie nur ein wenig schlafen.» Salesia Pfyffer richtete den Blick wieder auf die Strasse. «Haben Sie schon viele Leichen gesehen?» Einigermassen irritiert, dass sie ihre tote Mutter eine Leiche nannte, zuckte ich mit den Schultern. «Eigentlich nicht …» «Stört es Sie, wenn ich rauche?» Ich hatte damit aufgehört, als dem zweiten Jahrtausend der Schnauf ausgegangen war. Das war jetzt ziemlich genau hundertzweiunddreissig Stunden her. «Wenn Sie mir auch eine geben …» Sie reichte mir ihre brennende Zigarette. «Danke, aber ich mach das gern selber.» Sie hielt mir die Packung hin und gab mir Feuer. Ich tat vorsichtig den ersten Zug, während ich den Wagen aus der Felsenschlucht in die offene Landschaft der Hochebene führte. Dann den zweiten, kräftigeren, und gleich danach den dritten. Mir wurde ein wenig schwindlig, mein Herz pochte, und ich fühlte mich eins mit der Landschaft und dem wattierten Winterhimmel. Mein neuer Verleger hatte vor einigen Wochen einen ersten Blick in mein jüngstes Romanprojekt geworfen, in das ich während mehreren Jahren mein Herzblut geträufelt hatte. Zuerst hatte er ein wenig vor sich hin genuschelt und dann gesagt: «Dieser Versuch, die Prinzipien romantischer Literatur auf den Kontext des ausgehenden Zwanzigsten Jahrhunderts anzuwenden, ist eigentlich sehr interessant.» Pause – und mit einem Seufzer: «Nur frage ich mich, ob sich dafür ein Publikum findet.» Wieder Pause. «Könntest du dir vielleicht vorstellen, zuerst noch einmal einen Krimi zu machen? Ich finde, du hast wirklich Talent dazu!» Mein Verleger hatte gut reden. Offenbar verwechselte er meine Neigung, mich in komplizierte und mitunter gefährliche Abenteuer zu stürzen, mit der Fähigkeit, sich eine kriminalistische Handlung auszudenken. «Sie fahren mit übersetzter Geschwindigkeit!» Tatsächlich. Ich nahm den Fuss vom...