E-Book, Deutsch, 636 Seiten
Porter Die Wölfe von Derryglen
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96089-210-6
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 636 Seiten
ISBN: 978-3-96089-210-6
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Laurens Herz schlägt für die Musik - und für Donal, der abseits der Dorfgemeinschaft lebt und niemanden an sich heranlässt. Als Lauren noch überlegt, wie er ihm näherkommen kann, überschatten düstere Ereignisse das Dorf. Eine Gruppe namens 'Die Reinblütigen' stiftet mit ihren Hetzparolen Unfrieden und dann beginnt auch noch ein Wolf, Ziegen zu reißen. Sind die Wolfsangriffe tatsächlich eine Strafe der Götter, wie die Reinblütigen behaupten? Lauren begibt sich auf eine gefährliche Reise zu den Sidhe D'Altan, um ihre Hilfe zu erbitten, und kommt dabei Donals Geheimnis auf die Spur. In der Waldstadt Altania treffen sie auf Kaylin und deren Lehrmeisterin. Gemeinsam versuchen sie, das Rätsel des aggressiven Wolfs zu lösen. Doch ist der Wolf wirklich die wahre Bedrohung? Als sie nach und nach begreifen, was vor sich geht, schweben nicht nur sie bereits in großer Gefahr ... Ein Danu-Roman
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Kapitel 2
Um sein schlechtes Gewissen zumindest ein bisschen zu beruhigen, schnappte Lauren den Korb, der neben dem Ofen stand, und legte einen noch warmen Laib Brot hinein. Die Treppe, die von der Schlafkammer seines Meisters in die Backstube führte, knarzte bedrohlich unter seinen schweren Schritten. Wenn er jetzt nicht machte, dass er wegkam, würde Meister Usteld ihm so viel Arbeit aufhalsen, dass er sie vor Einbruch der Dunkelheit unmöglich schaffen konnte. Nicht, dass er sich beschweren wollte, aber er brauchte einen freien Tag, zumal er immerhin schon die erste Ladung Brot gebacken, Sauerteig angesetzt und Backformen geschrubbt hatte, und das alles, während Usteld und seine Frau friedlich schliefen. Lauren öffnete so leise wie möglich die Hintertür, schlich hinaus und schloss sie genauso vorsichtig hinter sich. Draußen auf dem kleinen Hof atmete er tief durch, streckte sich und blinzelte in den strahlend blauen Morgenhimmel. Dieser Tag war viel zu schön, um ihn in der stickigen Backstube zu vertrödeln.
Lauren hörte gedämpfte Flüche aus dem Haus und rannte los, um nicht doch noch von Usteld erwischt zu werden. Dabei scheuchte er die müßig herumpickenden Hühner auf, die empört gackernd aufflogen. »Tut mir leid«, rief er ihnen zu, ohne die Geschwindigkeit zu verringern. »Heute Abend gibt es eine Extraportion Mais!«
Nachdem er den Hof verlassen hatte und die morgenleere Straße entlanglief, die mitten durch das Dorf führte, atmete er erleichtert auf. Frei, endlich frei! Dieser Tag gehörte ihm. Voller Verheißungen lag er vor ihm, so frisch und duftend wie das Brot, das er rasch noch ausliefern wollte, bevor er sich ins Abenteuer stürzte. Er bog in eine enge Gasse zwischen zwei Häusern ab und klopfte an einer niedrigen Tür, die sofort geöffnet wurde. Frau Marthe hatte offenbar schon auf ihr Brot gewartet.
Lauren überreichte ihr den Laib mit einer schwungvollen Verbeugung. »Bitte sehr, schöne Frau! Ganz frisch aus dem Ofen.«
Ein Lächeln flog über das runzlige Gesicht. »Vielen Dank, mein Junge. Ach, wo habe ich nur mein Geld …«
»Ist schon gut, das kannst du mir heute Abend geben, Marthe.«
Lauren wusste genau, dass Marthe auch abends ihr Geld nicht finden würde, aus dem einfachen Grund, weil sie keines hatte. Zwischen Meister Usteld und Lauren bestand die stillschweigende Übereinkunft, dass Marthe alle zwei Tage ihr Brot bekam, ganz gleich, ob sie es bezahlen konnte oder nicht. Das war nur einer der vielen Gründe, warum er den Bäcker mochte. Wieder meldete sich sein schlechtes Gewissen, weil er sich unerlaubt einen freien Tag stahl. Er nahm sich vor, dafür am nächsten Tag umso mehr zu tun.
»Hier, mein Junge, nimm aber einen Apfel mit. Du gehst doch in den Wald, oder? Wirst Hunger bekommen.«
Lauren bedankte sich und steckte den Apfel ein. Im Herbst hatte er Marthe bei der Ernte geholfen. In ihrem Garten standen mehrere Apfel- und Birnbäume, und die Körbe voller Obst, die jetzt in ihrem Keller lagerten, würden noch einige Zehnttage nicht leer werden. Beschwingt lief er weiter. Konnte man ihm so deutlich ansehen, dass er in den Wald wollte, statt zu arbeiten? Egal, Marthe würde ihn bestimmt nicht verraten. Sie saß sowieso den lieben langen Tag auf der Bank in ihrem Garten, seit ihre Beine nicht mehr richtig wollten, wie sie es nannte. Laurens Beine wollten, und zwar rennen. Auf dem Weg durch das schlafende Dorf begegnete er niemandem, was ihm gut passte.
Erst als er die Holzbrücke passierte, die über den Fluss führte, und damit die letzten Häuser hinter sich ließ, wagte er es, die Arme hochzureißen und laut zu jubeln. »Juhu! Juhu!«
Vergnügt schwang er den Korb hin und her, wirbelte ihn durch die Luft, bis er versehentlich losließ. Der Korb flog durch die Luft und landete in einem Getreidefeld neben der Straße. Lauren lachte und hob ihn wieder auf. Zum Glück war er noch heil, sonst hätte er sich zu Recht Vorwürfe von Meister Usteld anhören dürfen. Er lief zwischen den Feldern hindurch auf die Bäume zu, die grün und verlockend hinter dem Gelb des Weizens aufragten.
Für Lauren gab es nichts Schöneres als den Wald. Er liebte den Duft von Moos und feuchter Erde nach dem Regen, die flirrenden Muster, die das durch die Blätter fallende Sonnenlicht auf die Baumstämme malte, und das Gefühl des federnden Bodens unter den Füßen. Ganze Tage könnte er damit verbringen, den Liedern der Vögel zu lauschen.
Lieder! Erschrocken tastet er die Tasche ab, die sich an seiner Tunika befand. Er fühlte die feste Rundung des Apfels, und zu seiner Erleichterung die lange, schmale Form seiner Flöte. Am liebsten hätte er seine Citra oder die Fiedel mitgenommen, aber er hatte morgens vergessen, sie aus seiner Kammer mit in die Backstube zu nehmen, und dann war es zu spät gewesen, um sie zu holen. Das nächste Mal.
Seit er aufgestanden war, ging ihm ein Lied seiner Heimat nicht mehr aus dem Kopf. Es handelte von einem jungen Mann, der sich in eine schöne Frau verliebte und gar nichts dagegen tun konnte, da schließlich ihr Haar schwarz und ihre Augen blau waren. Lauren stand der Sinn weder nach schönen Frauen noch nach schwarzen Haaren und blauen Augen, also dichtete er das Lied in Gedanken um, während er die Melodie pfiff. Tatsächlich dachte er an braunes Haar und graue Augen. Wieder und wieder sang er das Lied und überlegte sich passende Reime. Frisch und würzig umfing ihn die grüne Kühle des Waldes. Ab und zu schaute er nach oben, bis sein Blick sich in der hohen, wogenden Decke der Baumwipfel verlor und er über eine Wurzel stolperte. Er fing sich gerade noch und ging langsam weiter.
Bald erreichte er einen seiner Lieblingsplätze, einen flachen Stein unter einer dicken Eiche mit bemoostem Stamm, in der ein Eichhörnchen seinen Kobel errichtet hatte. Im Frühling hatte er sich an den ersten Turnübungen des Hörnchennachwuchses erfreut. Der Stein war wie geschaffen, um sich bequem darauf niederzulassen. Lauren setzte sich und zog die Flöte hervor. Natürlich musste er zuerst die Weise aus seiner Heimat spielen. Er veränderte sie ein wenig, fügte ein paar Triller ein und dachte dabei erneut an graue Augen. Grau wie das Wasser im Fluss an einem stürmischen Herbsttag, grau wie der Himmel nach einem reinigenden Regenguss, kurz bevor die Sonne durch die Wolken brach. Die Melodie erzählte von der brennenden Sehnsucht in seinem Herzen, von einsamen Nächten und einer Liebe, die sich ebenso aussichtslos wie entschlossen in sein Leben gestohlen hatte und erst mit seinem Tod vergehen würde.
Während er spielte, wanderte sein Blick über die großen Farne und wilden Blumen, das Efeu, das sich an einigen Bäumen nach oben rankte, bedeckt von winzigen weißen Blüten, die einen betörenden Duft verströmten. Warum fürchteten viele Dorfbewohner den Wald? Die meisten suchten ihn nur auf, um Holz zu holen oder zu jagen, und immer trugen sie Waffen bei sich. Laurens einzige Waffen waren seine Musikinstrumente. Erst schmunzelte er über diesen Gedanken, doch dann fiel ihm ein, wie häufig er mit einem Musikstück Schlägereien in Schänken verhindert hatte, und wie oft eine von ihm gesungene Weise die Menschen dazu brachte, innezuhalten und die bösen Worte, die ihnen gerade noch auf der Zunge gelegen hatten, hinunterzuschlucken, um sich stattdessen in den Welten zu verlieren, die seine Lieder für sie erschufen.
Endlich bewegte sich ein Farnblatt. Lauren bemühte sich, ruhig weiterzuspielen, obwohl sein Herz schneller schlug. Er wagte nicht, sich zu rühren. Wieder schwankte der Farn, eindeutig nicht vom Wind berührt. Lauren wandte den Blick nicht von den tiefen Schatten hinter dem Blattwerk. Er spielte, verlieh dem Stück einen lockenden Klang. Die süßen Töne perlten aus der Flöte und er stellte sich vor, wie die Musik durch die Luft schwebte wie ein warmer Hauch.
Komm heraus, Wolf, komm zu mir!
Er glaubte, schon die leuchtenden Augen unter dem Grün zu sehen, eine Ahnung von braungrauem Fell. Manchmal kam der Wolf nicht näher, aber Lauren wusste, dass er da war und ihm zuhörte. An diesem Tag hatte er Glück. Das große Tier, das ihm sicher bis zur Hüfte reichte, trat zögernd aus dem Dunkel der ineinander verwobenen Farnwedel, langsam, witternd, die Ohren gespitzt.
Nach den aufmunternden Klängen veränderte Lauren sein Spiel zu beruhigenden Tönen. Ich tu dir nichts, ich bin dein Freund, wollte er damit ausdrücken. Der Wolf kam mit federnden Schritten heran, die Augen fest auf ihn gerichtet. Für Lauren war er die Verkörperung von Stärke und Schönheit. Wie bei jeder ihrer Begegnungen war er fasziniert von dem intelligenten Leuchten im Blick des Wolfs, der nun leicht die Lefzen hochzog, beinahe als würde er lächeln. Noch ein wenig näher kam er, so dicht an ihn heran wie nie zuvor. Lauren wechselte zu einem sanftmütigen Wiegenlied, legte Ruhe und Sicherheit hinein. Der Wolf blinzelte und ließ sich am Fuß des Steines nieder, so nah, dass Lauren nur die Hand hätte ausstrecken müssen, um den flauschigen Pelz zu berühren. Aber das tat er nicht, natürlich nicht, er spielte weiter und schwelgte in dem erhebenden Gefühl, dass der Wolf ihm endlich zu vertrauen schien.
Eine waghalsige Idee schoss ihm durch den Kopf. Sollte er das wirklich tun, oder lieber abwarten, ob der Wolf bei ihrem nächsten Treffen wieder so nahe an ihn herankam? Er forschte in dem ausdruckstarken Wolfsgesicht nach einem Zeichen. Blickte er ihn nicht freundlich an, wie zur Aufforderung, diesmal etwas zu riskieren?
Langsam, ganz langsam, ließ Lauren die Flöte sinken, darauf bedacht, ja keine ruckartige Bewegung zu machen. Der Wolf blieb ruhig liegen. Das gab ihm Mut. Er fing an...




