E-Book, Deutsch, 580 Seiten
Porter Die Sturmfalken von Olbian
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-945934-72-2
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 580 Seiten
ISBN: 978-3-945934-72-2
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Sankanischen Spiele werfen ihre Schatten voraus und locken Kämpfer und Zuschauer aus der ganzen Welt in die Goldene Stadt. Unter ihnen der Sidhe Jawed, der unfreiwillig den Kämpfer Caron begleiten muss, und die abenteuerlustige Kaylin, die sich als Junge verkleidet einschleichen konnte. Während Kaylin sich als Knappe eines Kämpferfavoriten verdingt, hängt Jawed seinen Träumen vom Falkenmann nach, den er als Kind aus der Gefangenschaft rettete und seitdem nie wiedergesehen hat. Doch auch der undurchschaubare Caron weckt verwirrende Gefühle in ihm. Als Kaylin über die Leiche eines Kämpfers stolpert, ahnt niemand, dass das erst der Anfang einer Mordserie ist, die sie und Jawed in einen Strudel aus Gewalt und Hass ziehen wird ...
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Prolog
Dieser Ort gehörte nur ihm. Er hörte sie rufen. Sie würden ihn nicht finden. Nicht an diesem Ort, seiner Zuflucht hoch über dem Burghof. Er beugte sich leicht nach vorn und sah sie, aus der Entfernung so klein wie die hölzernen Spielzeugfiguren seiner Schwestern. Sie vermochten ihm nichts anzuhaben. Ein Windstoß trug das gedämpfte Echo ihrer Stimmen zu ihm empor. „Mädchenjunge! Mädchenjunge!“
Er schmiegte sich enger an das raue Mauerwerk. Wenn er wollte, konnte er für immer hier oben bleiben. Sein knurrender Magen belehrte ihn sofort eines Besseren. Nun gut, nicht für immer, aber eine Zeit lang hielt er es noch aus. Lang genug, bis sie die Lust verloren und sich interessanteren Tätigkeiten, als nach ihm zu suchen, zuwandten. Er konnte warten. Er lehnte den Kopf an und blinzelte in den grauen Himmel, der ihm näher schien als der Burghof, näher als seine Peiniger. Tiefhängende Wolken formten Muster und Figuren, erzählten Geschichten, nur für ihn, den Mädchenjungen. Er atmete gegen den schmerzenden Klumpen in seiner Brust an. Der rechte Fuß fing an zu kribbeln. Vorsichtig veränderte er die Sitzhaltung. Der Sims, auf dem er hockte, war gerade ausreichend breit für ihn, um mit angezogenen Knien darauf zu kauern. Die Höhe machte ihm keine Angst. Er würde nicht fallen.
Eine Handbreit über seinem Scheitel befand sich die Luke, durch die er geklettert war. Selbst wenn eines Tages jemand die winzige Kammer oben im Nordturm finden sollte, war niemand schmal genug, um durch die enge Scharte zu passen. Bis auf Kaylin vielleicht. Kaylin kannte einige seiner Verstecke, doch dieses gehörte ihm allein. Es war eines der wenigen Geheimnisse, die er nicht mit Kaylin teilte. Kaylin hatte es sowieso nicht nötig, sich zu verkriechen.
„Jawed!“ Das war ihre Stimme, klar und deutlich klang sie vom Hof zu ihm herauf. „Jawed! Komm raus, sie sind weg!“
Jawed stützte sich mit der rechten Hand auf dem Sims ab und reckte den Hals. Der kleine Innenhof war leer, bis auf den Zwinger in der Ecke und eine zierliche Gestalt, die sich mit erhobenen Armen um sich selbst drehte. „Jawed! Jawed! Ich gehe jetzt! Hörst du? Wenn du nicht endlich rauskommst, bin ich weg!“
In ihrer rechten Hand blitzte etwas auf. Jawed wusste, dass es eine Spiegelscherbe war, mit der Kaylin die Sonnenstrahlen einfing und in einem bestimmten Rhythmus reflektieren ließ. Dieses Geheimnis gehörte ihnen gemeinsam. „Sturkopf. Gehe jetzt in den Wald“, entschlüsselte Jawed die Blinkzeichen. Seine Lippen verzogen sich zu einem widerwilligen Grinsen. Sollte er die Zuflucht verlassen? Er dachte einen Augenblick ernsthaft darüber nach. Manchmal war es gut, mit Kaylin zusammen zu sein. Aber nicht an diesem Tag. Er wollte lieber allein sein. Es war auch gut, die Wahl zu haben. Bevor er Kaylin kennenlernte, war er immer allein gewesen. Niemand scherte sich um ihn, den Mädchenjungen, bis auf die Gelegenheiten, zu denen sie ihn beschimpften und verhöhnten. Anfangs wusste er nicht, was er von Kaylin halten sollte. Sie redete mit ihm, als sei nichts Besonderes oder gar Abstoßendes an ihm. Sie redete sogar ziemlich viel, das hatte sich in den sieben Jahren ihrer Freundschaft nicht geändert. Jedenfalls hatte sie sich weder von der Tatsache, dass er ein Monster war, noch dem Umstand, dass er zunächst selbst kein Wort sprach, abschrecken lassen.
Er spähte wieder in den Hof hinunter. Kaylin war gegangen. Geduld gehörte nicht zu ihren Stärken. Jaweds Blick glitt zu dem Zwinger. Früher einmal hatten angeblich die Jagdhunde des Magoden darin auf ihren Einsatz gewartet. Jawed erinnerte sich nicht daran. Die Hunde liefen frei in der Burg herum, seit er denken konnte. Er mochte sie, obwohl sie nie auf ihn hörten. Im Zwinger regte sich etwas. Jawed kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Er wusste natürlich, was seit fünf Zehnttagen in dem Zwinger eingesperrt war. Alle anderen hatten sich daran gewöhnt, doch ihm schnürte sich jedes Mal die Kehle zu, wenn er an den riesigen Sturmfalken dachte, der ein elendes Dasein in dem Käfig fristete. Sie hatten ihn hoffentlich gefüttert? Manchmal vergaßen sie es. Dann schallten die schrillen Klagelaute des Falken durch die ganze Burg.
Jawed verlagerte das Gewicht und blickte in den Himmel. Wolkenfetzen jagten über das bleierne Grau wie ein Spiegel von Jaweds Gedanken, zu schnell, zu vergänglich, als dass er einen hätte greifen können. Nun prickelte auch der linke Fuß. Zeit, das Versteck zu verlassen. Jawed stemmte sich hoch. Der Innenhof lag immer noch menschenleer da. Aus einer Laune heraus breitete er die Arme aus, wie Vogelschwingen. Was für ein Gefühl mochte es sein, zu fliegen? Er schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken.
„Nein!“
Er zuckte zusammen, riss die Augen auf und ließ ertappt die Arme sinken. Kaylin stand wieder auf dem Hof, direkt unter ihm, und spähte zu ihm hinauf. Eine Hand hielt sie waagrecht über die Augen.
„Bist du jetzt endgültig verrückt geworden?“
Jawed seufzte. Wie war Kaylin auf die Idee gekommen, nach oben zu sehen? Das bedeutete das Ende des Geheimverstecks. Er winkte Kaylin kurz zu, bevor er sich durch die Luke zwängte. Wenig später stand er neben ihr auf dem Hof. Sie stemmte die Fäuste in die Hüften. „Du wolltest nicht springen, oder? Sag, dass du nicht springen wolltest!“
Ihr Körper schien vor angestauter Energie zu vibrieren. „Wenn du das nämlich vorhattest, bist du noch ein viel größerer Dummkopf, als ich dachte. Obwohl das kaum möglich ist, sollte man meinen.“
Jawed hob beschwichtigend die Hände. „Nein, ich wollte nicht springen. Wie kommst du denn darauf?“
Kaylin zog die Brauen zusammen. „Sie haben dich wieder Mädchenjunge genannt.“
„Na und? Das bin ich doch auch.“ Jawed probierte ein gleichmütiges Achselzucken. Kaylin verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. Tu doch nicht so, sagte ihr Blick. Sie kannte ihn einfach zu gut.
Jawed wandte sich ab. Der Zwinger, oder vielmehr sein Bewohner, zog ihn magisch an. „Hat er schon Futter gekriegt?“
„Ja, hat er.“ Kaylin schnaubte. „Er wird trotzdem sterben. Er gibt auf.“
„Nein, tut er nicht.“ Jawed ging langsam auf den Zwinger zu. Der Sturmfalke war sogar für ein Tier seiner Gattung groß. Der Zwinger bot ihm nicht annähernd genug Platz, um die Flügel auszubreiten, selbst wenn er dazu in der Lage gewesen wäre. Der linke Flügel hing schlaff wie ein Stück Segel an dem mageren Körper herab, als gehörte er nicht zu ihm. Jawed wagte einen weiteren Schritt, bis der kurze Warnschrei des Falken ihn innehalten ließ.
„Versuche es noch einmal“, flüsterte er. „Bitte!“
Kaylins Hand legte sich mit leichtem Druck auf seine Schulter. „Es hat keinen Sinn, Jay. Ich hab dir doch gesagt, er ist nicht wie andere Tiere. Ich kann nicht zu ihm durchdringen.“
„Und wenn du es noch einmal versuchst?“ Jawed sah Kaylin ins Gesicht, forschte nach Hoffnung und fand nur Resignation und Trauer. Wut stieg in ihm auf. Er schüttelte ihre Hand ab. „Wie ist denn das möglich? Das kann nicht sein! Du hast es bei jedem Tier geschafft. Bei jedem!“
„Nicht bei diesem. Ich weiß doch auch nicht, woran das liegt. Irgendetwas an ihm ist anders.“
„Du müsstest ihn doch nur kurz ruhigstellen, nur so lange, bis ich … bis …“
Jawed merkte, dass er Unsinn redete. So funktionierte das nicht. Es genügte nicht, den Falken bewegungsunfähig zu machen. Kaylin müsste eine Verbindung zu ihm aufbauen, ihn beruhigen, und das nicht nur für einen kurzen Moment, sondern lange genug, um Jawed zu ermöglichen, ihn zu heilen. Das konnte dauern. Jawed knirschte mit den Zähnen. Wenn er nur nicht so unfähig wäre! Wenn er es schneller schaffen würde, dann könnte Kaylin …
„Hör auf damit.“ Kaylin stieß ihn leicht an. „Hör auf zu grübeln und dir die Schuld zu geben.“
„Ich müsste ihn heilen können.“ Jawed schielte erneut zu dem Zwinger. Der Falke schien seinen Blick aus grauen Augen zu erwidern. Auch das war ungewöhnlich an ihm, neben der Größe. Normalerweise hatten Sturmfalken gelbe Augen. Normalerweise hockten Sturmfalken nicht in einem Hundezwinger, sondern zogen hoch oben am Himmel ihre Kreise. Unerreichbar. Wie hatte das bloß passieren können? Ein Sturmfalke, der sich mit einer Armbrust abschießen ließ? Wo gab es denn so was?
„Jay, vielleicht wäre es besser, wenn …“
Jawed ballte die Hände zu Fäusten. „Sag das nicht! Es wäre nicht besser, wenn er tot wäre!“
Kaylins überraschter Blick ließ seine Wangen heiß werden.
„Das wollte ich gar nicht sagen. Vielleicht wäre es besser, wenn er mal ein paar Tage hungert. Könnte sein, dass er dann geschwächt genug ist für einen neuen Versuch.“
Es gab Momente, in denen Jawed Kaylin am liebsten fest an sich gedrückt hätte. Dies war einer der Momente. Sie gab nicht auf. Er schämte sich, das überhaupt von ihr gedacht zu haben. Der Begriff „aufgeben“ war in Kaylins Wortschatz nicht vorhanden. Jawed nickte. „Ja, gut. Wir müssen nur dafür sorgen, dass er nichts mehr zu Fressen bekommt.“
Es widerstrebte ihm, den Falken hungern zu lassen, aber möglicherweise war das die einzige Möglichkeit, ihn zu retten.
„Das kriege ich schon hin.“ Kaylin schob das Kinn vor. „Lass mich nur machen.“
Jawed vertraute Kaylin. Trotzdem fand er an diesem Abend keinen Schlaf. Sobald ihm die Lider schwer wurden, sah er wieder die durchdringenden Augen des Falken vor sich. Sie schienen sich durch die Dunkelheit der Schlafkammer direkt in seine Gedanken zu bohren....




