Popkes | Platonisches Christentum | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 148 Seiten

Popkes Platonisches Christentum

Historische und methodische Grundlagen
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7504-4281-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Historische und methodische Grundlagen

E-Book, Deutsch, 148 Seiten

ISBN: 978-3-7504-4281-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Christliche Theologie wurde seit ihren Anfängen durch Auseinandersetzungen mit dem Platonismus geprägt, die verschiedene Formen eines "platonischen Christentums" inspirierten. Die Beiträge der Reihe "Platonisches Christentum"nehmen diese Entwicklungen auf und stellen einen neuen Ansatz zur Diskussion: Jene Erfahrungsmuster, die heute mit dem (unpräzisen) Begriff "Nahtoderfahrung" bezeichnet werden, haben bereits die Entstehung des Platonismus und des frühen Christentums geprägt. Wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dem Phänomen "Tod" im Generellen und mit sogenannten "Nahtoderfahrungen" im Speziellen eröffnen Zugänge zu neuen Formen platonisch-christlicher Religiosität (insbesondere in Bezug auf das Verständnis von Seelenwanderung als Seelenwachstum). Im ersten Teilband der Reihe werden die historischen Hintergründe, die Methodik und die Terminologie dargelegt, auf denen alle folgenden Teilbände basieren.

Prof. Dr. Enno Edzard Popkes forscht und unterrichtet zum Themenschwerpunkt "Geschichte und Archäologie des frühen Christentums und seiner Umwelt"an der Theologischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Er ist Mitbegründer und Vorsitzender der "Kieler Akademie für Thanatologie e.V."
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3. Historische Kritik und Diskursanalyse


Alle Teilbände der Reihe ,Platonisches Christentum basieren auf einer Vermittlung historisch-kritischer und diskursanalytischer Methoden. Um diesen Ansatz zu profilieren, werden zunächst die wissenschaftsgeschichtliche und die erkenntnistheoretische Stellung historisch-kritischer Exegese im Kontext wissenschaftlicher Theologie reflektiert, die bereits für sich genommen immer wieder Streitigkeiten veranlassen konnte und veranlassen wird (3.1). Vor diesem Hintergrund kann ich erläutern, warum meines Erachtens eine Aufgabe historisch-kritischer Exegese darin besteht, verborgene Diskursuniversen in kanonischen und außerkanonischen Zeugnissen des frühen Christentums wieder freizulegen und wiederzubeleben (3.2). Nachdem die sogenannten ,apokryphen Schriften‘ als der ,verborgene Kontinent‘ des frühen Christentums beschrieben wurden (3.3), kann zur Geltung gebracht werden, warum eine zentrale Aufgabe historisch-kritischer Exegese darin besteht, ,Perspektivenbefähigung‘ und ,Pluralismuskompetenz‘ zu fördern (3.4). Abschließend werden die Potenziale einer Vermittlung historisch-kritischer und diskursanalytischer Perspektiven auf religiöse Systeme erklärt (3.5).

3.1 Historisch-kritische Exegese und die ,institutionalisierte Dauerkrise des Schriftprinzips‘


Die sogenannte ,historisch-kritische Exegese‘ hat sich als die methodische Zugangsperspektive etabliert, die im Kontext wissenschaftlicher Theologie für religionsgeschichtliche Interpretationen der biblischen Schriften mehrheitlich angewendet wird172. Gleichwohl ist es unpräzise, von , historisch-kritischen Methode‘ zu sprechen. Es handelt sich vielmehr um eine methodologische Grundorientierung. Das Spektrum methodischer Arbeitsschritte, die diesem Leitbegriff untergeordnet werden, bildete sich schrittweise aus und ist prinzipiell für Erweiterungen und Revisionen offen173. Ein verbindendes Prinzip historisch-kritischer Methoden besteht jedoch darin, dass alttestamentlich-frühjüdische und frühchristliche Zeugnisse mit den gleichen Zugangsperspektiven zu betrachten sind, mit denen auch andere Zeugnisse der altorientalischen und antik-mediterranen Kulturgeschichte wahrgenommen werden. Eine dogmatisch-theologisch begründete Differenzierung zwischen der Bedeutung und Gewichtung kanonischer und außerkanonischer Zeugnisse kann und darf dabei keine Rolle spielen. Mit anderen Worten: Auf der Ebene religionsgeschichtlicher Beschreibungen, die an einer historisch-kritischen Methodik orientiert sind, gibt es keinen Unterschied zwischen ,profanen Zeugnissen‘ und ,heiligen Schriften‘. Es wird lediglich beschrieben, welche Schriften bzw. Traditionen in welcher Weise für sich in Anspruch nehmen, auf besonderen ,Inspirationen‘ oder ,Offenbarungen‘ zu basieren und sich so in ihrer Dignität von anderen Zeugnissen zu unterscheiden.

Historisch-kritische und diskursanalytische Perspektiven auf die Geschichte des frühen Christentums unterscheiden nicht zwischen ,heiligen‘ und ,nicht-heiligen‘ Schriften, sondern beschreiben die Strategien, mit denen die ,Heiligkeit‘ einer Schrift konstruiert wird.

Es ist leicht zu erahnen, welche Konfliktpotenziale einer solchen Methodologie bereits im Zusammenhang wissenschaftlicher Theologie innewohnt. Noch stärker treten diese Konfliktpotenziale zutage, wenn zwischen wissenschaftlicher Theologie und kirchlichen Institutionen vermittelt werden soll. Wissenschaftsgeschichtlich betrachtet liegen die Wurzeln dieser Konflikte im sogenannten ,Zeitalter der Aufklärung‘174. Ein zentrales Anliegen früher Vertreter einer historischen Kritik biblischer Traditionen bestand darin, wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit religiösen Zeugnissen und Systemen zu ermöglichen, die nicht durch kirchliche Instanzen oder dogmatische Vorbehalte reglementiert werden. Eine der zentralen Fragen, die seit den Anfängen einer historisch-kritischen Exegese im Kontext wissenschaftlicher Theologie kontrovers diskutiert wird, besteht darin, in welcher Weise die Ebenen einer um Neutralität bemühten religionshistorischen Beschreibung und einer systematisch-theologischen Rezeption exegetischer Arbeitsergebnisse miteinander vermittelt werden können – und zwar insbesondere dann, wenn die Befunde religionsgeschichtlicher Betrachtungen und dogmatische Traditionsbestände und Denkfiguren nicht bzw. nicht mehr miteinander vermittelbar sind. Im Fokus der Diskussionen standen dabei immer wieder Themen, die für etablierte dogmatische Systeme von zentraler Bedeutung waren (dies gilt im besonderen Maße für die Traditionen zur körperlichen Auferstehung Jesu, zu sühnetheologischen Deutungen des Todes Jesu und den damit einhergehenden Verständnissen von Sünde bzw. Erbsünde sowie für die sukzessive Vergöttlichung Jesu)175.

Es verwundert kaum, dass die skizzierten Konstellationen in der Entwicklungsgeschichte wissenschaftlicher Theologie immer wieder zu Spannungen führten, an denen sich massive wissenschafts- und erkenntnistheoretische Streitigkeiten entzünden konnten176. Verschiedentlich wurde der Vorwurf formuliert, dass eine historisch-kritische Exegese auf einem prinzipiellen Misstrauen gegenüber biblischen Überlieferungen basieren würde177. Signifikant zeigt sich dies in der Entwicklungsgeschichte protestantischer Theologie, insbesondere in Auseinandersetzungen um das sogenannte ,Schriftprinzip‘. In einer grundlegenden Aufarbeitung der Transformationen, welche unterschiedliche Verständnisse eines protestantischen Schriftprinzips durch die Entwicklungsgeschichte der Teilgebiete historisch-kritischer Exegese erfahren haben, kommt Jörg Lauster zu dem Ergebnis, dass es zu kurz greifen würde, lediglich von einer „Krise des Schriftprinzips“178 zu sprechen. Die gegenwärtige Struktur evangelisch-theologischer Fakultäten führe vielmehr dazu, dass von einer „institutionalisierten Dauerkrise des Schriftprinzips“179 gesprochen werden muss. Diese aus einer systematisch-theologischen Perspektive heraus formulierte Diagnose kann sogar noch weiter zugespitzt werden. Auf der Ebene der Methodik, die den Bänden der Reihe ,Platonisches Christentum‘ zugrunde liegt, kann von einem Schriftprinzip in keiner Weise gesprochen werden. Im Sinne einer Vermittlung historisch-kritischer und diskursanalytischer Perspektiven auf die Geschichte des frühen Christentums ist nämlich nicht nur zu fragen, in welcher Weise heute jene Diskurspositionen zu plausibilisieren sind, die sich seinerzeit durchgesetzt haben bzw. die durchgesetzt wurden. Es ist ebenso zu fragen, welche Potenziale jenen platonisch-christlichen Vorstellungen innewohnen, die im Zuge der Formierung des biblischen Kanons und im Zuge der Bekenntnis- und Dogmenbildungen verdrängt und zuweilen sogar verurteilt wurden. Wie dieselben theologisch zu bewerten sind, ist keine Aufgabe historisch-kritischer und diskursanalytischer Betrachtungen. Letztere bereiten lediglich jene ,subjektiven Plausibilitätsurteile‘ vor, zu welchen alle Diskursteilnehmer(innen) befähigt und ermutigt werden sollen. Diese Formen einer Betrachtung religionshistorischer Entwicklungen haben meines Erachtens auch Potenziale für Theologie und Kirche (ausführlich hierzu vgl. 4.3). Sie führen nämlich auf theologischer Ebene jene Diskurse fort, die durch historisch-kritische und diskursanalytische Perspektiven auf die Geschichte des frühen Christentums freigelegt und revitalisiert wurden.

3.2 Freilegung und Revitalisierung verborgener Diskurse


Eine zentrale Einsicht historisch-kritischer Exegese besteht darin, dass die im Rahmen des biblischen Kanons überlieferten Schriften über viele Jahrhunderte hinweg entstanden sind, unterschiedlichen kulturellen Umgebungen entstammen und von Menschen verschiedenster Herkunft geschrieben, bearbeitet und überliefert wurden180. Die in ihnen schriftlich manifestierten religiösen Vorstellungen und Systeme können als kultur- und zeitbedingte Konstruktionen betrachtet werden, in deren Weiterentwicklungen, Modifikationen und Revisionen sich ihrerseits die zeitbedingten Wandlungen kultureller Rahmenbedingungen widerspiegeln. Was dies konkret bedeutet, tritt an der Entwicklungsgeschichte des frühen Christentums und des neutestamentlichen Kanons eindrücklich zutage. Das frühe Christentum war ein Konglomerat verschiedener theologischer Strömungen und Schulbildungen. Der Kanon des sogenannten ,Neuen Testaments‘ war während dieser Identitätsbildungsprozesse erst im Entstehen begriffen181. An dem Verhältnis der kanonischen und außerkanonischen Schriften des frühen Christentums lässt sich erkennen, inwiefern neutestamentliche Texte oft ,verborgene Diskurse‘ widerspiegeln182. Die Aufgabe einer historisch-kritisch ausgerichteten Exegese besteht meines Erachtens u.a. darin, die in und hinter den biblischen Texten erkennbaren theologischen Diskussionen und Identitätsfindungsprozesse wieder freizulegen und lebendig werden zu lassen. Die verborgenen Diskurse können oft nur angemessen verstanden werden, wenn jene...



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