E-Book, Deutsch, Band 1, 244 Seiten
Reihe: Stories
Polzer Okavango
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-5700-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stories I
E-Book, Deutsch, Band 1, 244 Seiten
Reihe: Stories
ISBN: 978-3-7597-5700-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Familie versucht den Neuanfang. Ihr Propellerflugzeug bringt sie ins Okavango Delta. Der Flieger stürzt ab. Zurück bleiben Mutter und Tochter, die über dem Tod ihrer Männer zusammenfinden. Ein Mann, fasziniert von der Macht, steigt auf, bleibt aber immer auf der Suche nach sich selbst. Ein junges Paar reist durch das Indien der siebziger Jahre, fasziniert von der Vielfalt und Exotik des Landes. Eine Frau und ein Mann haben sich auseinandergelebt. Sie wählen die Trennung vor der Einsamkeit einer gescheiterten Beziehung. Ein Mann sieht in den Augen eines kleinen Mädchens die Sinnlosigkeit seines Tuns.
Eckhard Polzer lebt in München. Er ist verheiratet mit einer Amerikanerin und hat zwei Töchter in Johannesburg und Berlin. Er hat viele Jahre im Ausland gearbeitet und mehrere Bücher und Kurzgeschichten geschrieben.
Autoren/Hrsg.
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Rastlos
Im Sommer 1978, steht Mark Seger am Schalter der Trans World Airline, um in die USA zu fliegen. Er freut sich auf den Flug. Doch er wundert sich über die Stewardess, die hektisch in seinem Pass blättert. „Ich kann Ihr Visum nicht finden“, sagt sie entschuldigend. „Warum Visum? Ich brauche kein Visum, ich war vor Jahren schon in den USA, auch ohne Visum.“ „Das hat sich geändert. Ohne Visum darf ich Sie nicht mitnehmen. Aber Sie könnten versuchen schnell eins zu holen. Sie sind nicht der Einzige, es passiert immer wieder“, ermuntert sie Seger. „Und wie soll das gehen?“, fragt Seger, der sich fühlt, als würde ihm der Boden unter den Füßen entzogen. „Das amerikanische Konsulat hat noch zwei Stunden geöffnet. Mit dem Taxi schaffen Sie es leicht. Ich avisiere Sie und buche Ihnen denselben Flug für morgen. Ist Ihnen das recht?“ „Natürlich, ich muss fliegen, es geht um viel.“ Er erhält ein Touristenvisum, verbringt die Nacht im Flughafen Hotel und steht am nächsten Morgen erneut am Check-In. Doch das Gefühl versagt zu haben, nagt an ihm. Seiler wird mich für einen Idioten halten, denkt er, als er im Key Bridge Hilton, in Washington DC, eine Nachricht für Seiler hinterlässt, dass er erst einen Tag später kommen könne. Kein Mensch glaubt mir mehr eine Geschichte über meine Zeit in Afrika oder Indien, wenn sie erfahren, wie dämlich ich mich angestellt habe. Verdammter Mist, ich hab’s verbockt. ******************* Gegen Mittag landet die Maschine in Washington National. Am Desk des Hilton findet er eine Nachricht Seilers, der ihn am Abend zum Essen treffen will. Seger duscht und nimmt sofort ein Taxi zur Mall. Ich muss mich ranhalten, denkt er, denn wenn Seiler mich für einen Idioten hält, der nicht einmal ein Visum auf die Reihe kriegt, war es womöglich mein letzter USA-Besuch. In Segers Augen ist Amerika das Zentrum der Macht, das Maß aller Dinge. Fasziniert betrachtet er die riesigen Blöcke der amerikanischen Verwaltung entlang der Constitution Avenue, die keinen Zweifel über den imperialen Anspruch des Landes lassen. Wer bin ich, denkt er, als er vor dem grübelnden, in Stein gehauenen Lincoln, am Ende der Mall steht. Ich sehne mich nach einem freien Blick aufs Meer, auf ein weites, offenes Land, und doch zieht mich die Macht an, wie ein unwiderstehlicher Magnet. Was verspreche ich mir von dem was ich tue, außer einem Gehalt? Was macht mich zu einem Leistungsknecht? Ist es der trügerische Glaube besser zu sein, als all die anderen um mich herum? Ich brauche keine Häuser, Autos, ein Super-Examen mit Führungsposition, vor allem keinen Leistungsstress. Es ist die Angst zu versagen, die mich antreibt. Ein erniedrigendes Gefühl. Seger wundert sich, wo ihn seine Gedanken hingetragen haben. Vielleicht ist es die Aura Lincolns, die zwischen diesen Säulen schwebt, denkt er. Im Hilton wartet Seiler bereits auf ihn. Er hört sich die Geschichte mit dem Visum an, und meint, er hätte ihn anders eingeschätzt. Seine amerikanische Frau, die Aufenthalte in Indien und Afrika, wie konnte es ihm passieren. Was ihn jedoch beeindrucke, sei, wie er es trotzdem geschafft hatte, doch noch zu kommen. „Wir tun einfach so, als wäre nichts passiert. Jetzt müssen Sie eben mit vollem Jetlag durch die Mühle.“ Zum Essen hat Seiler das Coc au vin in der Wisconsin Avenue gewählt, in dem vor allem Geschäftsleute und Politiker verkehren. Er will mich beeindrucken, denkt Seger. Braucht er nicht, es reicht vollkommen, wenn ich mir die Leute hier ansehe. Politiker, Anwälte, Berater, all das, was ich nie sein wollte. Da bin ich jahrelang auf der Suche nach Freiheit, kämpfe, um ein Stück davon zu erhaschen, und jetzt bin ich auf dem Weg einer von ihnen zu werden. Kurz blitzt seine Zeit in Afrika auf, die Monate in Indien, einem Land mit überwältigender Armut. Ich werde mich einreihen in langweilige Massenveranstaltungen, in Großraumbüros mit endlosen Schreibtischreihen, schreiendem Kunstlicht, Unterwürfigkeitsgesten und Kantinenfraß, denkt er. Am Beginn des Studiums konnte ich all das noch abschütteln. Jetzt siegt die Gewohnheit, der verlässliche Scheck, die Einbildung etwas zu sein. Routine gewinnt die Oberhand, gepaart mit der Angst alles zu verlieren. Was wäre die Alternative? Eine prekäre Existenz, zurück auf null, allein, ohne Familie, weil sie meine leeren Worte nicht mehr ertrügen? Endloses Gerede schwappt um ihn herum, während er versucht das Gespräch mit Seiler in Gang zu halten. Small Talk nennen es die Engländer, reden, ohne etwas zu sagen, denkt er. ******************* Zwei Jahre später wird er vom Konzern mitsamt der Familie nach Washington DC transferiert. Er gilt als eines der jungen Talente, die dabei sind ins Topmanagement hineinzuwachsen. Tagsüber telefoniert er mit Gott und der Welt, vor allem mit Leuten des amerikanischen Militär-Industriellen Komplexes, und abends besucht er im Rahmen eines Studien-Programms für Quereinsteiger die Georgetown Universität. Er will die Sprache besser beherrschen, und verstehen, wie das Land tickt. Manchmal, denkt er, befände er sich in einem Film. Ein Flüchtlingsjunge, den es in die große Welt verschlagen hat. Er liebt die Direktheit der Amerikaner, ihren Mut, ihren Unternehmungsgeist, aber er vergisst nie, dass er nicht dazu gehört. Wirklich wohl fühlt er sich nur im Rizzoli, einem Buchladen unten am Potomac. Da verbringt er die Mittagszeit, stöbert in Büchern und hört Ornellas sehnsüchtige Lieder. Mit der Zeit, als die Erinnerung an den Vietnamkrieg verblasst, kann er sich ein Leben in den USA durchaus vorstellen. Eines Tages wartet Alan Goodman, der stellvertretende Rektor der Georgetown Universität auf ihn. Schmal und asketisch steht er auf dem ersten Treppenabsatz. Der graue, leichte Anzug hängt schlechtsitzend um seine schmalen Schultern. Er strahlt, als wären sie die besten Freunde. Er muss auch noch etwas anderes tun als nur Papiere verfassen, denkt Seger, als er den festen Händedruck der feingliedrigen Hand Goodmans spürt. „Wie geht es, Mark? Haben Sie sich gut eingewöhnt bei uns?“, fragt Goodman. „Bei unserem ersten Interview meinten Sie, ich würde viel dazulernen, nicht nur die Sprache, sondern auch wie der ganze Regierungsapparat funktioniert. Es stimmt, ich genieße die Abwechslung.“ „Das freut mich. Malmgren hat mir erzählt, dass Sie sich in seinem Kurs sehr für die Europäische Integration interessieren. Ihr Essay zum Thema gefällt ihm, und mir auch. Interessante Gedanken, die Sie da äußern. Ich würde sie gerne vertiefen, was halten Sie von einem entspannten Abendessen bei uns im Klub. Da könnten wir ausführlicher darüber reden.“ Wow, denkt Seger, so gut war das Essay auch wieder nicht. „Gerne, wann wäre es Ihnen recht?“ „Am besten gleich morgen, im Army Navy Club. Sie kennen ihn?“ „Ja, wir haben einen ehemaligen Armee General als Berater, der nimmt mich gelegentlich dorthin mit.“ „Na dann.“ Am Pförtnerhäuschen lässt er sich von der uniformierten Wache die Zufahrterlaubnis geben und fährt durch eine manikürte Parklandschaft zum Klubhaus. Dort übergibt er, mit der Andeutung eines Grußes, den Autoschlüssel dem Portier. Drinnen erwartet ihn Goodman bereits. Er sitzt in einem Ledersessel und raucht schwarze Orientzigaretten. „Schön, dass Sie so pünktlich sind, Mark. Eine Tugend der Deutschen, die ich sehr schätze, genau wie ihr Händeschütteln. Da weiß man gleich, woran man ist. Kommen Sie, ich habe uns einen Tisch reserviert. Alex Temple, ein Kollege, erwartet uns.“ Ein Kollege, denkt Seger, davon war nicht die Rede. Im hintersten Eck des Saals sitzt ein schmaler Mann, Mitte vierzig vielleicht, mit gegerbter Haut, und schon grau. Er sieht sie kommen und steht auf. „Alex Temple“, sagt er, und reicht Seger die Hand. Goodman begrüßt er mit einem leichten Kopfnicken. „Sie also sind der Mann, von dem mir Alan vorgeschwärmt hat.“ „Ich glaube kaum, dass ich das verdient habe“, sagt Seger verwundert. „Das werden wir ja bald sehen. Setzen Sie sich und erzählen Sie, was Sie nach Washington geführt hat. Alan sagt, ihr Unternehmen leistet gute Arbeit, und Sie scheinen bereit zu sein über den Tellerrand hinaus zu blicken, deshalb wohl das Engagement an der Universität. So etwas schätzen wir.“ Anfangs zurückhaltend, dann immer flüssiger, erzählt Seger von seinem Studium und seiner Arbeit als Brücke zur US-Flugzeugindustrie. Er beschreibt die Zusammenarbeit mit Lockheed und Dassault, in einem Beschaffungsprogramm für einen Flieger der US Navy, und dass er sich freue hier sein zu dürfen. Temple hört zu, unterbricht kaum und fragt schließlich: „Und was erwarten Sie von uns?“ Als er sieht, wie sich Goodmans Gesicht verzieht, als hätte er in eine Zitrone gebissen, schiebt er...




