E-Book, Deutsch, 314 Seiten
Pollmann Allgemeine Psychologie
2. durchgesehene Aufl 2020
ISBN: 978-3-8463-8773-3
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 314 Seiten
ISBN: 978-3-8463-8773-3
Verlag: UTB GmbH
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Prof. Dr. Stefan Pollmann lehrt an der Universität Magdeburg.
Autoren/Hrsg.
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Wir können nur schlecht zwei Gesprächspartnern gleichzeitig zuhören, gleichzeitig Musik hören und fernsehen, lesen oder Nachrichten hören. Am besten sind wir, wenn wir uns einer Reizquelle in unserer Umgebung zuwenden und störende Reize ausblenden können. Wir können auch nur einem Gedanken zu einer Zeit anhängen und sind beeinträchtigt, wenn wir zwei Handlungen gleichzeitig ausführen müssen. Diese Beschränkungen unserer Kapazität, die uns in einem Moment auf möglichst eine Reizkonstellation und eine Aufgabe festlegen, wird sich wie ein roter Faden durch die nächsten Kapitel ziehen. Während wir in diesem Kapitel, aufbauend auf den vorangegangenen Wahrnehmungskapiteln, die Selektion von Reizen in unserer Umwelt besprechen, wird es in den nächsten Kapiteln um die Selektion von Handlungen gehen.
2.1.1Aufmerksamkeit als Selektionsprozess
Wenn wir etwas betrachten, so rückt dieser Gegenstand ins Zentrum der AufmerksaMkeit, andere Dinge in unserer Umgebung werden demgegenüber vernachlässigt. Eine wichtige Rolle der Aufmerksamkeit ist damit die Selektion von Teilen unserer Umwelt. Wie geschieht nun diese Selektion? Ein einflussreiches Modell wurde 1958 von Donald Broadbent vorgeschlagen.
Broadbent hatte, angeregt durch praktische Probleme der Telekommunikation und Sprachübermittlung, sogenannte shadowing-Experimente durchgeführt. Das Prinzip dieser Experimente war, dass den Versuchspersonen über Kopfhörer verschiedene Texte auf dem linken und dem rechten Ohr präsentiert wurden. Die Probanden waren instruiert, sich auf ein Ohr zu konzentrieren und den dort präsentierten Text nachzusprechen. Broadbent beobachtete, dass die Probanden die dem unbeachteten Ohr präsentierten Texte nicht behielten. Mehr noch, sie merkten nicht einmal, wenn der Text auf dem nicht beachteten Ohr plötzlich vom Englischen ins Deutsche wechselte. Nur deutliche Veränderungen der physikalischen Lautstruktur, wie ein Wechsel von einer männlichen zu einer weiblichen Sprecherstimme oder eingefügte Piep-Laute wurden bemerkt.
Filtermodell
Broadbent erklärte diese Daten mit seiner Filter-Theorie (1958). Ausgehend von informationstheoretischen Modellen zur Signalübertragung nahm er an, dass die Vielzahl sensorischer Reize, die parallel von unseren Sinnesorganen aufgenommen werden, nur kurz in einem sensorischen Speicher (Kap. 3.4) gehalten und dann so gefiltert werden, dass nur ein Bruchteil der Reize eine weitergehende Verarbeitung erfährt. Broadbent dachte, dass nur die sensorische Verarbeitung über parallele Sinneskanäle läuft, während hinter dem Filter ein einheitlicher „Kanal“ die weitere Verarbeitung übernimmt. Das Modell war stark von technischen Vorstellungen geprägt und versuchte nicht, die Verarbeitung im menschlichen Gehirn konkret abzubilden.
frühe Selektion
Seine Befunde ergaben, dass nur auffällige physikalische Eigenschaften der nicht beachteten Quelle die Aufmerksamkeitsselektion durchbrechen konnten, nicht aber ebenso gravierende semantische oder syntaktische Aspekte des Textes. Deswegen nahm er an, dass der nicht beachtete Text erst gar keine weitergehende Verarbeitung erfuhr. Damit wurde Broadbents Filter-Theorie zum klassischen Beispiel einer Theorie der frühen Selektion (early selection).
Bald schon wurden jedoch Befunde berichtet, die mit früher Selektion nicht in Einklang standen. Moray (1959) führte shadowing-Experimente durch, in denen er zeigen konnte, dass selbst bis zu 30-mal wiederholte Wörter auf dem unbeachteten Ohr von den Probanden im Anschluss an das Experiment nicht benannt werden konnten. Insofern bestätigte er Broadbents Befunde. Moray fand jedoch auch, dass hochrelevante Wörter, wie etwa der eigene Name, auf dem nicht beachteten Ohr entdeckt wurden (s. a. Wood / Cowan 1995). Dies sprach nun gegen die Annahme, dass die dem nicht beachteten Ohr präsentierten Wörter überhaupt nicht semantisch verarbeitet wurden.
In den 1960er Jahren führte Anne Treisman eine Reihe von Experimenten durch, die auch gegen eine strikte frühe Selektion sprachen. Treisman präsentierte je eine Geschichte auf dem linken und dem rechten Ohr und instruierte ihre Probanden, sich auf ein Ohr zu konzentrieren. Nach einer Weile wechselte jedoch die Geschichte abrupt zum jeweils anderen Ohr. Treisman konnte zeigen, dass ihre Probanden diesem Wechsel für die Dauer von einigen Wörtern folgten, bevor sie wieder instruktionsgemäß zu dem ursprünglich beachteten Ohr zurückwechselten.
Weitere Experimente zeigten, dass den Probanden das shadowing einer Geschichte am leichtesten fiel, wenn auf dem nicht beachteten Ohr sinnlose Silben präsentiert wurden. Etwas schwieriger wurde die Aufgabe, wenn ein technischer Text präsentiert wurde, der sich stark von dem zu beachtenden Text unterschied. Am schwierigsten war die Aufgabe, wenn sich beide Texte stark ähnelten. Dennoch konnten die Versuchsteilnehmer im Nachhinein nicht berichten, welchen Inhalts der nicht beachtete Text war. Treisman stellte auch fest, dass sich der „Durchbruch des Nichtbeachteten“ selbst bei hochrelevanten Wörtern nur zu etwa 6 % vollzog. Sie hielt deshalb an Broadbents Filter-Konzept fest, schloss jedoch, dass dieser Filter nicht so ausschließlich über physikalische Reizmerkmale funktioniert wie in Broadbents ursprünglicher Konzeption.
späte Selektion
Dem stellten Deutsch und Deutsch (1963) eine völlig andere Konzeption der Aufmerksamkeitsselektion entgegen. Sie postulierten, dass alle vom Individuum aufgenommenen Reize vollständig verarbeitet werden und erst dann, gemäß den Anforderungen der Situation, relevante Information ausgewählt wird. Dies war der Prototyp einer Theorie der späten Selektion (late selection).
flexible Filterung
Während die Vertreter der frühen oder späten Selektion lange Zeit darüber stritten, wer die besseren Argumente hätte, reifte schließlich die Einsicht, dass dieser Streit um einen künstlich aufgebauten Widerspruch entbrannt war. Kahneman und Treisman (1984) hatten darauf hingewiesen, dass in der Aufmerksamkeitsliteratur zwei Klassen von Experimenten unterschieden werden konnten, die unterschiedliche Anforderungen an Aufmerksamkeitsprozesse stellen. Auf der einen Seite fanden sie Experimente wie shadowing oder die Teilberichtsaufgabe, in denen eine große Zahl von Reizen präsentiert werden und die korrekte Reaktion aus einer Vielzahl von Alternativen ausgewählt werden muss, etwa durch Benennung eines Reizes. Hierbei sahen sie die Aufmerksamkeitsanforderung als selektives Filtern. Auf der anderen Seite standen Experimente, die wenige Stimuli verwendeten und in denen die Antwortmöglichkeiten eng begrenzt waren, etwa bei der Messung von Reaktionszeiten bei Einfachwahlreaktionen. Bei dieser Art von Aufgaben bestand die Aufmerksamkeitsleistung in einer selektiven Voreinstellung (selective set), etwa auf bestimmte Reizcharakteristika oder räumliche Positionen.
Ressourcenverteilung
Kahneman und Treisman folgerten daraus, dass eine frühe Filterung dann durchgeführt wird, wenn die Verarbeitung aufgrund der Vielzahl von Stimuli und / oder Antwortanforderungen ohne Filter überlastet würde. Sind jedoch nur wenige Reize zu verarbeiten und auch die Antwortanforderungen begrenzt, so erübrigt sich eine frühe Selektion. Anknüpfend an diese Überlegung konnte Lavie (1995) empirisch nachweisen, dass eine frühe Selektion nur bei hoher perzeptueller Belastung auftrat. Für die Bearbeitung der Aufgabe wurden irrelevante Reize also früh gefiltert, wenn die Aufgabenbearbeitung die Beachtung einer größeren Zahl von Reizen (oder weniger komplexer Reize) verlangte. War dies nicht der Fall, wurden die irrelevanten Reize auch (unbewusst) relativ weitgehend analysiert.
negatives Priming
Ein weiterer empirischer Beleg für späte Selektion ist negatives Priming. In diesen Experimenten werden Reize präsentiert, von denen einer als aufgabenrelevant, der andere als irrelevant gekennzeichnet ist. Die Probanden werden aufgefordert, die irrelevanten Reize nicht zu beachten. Dennoch zeigt sich, dass die irrelevanten Reize, wenn sie in späteren Durchgängen als relevanter Reiz verwendet werden, längere Verarbeitungszeiten verursachen. Daher weiß man, dass die irrelevanten Reize nicht einfach ignoriert werden, sondern eine weitergehende Verarbeitung erfahren (Tipper 1985). Wird jedoch die Anzahl der relevanten Reize erhöht, verringert sich das negative Priming (Lavie / Fox 2000). Daraus wurde geschlossen, dass die Selektion in Abhängigkeit von der Aufgabe früher oder später erfolgte. War nur ein relevanter Reiz zu beachten, bestand keine Notwendigkeit für eine frühe Selektion und die einzige Selektion, die erfolgte, war die Auswahl der richtigen Reaktion. Steigt die perzeptuelle Last jedoch, wird bereits eine frühe Selektion auf der Stufe perzeptueller Prozesse durchgeführt, um die optimale Erkennung der Zielreize zu gewährleisten.
2.1.2Modelle der visuellen Suche
Wir haben bisher auf einer recht abstrakten Ebene diskutiert, an welcher Stelle der Informationsverarbeitung eine Selektion relevanter Inhalte entstehen kann. Der folgende Abschnitt soll nun anhand von Modellen der visuellen Suche darstellen, wie man sich die Umsetzung dieser Vorstellungen denken kann.
Merkmalsintegrationstheorie / FIT: Eine der einflussreichsten Theorien der visuellen Suche ist die Merkmalsintegrationstheorie (feature-integration-theory, FIT) von...




