E-Book, Deutsch, 220 Seiten
Pohrt Brothers in Crime
3. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86287-152-0
Verlag: Fuego
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit
E-Book, Deutsch, 220 Seiten
ISBN: 978-3-86287-152-0
Verlag: Fuego
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Wolfgang Pohrt, geb. 1945, Soziologe und Publizist, lebt in Stuttgart. Veröffentlichungen u.a.: Ausverkauf (1980), Endstation (1982), Kreisverkehr, Wendepunkt (1984), Stammesbewußtsein, Kulturnation (1984), Zeitgeist, Geisterzeit (1986), Ein Hauch von Nerz (1989), Balzac - Der Geheimagent der Unzufriedenheit (1984, 1990, 2012), Der Weg zur inneren Einheit. Elemente des Massenbewußtseins BRD 1990 (1991), Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit (1992), Harte Zeiten. Neues vom Dauerzustand (1994), Theorie des Gebrauchswerts (Erweiterte Ausgabe 1995), FAQ (2004), Gewalt und Politik (2010), Kapitalismus Forever (2012), Das allerletzte Gefecht (2013).
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Maschinenpistolen
Ende der Sechziger Jahre wurde die Maschinenpistole Kultgegenstand. Sie symbolisierte Beweglichkeit und Stärke, deshalb galt sie als Wahrzeichen revolutionärer Militanz. Palästinensische Untergrundkämpfer posierten mit ihr; Gruppen, die im eigenen Operationsgebiet für so viel Feuerkraft kaum Verwendung hatten, wie die zum Beispiel, schmückten trotzdem mit der stilisierten Abbildung einer Kalaschnikow das eigene Signet.
Neuerdings taucht das Gerät wieder auf, allerdings mit veränderter Bedeutung. Oft sind die Benutzer jünger als damals, und ins alte Schema passen sie nicht mehr. Bartlose Halbwüchsige beispielsweise führen die Waffe mit, wenn sie in Gesellschaft Gleichaltriger die verlassenen Straßen einer Stadt durchkämmen, umsichtig und professionell zwar wie Berufssoldaten beim Patrouillengang, aber auf eine fröhliche, unbekümmerte Art. Jeder kennt die Teenager, wie sie ihre Macht genießen, weil die Satellitenüberspielung aus Monrovia, Kigali oder Kabul das Beste ist, was die Nachrichtenredaktionen bieten können.
Für den Zuschauer hegt der Reiz des fiktiven Dabeiseins nicht im Überraschungsmoment, in der Einmaligkeit einer unerwarteten Begebenheit, sondern in der Wiederholung. Alle Berichte gleichen sich: auf die Jagd- und Gefechtsszenen, oft wie mit wackliger Handkamera aufgenommen, folgen ruhigere Bilder, solche von klapprigen Lastwagen, Fuhrwerken oder Schiffen, vollgestopft und behängen mit Menschen auf der Flucht. Zum Ausklang gibt es dann Motive aus dem Lagerleben oder welche aus dem Krankenhaus. Die Leute lungern, waschen, kochen und versorgen ihre Wunden. Sie quälen sich ein bisschen und sie langweilen sich, wenn sie nicht gerade vor die Kamera gebeten werden. Der Alltag hat sie wieder.
Live-Reportagen von Kampf und Elend befriedigen einen Bedarf, weil sie spannungslösend wirken. Sie unterbrechen kurzfristig eine Leidenszeit, denn die peinigenden Fantasien hören auf, wenn die Katastrophe eintritt. Nur sie besitzt die Kraft, die Menschen aus dem sich ständig erweiternden Labyrinth, welches ihre Vermutungen und Ahnungen bilden, wieder zurückzuholen in eine umgrenzte, berechenbare Wirklichkeit. Je furchtbarer die über sie hereinbrechende Realität, desto erlöster oft die Menschen, weil der Notfall eine Schnellabschaltung der Bewusstseinstätigkeit bewirkt und, damit verbunden, eine Mobilisierung der unbewussten Reflexe. Dass man weder empfinden noch denken darf, sondern handeln muss, ist die beste Therapie, wenn der Mensch an den Produkten des eigenen Vorstellungsvermögens irrewird.
Diese Situation entsteht, wenn grundlegende Überzeugungen zerbrechen. Als die revolutionäre Gewissheit verlorengegangen war, welche das Vertrauen in einen gesetzmäßigen, begreiflichen und zu einem guten Ende führenden Ablauf der Geschichte einschloss, fand man auf der Suche nach einer klar umrissenen Welt zwischenzeitlich im Glauben Trost, wenigstens Termin und Verlauf des Weltuntergangs zu kennen. Die Mittelstreckenrakete, mit Atomsprengköpfen bestückt, trat hinsichtlich des Bekanntheitsgrads die Nachfolge der Maschinenpistole an.
Im Gegensatz zur Vorgängerin verhieß die neue Waffe zwar keinen Sieg der guten Sache, sie stand nicht für das Ende von Ausbeutung und Unterdrückung, sondern für das Ende überhaupt. Erhalten geblieben aber war die in der besungene Idee vom »letzten Gefecht«, die übrigens auch im »Endsieg« der Nazis steckt und in den »Nie wieder«-Parolen der Antifaschisten. In der Untergangsangst der Atomwaffengegner lebte ein Motiv der abgestorbenen revolutionären Erlösungshoffnung fort, nämlich der Wunsch, es möge die Geschichte zum Stillstand kommen. Besser ein Ende mit Schrecken als keins.
Aber der bangend ersehnte Atomkrieg blieb aus, nur der Ostblock zerfiel. Er tut dies heute noch, kein Ende ist abzusehen. Das Leben geht unerbittlich immer weiter, lehren 1989 und die Folgen, und sie lehren auch, dass es keine Hoffnung auf einen befriedigenden Endzustand geben kann, nicht mal die Vorstellung von einem erstrebenswerten Ziel. So hat der Eintritt in eine diesseitige Ewigkeit stattgefunden. Das Bewusstsein, darin ausharren zu müssen, wie es das Schicksal der Gespenster gewesen ist, verursacht mehr Befürchtungen und Angst als jede Todeserwartung.
Anregung, diese Überlegung auszuspinnen, boten auf spektakuläre Weise verschiedene Vorkommnisse: Der Kollaps ganzer Bezirke von Los Angeles im Sommer 1992, als plündernder, brandschatzender Mob durch die Straßen zog und über der Stadt dichter Qualm hing; die Ereignisse von Hoyerswerda und Rostock, die nicht weiter erläutert werden müssen; schließlich der jugoslawische Bürgerkrieg, der die Mattscheiben in den davon nicht betroffenen Ländern beherrschte.
Aber auch im Alltag verdichten die Hinweise und Zeichen sich, die gedeutet werden wollen. Überall rüstet die Zivilgesellschaft sichtbar auf, sogar in Gegenden, die als spannungsarm galten. Obgleich die Bundesrepublik sich stets mit besonderer Intensität an das Trugbild von der »gewaltfreien« Gesellschaft geklammert hat, gehört hier zum größeren Kaufhaus mittlerweile uniformiertes Wachpersonal. Demonstrativ in der Eingangszone postiert, signalisiert es dem Publikum, dass die Geschäftsführung mit der entfesselten Raffgier oder Zerstörungswut der Kundschaft rechnet. Auf den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung bereitet man sich vor, denn Feinde, die erklärte Ziele verfolgen, gibt es nicht. Die organisierten Gegner des Konsumterrors sind ebenso verschwunden wie die politisch Engagierten unter den Beamten, auf welche der Radikalenerlass gemünzt gewesen war. Wo früher die Gesinnungsprüfer saßen, sitzen heute die Sonderermittler vom Korruptionsdezernat. Wenn es zum Kampf kommt, kämpft keiner für Freiheit oder Sozialismus. Jeder kämpft gegen jeden, jeder kämpft für sich.
*
»Jeder für sich« war die Spielregel in John Carpenters 1981 angelaufenem Film ins Jahr 1997 datierter Social Fiction. Die erste Einstellung zeigt nur Linien und Punkte auf einem Monitor, sie signalisieren Verfügung und Kontrolle. Elektronisches Gebrumm setzt ein, warm und voll, unterbrochen wird es von einer kalten Stimme aus dem Off. Langsam stellt sich heraus, dass dies die Kommandozentrale einer mobilen Truppe ist. Sie überwacht einen Sperrgürtel, der an die Befestigungsanlagen mittelalterlicher Städte erinnert, mit dem Unterschied nur, dass Mauern und Gräben sich statt gegen Eindringlinge gegen die Bewohner richten. Wo sie leben, zieht es keinen hin. Alle wollen ausbrechen, aber Fluchtversuche sind vergeblich.
Die Vorgeschichte: »1988 steigt die Verbrechensrate in den Vereinigten Staaten um 400 Prozent. Die ehemals freie Stadt New York wird das einzige ausbruchssichere Gefängnis des Landes. Umgeben wird dieses Gefängnis von einer 20 Meter hohen Mauer, welche entlang der Küste von New Jersey über den Haarlem-River bis zur Küste von Brooklyn führt. Sie umgibt ganz Manhattan Island. Alle Brücken und Wasserstraßen sind vermint. Die Polizei der Vereinigten Staaten ist wie eine Armee um die Insel herum stationiert. Innerhalb des Gefängnisses gibt es keine Wächter, sondern nur Gefangene – und eine Welt, die sie selbst geschaffen haben. Die Regeln sind einfach: Wer erst mal drin ist, kommt nicht wieder raus.«
Oder wer erst mal draußen ist, kommt nicht wieder rein, wenn man die Sache von der anderen Seite aus betrachtet. Jedenfalls ist die Welt aufgeteilt, und jeder kennt solche Endgültigkeiten. Im Gefängnis hat sich das frühere Deportationssystem mit seinen Strafkolonien erhalten. Die Strafkolonie wiederum tradiert alten Stammesbrauch. Wer nicht spurt, wird verstoßen, und Entzug der Mitgliedschaft bedeutet Tod. »Fällt er in den Graben, fressen ihn die Raben«, wissen kleine Kinder schon. Ihr Leben lang werden sie das Hänsel-und-Gretel-Gefühl nicht los, denn hinter der Jagd nach Erfolg und Anerkennung steckt die Angst vor sozialer Ächtung und Deklassierung. Weitere Informationen braucht der Zuschauer daher nicht, um die Situation zu verstehen.
Die Partie beginnt damit,, dass die Probleme meldet. An Bord befindet sich der Präsident, aber es gibt noch andere Gäste. Im Cockpit der Maschine hat sich ein Selbstmordkommando verschanzt, über Bordlautsprecher lässt es den Präsidenten und seine Begleiter wissen: »Euer ganzes imperialistisches Waffensystem und eure Lügen können ihn nicht mehr retten. Wir schmieren ab. Wir werden abstürzen. Erzählt dies euren Arbeitern, wenn sie wissen wollen, wo ihr Staatsoberhaupt ist. Wir, die Soldaten der Nationalen Befreiungsfront der Vereinigten Staaten von Amerika, haben im Namen aller Arbeiter und aller, die von diesem imperialistischen System unterdrückt worden sind, dem rassistischen Polizei- und Obrigkeitsstaat einen vernichtenden Schlag versetzt. Welches Beispiel wäre besser dazu geeignet, als den Präsidenten im Ghetto seines eigenen imperialistischen Gefängnisses zugrunde gehen zu lassen. Diese rassistischen Schweine haben es nicht besser verdient. Dies war unser erster Schlag, und es werden weitere folgen.«
Schläge ins Wasser allerdings, weil die Schwätzer weder den eigenen Status noch die Situation begreifen. Sie sind nur eine Bande unter vielen, es gibt kein Drinnen und Draußen, das ausbruchssichere Gefängnis ohne Wächter ist die Welt. Sich selbst für Freiheitskämpfer und den Präsidenten für einen Imperialisten zu halten, heißt, eine Konfrontation aufzublasen, die in Wahrheit längst keine Parteien und Ideologien mehr kennt, nur Gewinner und Verlierer. Befangen noch im Glauben an einen Kampf zwischen verschiedenartigen Gesellschaftssystemen, zwischen...




