Pörtner | Letzte Ruhe im Wohnmobil | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Pörtner Letzte Ruhe im Wohnmobil

Ein Fall für Henry Kummer
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7152-7565-9
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Fall für Henry Kummer

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-7152-7565-9
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Anfang März in Südfrankreich: Henry Kummer genießt seinen Ruhestand – diesmal aber wirklich, glaubt er. Doch die entspannte Atmosphäre auf dem Camping de l’hippodrome bei Nizza währt nicht lang, Kummers Platznachbar Georges sorgt für Wirbel: Erst zettelt er eine Schlägerei mit Jugendlichen an, dann drückt er Kummer einen Briefumschlag mit geheimem Inhalt in die Hände – »falls ihm etwas zustößt« –, und schließlich verschwindet er wirklich spurlos.
Einige Wochen später taucht Georges auf Kummers Stammcampingplatz im Tösstal wieder auf, wie immer leicht beschwipst und gut gelaunt.
Kurz darauf wird er in seinem Wohnmobil erschossen. »Tamisiech …«, kann Kummer da nur sagen. Und dann wird er neugierig. Schließlich war er zweiunddreißig Jahre lang Polizist, auch wenn er die meiste Zeit am Empfang des Kripo-Gebäudes in der Zürcher Kasernenstrasse verbracht hat … Wer war Georges wirklich?
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Erstens


Ein zaghaftes Jaulen, ein Quietschen fast, weckteKummer. Als er ein Auge öffnete, sah er, dass Tara am Kopfende seiner Schlafkoje stand und ihn erwartungsvoll ansah. Er drehte sich ab und versuchte noch einen Moment lang so zu tun, als würde er schlafen, doch die Mischlingshündin wedelte freudig mit dem Schwanz und stieß ihn mit der Schnauze an. Sie kannte ihn. Seine Hoffnung, er würde noch einmal einschlafen, war reine Selbsttäuschung, die nicht funktionierte. Die Nacht im Camper war kalt gewesen, die Heizung hatte er abgedreht, als er gestern Abend gegen zehn Uhr zu Bett gegangen war. Mit einem Ruck schlug er die warme Decke zurück, setzte sich auf und schlüpfte in seine gefütterten Crocs, die ihm Irma im Herbst auf seinen 62. Geburtstag geschenkt hatte.

»Die sind sehr praktisch«, hatte er sich bedankt.

»Sie sind sehr hässlich«, hatte Irma gelacht. »Aber so ist es nun mal. Das Praktische ist der Feind des Schönen. Auf den Campingplätzen brauchst du nicht gut auszusehen.« Recht hatte sie, warme Füße waren wichtiger als allfällige Eleganz.

Die meisten Menschen – von gegen ihren Willen mitgeschleppten Teenagern abgesehen – gaben Stil und gepflegtes Äußeres an der Rezeption des Campingplatzes ab. Das galt auch für Kummer, der eine rote Faserpelzjacke und eine hellblaue Daunenweste, beides im Ausverkauf eines Sportdiscounters erstanden, über die Sachen zog, die er zum Schlafen getragen hatte: ein kurz- und ein langärmliges T-Shirt und ein graues Sweatshirt mit der Aufschrift , von dem er nicht mehr nachvollziehen konnte, warum er es gekauft hatte. An den Beinen trug er lange Unterhosen unter einer grauen Trainerhose. Er setzte seine schwarze Wollmütze auf, griff nach Taras Leine und ein paar Hundesäckchen, die hier lange nicht alle benutzten, aber er sah nicht ein, warum andere seinen Dreck wegräumen sollten. Tara sprang heraus, kaum dass er die Schiebetür des Campers einen Spalt breit aufgezogen hatte. Sie schlief drinnen, draußen in der Transportbox war es nachts zu kalt. Obwohl Kummer dachte, dass ein Hund das eigentlich aushalten sollte, da der Wolf, von dem er abstammte, auch draußen schlief, brachte er es nicht übers Herz, sie auszusperren. In der Führerkabine hatte er ihr ein warmes Nest aus einer alten Wolldecke eingerichtet, zu Beginn des Winters war sie jeweils um vier Uhr morgens auf das Fußteil seines Betts gesprungen. Das hatte er ihr ausgetrieben. Er lebte auf genug kleinem Raum, sein Bett war sein Bett, das wollte er nicht mit einem Hund teilen. Es war kurz vor acht Uhr.

Tara rannte ein Stück voraus, blieb stehen und hielt die Nase in den Wind. Von den Informationen, die sie sammelte, verstand Kummer nur eine: Es war kalt.

»«, fluchte er, schritt über den Kiesplatz zum Ausgang des Campingplatzes und bog in die kleine Straße ein, der Sonne entgegen, die nun jeden Tag etwas früher aufging und die Wärme brachte, die für alle, die in engen, schlecht beheizbaren Unterkünften hausten, den Unterschied zwischen leichten und schweren Tagen machte. Die Tage waren hier in Südfrankreich deutlich wärmer als in der Schweiz oder in Deutschland. Das war der Grund, warum so viele, vor allem Pensionierte, den Winter hier verbrachten. Auch die Nächte waren milder, Minustemperaturen gab es selten. Und trotzdem hatte er die Kälte unterschätzt.

Kummers Traum, mit dem Camper auf einem Platz direkt am Meer zu stehen, auf das er jeden Morgen beim Aufstehen schauen würde, hatte sich nicht erfüllt. Die meisten Campingplätze in der Region waren von Mitte Oktober bis Ostern geschlossen. Einer der wenigen, die ganzjährig geöffnet hatten und direkt am Meer lagen, war jener in Saintes-Maries-de-la-Mer, aber dort gab es keinen Strom, und sein Solarpanel reichte nicht aus, um autark zu sein. Schließlich war er auf diesem Campingplatz in der Nähe des Hippodroms von Nizza gelandet, der auch das ganze Jahr über offen war. Der Platz lag in Villeneuve-Loubet, einem Vorort, der mit anderen Gemeinden und der Stadt zusammengewachsen war. Hier konnte er seine Besorgungen zu Fuß oder mit dem Velo erledigen, in einer halben Stunde war er im Zentrum von Nizza. Im Gegensatz zu jenen, die mit dem Wohnwagen unterwegs waren, musste er sich jeweils zwischen Mobilität und Komfort entscheiden. War das Markisenzelt aufgebaut und der Camper auf Wohnen umgestellt, ließ er sich nicht mehr bewegen. Regnete es ein paar Tage, konnte es eng und bedrückend werden. Er hatte sich schon den Kauf eines freistehenden Vorzelts überlegt, aber er wollte nicht noch mehr Material herumfahren. Das Campen bot endlose Verlockungen, Zubehör und Gadgets zu erwerben, die das Leben leichter machen sollten. Es gab einige YouTube-Kanäle, auf denen die neuste Ausrüstung angepriesen wurde, und er zwang sich jeweils, nicht gleich etwas zu bestellen. Er musste sparen, und das meiste war dann doch nicht so umwerfend wie versprochen oder kam nur selten zum Einsatz und nahm vor allem Platz weg.

Bei schlechtem Wetter war er jeweils froh, dass er allein war und sich, außer wenn Tara rausmusste, auch mal einen Tag im Bett verkriechen konnte und nicht wie die Rentnerpärchen das ganze Alltagsritual auf engstem Raum abspulen musste. Es war, so dachte er, unmöglich, sich dabei nicht auf den Geist zu gehen. Viele solcher Paare hatte er kennengelernt. Sie hatten sich ein Arbeits- und Familienleben lang gar nicht so oft gesehen und versuchten nun, einander auf dem Campingplatz aus dem Weg zu gehen. Sie fuhr einkaufen und kochte, während er mit dem Velo oder Töff herumdüste. Die gemeinsame Zeit wurde vor dem Fernseher verbracht. Diese Generation, für die der Fernseher und das Fernsehprogramm den Tag strukturierten, starb langsam, aber sicher aus. Die jüngeren Leute, Paare und Familien saßen vor ihren jeweiligen Bildschirmen und stellten ihr eigenes Programm zusammen.

Der Strand war um diese Tageszeit noch verlassen, nur Leute wie er selber, ältere Menschen mit meistens kleinen Hunden, gingen gemächlich im Wind. Tara tobte durch den Sand, traf Artgenossen, Kummer nickte den Besitzerinnen zu, schaute aber, dass er genug Distanz hielt, sodass er nicht mit ihnen plaudern musste. Dazu war es zu früh, vor allem auf Französisch oder Englisch, die Sprache, auf die sich alle Nicht-Einheimischen geeinigt hatten. Er schlenderte den Strand entlang und bog dann in die Hauptstraße ein, wo sich ein Café mit Bäckerei befand, das auch im Winter geöffnet war und hieß.

Mit einer windgeschützten Terrasse ausgestattet, war es der ideale Ort, um den Tag an sich herankommen zu lassen. Die Bedienung grüßte ihn und fragte, wie es ihm ginge, ohne eine Antwort zu erwarten. Wie immer bestellte er einen Espresso und ein Croissant.

Die aufliegende Lokalzeitung beachtete er nicht. Die Pandemie war vorbei, dafür war ein Krieg ausgebrochen. Er vermied es, wann immer möglich, sich über das Weltgeschehen zu informieren, als bliebe er von dessen Auswirkungen verschont, wenn er nichts von ihnen wusste. Da es aber fast unmöglich war, nicht mitzubekommen, was auf der Welt vorging, war dies ein sinnloses, ans Abergläubische grenzendes Verhalten.

Tara leckte gierig die Krümel auf, die ihm herunterfielen. Kummer blinzelte in die Sonne, die nun so weit aufgegangen war, dass ihre wohlige Wärme die Terrasse erreichte. Innert kurzer Zeit entfaltete sich sein zerknülltes Gemüt. Das Leben ist gut, dachte er. In den letzten Jahren war er zweimal in Lebensgefahr geraten und schwer verletzt worden. Erst ein Bauchschuss, der ihn den Polizistenberuf an den Nagel hängen ließ, ein knappes Jahr später ein Messerstich in den Hals, ausgeführt von einer Frau, die eine Reihe von Morden auf Campingplätzen in der Schweiz verübt hatte. Dass er noch am Leben war, hatte er Tara zu verdanken. Seither mied er Gefahren, weil er überzeugt war, dass jeder Mensch ein gewisses Quantum Glück hatte, das irgendwann aufgebraucht war. Leider war dieses Quantum individuell sehr unterschiedlich bemessen und darum nicht kalkulierbar. Deshalb mochte er den Song »Extra Extra Read all about it (Ben)«, zu finden auf dem Album von 1963, dem ersten, auf dem Bo Diddley, von dem er ein großer Fan war, von der Gitarristin Duchesse begleitet wurde, die auf dem Cover abgebildet war und wohl die Company darstellte. Das Lied erzählt von einem Kerl, der unter anderem angeschossen wird, aus einem Flugzeug fällt und bloß darüber lacht. Während ihm der Arm amputiert wird, raucht er mit der anderen Hand cool eine Zigarette, bis es in der letzten Strophe dann heißt: »That’s why it is so shocking to behold: Old Ben passed away from a common cold.«

An einer Erkältung zu sterben war auch das höchste Risiko, das Kummer seit seiner Genesung einging, und das war hier trotz allem kleiner als in Zürich, wo seine Freundin Irma und seine Tochter Mona lebten, mit denen er hin und wieder telefonierte. Zu Weihnachten war er in die Schweiz gefahren und hatte bei Irma gewohnt. Es waren schöne Tage, aber nach etwa zehn solchen war sie sichtlich froh gewesen, als er wieder abfuhr. Ihm war fast ein wenig zu wohl geworden in der warmen Wohnung. Im Gegensatz zu ihm war Irma noch berufstätig, im Gesundheitswesen. Sie hatte viel Stress und wenig Zeit. Auch Mona hatte viel um die Ohren, ihr kurz vor der Coronakrise eröffnetes Café hatte knapp überlebt, aber es war ein täglicher Kampf, es am Laufen zu halten, vor allem im Winter, wenn die beliebten Außenplätze fehlten.

Auf den Campingplätzen lebten Menschen mit Schicksalen, die seinem glichen. Alte, Abgehalfterte, Ausgestiegene. Menschen, die vom Arbeitsmarkt ausgemustert und vom familiären Umfeld nicht vermisst wurden, die im Weg waren oder endlich die Freiheit...


Pörtner, Stephan
Stephan Pörtner, geboren 1965, wuchs in einer Schriftstellerfamilie auf: Seine Mutter war U¨bersetzerin, sein Vater Autor, seine Schwester ist die Schriftstellerin Milena Moser. Er lebt in Zu¨rich, wo seine sechs Krimis mit Ko¨bi Robert, dem Detektiv wider Willen, spielen. Der letzte Band Po¨schwies wurde mit einem Werkbeitrag ausgezeichnet, fu¨r Stirb, scho¨ner Engel erhielt er den Zu¨rcher Krimipreis. Po¨rtner war bereits drei Mal fu¨r den Glauser Kurzkrimi-Preis nominiert. Fu¨r das Straßenmagazin Surprise schreibt er die Kolumne Tour de Suisse, fu¨r das Schweizer Radio Ho¨rspiele, ist Co-Autor der Theaterstu¨cke Polizeiruf 117 und Die Bankra¨uber. Sein ju¨ngster Roman Heimatlos wurde von der Literaturkommission des Kantons Zu¨rich mit einem Anerkennungsbeitrag ausgezeichnet.



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