E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Pöllnitz Wellenjahre
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7693-6946-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-7693-6946-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt. Dieses berühmte Goethe-Zitat beschreibt die Gefühle von Stefan, dem Protagonisten dieser Erzählung. Wellenjahre beginnt mit dem Tag des Mauerfalls, sowie der Erschaffung einer neuen Existenz, nicht weit entfernt von der alten Heimat und doch unendlich fern, in einem für ihn fremden System. Voller Offenheit erkundet Stefan diese neue Welt, feiert berufliche Erfolge, reist in aufregende Landschaften und genießt sein familiäres Glück, bis die Gesellschaft ihm die Kehrseite der Medaille zeigt. Eine Seite, die sich seine Fantasie nicht einmal in seinen kühnsten Träumen ausmalen konnte. Jahre voller Gefühle, die ihn wie Wellen in den Himmel hoben und durch die Hölle jagten.
Zunächst folgte der brave Sohn den beruflichen Vorstellungen seiner Familie und wurde Ingenieur. Erst wurde das Potential seiner Kreativität gefördert, später verlor es sich im Nirvana gesellschaftlicher Dilemmas. Irgendwann folgte ein seelischer und körperlicher Zusammenbruch. Rastlos trieb es ihn vorwärts, vielseitig waren seine Erfahrungen als Bauer, Bauarbeiter, Brauer, Gleisarbeiter, Student, Ingenieur, Forscher, Designer, Gärtner, Fotograf, Programmierer, Unternehmer, Wirt, Ehemann, Vater und Großvater und gesunder Mensch mit einem gesunden Verstand. Ein Drittel seines Lebens hat sich der Autor der Poesie verschrieben, zweit Drittel dem Reisen und der Fotografie und dem Ganzen der Liebe.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Wandel
Am Abend des 9. November 1989 saß Stefan, wie immer in jenen Tagen, vor dem Fernsehgerät und schaute sich mit gesteigertem Interesse die Pressekonferenz zur Reiseregelung der DDR im Fernsehen an. Günter Schabowski beantwortete die Fragen der internationalen Presse. Die DDR würde ihre Grenzen in Kürze öffnen. So trug er den Text der neuen Reisereglung stammelnd und konfus live im DDR-Fernsehen vor und erklärte, die neue Regelung gelte »ab sofort, unverzüglich«. Schabowskis Information entfaltete unmittelbar danach seine ganze Sprengkraft. Ungläubig schaute Stefan in die Röhre. Wahnsinn, das konnte doch nicht wahr sein! Wenig später staunte er mit offenem Mund, was sich in Berlin abspielte. Auf einmal war möglich, was vorher undenkbar schien. Er fühlte sich, als würde er schweben, als bekäme er Flügel und könnte einfach so über die Grenze flattern wie ein Schmetterling. Als seine Frau Martina vom Sport zurückkam, umarmte er sie, lachte und sagte: »Nächste Wochen können wir alle zu Oma fahren!« »Willst du mich auf den Arm nehmen?« »Nein, schau dir diese Bilder an!«, sprach er und zog sie vor die Bildröhre, wo gezeigt wurde, wie Menschen in Scharen an die Grenzübergänge strömten. Dem Chef der Passkontrolle an der Bornholmer Straße in Berlin blieb in dieser Nacht nur die verhängnisvolle Wahl: Grenzen öffnen oder schießen lassen. Für ein paar Stunden schienen alle Gesetze außer Kraft zu sein. Es herrschten Improvisation und Spontaneität statt Kontrolle und Gehorsam. Kurz nach Mitternacht standen bereits alle Grenzübergänge in Berlin offen. Die Menschen brachen in Freudentränen aus und lagen sich jubelnd in den Armen. Am Brandenburger Tor stiegen Ost- und Westberliner auf die Mauer, tanzten und feierten stundenlang. Diese Nacht wurde zum größten Freudenfest in der deutschen Geschichte. Am nächsten Morgen, einem Freitag, erschien ein Großteil seiner Kollegen nicht zur Arbeit. Die große Freude, das Glück und vielleicht auch die Angst, dass alles ein Irrtum gewesen sein könnte, hatte sie umgehauen oder in den Westen getrieben, um das Begrüßungsgeld zu verprassen oder gleich dort zu bleiben. Der Jubel hatte die Ost-West-Grenze überwunden. Ostern und Weihnachten fielen auf einen Tag. Tausende standen an den Polizeirevieren, um sich einen Stempel in den Ausweis drucken lassen, um in den Westen reisen zu können. Fahren war in diesen Tagen eher übertrieben. Eher stehen, denn es gab kilometerlange Staus auf den Autobahn in Richtung Westen, die bereits auf der Magdeburger Tangente begannen. Und wer dann irgendwann die 40 km Autobahn von Magdeburg nach Marienborn geschafft hatte, stand wieder an der Grenze. Jubelnd wurden sie empfangen, hupend erwiderten die Trabbi- und Wartburgfahrer die freundlichen Grüße. Drei Wochen später reisten Stefan, Martina und ihr Sohn Benjamin mit dem Zug nach Kirchweyhe bei Bremen zur Oma. Was freute sich die weißhaarige Greisin, ihren Enkel nach so kurzer Zeit bereits wiederzusehen. Stefan hatte aus Jux und Dallerei im Sommer einen Antrag auf eine Besuchsreise gestellt, um seine Oma im Oktober zu ihrem Geburtstag zu besuchen und bekam diese erstaunlicherweise genehmigt. Am Vorabend des Geburtstages seiner Oma verkündete BRD-Außenminister Hans-Dietrich Genscher vom Balkon der Botschaft in Prag die Ausreisegenehmigung für Tausende DDR-Flüchtlinge. Damals konnte Stefan überhaupt nicht verstehen, warum all die Menschen in den goldenen Westen wollten. Stefan hatte immer noch die Hoffnung, dass sich die DDR mit Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umbau) nach den Vorschlägen des russischen Politikers Michael Gorbatschow verändern könnte. Er hatte die Bücher Gorbatschows mit großem Interesse gelesen und hoffte, dass sich der Sozialismus in eine völlig neue Richtung bewegen würde, denn er war der festen Überzeugung, dass das Ziel einer klassenlosen Gesellschaft nur erreicht werden könnte, wenn alle gemeinsam an einem Strang ziehen und offen über alles gesprochen wird. Vor allem sollte es darum gehen, gemeinsam darüber zu reden, welche die wirklich wichtigen Dinge es im Lande gibt und wie man sie angeht. Ein Partei oder einzelne Experten konnten nicht immer richtig liegen, zumal manche Parteiführer nicht mehr wirklich wussten, wie das Volk dachte und lebte. Stefan hatte Erich Honecker einen Brief geschrieben und ihm einige Fragen gestellt. Er schrieb zum Beispiel: Die persönliche und gesellschaftliche Zeitverschwendung, die durch Anstehen, Warten auf Ämtern und Behörden oder auf der Suche nach Konsumgütern auftritt, nimmt unvertretbare Ausmaße an. Mangelware wird hauptsächlich unter dem Ladentisch verkauft... Wie kommt es, dass nicht nur in volkseigenen Betrieben, sondern auch in Einrichtungen des Handels, der Dienstleistungen und der Medizin sich eine Art Scheu vor der Arbeit ausbreitet, dass das Motto lautet, durch wenig tun, an viel Geld zu gelangen, dass es Geschäftemacher gibt, die sich durch legalen oder illegalen Handel an einem Tag mehr als das Jahresverdienst einer ehrlich arbeitenden Familie ergaunern? Offenheit und sachliche Kritik statt geistiger Onanie müssen in unserer Presse herrschen. Auch in der Politik ist Ehrlichkeit ein Resultat der Stärke, Heuchelei ein Resultat der Schwäche. Im August 1964 erhielt der damalige Industrieminister Kubas, Ernesto Che Guevara, für 240 freiwillige Aufbaustunden im Quartal die Urkunde »Aktivist der kommunistischen Arbeit«. Ob es solche Minister noch gibt? Eine interessante und wichtige Frage ist – machen wir unsere Arbeit richtig? Bei einiger Überlegung kommt darauf, dass die passendere Frage lauten muss: Machen wir die richtige Arbeit? Am 5. Januar 1927 erfolgte die Grundsteinlegung der Magdeburger Stadthalle, die nach dem Willen ihres Schöpfers nahezu 5000 Besuchern Raum bieten sollte. Nach viereinhalb Monaten des gleichen Jahres fand am 29. Mai die Schlüsselübergabe statt. Wie haben die damaligen kapitalistischen Baubetriebe das schaffen können?... Es gab einige, die mir von diesem Brief abgeraten haben. Sie befürchtete für mich und den Betrieb negative Auswirkungen. Es liegt nicht in meiner Absicht, jemanden in die Pfanne zu diffamieren, aber die Partei selbst fordert dazu auf, kritisch und selbstkritisch mit Ursachen für Hemmnisse und Mängel in der Arbeit auseinanderzusetzen und dafür mit Beharrlichkeit zu sorgen, dass unabdingbare Veränderungen mit dem fälligen Resultat herbeigeführt werden. Das versuche ich. Ein Jahr später, im November 1989, schrieb Stefan in einem weiteren Brief an die Parteiführung: »Vor über einem Jahr schrieb ich einen Brief an das Politbüro mit kritischen Bemerkungen, die heute von jedermann ausgesprochen werden. Die Reaktion darauf war für mich erschütternd. Als Ergebnis gab es ein Gespräch mit führenden Genossen des Zentralkomitees, der Bezirksleitung und der Betriebsleitung. Meine in diesem Brief geäußerten Gedanken wurden in den meisten Fällen als falsch und unvollständig zurückgewiesen. Mir wurde Unkenntnis der politischen Zusammenhänge und Realitäten vorgeworfen. Der Stil meiner Kritik sei gegenüber dem alten Politbüro anmaßend und frech gewesen. Die sich daraus ergebende Schlussfolgerung war, dass ich mich in einer produktionsnahen Tätigkeit bewähren sollte. Wenig später eröffnete mir der zuständige Betriebsleiter, dass ich mit sofortiger Wirkung zum Schichtleiter befördert sei. Er versuchte mir einzureden, wie wichtig diese Tätigkeit sei und dass bei meiner Weigerung ein Parteiauftrag ausgesprochen werden könnte. So willigte ich nach langem hin und her ein. Vom ehemaligen, durch die Bezirksleitung bestätigten, Nachwuchskader zum Nachtwächter der Produktion ging es sehr schnell. Die mit meinem Brief in Zusammenhang stehenden Diffamierungen breiteten sich rasend schnell über den ganzen Betrieb aus. Weil mein vertrauensvoller Brief an das Politbüro auf Dienstbesprechungen von verschiedenen Abteilungen des Betriebes zerrissen wurde und böswillige Gerüchte über mich im Betrieb verbreitet wurden, verließ ich den Betrieb letztendlich. Heute bin ich Abteilungsleiter für Planung von Wissenschaft und Technik in einem anderen Magdeburger Betrieb. Nicht mehr lange werde ich diese Funktion ausüben können, denn einige Tätigkeiten meiner Abteilung konnten durch die Nutzung moderner PC-Technik rationalisiert werden. Ich denke, durch die Wirtschaftsreformen werden viele statistische Tätigkeiten wegfallen. Deshalb werde ich mich bemühen, meine jetzigen Kenntnisse auf dem Gebiet der Rechentechnik zu vertiefen. Das soll mein Beitrag zur Effektivitätssteigerung des Betriebes sein.« Da nach der Grenzöffnung in jenem Betrieb Gerüchte aufkamen, dass ein großer westlicher Konzern dieses Produktionsstätte kaufen wollte und die kleine Forschung, wo er wirkte, schließen sollte und die Produktion auf Ersatzteile beschränkt werden sollte, war Stefan fest entschlossen, sich neu orientieren. So freuten sich die Besucher nicht nur über die Oma und ihre Liebenswürdigkeiten, sondern auch über die Chance, Auskünfte zu einer Übersiedlung einzuholen. Stefan...




