Plutarch Von Liebe, Freundschaft und Feindschaft
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8438-0063-1
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Übersetzt von Johann Christian Felix Bähr. Neu herausgegeben von Lenelotte Möller
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: Kleine philosophische Reihe
ISBN: 978-3-8438-0063-1
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der griechische Philosoph und Schriftsteller Plutarch stammte aus Chaironeia in Böotien, wo er auch einen Großteil seines Lebens verbrachte. Er studierte in Athen, wurde mit verschiedenen Philosophenschulen bekannt - vor allem der Stoa und dem Platonismus - und reiste viel. Obwohl er das römische Bürgerrecht erhielt, fühlte er sich stets als Grieche.Dennoch nahm er mehrere Magistraturen (Ämter) in der Provinz Achaia wahr und übernahm am Apollontempel von Delphi ein Priesteramt. Nur etwa die Hälfte seiner umfangreichen Werke sind erhalten.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Einleitung
Wie man den Schmeichler vom Freund unterscheiden kann
Wie man von seinen Feinden Nutzen ziehen kann
Von der Menge der Freunde
Von der Bruderliebe
Über die Liebe zu den Kindern
Von Neid und Hass
Trostschreiben an seine Gattin
Gespräch über die Liebe
Liebesgeschichten
Wie man von seinen Feinden Nutzen ziehen kann
(1) Ich sehe, Cornelius Pulcher, dass du dich für eine sehr milde Staatsverwaltung entschieden hast, bei der du dem Staat sehr nützlich sein und dich allen, welche sich an dich wenden, freundlich erweisen kannst. Man findet nun zwar ein Land, das von wilden Tieren frei ist, aber eine Staatsverwaltung, die weder Neid noch Eifersucht noch Streit veranlasst hat, welche Eigenschaften doch wohl am ehesten Feindschaft erregen können, ist bis jetzt noch nicht gefunden worden, sondern man wird, wenn auch durch nichts anderes als durch die Freundschaft selbst veranlasst, in Feindschaft verwickelt. In diesem Sinn richtete der Weise Chilon165 an einen, der keinen Feind zu haben versicherte, die Frage, ob er auch keinen Freund habe; darum sollte nach meinen Ermessen ein Staatsmann den Gesichtspunkt der Feindschaft wohl in Betracht ziehen, besonders aber auf Xenophons Wort166 aufmerksam sein, dass ein verständiger Mann auch aus seinen Feinden Nutzen zu ziehen wisse. Was ich nun über diesen Gegenstand neulich vorgetragen habe, sende ich Dir schriftlich fast in denselben Formulierungen zu, und soweit es möglich war, unter Auslassung all dessen, was in den Vorschriften für den Staatsmann bemerkt wurde, weil ich sehe, dass du jene Schrift öfters in die Hand nimmst.
(2) In der Vorzeit war man zufrieden, von den Geschöpfen, die nicht unsere Gattung sind, den wilden Tieren, keinen Schaden zu erleiden, und dies bezweckten die Kämpfe mit diesen Tieren. Später lernte man dann dieselben zu gebrauchen und Nutzen aus ihnen zu ziehen, indem man sich von ihrem Fleisch nährt, mit ihren Haaren bekleidet, mit Galle und Molken heilt, und mit ihren Fellen bewaffnet, sodass man sogar zu befürchten hat, dass, wenn es dem Menschen einst an Tieren fehle, sein eigenes Leben tierisch, bedürftig und verwildert werden könnte. Weil nun die meisten Menschen zufrieden sind, wenn sie von ihren Feinden keinen Schaden erleiden, die Verständigen aber, wie Xenophon sagt, von ihren Feinden sogar Nutzen zu ziehen wissen, darf man dies nicht verwerfen, sondern muss Mittel und Wege suchen, durch die das Gute gewonnen wird, da es unmöglich ist, ohne Feinde zu leben. Nicht jeden Baum kann der Landmann zahm machen, ebenso wie auch der Jäger nicht jedes Wild bezähmen kann. Sie versuchen daher zu anderer Verwendung, der eine aus unfruchtbaren Bäumen, der andere aus wilden Tieren Nutzen zu gewinnen. Das Meerwasser ist schlecht und nicht zum Trinken. Aber es nährt Fische und geleitet Reisende, wie auf einem Wagen, überall hin. Als der Satyr beim Anblick des Feuers dasselbe küssen und umarmen wollte, sprach Prometheus:
- Da würdest du wohl am Barte leiden, Bock, es brennt den,
- der es anrührt.167
Aber es gewährt Licht und Wärme und ist für die, welche es zu gebrauchen wissen, das Werkzeug zu jeglicher Kunst. Man muss daher achtgeben, ob man dem Feind, wenn er auch schädlich ist und sich schwer umgehen lässt, auf irgendeine Weise beikommen und ihn zum eigenen Vorteil gebrauchen kann. Es gibt viele Dinge, welche dem, den sie angehen, unangenehm, ärgerlich und zuwider sind. Indessen sieht man auch, wie manche Menschen Krankheiten ihres Körpers benutzt haben, um sich von den Geschäften zurückzuziehen, viele aber auch durch die ihnen zugefallenen Arbeiten gestärkt und geübt wurden, manche sogar den Verlust des Vaterlandes oder die Einflüsse ihres Vermögens als ein Mittel zu philosophischen Studien ansahen, wie Diogenes und Krates. Als Zeno erfuhr, dass sein Handelsschiff gescheitert war, rief er aus: »Du tust wohl daran, o Schicksal, dass du mich zum Philosophenmantel treibst.« Wie solche Tiere, die einen starken Magen haben und völlig gesund sind, Schlangen und Skorpione verzehren und verdauen, andere sich sogar von Steinen und Schalen ernähren, die sich unter der Stärke und Wärme ihres Atems zu Essbarem verwandeln, sieche und kranke Menschen hingegen, selbst wenn sie Brot und Wein nehmen, Ekel empfinden, so zerstören törichte Menschen selbst die Freundschaft, während die Verständigen sogar die Feindschaft gut zu nutzen wissen.
(3) Zuvörderst glaube ich, dass das, was bei der Feindschaft am schädlichsten ist, für den Aufmerksamen höchst nützlich werden kann. Worin besteht dies nun? Der stets wachsame Feind umlauert alle deine Handlungen, er sucht überall eine Gelegenheit, umlauert deinen Lebenswandel. Er sieht nicht nur wie ein Lynkeus durch die Eiche oder durch Steine und Scherben,168 sondern auch durch einen Freund, durch einen Diener und durch jeden Bekannten. Er späht, soweit es möglich ist, alles aus, was wir unternehmen. Er durchgräbt und durchforscht unsere Vorhaben. Wir erfahren oft aus Zaudern und Nachlässigkeit nicht, wenn unser Freund krank oder gestorben ist, während wir uns bei unseren Feinden uns beinahe um ihre Träume kümmern. Und die Freunde selbst wissen oft weniger von unserer Krankheit, unseren Schulden, unserer Uneinigkeit mit der Frau, als der Feind. Dieser hält sich hauptsächlich an unsere Fehler und spürt ihnen nach, und wie die Geier dem Geruch des Aases nachgehen, aber für reine und gesunde Körper kein Empfinden haben, so zieht auch das, was an unserem Leben krankhaft, schlecht und leidend ist, den Feind an. Er eilt voll Hass demselben zu, packt es an und zerfleischt es. Ist dies nun nützlich? Allerdings. Dazu nämlich, dass wir vorsichtig in unserem Leben sind, dass wir auf uns achten, nicht unüberlegt und unbesonnen in Handlungen wie in Worten sind, sondern unseren Lebenswandel wie bei einer strengen Diät stets untadelhaft erhalten. Denn eine solche Vorsicht, welche die Leidenschaften im Zaum hält und die Vernunft ihre Pflicht beachten lässt, erweckt ein eifriges Bestreben und einen festen Vorsatz, ein anständiges, tadelloses Leben zu führen. Wie diejenigen Städte, welche durch Kriege mit Nachbarn und durch anhaltende Feldzüge zur Besonnenheit gekommen sind, eine gute Gesetzgebung und eine vernünftige Staatsverwaltung lieben, so werden auch die, welche durch mancherlei Feindschaft genötigt worden sind, ein nüchternes Leben zu führen, sich vor Leichtsinn und Übermut zu hüten und in ihren Handlungen Nützlichkeit zu sehen, unvermerkt durch die Gewohnheit von Fehlern frei und kommen zu einem gesitteten Lebenswandel, wenn dies der Unterricht nur einigermaßen unterstützt. Denn Homers Wort:
- Traun, wohl freuen wird sich Priamos dessen und Priamos Söhne.169
kann den, der sich stets daran erinnert, aufmerksam machen und von dem abhalten, worüber ein Feind sich freuen und ihn verlachen würde. Wir sehen auch die Schauspieler für sich alleine auf dem Theater oft nachlässig, ohne Eifer und Anstrengung spielen. Wenn sie sich aber mit anderen im Wettstreit befinden, geben sie sich samt ihren Instrumenten mehr Mühe, stimmen die Saiten und spielen mit größter Sorgfalt und Ordnung. Wer nun weiß, dass er in seinem Feind einen Gegner seines Lebens und Ruhmes hat, achtet mehr auf sich, überlegt seine Handlungen und ordnet sein Leben. Denn auch dies ist ein eigenes Zeichen des Lasters, dass man sich vor seinen Feinden mehr als vor seinen Freunden seiner Vergehen schämt. Daher erwiderte Scipio Nasica einigen, welche durch die Zerstörung Karthagos und die Unterwerfung der Achaier den römischen Staat für gesichert hielten: »Gerade jetzt sind wir in einer gefährlichen Lage, da wir uns niemanden übrig gelassen, vor dem wir uns zu fürchten oder gar zu schämen haben.«
(4) Damit ist noch des Diogenes Ausspruch zu verbinden, der sehr philosophisch und politisch ist: »Wie soll ich mich am Feinde rächen? Dadurch, dass ich selbst ein guter und rechtschaffener Mann werde.«170 Man ärgert sich, wenn man jemanden die Pferde eines Feindes rühmen oder dessen Hunde loben hört. Man seufzt sogar, wenn man dessen Feld gut bestellt oder dessen Garten blühen sieht. Und was wird dann erst geschehen, wenn du dich als gerechter Mann erweist, als ein offener, rechtschaffener, der in seinen Reden wohlberüchtigt und in seinen Handlungen rein ist, unsträflich in seinem Lebenswandel,
- erntend Furche vom tiefen Saatfeld seiner Brust,
- woraus hervorspießt weisen Rats Besonnenheit.171
Die Besiegten, sagt Pindar, sind in Sprachlosigkeit gefesselt, doch nicht immer und auch nicht alle, sondern nur die, welche sich von ihren Feinden an Sorgsamkeit, Rechtschaffenheit, edler Gesinnung, Menschenliebe und Wohltätigkeit besiegt sehen. Dies lähmt, wie Demosthenes sagt, die Zunge, verstopft den Mund, bringt zum Ersticken und zum Schweigen.
- Sei du denn besser als die Schlimmen, da du kannst.172
Wenn du aber deinen Feind ärgern willst, so schimpfe ihn nicht einen Wollüstling, einen Weichling oder einen ausschweifenden, schmutzigen oder gemeinen Menschen, sondern sei selbst ein Mann, handle besonnen, rede die Wahrheit und behandle die, welche mit dir umgehen, liebevoll und gerecht. Wirst du aber zum Schimpfen verleitet, so halte dich so fern wie möglich von dem, was du anderen vorwirfst, gehe in dich selbst und blicke auf deine Fehler, damit nicht irgendein Laster auch dir das Wort des tragischen Dichters zurufe:
- Ein Arzt für andere, strotzt er doch vor Geschwüren selbst.173
Nennt dich jemand ungebildet, so zeige umso mehr Lernbegierde und Fleiß; nennt man dich feige, so wecke in dir umso mehr männlichen Mut; oder geil und ausschweifend, so tilge aus deiner Seele jede Spur von Wollust, die darin etwa noch verborgen ist. Denn nichts ist schimpflicher, nichts kränkender als eine Schmach, die auf den Schmähenden zurückfällt. So wie der Widerschein des Lichts schwache Augen mehr angreift als das Licht selbst, so...




