E-Book, Deutsch, 221 Seiten, Format (B × H): 137 mm x 212 mm
Pleijel Doppelporträt
Novität
ISBN: 978-3-8251-6246-7
Verlag: Urachhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Roman über Agatha Christie und Oskar Kokoschka
E-Book, Deutsch, 221 Seiten, Format (B × H): 137 mm x 212 mm
ISBN: 978-3-8251-6246-7
Verlag: Urachhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Agneta Pleijel gehört zu den etabliertesten Schriftstellerinnen Schwedens. Seit ihrem Debüt 1970 hat sie Romane, Gedichte und Dramen veröffentlicht und ist mit zahlreichen Preisen dafür ausgezeichnet worden, u.a. mit dem Nordischen Preis der Schwedischen Akademie und dem Övralids-Preis. Ihre beiden autobiografischen Romane der letzten Jahre und ihr jüngster Roman über Agatha Christie und Oskar Kokoschka wurden in Schweden von den Kritikern gefeiert.
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Als sie den geheimen Garten betraten, hielt Nursie ihre Hand mit festem Griff. Großmutter sträubte sich. Ich will alleine gehen, lass mich los!
Wollen kannst du viel, Darling.
Und du bist eine alte Hexe, Nursie!
Das hat sie Mathew erzählt. Sie war drei Jahre alt, und ihre großen Zehen zeigten direkt zueinander. Ununterbrochen stolperte sie darüber. Sie lebte in ihren Fantasien, unter Küchlein, Hexen und Prinzessinnen. Dann wurde sie vier und verliebte sich zum ersten Mal und gleich über beide Ohren. In einen Freund ihres Bruders Monty.
Nursie hatte sie an der Tür zur Bibliothek abgegeben, wo die Erwachsenen saßen. Sie brauchte nur einen Blick auf ihn zu werfen, auf seine goldfarbenen Locken und seine schmalen weißen Hände — ein Prinz —, und die Verliebtheit schlug ein wie ein Blitz. Und ließ sie sich ihrer selbst quälend bewusst werden.
Sie musste aufpassen, am Esstisch nicht neben ihm zu landen. Wenn sie ihn am Hausgiebel erblickte, ergriff sie die Flucht. Bei den Himbeersträuchern machte sie halt und wandte sich zurück, um ihn in Ruhe betrachten zu können. Als er abfahren sollte und erschien, um sich zu verabschieden, war sie nicht da.
Man musste nach ihr suchen und rufen. Vergeblich. Sie versteckte sich im Gras, weit weg von den Augen der Rosen. Was unterschied Jungen von Mädchen? Die Kleidung natürlich. Was befand sich unter den Kleidern des Liebsten? Das beschäftigte sie, wie auch die Gedanken darüber, was ein Mädchen ist, obgleich sie noch nichts von dem weiß, was, wie sich später herausstellen soll, zu betörenden Schauern führt. Als sie das sagt, zwinkert Großmutter Mathew vielsagend zu, doch da ist er bereits erwachsen.
Er hat die Geschichte dieser Verliebtheit oft gehört.
Sie hatte die Rufe sehr wohl vernommen, blieb jedoch reglos und still rücklings im Gras liegen. Wo in aller Welt hast du nur gesteckt, wollte Nursie später wissen. Man muss nicht auf alle Fragen antworten. Sie zuckte mit den Schultern und schwieg.
Als sie fünf Jahre alt wurde, bekam sie zum Geburtstag einen Welpen geschenkt. Wie hatte sie sich nach einem Hund gesehnt! Mit weichem Fell. Rauer Zunge. Mit Gekläff und flinken Pfoten. Ihr Vater stand auf der Schwelle des Zimmers, das sie sich mit Nursie teilte, und hielt das Hündchen an der Leine. Ein Yorkshireterrier!
Wieder das Gleiche, ein Blitz durchfuhr sie von der Haarschleife bis zu den Fußsohlen. Diese schwindelerregende Verliebtheit. Die Freude ist viel zu groß. Sie überwältigt sie, und sie ist den Tränen nahe. Voller Panik muss sie aus dem Zimmer stürzen, sich auf die Hintertreppe des Hauses setzen und die Schürze über den Kopf ziehen.
Ihr Vater mit dem Hund an der Leine hinterher.
Agatha, wir dachten, du solltest einen Spielkameraden haben. Willst du ihn denn nicht?
Schweigen.
Antworte, Agatha.
Klar will ich ihn haben (dumpf durch den Schürzenstoff).
Wie soll er denn heißen?
Langes Schweigen.
Er heißt Tony.
Aha, . Willst du dich dann nicht mit Tony bekanntmachen?
Sie umkreiste den Hund auf dem Kies vor der Treppe. So hat sie es in Erinnerung und erzählt es. Wie heftig ihr das Herz klopfte! Sie schluchzte, Papa hielt ihr die Leine hin, und Tony hüpfte an ihr hoch. Erst nach vielen Sprüngen wagte sie, sich hinzuhocken und ihn in die Arme zu schließen. Man muss sich langsam gewöhnen, um vor so viel Freude nicht tot umzufallen. Das Hündchen bekommt schon bald einen prächtigeren Namen: George Washington. Im Alltag aber bleibt er Tony.
Großmutter und er werden unzertrennlich. Nachdem das Hündchen bei ihr eingezogen ist, muss Nursie ausziehen. Da ist Großmutter fast sieben. Es stimmt, dass sie keine Spielkameraden hat, und deshalb bekommt sie einen Hund.
Sie war ein einsames Kind, obgleich sie zwei ältere Geschwister hatte.
Doch Madge ging, außer zu Bällen, mit anderen großen Mädchen in London zur Schule. Monty war ungefähr ebenso alt und ging in eine Schule für Jungen, danach sollte er zum Militär. Zu Weihnachten und in den Sommerferien kamen beide heim und foppten ihre kleine Schwester, bevor sie losstürmten, um ihre Freunde in Torquay zu treffen und Tee zu trinken, Tennis zu spielen, zu tanzen und zu flirten. Fühlte sie sich einsam?
Aber nein, niemals. Sie hat einen ganz eigenen Sinn; sie schließt die Augen und öffnet eine kleine Luke im Kopf, und aus dieser treten ganze Gefolge heraus. Katzenmütter und Katzenjunge. Mädchen, manche reich und hochnäsig, andere arm und in Lumpen gekleidet. Sie redet ununterbrochen mit der Katzenfamilie, mit der Mädchenkolonie und all den anderen Geschöpfen. Sie war nicht allein.
Du verstehst, Mathew, sagt sie, man ist nie allein, wenn man es nicht will.
Doch tief im Inneren war sie scheu; was sie sich am meisten wünschte, lähmte sie. Dennoch sorgte sie stets dafür, dass sie bekam, was sie wollte. Es ist ein Charakterzug, den Mathew schon früh bemerkte. Man tut einfach, was man will, sagt sie, man braucht nicht zu fragen. Für Großmutter steht das Leben niemals still.
Mathew behält das, was sie gesagt hat, im Gedächtnis.
Als Großmutter anfing, ihm Märchen zu erzählen, war er noch klein. Er schaukelte auf ihrem Schoß wie in einem Vogelnest im Sturm. Sie schüttelte ihn wie bei einem heftigen Orkan, bis er vor Lachen fast erstickte.
Ihre unsichtbaren Freunde blieben ihr jahrelang erhalten. Als sie sieben war, erlaubte man ihr, begleitet von Tony, durch die Gattertür in den dritten Garten hinauszugehen. Sie lag im Gras, und ihr Blick verlor sich in den schaukelnden Baumkronen, während Tony die Maulwürfe ankläffte. Keiner konnte wissen, von wie vielen Geschöpfen der geheime Garten bevölkert war.
Indische Prinzessinnen. Edelleute aus weit entfernten Schlössern. Vagabunden aus den Wäldern. Schottische Ritter. Tanzende Bären. Böse Feen und Wahrsager. Und Maharadschas, britische Generäle und Kapitäne mit Karten und Feldstechern. Unsittliche Weibsbilder und Londons Bettelkinder.
Alle, die ihr in Büchern begegnet waren, die ihr nicht erlaubt waren zu lesen.
Ihre Mutter Clara, sie nannten sie Clarissa, vertrat die Auffassung, dass das Kind, das zuletzt gekommene, nicht zu früh in die Schule gehen und lesen lernen sollte. Stattdessen erzählte Clarissa ihr Märchen, die sie selbst erfand.
Sie waren unendlich und führten nirgendwohin. Am Abend darauf, wenn sie wissen wollte, wie die Sache ausging, hatte Clarissa das Ganze vergessen und fing mit einer neuen endlosen Geschichte an.
Kein Ende, nur verschlungene Wege in neue schauerliche Abenteuer. Sie erinnert sich, erzählt sie Mathew, wie schrecklich sie waren. Furchterregend. Sie lernte, dass Geschichten eine Sache sind, die Wirklichkeit aber eine ganz andere ist. Das musst du wissen, Mathew. Märchen sind nicht dasselbe wie das, was in Wirklichkeit geschieht.
Clarissa, Agathas tote Mutter, war ein unruhiger Geist. Sie konnte in die Zukunft schauen. Sie verließ die anglikanische Kirche, um Anhängerin des Zoroaster zu werden, dann Buddhas, danach des Spiritismus und der Theosophie. Agathas Vater Fred fiel es schwer, all den Wendungen zu folgen, doch mischte er sich klugerweise nicht ein.
Er war in Amerika geboren, war stets freundlich, zuvorkommend und ebenso faul.
Nachdem er beschlossen hatte, nach England zu ziehen, zu heiraten und von den Erträgen eines geerbten New Yorker Mietshauses zu leben, verbrachte er seine Tage im Club. Morgens nahm er eine Droschke dahin. Dort las er Zeitungen und konversierte mit den Herren. Später am Nachmittag nahm er wieder eine Droschke heim.
Ansonsten erwarb er Antiquitäten.
Marmorstatuetten, silberne Taschenuhren, Kleiderschränke aus Eichenholz, mittelalterliche Stühle und vor allem Bücher, gebunden in Leder. Oftmals, nachdem sie von sich aus lesen gelernt hatte, schlich sie sich in seine Bibliothek. Während Tony am Fußende des Bettes in Hundeträumen winselte und jaulte, las sie ohne Unterlass.
Keltische Sagen. . Conan Doyle, sie liebte den . Shakespeare, natürlich. Jane Austen. Sir Walter Scott. Und nicht zuletzt Charles Dickens aus Papas Büchersammlung.
Großmutter meint, das Beste, was man einem Kind geben könne, sei eine glückliche Kindheit. Sie habe eine unbeschreiblich glückliche Kindheit gehabt, versichert sie. Auch ihrem einsamen Enkel will sie eine solche geben.
Mathew ist sich als Erwachsener nicht völlig sicher, ob er alle Details aus der Jugend seiner Großmutter an der richtigen Stelle einordnet.
Als er zehn oder elf ist, überschreibt sie ihm die Einnahmen für ihr...




