Pircher | Rosenquarz | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

Pircher Rosenquarz

Erzählungen
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7099-3546-0
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählungen

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

ISBN: 978-3-7099-3546-0
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine flüchtige Affäre mit Amir, einem iranischen Geschäftsmann, ruft in Paula schmerzhafte Erinnerungen wach: Jahre zuvor, während ihres Studiums in Kalifornien, war der Campus-Kollege, den alle den 'Schah' nannten, ein schöner, undurchschaubarer Mann aus einer Kultur, die ihr völlig fremd blieb, nach einem gemeinsamen Mittagessen über sie hergefallen, hatte sie vergewaltigt, hatte sie gedemütigt, seine Spuren auf ihrem Körper, in ihrer Haut hinterlassen. Vieles, was sie damals am 'Schah' fasziniert hatte, findet sie nun in Amir wieder, und lange Zeit weiß sie nicht, was sie in Amir sehen soll - den Wiedergänger ihres Peinigers oder sein sanftes Gegenstück. Amir und Paula, Rupert und die rothaarige Frau, mit der er im Pool schwimmt, die unbeholfene Frau in der Buchhandlung oder der Mann im Bus - von ihnen schreibt Anne Marie Pircher in ruhigen Bildern und mit leisen Klängen. Nicht auf der Suche nach spektakulären Höhepunkten, sondern den Blick auf die schlichten Details gerichtet, begleitet Pircher sie, wandert mit ihnen an der Gratschneide entlang, die den Alltag vom Phantastischen und Surrealen trennt, und erzählt ihre Geschichten, in denen immer wieder die Magie aufblitzt, die sich in der Realität versteckt.

Anne Marie Pircher, geboren 1964, aufgewachsen bie Meran, lebt heute mit ihrer Familie auf einem Bauernhof in Kuens bei Meran. Im Jahr 2002 wurde sie zum österreichischen Literaturwettbewerb 'Floriana' eingeladen. Bei Skarabaeus bisher erschienen: Kopfüber an einem Baum. Erzählungen (2003), Rosenquarz. Erzählungen (2007).
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9.


Das rote Kleid. Paula kniet auf dem Dachboden ihrer Wohnung und wühlt in der alten Kommode. Wie besessen sucht sie nach dem Stück Stoff, das sie einmal, ein einziges Mal an einem Sommerabend im kalifornischen Santa Barbara getragen hat. Die Erinnerung ist wie eine große Welle auf Paula zugekommen, hat sie mit Wucht erfasst und ihr das rote Kleid an den Körper geworfen. Sie atmet aufgeregt. Das Kleid muss gefunden werden, um der Erinnerung trauen zu können. Sie gräbt sich durch einen Haufen längst vergessener Kleidungsstücke. Einige wirft sie dabei ungeduldig auf den Boden. Am Ende aber findet sie nur aus der Mode gekommene Klamotten, die nicht älter als höchstens acht Jahre sind. Vor sieben Jahren ist sie in diese Wohnung eingezogen. Paula erinnert sich jetzt, dass sie damals beim Umzug einiges an die Caritas und die Hilfsorganisationen für den Kosovo abgegeben hat. Ein rotes, ärmelloses Kleid für die armen Kosovo-Albaner! denkt Paula und schüttelt den Kopf. In ihren Augenhöhlen brennt ein stechender Schmerz. Ihre Gedanken laufen kreuz und quer durch ihr Hirn. Kalifornien. Damals war sie neunzehn. Der Sommer nach ihrer Matura. Vor vierzehn Jahren also. Sie schließt die Augen, um sich in jenem roten Kleid wiederzuerkennen. Versucht einen Ort einzugrenzen, an dem sie es anprobiert und gekauft haben könnte. The Big Store taucht in großen Lettern aus der Erinnerung auf: ein großes, dreistöckiges Gebäude mit Rolltreppen und lauter Musik, in dem Paula an den Kleiderstangen entlangirrt. Da plötzlich hält sie das rote Textil in die Luft, greift mit einer Hand nach dem fließenden Stoff und verschwindet kurz darauf hinter einem Vorhang, wo sie aus ihren Jeans schlüpft. Dann dreht sie sich vor dem Spiegel. Ihr erstes Kleid als junge Frau! Eine weiche, rote Schale, die ihre Figur aufreizend betont. Augenblicke später schnappen lange Fingernägel nach den grünen Dollarnoten, die Paula über eine Theke geschoben hat. Eine Frau grinst aus einem grell geschminkten Gesicht, als hätte sie einen Eid darauf abgelegt. In einer weißen Plastiktasche mit grellgrünem Aufdruck trägt Paula das Kleid in einen Vormittag voll Licht und Sonne.

Unmöglich, dass sie dieses Kleid vor ein paar Jahren in einen der gelben Caritas-Säcke gesteckt hat! Sie steht auf und geht hinunter ins Wohnzimmer. Ihr Unterleib beginnt zu schmerzen. Es ist wieder jenes Ziehen, das sie seit ein paar Tagen immer öfter befällt. It was my fault, denkt sie, ohne zu wissen, wofür sie sich eine Schuld zuschreibt. Es ist einer dieser Sätze auf Englisch, die sich immer wieder in ihre Gedanken schleichen. Sie legt sich auf das Sofa und versucht, jenen Moment zurückzuholen, an dem sie das Kleid das erste und scheinbar einzige Mal getragen hat. Da ist das Universitätsgelände, der Campus. Ein eigenes, kleines Dorf, in dem alle ein Fahrrad und einen Rucksack besitzen. Die vielen Cafés, in denen junge Leute aller Nationen herumlungern, auch die neunzehnjährige Paula. Das Café Roma. Darunter ein Keller, eine düstere Bude mit gut gelauntem, jungem Volk. Paula beißt auf dem Sofa an ihrer Unterlippe und versucht, sich diesen Raum aus der Ferne herzuholen. Es gibt keine Fenster. An einer Wand steht ein großer langer Tisch mit Getränken und kleinen Snacks. Dahinter ein Mann mit Kopfhörern, der mit den Fingern schnippt. Eine Musik beginnt in Paulas Ohren wie von weither aus einem tiefen Loch aufzusteigen. Laute, rhythmische Musik. Flamenco. Einige der jungen Menschen, die am Boden sitzen, klatschen. Sie bilden einen Kreis, in dessen Mitte barfüßig eine junge Frau tanzt. Paula erkennt sich jetzt genau. Mit glasklaren Linien zeichnet ihr Bewusstsein nun die Bewegungen ihres jungen Körpers in der stickigen Luft des Kellerraums. Das rote Kleid fliegt hemmungslos um ihre nackten Beine. Die Hüften bewegen sich, als wären sie im Takt dieser Musik geboren. Ihre Arme tanzen über den offenen Haaren und entblößen dabei die rasierten Achselhöhlen. Dann greifen ihre Hände in die Taille, und ihr Kopf hebt sich zu einem stolzen Blick in die Runde. Junge Frauen und Männer lachen ihr vergnügt entgegen. Jemand reicht ihr ein Glas kalte Limonade. Ein junger Mann steht auf und klatscht in die Hände, um Paula zum Weitertanzen zu animieren. Die Musik dringt mit immenser Kraft in ihren Körper und lässt sie nicht müde werden. Eine völlig neue Energie bricht aus ihr heraus. Sie hat das noch nie erlebte Gefühl, eine ganz andere zu sein, als die sie durch Elternhaus und Erziehung geworden ist. In einem fort tanzt sie, und nichts scheint diesem Tanz ein Ende setzen zu können. Endlos windet er sich weiter und gibt keinen Blick auf das Danach frei, auf ein Zimmer, in das sie sich schlafen gelegt hätte. Auch keinen Stuhl, über den sie das Kleid geworfen haben könnte. Nichts als diese unermüdlich tanzende, jugendliche Paula. Dabei dringt das Bild der rasierten Achselhöhlen klarer als alles andere in Paulas Kopf auf dem Sofa. Sie richtet sich rasch auf, weil ihr übel geworden ist. Frische Luft, denkt sie, und rennt zum Fenster, um es weit aufzureißen. Der kühle Abend dringt ins Wohnzimmer und hilft ihr aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurück. Aber diese Gegenwart ist seit vier Tagen von Bildern zerhackt, die wie kleine, längst verloren geglaubte Puzzle-Teile plötzlich auftauchen und jetzt auf ihre leer gebliebenen Plätze drängen. Dabei hat Paula sich an die leeren Plätze längst gewöhnt und sie nach eigenem Gutdünken übermalt.

Ohne dass sie es gewollt hat, dringen diese Bilder jetzt in ihr routiniertes Leben und werfen ihr Gleichgewicht durcheinander. Ein Mann aus dem Iran ist in ihr einfaches, geordnetes Dasein geplatzt. Hat ihr zehn Euro geschenkt, die sie nicht annehmen konnte oder wollte. Und gestern, nachdem sie diese läppische Schuld mit einer Gegenleistung beglichen hat und alles hätte ins Lot zurückkommen können, war sie nicht im Stande, nein zu sagen, als er sie zum Essen einlud.

10.


Amir steht unter der hell erleuchteten Marienstatue am Sandplatz. Als er Paula um die Ecke der Banca di Roma kommen sieht, geht er ihr ein Stück entgegen. Ihre Absätze klappern in der stillen Luft des Abends. Hier ist um diese Zeit, wie überall in der Stadt, wenig los. Nur die Taxifahrer sitzen wie Sträflinge in ihren Karossen und warten auf die eine oder andere Fahrt. Ein großer Springbrunnen, aus dem jetzt im Winter allerdings kein Wasser sprudelt, steht wie ein niederes, leeres Schwimmbecken auf der einen Seite des Platzes. Dahinter hoch und erhaben die Gottesmutter im Licht der Schweinwerfer. Sie hat die Stadt vor Feind und Not errettet, vor langer Zeit. Hi, sagt Paula und gibt Amir die Hand. Er sieht mit dem gekürzten Haar jünger aus, und Paula versucht für einen Moment, sich ihn als kleinen Jungen vorzustellen. Seine dunklen Augen fahren schnell über ihr Gesicht und dann über ihr lila Kostüm, das sie fraulicher wirken lässt als ihr Outfit gestern im Salon. Am hinteren Ende des Platzes ringt sich eine Mauer um ein kleines Schloss. Das Tor steht weit offen. Es ist von winzigen, kleinen Lampen umrahmt, die das alte Gemäuer in ein romantisches Licht werfen. Während sie auf den Eingang des Lokals zugehen, läutet die Kirchenglocke vom Pfarrplatz herüber. Es ist zwanzig Uhr, und Amir sagt, er habe einen Platz reservieren lassen. Er, der Ausländer, und erst seit wenigen Tagen in dieser Stadt, kennt das Restaurant im Innenhof des Schlosses bereits. Mit seinen Geschäftspartnern sei er vor wenigen Tagen hier gewesen. Das Essen sei vorzüglich. Dabei sieht er Paula von der Seite her an und lächelt so, als wüsste er um ein Geheimnis, das er ihr, der Einheimischen, jetzt vorzuführen gedenke. Sie kennt das Schloss besser von der anderen Seite. Dort finden sommers in einer kleinen Arena oft Freilicht-Theateraufführungen und Open-Air-Konzerte statt. Im Restaurant selbst ist sie noch nie gewesen, kennt es nur vom Hören-Sagen. Während sie durch das Tor in den kleinen Vorgarten treten, erinnert sie sich an jenes Konzert von Jan Garbarek in einer schwülen Julinacht vor drei Jahren. Kurz nach der Trennung von Gabriel ist sie in jenem Sommer das erste Mal ganz allein in ein Konzert gegangen. Sie wollte niemanden anrufen, der sie begleitet, sondern sich völlig dem Gefühl des Alleinseins inmitten einer Menschenansammlung hingeben. Irgendwo in den letzten Reihen saß sie dann, umgeben von gut gelaunten Leuten. Zu Beginn des Konzertes war es noch hell, und Paula studierte die vielen Gesichter um sie herum, versuchte auszumachen, ob noch jemand ohne Begleitung da war. Doch alle schienen mindestens zu zweit zu sein. Eifrig wurden rings um ihr Grüße und kurze Erzählungen ausgetauscht. Eine Flut von Mitteilungen, Küsschen und Umarmungen umgab sie wie ein Meer, in dem sie beziehungslos wie auf einer Insel saß. Das Gefühl der Einsamkeit legte sich in aller Härte um ihren Platz. Ihr war, als würden alle sie anstarren und als wäre auf ihrem Gesicht zu lesen, dass sie verlassen war. Doch dann fanden ihre Augen am äußersten Rand in der Reihe vor ihr einen Menschen, der, genau wie sie, allein und in sich verschlossen auf den Beginn der Musik wartete. Ein junger Mann mit Pferdeschwanz saß dort mit ernstem Blick. Ab und zu studierte er das Programmheft. Paula...


Anne Marie Pircher, geboren 1964, aufgewachsen bie Meran, lebt heute mit ihrer Familie auf einem Bauernhof in Kuens bei Meran. Im Jahr 2002 wurde sie zum österreichischen Literaturwettbewerb "Floriana" eingeladen. Bei Skarabaeus bisher erschienen: Kopfüber an einem Baum. Erzählungen (2003), Rosenquarz. Erzählungen (2007).



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