Pircher Kopfüber an einem Baum
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7099-3569-9
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 136 Seiten
ISBN: 978-3-7099-3569-9
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anne Marie Pircher, geboren 1964, aufgewachsen bie Meran, lebt heute mit ihrer Familie auf einem Bauernhof in Kuens bei Meran. Im Jahr 2002 wurde sie zum österreichischen Literaturwettbewerb 'Floriana' eingeladen. Bei Skarabaeus bisher erschienen: Kopfüber an einem Baum. Erzählungen (2003), Rosenquarz. Erzählungen (2007).
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Schattenlauf
Ich laufe mit meinem Schatten die Treppe hinunter. Es ist ein dunkles, düsteres Haus, eigentlich nur ein Turm, in dessen Mitte sich eine windende Treppe befindet. Ich weiß nicht mehr, wie ich ganz nach oben kam. Aber das spielt jetzt keine Rolle, denn ich muss nach unten, dort liegt der Ausgang aus diesem Turm. Ich laufe sehr schnell, geschickt auch. Denn es ist nicht ganz einfach, eine solche Treppe im Laufen zu meistern. Man läuft andauernd im Kreis und es wird einem ein bisschen schwindlig dabei. Auch wenn es ein offener Kreis ist, der sich nach unten hin immer ein wenig auftut, ist es doch nicht ganz einfach, ihn ohne Gleichgewichtsstörungen zu überwinden. Mein Schatten läuft ganz dicht hinter mir. Beinahe berührt er mich. Das gibt mir keinen richtigen Halt, sondern weist mir nur die Richtung. Er hindert mich daran, rückwärts zu laufen, er ist in gewisser Weise mein Antrieb. Ohne meinen Schatten würde ich wahrscheinlich gar nicht so laufen, sondern mich auf dieser langen, sich windenden Treppe zwischendurch hinsetzen und ausruhen, vielleicht würde ich auch nur langsam Stufe um Stufe nach unten oder aber wieder zurück nach oben steigen, weil ich ja nicht weiß, warum ich laufen sollte und warum gerade dem unteren Ausgang zu. Ich habe es eigentlich gar nicht so eilig, nach unten zu kommen, weil ich nichts vorhabe. Ich habe weder Hunger noch Durst noch sonst ein Bedürfnis, das befriedigt werden müsste. Ich könnte mir ganz ruhig, wenn ich ohne Schatten wäre, diesen Turm ansehen. Von innen. Ganz oben, daran erinnere ich mich noch, bevor ich den Weg nach unten antrat, ist der Turm offen. Ich habe lange Zeit dort oben verbracht. Auf der Plattform unterm Himmel. Wahrscheinlich waren es Jahre.
Es muss Frühling gewesen sein, als ich das erste Mal dort oben ankam. Ich erinnere mich, dass Schwalben sich in den Zinnen eingenistet hatten. Und dass ein leichter Wind durch die Gucklöcher blies. Der Himmel über mir war oft blau, meist mit dünnen, weißen Schleiern durchzogen. Ich habe hinunter auf eine Stadt sehen können durch eines der Gucklöcher. Diese Stadt schien mir so fern und unerreichbar, dass ich oft tagelang mit Hunger in den Augen ihre Häuser verschlang, ihre Straßen und Kirchtürme, ihre Plätze und Menschen, die in ihrer Geschäftigkeit wie Insekten aussahen.
Der Frühling war immer die Zeit der ersten Ankünfte. Sei es der Schwalben oder auch der vielen Menschen, die um diese Jahreszeit auf den Turm hinaufstiegen, um die Aussicht zu bewundern. Sie kamen und gingen, die Schwalben wie die Menschen. Und alle waren sie meist unbeschwert. Vor allem die Schwalben. Zwar gab es unter den Menschen immer mal wieder auch traurige oder zornige, überhebliche, eingebildete oder schwerfällige. Aber im Grunde waren sie es nie von langer Dauer, dann wechselten sie wieder. Der Frühling dauerte bei diesen Menschen nie sehr lange, sondern immer nur eine Woche, zehn Tage, manchmal auch zwei, allerhöchstens drei Wochen. Dann bereits konnte die Traurigkeit, der Zorn oder auch die Überheblichkeit wieder gegen Lust und Freude, gegen Spiel und Redseligkeit eingetauscht werden. Es kam ein neuer Frühling, alle Wochen wechselte er. Sie kamen und gingen, die Launen der Menschen. Und mit ihnen kamen und gingen ihre Kleider und ihre Mitbringsel, die sie auf dem Turm abstellten und die sich im Laufe der Jahre häuften und mich immer weiter zurückdrängten an die Zinnmauern mit den Gucklöchern, durch die der Wind blies. Ja, ich erinnere mich, dass ich aufräumen musste, dass ich ihren Dreck wegputzen musste, um wieder Platz zu machen für neuen Dreck, den die Turmbesucher mit sich brachten, wenn sie ankamen und abreisten. Ihre Habseligkeiten und Manieren, an all das erinnere ich mich. Dass ich schließlich ein kleines Loch fand, eine kleine Mauernische, die noch frei war von Turmbesuchern, und dass ich mich dort einrichtete, um die lange Zeit meines Frühlings, der Jahre dauern sollte, aus diesem Loch heraus zu beobachten. An diese beschwerliche Zeit der Ankünfte und Abreisen, deren einziges Ziel mein immer wiederkehrendes Aufräumen war. Von hier aus hatte ich einen guten Überblick über all das, was auf der Plattform geschah, sah, wie sich die Besucher die Hände schüttelten, wie sie sich niederließen und in die Sonne starrten, bis sie mit rot verbrannten Köpfen und Schultern wieder aufstanden, um zu essen oder zu trinken oder einfach viel zuviel zu reden, um sich mitzuteilen, um den anderen Besuchern ihre Lage zu schildern, sich aber auch gegenseitig auszufragen über Herkunft und Fortgang ihrer Reisen. Sah, wie sie sich erkälteten, weil sie den Frühling bereits mit dem Sommer verwechselten und sich nicht genügend anziehen wollten auf ihren Turmausflügen, die fest in ihren Lebensplänen verankert waren. Ein falsches Wetter und diese Pläne konnten maßlos durchkreuzt werden, sodass die Turmbesucher oft früher schon abreisten als geplant, mit enttäuschten Gesichtern, die aber schnell durch neue, hoffnungsvollere, ersetzt wurden.
So sah ich sie kommen und gehen von meinem Loch aus, von dem ich mich immer wieder erhob, um ihren Unrat wegzuräumen, hinunterzuschütten durch die Gucklöcher oder aber auch in das Innere des Turms, in diese dunkle, undurchschaubare Tiefe unter der Plattform. Sah ihre Maßlosigkeit, mit der ihre Augen über die Zinnen schweiften, hinaus in die Wiesen und Wälder, hinauf zu den Almen und hinunter zu den Rundbögen der kleinen Stadt.
Und während mein Frühling nicht enden wollte, begann für die Turmbesucher schon der Sommer und sie kamen in Badehosen und kleinen zarten Pullovern mit dünnen Trägern, unter denen die Frauen dicke Brüste trugen. Und wieder dauerten die Sommer der Ausflügler nur ein oder zwei Wochen, dann wechselten sie die Badehosen, die Farben ihrer Baumwollhemden und Socken. Wechselten ihre Haarfarben und Rucksäcke. Nur ihre Maßlosigkeit und ihr gieriger Blick blieben. Und wenn ich nicht aufräumen musste, wenn ihre Habseligkeiten für eine Weile eine Ordnung gefunden hatten, dann konnte ich in meine Mauernische kriechen und den Himmel über mir ausmachen. Dieses weite Land, dessen Farbe wechselte, von einem tiefen Blau in ein graues Blau hinüber zu einem dreckig Weiß und manchmal zu einem echten Grau, dessen Niedergeschlagenheit sich dann auch auf die Plattform meines Turms zu legen begann und mich einhüllte in eine warme, allumfassende Nebeldecke, unter der ich schlief.
Und später, als ich aufwachte, war es immer noch Frühling bei mir, waren es immer noch diese meine Jahre, die ich abzusitzen hatte, während die Turmbesucher mit ihren Wanderstöcken schon im Herbst standen, rote Kniestrümpfe in ihren schweren Bergschuhen trugen und ihre fettgeschmierten Gesichter zu den Weinbergen gierten, die den Turm umgaben und in die sie aufbrachen, tagtäglich. Mit von Wein und Höhenluft geröteten Nasen stiegen sie dann abends müde den Turm zur Plattform wieder hinauf, fraßen ihre Mahlzeiten und tranken dann, um all das zu verdauen, ihre Birnen- oder Enzianschnäpse, von denen ihre Nasen noch röter wurden und ihre Zungen redselig und viel sagend, weil das Wetter trocken und schön gewesen war und golden in den Hängen gelegen hatte. So war das Wetter das Wichtigste überhaupt in den Reden der Turmbesucher, und wenn man lange genug zugehört hatte, kannte man all seine Nuancen, seine Feinheiten, aber auch die Grobheiten, die das Wetter mit sich brachte, diese heimtückischen, unvorhergesehenen Seitenhiebe, mit denen es die Turmbesucher immer wieder in helle Aufregung versetzten konnte. So hörte ich denn auch genau hin, um die Wetterlage und damit die Stimmung unter den Menschen auf der Plattform auszumachen, um mich rechtzeitig an die Arbeit zu machen, an all die wetterabhängigen Tätigkeiten, die meinen Frühling nicht enden lassen wollten.
Bei Regen gab es am meisten zu tun, denn die Besucher brauchten Schutz gegen die Nässe und Kälte. Es konnte passieren, dass ich dann oft tagelang nicht in mein Loch zurückkehren konnte, weil ich damit beschäftigt war, all den Menschen Schutz zu geben, Regenschirme über ihre Köpfe zu halten, ihnen Windjacken zu leihen oder aber gut zuzureden, dass der Herbst für sie noch nicht zu Ende sei, dass er noch halten würde ein oder zwei Wochen, je nachdem, wie lange sie es brauchten. Und dass nichts zu spät sei in ihrem Leben, dass morgen wieder die Sonne scheinen könnte auf ihre roten Nasen und auf ihre entblößten Schultern, die sich zu häuten begannen, nachdem der Regen gekommen war, mit dem sie nicht gerechnet hatten, der aber ihre Maßlosigkeit gebrochen hatte und ihre Schultern wieder glatt werden ließ. Ich ermutigte die Turmbesucher zu Ausflügen hinunter in die Stadt, die ich nur aus der Ferne kannte. Erzählte ihnen von Rundbögen und spitzen Kirchtürmen, von Wandmalereien und handgefertigten Altären, von Wasserpromenaden und italienischen Eissalons, von Kurpackungen und Schnitzstuben, die ich durch die Gucklöcher ausgemacht hatte. Beschrieb ihnen den Weg hinunter, den ich durch meine Beobachtungen auswendig kannte, den kürzesten, den sie immer haben wollten, und räumte dann, als ich sie endlich überredet hatte, wieder auf. Ihren Müll und ihre Reste. Vor allem dann, wenn es regnete, weg damit, hinunter...




