E-Book, Deutsch, 282 Seiten
Piotrowski Kinder des Lichts
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96164-243-4
Verlag: Martin Piotrowski
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 282 Seiten
ISBN: 978-3-96164-243-4
Verlag: Martin Piotrowski
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Isiria, ein gutmütiges, junges Mädchen, lebt in einem Orden in einer mittelalterlichen Welt. Die Oberpriesterin Arkana hat um sich die wenigen Mädchen des Landes gescharrt, die eine übernatürliche Begabung besitzen. Friedlich leben die Frauen und Mädchen unentdeckt, bis durch Verrat die Herrscherin des Reiches den geheimen Aufenthaltsort des Ordens des Lichts erfährt. Aus Angst vor den unnatürlichen Fähigkeiten der Priesterinnen überfällt sie den Tempel. Isiria muss über sich hinauswachsen, wenn sie die tödliche Bedrohung durch die Krieger überleben will. Kann die Meisterschülerin und ihre Freundinnen mit ihren geheimnisvollen Kräften der Herrscherin und ihren gestählten Kriegern widerstehen?
Autoren/Hrsg.
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~ Kapitel 3 ~
»Es gibt viele Möglichkeiten, einen Gegner unschädlich zu machen. Jemanden, der größer und stärker ist. Einen Krieger mit Schwert, einen Schützen mit Armbrust… Jeden, der euch allein durch seine körperliche Kraft niederringen kann.«
Arkana, die alte Oberpriesterin, blickte in die Gesichter von sechs jungen Mädchen, die vor ihr auf dem Boden saßen und sie erwartungsvoll ansahen. Für ihr Alter von ungezählten Jahren war sie immer noch geistig stark, doch körperlich gingen ihre Kräfte dem unaufhaltsamen Ende entgegen. Sie strich sich eine graue Strähne aus dem Gesicht und lächelte.
Die tiefstehende Abendsonne schien in den steinernen Vorhof der Tempelanlage. Die erwärmten Steine strahlten ihre Hitze ab. Die angenehme Wärme tat ihrem alten Körper gut. Sie rekelte sich behaglich auf ihren steinernen Sitz und freute sich, dass ihre Sucherin diese besonderen Mädchen »gefunden« hatte.
»Ihr fragt euch, welche Macht in dieser Welt es fertig bringt, bewaffnete Krieger zu bezwingen. Die Eine oder Andere von euch hat bestimmt eine Ahnung. Hm, wer hat eine Idee?« Arkana blickte von den Mädchen kurz nach rechts, wo Sinaia, ihre erste Schülerin, stand. Die junge Frau schaute mit verschränkten Armen und verschlossenem Gesicht desinteressiert auf die Mädchen. Arkana seufzte leise und ließ ihren Blick nach links wandern. Isiria, ihre zweite Schülerin, stand nervös vor den kleinen Mädchen und betrachtete diese neugierig. Sie wird eine gute Lehrerin abgeben, sagte sich die Oberpriesterin und nickte. Arkana war sich bewusst, dass sie bald eine noch schwierigere Entscheidung treffen musste.
Eine schmächtige Hand hob sich. Die Oberpriesterin richtete ihre Aufmerksamkeit wieder den Mädchen zu. Das kleine schmächtige Mädchen war die Einzige, die ihren Arm gehoben hatte. »Wie heißt du?«, fragte sie das blond gelockte Kind, während sie ihr freundlich zunickte.
»Mein Name ist Mita«, antwortete es mit klarer, heller Stimme. Arkana hatte bei der Begrüßungszeremonie bemerkt, wie Mita an ihren Lippen hing. Das kleine Mädchen schien alles mit ihren großen Augen aufzusaugen. Arkana fühlte, dass dieser zarte, zerbrechliche Körper große Energien enthielt.
»Ich glaube, dass wir Dinge tun können, wenn wir daran denken.«
»So, glaubst du?« Arkanas Mundwinkel zuckten leicht. Ihr fiel es schwer, nicht vor Freude loszulachen. »Du hast Recht, Mita. Mit der Kraft eures Geistes könnt ihr Dinge tun, die normale Menschen nicht beherrschen.« Arkana strich sich über ihr schwarzes Kleid. »Doch woher kommt diese Kraft, die in euren Köpfen ruht? Wie könnt ihr sie gezielt einsetzen, ohne euch selbst oder andere zu verletzten oder zu töten? Ihr werdet diese Dinge erfahren. Und lernen, damit umzugehen. Sie zu beherrschen, kontrollieren und anzuwenden. Tanira, unsere Sucherin, hat euch bei ihren Reisen durch die westlichen Lande aufgespürt. Das ist eine besondere Gabe, die die eine oder andere von euch beherrschen wird. Sie hat euch hierher geführt, um euch zu schützen. Hier im Orden des Lichts seid ihr in Sicherheit. Da draußen, da würdet ihr früher oder später getötet. Wenn sich eure Kraft erst offenbart hat, werden die Menschen sich vor euch fürchten. Eure Eltern werden euch verstoßen, eure Geschwister werden Angst vor euch haben. Die Dorfbewohner werden euch jagen und der Herrscherin übergeben. Ich habe noch nie gehört, dass eine Priesterin am Hofe gesehen wurde – lebend!«
Arkana holte Luft. »Ihr seid alle freiwillig hier. Tanira hat euch versprochen, unter Gleichgesinnten zu lernen, zu leben – zu überleben. Wenn eine von euch unseren Erfahrungen nicht glaubt, oder lieber zur Familie zurückkehren will – Tanira wird diejenigen von euch morgen zurückbringen.« Arkana beugte sich nach vorn und blickte jedem Mädchen kurz in die erschrockenen Augen. »Doch wenn ihr durch das Tor hinter mir schreitet, unterwerft ihr euch den Regeln des Ordens. Bis an euer Lebensende!« Sie blickte in die Runde. »Ihr habt alle eine Ahnung, was in euch steckt. Aber diese Kräfte zu beherrschen, bedeutet tagtäglich lernen und üben. Bis ihr soweit seid, wie Sinaia oder Isiria, werden Jahre vergehen.
Arkana nickte der ersten Schülerin zu. Diese richtete ihren Blick von der Oberpriesterin auf einen Baumstamm, der gegen die Hofmauer gelehnt stand. Neben dem Stamm war ein Haufen mit Ästen und Zweigen wie zu einem Lagerfeuer aufgestapelt. »Um euch einen Einblick zu gewähren, was es heißt, die inneren Kräfte zu beherrschen, wird Sinaia das Holz entzünden.«
Sinaia hatte auf diesen Augenblick gewartet. Das ganze Gerede der alten Priesterin hatte sie stoisch, wie jedes Mal über sich ergehen lassen. Nun konnte sie endlich ihre Macht zeigen. Die kleinen Gören werden sich vor Angst in ihre Hosen machen. Sollten sie ruhig zittern. Sie lächelte dünn. Dann hob sie theatralisch ihre Arme. Ihre Haare vibrierten, dann flatterten sie in die Höhe. Die Temperatur um sie herum stieg stetig an. Sinaia bemerkte mit Genugtuung, dass die Mädchen vor ihr zurückwichen. In ihrem Kopf zog sich die Energie zusammen. Die Kraft wollte gewaltsam aus ihr heraus. Doch Sinaia beherrschte sie mit ihrem Willen. Sie kanalisierte die Energie und fixierte den Baumstamm, nicht den jämmerlichen Holzhaufen. Schweißtropfen bildeten sich auf ihrer Stirn. Liefen träge an ihren Schläfen herunter. Sinaia schrie auf, während die gebündelte Hitzeernergie den Stamm in einer Stichflamme auflodern ließ. Schwer atmend zog sie ihre Energie zurück, bis sie versiegte. Triumphierend stützte sie die Hände in die Hüften. Dann blickte sie in die Runde.
Arkana schaute besorgt, Isiria und die Kinder erschreckt. Sinaia reckte ihr Kinn empor. Sie hatte hierfür lange geübt. Dies war das erste Mal, dass sie ihre Kraft in aller Stärke demonstrierte. Sie lächelte überlegen. Arkana hüstelte.
»Wie ihr seht, hat Sinaia allein mit ihrer geistigen Kraft das Holz entzündet. Wer dies, wie die erste Schülerin beherrscht, kann eine mächtige Waffe sein Eigen nennen. Ihre Kraft ist so gefährlich, dass sie nie, niemals auf Menschen angewendet werden darf. Es sei denn, es dient der Verteidigung. Doch es gibt noch viele andere Kräfte. Die zweite Schülerin, Isiria, wird jetzt ihre Gabe demonstrieren.« Aufmunternd nickte die Oberpriesterin der nervösen Schülerin zu.
Isiria ging zu Sinaia hinüber, die ihre Arme vor die Brust verschränkt hatte. »Na, willst du uns mit deiner kümmerlichen Kraft erschrecken?« Auflachend gab sie der zweiten Schülerin den Weg frei. »Pass auf, dass du nicht die Hälfte deiner Klasse erschlägst, wenn etwas herunterfällt!«
Isiria schob sich an der größeren jungen Frau vorbei. Zitternd vor Wut blickte sie auf eine Steinkugel von etwa Kopfgröße, die vor dem brennenden Baumstamm lag. Seid Arkana entschieden hatte, dass sie die neue Klasse übernehmen sollte, war die erste Schülerin noch gehässiger zu ihr. Isiria seufzte. Es würde mit Sinaia zukünftig nicht leichter werden.
Sie blickte kurz über die kleinen Mädchen. Sechs Augenpaare ruhten auf ihr. Isiria schluckte. Ihre Konzentration war so dünn, wie die Wolken am Abendhimmel. Nervös leckte sie sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und wischte sich die schwitzigen Hände an ihrem frischen Kleid ab. Trotzig entschied sie sich um.
Sie sammelte mit aller Anstrengung ihre Energie. War die Übung mit dem Monolithen vielleicht doch zu viel des Guten gewesen? Dann ließ sie die Kraft auf den brennenden Stamm fließen. Erfasste seine Struktur und sein Gewicht. Der Stamm zitterte an der Steinwand und drohte umzustürzen. Isiria verstärkte erschrocken ihren Energiefluss. Hektisches Murmeln und ein leises Kichern hinter ihr lenkten sie ab. Der Baumstamm hob sich Zentimeter für Zentimeter in die Luft. Obwohl er weit weniger wog, als der Monolith, kam er Isira viel schwerer vor. Im Unterbewusstsein hörte sie beifälliges Gemurmel, als der Stamm in die Höhe schnellte. Motiviert ließ sie den Stamm höher steigen, bis er an der Mauer entlang auf ein Wasserbecken zu schwebte.
Ein plötzlicher Stich in ihrem rechten Bein ließ sie erschreckt aufschreien. Als ob jemand eine brennende Kerze auf der Haut ausdrückte, raste der Schmerz das Bein empor. Ihr Energiefluss brach zusammen, wie der Hefekuchen der Köchin. Der brennende Stamm fiel donnernd auf den Steinboden und rollte funkensprühend in das Wasserbecken. Das Wasser spritzte aus dem Bassin auf die umstehenden Schülerinnen, die kreischend auswichen. Zischend erlosch der Baumstamm und Sinaia lachte.
Isiria stand wie betäubt. Unbewusst rieb sie sich das schmerzende Bein. Niemand, nicht einmal Arkana, hatte Sinaias hinterhältigen Angriff bemerkt. Betrübt nahm sie wahr, dass die erste Schülerin es wieder geschafft hatte, ihre Vorstellung zu sabotieren.
Arkana versuchte gelassen zu klingen, als sie sich zu den wild durcheinander redenden Kindern wandte. »Die beiden besten Schülerinnen des Ordens haben uns heute etwas Großes gezeigt. Ihr habt hier zwei Möglichkeiten gesehen, welche Kräfte in euch wohnen können. Ihr werdet in Zeit diese oder ähnliche Dinge vollbringen.« Arkana stand mühevoll auf und schaute über die Kinder, die sich wieder beruhigt hatten. »Isiria führt euch in den Orden. Sie wird euch alles Weitere erklären.« Arkana drehte sich herum und ging ein paar Stufen hoch, schritt durch ein weiteres Tor ins Innere der Anlage.
Sinaia schnaubte. »Also dann, Versagerin! Kümmere dich gut um deine Schülerinnen.« Sie schritt hinter Arkana her und verschwandt hinter dem Tor. Isiria drehte sich müde zu ihrer neuen Klasse, die sie teils neugierig, teils fragend ansah. »Wenn keine von euch zurück will, gehen wir...




